Ein Mann von Wert

 

Was ich euch jetzt erzähle, fand zu meiner eigenen Schulzeit statt, genauer gesagt in den Endzügen meiner damaligen Schullaufbahn, also in der dreizehnten Klasse. Da wir alle mit großen Augen und klopfenden Herzen auf die Abiturprüfungen blicken, die sechsstündigen Klausuren, die so komplex und schwierig wären, dass sie kaum zu meistern sein würden, waren wir alle sehr dankbar, dass es Vorabiklausuren gab, einen Vorlauf in jedem Fach, der uns ermöglichte besser zu überblicken, was auf uns zukommen würde. Ich war begeistert- noch.

Die Planung der Klausuren zeigte sich als ein wenig kompliziert, denn es sollte in allen Sprachen geschrieben werden, was eine logistische Leistung war, denn die vier Sprachen Englisch, Französisch, Latein und Spanisch waren nach nicht immer nachvollziehbaren Mustern kombinierbar.
Wie dem auch sei, ich hatte die Ambition meine Prüfung in dem Fach Latein abzulegen, was durch viele Strukturierungsprobleme und merkwürdige Anordnungen nur drei Schülern überhaupt vergönnt war. Die anderen hatten nicht genug Stunden, wir bekamen nicht stattfindenden Extraunterricht erteilt.

Letztlich war es aber auch egal, niemand wollte in Latein geprüft werden. Niemand außer mir natürlich, und so ergab sich meine Lateinlehrerin mit einem schweren, tiefen Seufzen ihrem Schicksal. Da jedoch niemand einsah, mich für meine Vorabiklausur in einen Raum zu setzen und zu beaufsichtigen („Sechs Lehrer für eine Schülerin, oder wie?“ „Nun, eigentlich ja ein Lehrer pro Stunde für eine Schülerin.“ „Klar. Wir sind ja auch in Finnland, oder was?“), musste sie sich etwas einfallen lassen.
Letztlich wurde ich in den Französischkurs gesetzt, der nicht nur unfassbar leistungsstarke Schüler in sich vereinte, sondern auch einen tollen Kollegen Mann als Lehrkraft hatten. Er teilte mit fünf der sechs Stunden Aufsicht führen zu wollen, und bat die anderen auf Französisch nett zu mir zu sein, ich wäre schon gebeutelt genug, schließlich betrauere ich den Tod meiner Sprache. Meine Mitschüler amüsierten sich sehr, und meine beste Freundin, die sich neben mich gesetzt hatte –Abschreiben ist bei verschiedenen Klausuren ja witzlos- grinste nur noch.

 

Dann kam die Klausur, und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich wüsste noch, was für ein Text das war. Jedenfalls ging es um Werte, und eine der inhaltlichen Aufgaben war es dann auch, die mir fast das Genick brach. Wobei, was heißt hier ‚fast‘?
Entwickeln Sie aufgrund des übersetzten Ausschnittes einen Text über einen Mann von Wert. Was zeichnet diesen heute aus?

Da saß ich nun, komplett erschöpft von dem Übersetzen, den Grammatikaufgaben, dem ganzen Zeug, das nach spätestens vier Stunden einfach nicht mehr allzu einfach ist. Ein Mann von Wert, was hieß das heutzutage schon? Ein Mann von Wert…von Wert. Ein Mann von Wert…
Ich wusste es nicht, das klingt jetzt echt traurig, aber ich schiebe es auf die Erschöpfung. Wie sollte man einen Wert festlegen, und wie stellte ich mir einen Mann vor, dem ich bedingungslos verfallen könnte?
Ich blickte nach vorn, und der Französischlehrer Herr Leblanc lächelte mich an. Er war schon ein echter Augenschmaus, diese hellen, betörenden Augen, die dunklen Haare, und dieses Lächeln, das einem das Herz schmelzen ließ. Ein Drittel seines Französischkurses hatte die Sprache nur gewählt, weil er es bei der Vorstellung so schmackhaft machte.

Ich wurde rot, sah wieder auf mein Heft und begann auszuführen, was ein Mann von wert war für mich war. Ich stellte mir einfach vor, wie ich ihn beschreiben würde, wenn er in einer meiner Geschichten vorkam. Mutig, aber nicht übermütig, überzeugt von seinem Standpunkt und dennoch kompromissbereit, eine starke Schulter zum Anlehnen, und ebenso zu einer sanften Berührung fähig, attraktiv, aber nicht selbstverliebt.
Die letzte Stunde meiner Vorabiklausur schrieb ich und schrieb, bekam einen fragenden Blick meiner besten Freundin zugeworfen und zwinkerte ihr nur zu. Immer wieder sah ich nach vorn, malte mir aus, wie er wohl war, und brachte das dann zu Papier. Die Zeit verflog, und alsbald durften wir abgeben. Er sammelte die Klausuren ein und entließ uns, ich war begeistert von meiner Aufgabenlösung und der festen Überzeugung, dass es gut gelaufen war.

 

Schon zwei Wochen später kam meine Lateinlehrerin auf mich zu um mir meine Klausur wiederzugeben, sie grinste schon beim Betreten der Klasse, was sehr unüblich für sie war, und reichte mir dann mein Heft mit erwartungsvollem Blick.
„Wir haben schon tolle Männer im Kollegium, nicht?“ erkundigte sie sich in merkwürdigem Tonfall.
Ich blickte auf. „Kann schon sein, ja.“
Sie grinste noch breiter. „Den Kollegen würde ich mir aber auch angeln, wenn ich jünger wäre…“

Ich verstehe gar nicht mehr, was sie meint, und schlage das Heft auf. Meine Note ist okay, wenn es so bei der Abiklausur auch läuft, bin ich zufrieden,  sie beginnt vorn mit dem Unterricht und den Rest der Stunde lasse ich einfach so an mir vorbei rauschen.
Erst als ich am Nachmittag zu Hause bin und mir meine Lateinvorabiturklausur genauer ansehe, fällt mir ins Auge, was zu so viel Amüsement gesorgt hat. Ich habe doch nicht etwa wirklich…?

 

Ein Mann von Wert ist mutig und stellt sich schützend vor seine Familie, aber er ist nicht übermütig, denn so würde er sich oder andere in Gefahr bringen. Ein Mann von Wert ist überzeugt von seinem Standpunkt, lässt sich also nicht gleich überzeugen und hat gute Argumente auf seiner Seite. Dennoch ist er kompromissbereit, wenn es darauf ankommt, und durchaus bereit die Gedankengänge des Gegenübers nachzuvollziehen. Ein Mann von Wert bietet sowohl eine starke Schulter zum Anlehnen,  wenn man glaubt die Welt läge in Scherben, und ist ebenso zu einer sanften Berührung fähig, die tröstet und Geborgenheit schenkt. Ein Herr Leblanc ist durchaus sehr attraktiv, den Vorwurf er sei selbstverliebt kann man ihm aber nicht machen. Ein Mann von Wert

 

Oh. Mein. Gott.

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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19 Antworten zu Ein Mann von Wert

  1. Nadine schreibt:

    Oh Gott, das ist peinlich! Aber lustig… Also, ich hab grad sehr gelacht.

  2. Theni schreibt:

    😀 *überbeideOhrengrins*
    hat der Herr Leblanc das eigentlich mitbekommen?!

  3. sunshinemuffin schreibt:

    Hihi 🙂
    Das ist sehr süß^^

  4. Frl. Rot schreibt:

    You made my day!

  5. Ana schreibt:

    Wonderful 🙂
    Das war der erste herzhafter Lacher seit 4 Tage… Dankeschön dafür ♥

  6. ullli23 schreibt:

    Ob es wirklich ein Versehen war? 😉

  7. Nicole schreibt:

    Huuiii.. peinlich aber auch süß! Aber mich würde ja auch die Geschichte um „hat sich im Nachhinein eh alles ein bisschen geändert“ interessieren ;):)

    liebe Grüße

  8. pausenkaffee schreibt:

    Ganz ehrlich? Es passt wunderbar zu dir 🙂 Kann mir dich richtig vorstellen (auch wenn ich dich noch nie gesehen hab), wie du als Schülerin diese Klausur zurück bekommen hast. Herrlich, dieser Gesichtsausdruck!

  9. Inch schreibt:

    Hahaha! Das ist zu köstlich!
    Aber ehrlich, ich hätte mich danach nicht mehr in die Schule getraut

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