Mützendiskussion

„Ich hasse diesen Tag.“ erklärt mir Marit in der zweiten großen Pause sauer, als ich nicht an ihr und ihren Freundinnen vorbei gehen kann, da mir Liza noch etwas zeigen wollte, das „total süß“ ist.
Ich bewunderte also pflichtbewusst das neue Hello-Kitty-Handy, stimmte zu, dass es „unglaublich niedlich“ und „voll super“ ist, und mochte eigentlich weitergehen, Aufsicht ist nun mal Aufsicht, und wo ich sie eh nur noch alle Schaltjahre machen muss, sollte ich meine Aufgabe dann auch ordentlich erfüllen.

Ich sehe Marit an, die leidend dem Mund verzieht. „Ich hasse diesen Tag wirklich. Blöder Donnerstag.“

„Was stört dich an Donnerstagen?“ erkundige ich mich.

Die Schülerin verschränkt die Arme. „Wir haben heute Chemie und Philo, gleich beide, wissen Sie, was ich meine? Als hätte sich die Welt gegen mich verschworen.“

Irritiert blicke ich sie an. „Ich dachte du hast vierzehn Punkte in Philosophie, und soweit ich weiß, willst doch sogar etwas mit Chemie studieren, oder nicht?“

Marit nickte. „Ich habe ja nichts gegen die Fächer an sich, es sind halt nur die falschen Lehrer. Frau Prosch und Herr Polwin-Kaulwitz sind eine katastrophale Mischung.“

Noch immer bin ich nicht ganz schlau aus dem geworden, was sie da sagt. Liza, die neben ihr steht, scheint das zu bemerken, denn sie schubst ihre beste Freundin leicht an und grinst.

Die Schülerin schüttelt den Kopf und deutet auf ihren Kopf. „Fällt Ihnen nicht etwas an mir auf?“

Unsicher mustere ich sie. „Du hast eine neue Frisur…?“

Liza dreht sich grinsend weg, während Marit mit Nachdruck auf ihren Kopf deutet. „Hallo? Das sieht man doch.“

Ich zuckte mit den Schultern und versuche es erneut. „Du hast eine Mütze auf, meinst du das?“

„Genau das.“ scheint Marit sich über meine Erkenntnis zu freuen.

Möglicher Weise ist es ja meine Schuld, vielleicht bin ja wirklich ich diejenige, die hier auf dem Schlauch steht. Aber ich kann beim besten Willen nicht sagen, was sie mir damit begreiflich machen will.

„Es ist doch so: An unserer Schule gibt es genau zwei Lehrer, die Stress machen, wenn man mit einer Mütze im Unterricht sitzt. Dabei ist das total unfair, ich meine, das ist doch meine Sache, wenn ich die gern an habe, oder?“ Marit schüttelt den Kopf.

„Jedenfalls habe ich genau die beiden auch noch heute im Unterricht. Da kann ich mich gleich auf Diskussionen vorbereiten.“

Ich habe nichts an der lila Strickmütze auszusetzen, die sie trägt, kann aber verstehen, dass der eine oder andere Kollege sich dadurch gestört fühlt. „Warum lässt du sie dann nicht einfach ab, solange du bei diesen zwei im Unterricht sitzt?“

„Das ist meine Ausdrucksfreiheit?“ erklärt sie mir, aber es klingt, als wäre ich unfähig etwas zu begreifen, was auf der Hand liegt.

„Und für die Kollegen ist es eine Sache des Respekts, Marit. Du wirst ihre Autorität angreifen, wenn du dich ihren Anweisungen widersetzt.“

„Ach, Respekt.“ winkt Marit ab. „Das hat damit doch nichts zu tun.“

„Nicht?“

„Nee, gar nicht. Der Polwin-Kaulwitz will nochmal im Knigge nachsehen, ob nur Männer oder auch Frauen aus Höflichkeit in geschlossenen Räumen die Kopfbedeckung absetzen müssen, und die Prosch hat nur was gegen die Mütze, weil es sie an ihr Praktikum beim Fleischer erinnert. Da hat sie nämlich so komische Hauben tragen müssen.“

Das war dann auch der Moment, in dem ich aufgab, und mit einem freundlichen Nicken verabschiedete ich mich in Richtung Lehrerzimmer. Mittlerweile hatte es ja auch geklingelt.

Es grüßt ganz lieb

Frau Falke

P.S.: Wir wären damals nie auf die Idee gekommen unsere Mützen im Unterricht anzubehalten.

P.P.S.: Wir damals? Habe ich das wirklich geschrieben? Oh mein Gott, ich bin alt. Sooooo alt.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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17 Antworten zu Mützendiskussion

  1. annettchen schreibt:

    Wir hatten im Unterricht zwar keine Mützen an, dafür aber Indien-Bekenntnis-Kleidung. Und wir haben immer und überall gestrickt – auch, oder gerade im Unterricht.
    Ach ja – die 70er und 80er……

    • Frau Falke schreibt:

      Ich tippe ja, dass heutzutage selbst in einer Oberstufenklasse höchstens drei Schüler stricken können. Wäre interessant rauszufinden… Vielleicht frage ich das Montag mal.

  2. Ist es denn der Untergang des Abendlandes, wenn die Schüler Mützen o.ä. aufhaben? Bei uns gibt es diese leidige Diskussion auch und wir sind dazu angehalten, den Schülern die Dinger regelrecht vom Kopf zu reißen, sobald sie das Schulhaus betreten …

    • Frau Falke schreibt:

      Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass wir nicht sterben würden, wenn die Schüler die Mützen aufbehalten würden. Anderseits ist es ja doch sehr gefährlich das auszuprobieren…

  3. Nobelix schreibt:

    Alt? Quatsch…auch ich hab noch gelernt, den Deckel abzunehmen, wenn man das Gebäude betritt. Komischerweise ist mir das so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich selber schon schräg gucke, wenn jemand mit Mütze, Käppi oder Hut auf dem Kopf bei mir im Büro steht.
    Neulich bei einem Bewerber ist mir sogar mal ein „regnet es hier drinnen?“ rausgerutscht – was auf völlige Unverständnis in Form eines „Häh?“ stieß😉
    Ich denke, es ist einfach eine Form der Höflichkeit, zumindest drinnen die Kopfbedeckung abzusetzen.

  4. datmomolein schreibt:

    nun, ich kann das zumindest soweit verstehen, dass ich immer eine eiskalte nase bekomme, wenn ich ab bestimmten temperaturen keine kopfbedeckung aufhab (fragen sie nicht mich, was mein körper sich bei solchen sachen denkt). von daher weiss ich, dass der knigge tatsächlich frauen das vorrecht lässt, in kirchen, restaurants und sonstigen innenräumen die kopfbedeckung aufzulassen (zumindest meinen recherchen zufolge). gilt es doch als accessoir und man verlangt ja auch nicht, dass man sich drinnen seiner heiligen handtasche entledigt. außerdem hat die hutmode gerade in dem zeiten des herrn knigge wahrliche auswüchse erfahren und es fragt sich, was man mit so einem riesenhut macht, wenn er nicht auf dem kopf sitzt. zumal es ja dann auch diese hüte gibt, die in die frisur integriert wurden und so weiter.
    aber mal wirklich gefragt, was ist anders ob man auf das ungekämmte haar schaut oder eine schicke strickmütze, solang sie nicht tief im gesicht sitzt. andererseits war es bei uns verboten, bei kapuzenjacken die kapuze hochzuziehen, man musste noch erkennbar sein. außerdem steigt das abguckrisiko so rapide.

    • Frau Falke schreibt:

      Bei Käppis kann ich die Kollegen verstehen, es ist nicht gerade prickelnd den Schülern im Unterricht nicht in die Augen sehen zu können. Bei den modisch unfassbar schick auf den Kopf drapierten Mützchen, die halb auf dem Hinterkopf sitzen und unglaublich trendy sind, sehe ich den Störfaktor eher weniger.
      Meine Handtasche wegstellen zu müssen, würde mich verrückt machen.😀

  5. rotezora. schreibt:

    Aus mir nicht bekannten Gründen gebietet es die Etikette Männern und Jungen, in geschlossenen Räumen die Kopfbedeckung abzunehmen, Frauen und Mädchen dagegen dürfen einen dekorativen Hut oder eine Kopfschmuck aufbehalten. In der Kirche zum Beispiel mussten Frauen früher ihr Haar bedecken, für Männer dagegen gilt Barhäuptigkeit als Demutsgeste. Schwer zu vermitteln, das ganze. Ich hab’s so geregelt: Kopfbedeckungen, die dem Schutz vor Kälte, Wind, Regen oder Sonne dienen, also Schirmkappen, Wollmützen, Kapuzen, Südwester, müssen abgenommen werden, andere dürfen getragen werden (also das muslimische Kopftuch zum Beispiel). Die Regel gilt für beide Geschlechter.

  6. verlorenesschaf schreibt:

    „Ich bewunderte also pflichtbewusst das neue Hello-Kitty-Handy,“
    Bei uns sind Handys „verboten“ *hust*… Das man das Handy der Lehrerin zeigt, hat mich dann doch gerade ein wenig verdutzt. Ist das bei „euch“ nicht so mit dem Handyverbot?😀

    Interessant finde ich aber, dass das Tragen oder Nichttragen einer Mütze Schüler/innen so bewegen kann. Dann zieht man das Ding eben nicht an, wenn man weiß, dass man diese Lehrer hat. Klar, Selbstbestimmung und alles, aber manchmal blick ich durch dieses „Oh-mein-Gott-was-zieh-ich-heute-an“-Drama nicht durch. Eine Mütze mehr oder weniger, meine Güte😀 lg

    • Frau Falke schreibt:

      Wir haben das Verbot der Handys eingeschränkt. Auf dem Schulgelände darf nicht telefoniert werden und an sich sind wir angehalten auch darauf zu achten, dass alle Handys ausgeschaltet sind. (Ich glaube wir sollen da irgend so einen Strahlungskram erzählen, aber mir war das ehrlich gesagt zu blöd die Schüler hinters Licht zu führen…)
      Ganz sind sie nicht zu verbieten, da die Gemeinde doch eher schlechte Anbindungen hat und wir einen Großteil der Schüler aus dem Umland beziehen. Manche Busse fahren nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten, sodass die Kinder die Möglichkeit haben müssen ihre Eltern telefonisch zu informieren etc.

  7. nadineswelt schreibt:

    Also, diese süßen, glitzernden, stylishen Strick- oder Häkelmützen gefallen mir total gut. Aber im Büro würd ich sie auch nicht aufsetzen

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