Die Schule brennt nicht mehr. Sie ist ausgebrannt.

Die Schule brennt
nicht mehr.
Sie ist ausgebrannt.
Ich schaue auf die Trümmer
unserer Beziehung.
Rettung aus Asche?
Daran habe ich noch nie geglaubt.

 

Er saß am Tisch und hatte auf mich gewartet, und ich wusste, dass etwas kommen würde, das mir den Boden unter den Füßen wegreißt. „Es ist sicher nicht der beste Moment, aber ich weiß nicht, ob es bessere geben wird.“
Ich verstehe es nicht.

„Dir hat es nichts ausgemacht Dreißig zu werden.“ stellt er fest. „Aber weißt du, was ich nicht bedacht habe? Dass es mir etwas ausmachen könnte.“
Ich muss das nicht verstehen.
„Du bist so jung. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem du noch umkehren kannst. Du willst so viel… Du erwartest Dinge, die ich dir nicht geben kann.“
Ich nehme ihm gegenüber Platz. Mir wird bewusst, in welche Richtung das gehen wird, und es macht mir Angst.

„Du bist ebenso jung. Und ich will das alles für uns.“
Er schüttelt den Kopf. „Ich werde das nicht können. Heirat, Familie – ich glaube nicht, dass dir bewusst ist, was es bedeuten würde mit mir Kinder zu bekommen.“
Ich kriege keine Luft mehr.
„Ich habe einen Beruf, der mich sehr einspannt. Ich habe kaum Zeit für dich,  und am Wochenende bin ich oft müde und erschöpft.“
Gleich wird er es sagen. Ich weiß, die Arbeit ist nur ein Vorwand um sich an das andere Thema heranzutrauen.
„Ich bin krank. Ich schätze es sehr, dass du versuchst damit umzugehen, und bislang hast du das auch gut gemacht. Aber wie wird es in der Zukunft sein? Ich werde älter, und es wird nicht besser werden, nur schlechter.“

„Ich wusste das alles, als wir uns kennen lernten, und ich weiß, dass wir uns einiges zumuten. Aber was erwartest du denn von mir zu hören? Ich liebe dich. Nur das zählt.“
Er legte sein Gesicht in seine Hände. „Wie stellst du dir das vor? Willst du dich um alles allein kümmern? Ich werde dich immer wieder enttäuschen müssen. Ich werde von Therapie zu Therapie laufen, hoffend, dass die eine Behandlung nicht die andere Krankheit verschlimmert. Krankenhausaufenthalte, ständig diese Arztbesuche. Jetzt sind wir jung, haben keine Verantwortung zu tragen außer für uns selbst – aber was ist, wenn sich das ändert?“
„Ich werde mit dir alles durchstehen. Unsere Beziehung… Wir sind es mir wert. Und all diese Dinge sind doch nicht neu? Wir wussten beide, dass es schwieriger werden würde. Doch wir leben schon lange damit, und bislang ging es doch auch?“

„Was ist, wenn du es in zehn Jahren bereust? Wenn ich nicht fähig bin mit dir das Leben zu leben, das du willst? Du verdienst mehr als das. Und je früher wir einsehen, dass wir so nicht glücklich werden, umso besser ist es.“

 

Nach diesem Gespräch kann ich nichts mehr sagen. Als er mitten in der Nacht ins Bett kommt, bin ich noch wach. „Ich glaube einfach, dass wir es schaffen können. Dass es sich für das, was wir haben, lohnt, auch wenn es schwer werden wird. Ich bin davon überzeugt.“
Stille.
„Aber du nicht mehr, richtig?“
Er bleibt mir eine Antwort schuldig.

 

Seit Samstag also dieser Schwebezustand. Ich fühle mich, als würde ich den Verstand verlieren. Ihm die Zeit zu lassen eine Lösung zu finden fällt schwer. Er muss für sich selbst eine Antwort finden. Doch ich möchte so viel sagen und tun. Weil ich weiß, dass er gerade über uns entscheidet. Und weil ich doch nichts anderes mehr zu tun fähig bin. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe. Dass ich bereit bin alles mitzumachen, was auf uns zukommen wird.
Dass ich ihn liebe. Weil es ausreichen sollte. Aber vielleicht tut es das manchmal nicht. Vielleicht, und das macht mich von Stunde zu Stunde verrückter, ist es bei uns so.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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32 Antworten zu Die Schule brennt nicht mehr. Sie ist ausgebrannt.

  1. apanat schreibt:

    Angenommen, es wäre nicht nur gute Literatur. Dann müsste man sich in der Tat einmal solche Fragen stellen.
    Das wäre durchaus gut für die Beziehung. Auch wenn’s den Nerven nicht gut tut.

  2. hijack schreibt:

    Ach herrje…. Fühl Dich mal ganz ganz feste gedrückt.:-/

  3. gotsassaufeinemast schreibt:

    Das tut mir so leid. Ich hoffe, es wird alles gut. Verdient hättest du es.

  4. Luisa schreibt:

    Ach Frau Falke….mir fehlen ehrlich gesagt die Worte um einen sinnvollen und angemessenen Kommentar zu schreiben, aber ich wollte diesen Beitrag auch nicht umkommentiert lassen, da ich denke, dass sie sich über jeden Kommentar freuen (tust du doch?).
    Ich nehme dich in meinen Gedanken jetzt einfach mal ganz ganz feste in den Arm.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke dazu kann man auch nicht viel sagen. Es ist, wie es ist, und ich werde abwarten müssen, wie er sich entscheidet. Ich glaube, es wird schwer, egal was geschieht. Aber ich hoffe doch er erkennt, dass sich eigentlich nichts geändert hat und er nicht für mich eine Entscheidung treffen muss, die ich längst gewählt habe.

  5. mathefee schreibt:

    Ach herrje! Wenn ich könnte, würde ich Sie nicht nur virtuell mal ganz fest in den Arm nehmen. Ich hoffe für Sie, dass die Ungewissheit bald vorbei ist und damit das zermürbende Warten, Bangen und Hoffen. Egal wie die Entscheidung ausfällt, beide Wege werden viel Kraft kosten und die wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen!

    • Frau Falke schreibt:

      Nachdem es jetzt schon ein paar Tage so geht, hoffe ich vor allem, dass es irgendwie einen Ausgang findet. Es macht mich verrückt nicht zu wissen, was los ist, und in meiner typischen Art stelle ich mir Szenarien vor, die alle nur wenig aufbauend sind.
      Ich danke für die Kraft, an sich, denke ich, ist ja noch alles gut. Es ist nicht gesagt, dass das alles jetzt enden wird. Nur die Angst, es könnte so sein, setzt mir zu.

  6. Lavendelkinder schreibt:

    Liebe Frau Falke,
    das Leben. Ich weiß es auch nicht. Das Leben.
    Mitgefühlt und an Dich gedacht.

    Liebe Grüße,
    Britta

  7. Nele schreibt:

    Liebe Frau Falke,

    ich weiß, dass das schwer ist, aber halte einfach durch. Männer denken da völlig anders als wir. Sie denken, dass sie eine Belastung sind und das ertragen sie einfach nicht. Ich weiß nicht, was er für eine (wirklich so schwerwiegende?) Erkrankung hat, aber wenn dir wirklich klar ist, dass du trotz allem ein Leben MIT ihm willst, mach ihm das SEHR deutlich klar.
    Ich denk ganz fest an dich …

    Nele

    • Frau Falke schreibt:

      Leider sind es zwei Erkrankungen, die sich bei der Behandlung gegenseitig sehr im Weg stehen. Aber ich weiß, was es bedeutet, ich habe bislang nicht die Augen davor verschlossen. Und ich glaube, dass ich so vorbereitet darauf bin, wie man es eben sein kann. Nur habe ich nicht mehr als Worte, Gesten, als mein ganzes Selbst, um ihn zu überzeugen, dass wir eine Chance haben ein Leben miteinander zu führen, das auf seine Weise glücklich ist.

      • „Nur habe ich nicht mehr als Worte, Gesten, als mein ganzes Selbst, um ihn zu überzeugen“
        Mehr als das sollte nicht nötig sein, denn es ist alles.

        *schaut entschuldigend*
        Ich hätte mir gewünscht, das mein erster Kommentar auf einen humoristischen Beitrag erfolgen würde, aber das hier kann ich nicht ohne meine Worte oben belassen.
        Frau Falke, ich wünsche Dir (ich hoffe, die persönliche Anrede sei mir erlaubt) alle Kraft, die Du benötigst, um diese Situation ertragen zu können.

        • Frau Falke schreibt:

          Ich hätte mir auch gewünscht, dass etwas Schönes passiert, aber leider ist es momentan einfach kompliziert. Dass es reichen muss stimmt, ich hoffe nur, das wird es auch.
          Die persönliche Anrede ist vollkommen in Ordnung, und ich danke für die Kraft, die ich wirklich gebrauchen kann.

  8. annettchen schreibt:

    FÜHL DICH ERST MAL GANZ FEST UMÄRMELT!
    Kam das alles denn ganz unerwartet? Waren da keine kleine Anzeichen, die man übersehen will? Ach Mensch, das tut mir so leid. Dieses Schweben im Nichts ist so zermürbend.

    • Frau Falke schreibt:

      Danke für das Umärmeln, ich glaube so etwas hatte ich noch nie.😉
      Anzeichen, nun, die wird es sicher gegeben haben. Er war auch viel in seinen Gedanken, ruhiger als sonst. Doch ich habe es auf die Schmerzen geschoben, den Stress, den Schlafmangel…praktisch alles, damit ich einen Grund hatte. Dass ihm das zu schaffen macht und schon immer machte, weiß ich nur zu genau. Was ist nicht verstehe, ist, dass er jetzt daraus so ein Problem macht. Was dachte er, als wir uns kennen lernten? Was die ganze Zeit, die wir miteinander verbrachten?

      • annettchen schreibt:

        Über seine Beweggründe kann man nur mutmaßen. Da helfen wohl nur offene und sehr ehrliche Gespräche – so weit das noch möglich ist.

  9. nadineswelt schreibt:

    Fühl Dich ganz fest gedrückt. Wenn ich könnte, würde ich Dir jetzt ne Schokotorte und nen großen heißen Kakao hinstellen. Würd zwar auch nicht wirklich helfen, aber Dir vielleicht ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.
    Ich glaube ganz fest daran, dass die Liebe siegt!

    • Frau Falke schreibt:

      Das würde mich freuen, einen heißen Kakao hatte ich schon lange nicht mehr. Ob die Liebe wirklich siegt, weiß ich nicht mehr, aber ich hoffe es. Allein, weil es mir unvorstellbar scheint, dass es hier endet.

  10. Nobelix schreibt:

    Ich würd dir ja jetzt gern was Liebes schreiben, was Nettes und was Aufmunterndes…aber ich glaube, das wird nicht all zu viel bringen – und mal davon abgesehen bin ich überhaupt nicht gut in solchen Sachen. Trotzdem drück ich dir feste die Daumen. Nicht, dass alles gut wird – denn das wäre ein fast schon unrealistisch hohes Ziel – aber dass ihr euch findet, dass ihr es zusammen schafft…🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank für diese liebe Geste, ich schätze das sehr, wie du weißt. Noch bin ich leider nicht schlauer was das Problem angeht, aber vielleicht wird es ja wieder gut. Und wenn nicht, werde ich auch damit umgehen können, etwas anderes bleibt mir schließlich nicht übrig.

  11. Baudoin schreibt:

    Liebe Frau Falke,
    auch von einem bisher stillen Mitleser eine feste (Internet-) Umarmung!
    Als Aussenstehender will ich mich eigentlich mit Kommentaren zurückhalten, es gibt zuviel was ich nicht weiß und was mich auch nichts angeht. Aber auf eines möchte ich Sie und/oder ihn vielleicht doch hinweisen, zumal es oben teilweise angespochen wurde:
    Es gibt viele Berichte aus dem zweiten Weltkrieg, die davon erzählen, daß sich Paare unbedingt (noch) ein Kind wünschten, obwohl der Mann an der Front war, die Frau nachts die Bombenangriffe miterleben musste , die Gelegenheiten dazu selten waren und der Tod allgegenwärtig.
    Gott sei Dank ist das lange her und man kann es nicht mit heute vergleichen, aber mich hat immer gefesselt, wie stark in jenen furchtbaren Zeiten mit den damaligen riesigen Unsicherheiten einfach an die Liebe geglaubt wurde.
    Ein bisschen davon wünsche ich Euch beiden!
    Alles, alles Gute!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich freue mich sehr über diesen Kommentar, nicht nur, weil es schön ist etwas von einem stillen Leser zu hören, sondern auch, weil dieser Glaube an die Liebe mir so gern als dumm und naiv angekreidet wird. Ich möchte aber genau das, den Glauben, es würde gehen, wenn man sich nur nah genug steht und einen genug miteinander verbindet.

  12. Benni schreibt:

    Ich fühle mit dir und würde dir gerne mehr geben als nur eine virtuelle Umarmung, aber ich hoffe du weißt, dass der Balkon immer da ist und Platz im Kofferraum, wenn ich mal wieder unterwegs bin, ist auch immer. Fühl dich mal von mir gedrückt.

  13. 'ne mama schreibt:

    Wie kommt es zustande, dass der Herr meint, eine unzumutbare Belastung zu sein und dabei eine Situation schafft, in der die Frau Falke sich offenbar gelähmt und unzureichend fühlt, also definitiv in einer (in Hierarchien gedacht) niedrigeren Position? Mich würde so ein „ich bin eine Belastung und deshalb verweigere ich Dir, was Du Dir wünschst“ hochgradig aggressiv machen…

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