Klausurensession

Eigentlich ist die Idee dahinter simpel, wie sie es bei so Vielem ist. Immer dann, wenn über eine oder mehrere Wochen Klausuren liegen geblieben sind, beschließen wir uns zu einer Klausurensession zu treffen. Dann bringen wir alle stapelweise die Klausuren zu einem unserer Kollegen, setzen uns gemeinsam an einen Tisch und vertiefen uns in unsere Arbeit, ohne von den üblichen Dingen abgelenkt zu werden, wie Fensterputzen, Wäsche waschen, den Bilderrahmen aufhängen und die Muffins backen, deren Rezept schon so lange in unserer Schublade wartet.

Der erfahrene Leser wird nun schon stutzen und mit einem wissenden Lächeln nicken, so so, die Frau Falke wieder. Okay, zugegeben: Natürlich ist es nicht so, dass wir uns treffen und gleich zu arbeiten anfangen. Zwei gute Stunden müssen vorher auf jeden Fall als Puffer eingebaut werden, die wir dann damit verbringen über die Schule, die Kollegen und auch das eigene Privatleben zu reden. Erst dann sind wir so weit, dass wir nebeneinander sitzen können, ohne uns durchgehend abzulenken.

Heute Morgen, wir trafen uns schon um acht Uhr bei Emily, kam eine nette Gruppe zusammen. Felizitas, Emily, Stefan und Sarah, demnach die üblichen Verdächtigen, ebenso Sandra und Daina. Wobei Sarah keine Klausuren zu korrigieren hatte und sich Feli auch eher reingeschmuggelt hatte mit ihren Tests. Gut, die waren dafür mehr als nur ein Klassensatz, aber trotzdem.

Wir saßen also in Emilys Küche, tranken Kaffee, Chaitee und Holunderbeerensaft, aßen Sandkuchen und Kekse, Gummibärchen und noch allerlei anderen Süßkram, und sprachen. Wir redeten über Wulff, über die CeBit und die letzten Auswüchse der Didacta, über Felizitas neuste Schuhe, die Stefan herzlichst wenig begeisterten, über meinen Nagellack, den Daina schön fand, und ebenso über Sandra Sohn, der dieses Jahr eingeschult wird, was wohl nicht halb so einfach ist, wie man sich als Kinderloser vorstellt. Bis hierhin war es noch wie immer, nun aber kristallisierte sich schnell ein Unwollen heraus, das Gespräch sterben zu lassen und mit der Arbeit zu beginnen.

 

„Hast du eigentlich rausbekommen, ob das gestern Mirko war?“ erkundigte sich Stefan bei Sarah, die einen Anruf mit unterdrückter Nummer bekam und uns dies in einem Nebensatz berichtet hatte. Sie hielt es für eine Störung des Handys, kann ja mal sein. Daina jedoch sah gleich einen Einschüchterungsversuch von Seiten des Schülers. „Und wenn dir das Angst machen soll?“ „Es würde ihm nichts bringen. Er hat doch selbst alles zugegeben.“
Das Thema Jochender kam natürlich gleich auf, und Sandra blickte erstaunt zwischen Emily und Stefan hin und her, die sehr klar Stellung bezogen. Wir sprachen über Vertrauen, Loyalität, den Schneid einzugreifen, wenn etwas falsch lief, also über das, was wir von unserem Direktor erwarteten.  Und alles, auf das wir umsonst gewartet hatten, vielleicht auch bei uns. Sarah zuckte mit den Schultern, sie mochte nicht im Mittelpunkt zu stehen.
Felizitas betrachtete den Keks in ihrer Hand und blickte auf. „Hat jemand von euch noch mal etwas von Kerstin gehört?“ wollte sie wissen und biss dann fast trotzig in das Gebäck. „Sie meldet sich nicht, auf keine der erdenklichen Weisen.“ „Vielleicht hat sie bewusst alle Brücken abgebrochen.“ „Wie gern ich wüsste, wie es ihr geht.“ „Ich wüsste lieber, ob auf sie Acht gegeben wird.“ „Kennt überhaupt jemand ihren Freund?“

Die nächste Kanne Kaffee war fertig, der Geruch verteilte sich in der gemütlichen Altbauküche und Stefan schenkte großzügig die Milch aus. Sandra bekam das Schälchen mit Zucker gereicht, Emily verzweifelte auf der Suche nach einem weiteren Teelöffel. Wenn wir nicht alle mehrere Getränke gleichzeitig getrunken hätten, wäre das etwas anderes.
„Hat sich deine Fachschaft eigentlich mal wieder beruhigt?“ Der Blick Sarahs trifft Daina, die sogleich die Lippen verzieht, missbilligend. „Die? Schön wär’s. Ich bereite meine Versuche mittlerweile in den Pausen vor, wann immer es geht, und lasse sie danach nicht mehr aus den Augen.“
Felizitas schnalzte mit der Zunge. „Traurig. Und so was sind erwachsene Menschen. Verdammte Fachschaften.“ „Das finde ich am schlimmsten, wenn es nur die Vorsitzende wäre, könnte man das ja mal persönlich zu klären versuchen.“ sage ich seufzend.
„Niemand handelt gegen den unausgesprochenen Befehl der Königin.“ vermeldete Daina nun bitter. „Aber ein Ende wird es finden, so oder so. Notfalls, weil sie mich vergiften oder in die Luft jagen.“
Der zweite Teil des Kuchens war nun auch aufgegessen, die Kekse leer. „Apropos ein Ende finden, wie sieht es mit Erik aus? Hat sich da nochmal was getan?“ wollte nun Emily wissen, doch Sandra verdrehte nur die Augen. „Da kam natürlich nichts mehr. Die Klassenleitung hat mich Frage um Frage vertröstet, sie habe wann anders Zeit, nicht jetzt, und dann bekam ich zugetragen, dass ich überreagiere und mich nur wichtigmache.“
„Das warst du?“ Überrascht blickte Felizitas sie an. „Ich hatte mich schon gewundert, über wen die Alten wieder quatschen.“ „Feli.“ mahnt Sarah leise, sie mag es nicht, wenn jemand die Kollegen so nennt.

Die Frau ließ sich nicht davon beirren. „Ich weiß, die Bezeichnung ist nicht richtig. Sie sind ja nicht mal alt, ältere Lehrer haben wir auch… Ihre Einstellung ist aber,“

 

„Geht es Nicola besser?“ wandte sich Daina nun an mich, und ich war wegen des doch sehr ruppigen Themenwechsels einen Moment lang verwirrt. „Du meinst Nicole? Der geht es besser, vielen Dank. Sie kam vor ein paar Tagen in der Pause und hat mich angesprochen, sie wirkte gefasst und hat schon wieder gelächelt.“
Emily seufzte leise, ihr machte ein Schüler Sorgen, Lucas, aber das Thema war irgendwie untergegangen in den letzten Tagen. Er hatte Probleme sich in die Klasse einzugliedern, und war auch von den Noten sehr abgerutscht. „Ich wünschte an der Stelle wäre ich auch schon. Die mit dem Lächeln, meine ich.“ „Dann kommt der nächste, viel ändert sich nicht, oder?“ Stefan stand auf und füllte die Wassergläser nach.
Daina trank von ihrem Tee und sah zu Sarah. „Wie geht es deiner Siebtklässlerin, der, die von dem Fußball getroffen wurde? Hat sich wenigstens da etwas ergeben?“  „Sie hat beim Direktor eine Coaching-Fahrt erwirken wollen, ins Kloster Lindenau, das hat ja schon bei vielen Klassen geholfen.“ beeilte sich Emily zu sagen.
„Und wann wollt ihr dahin?“ erkundigte sich Sandra, die fälschlicher Weise davon ausging, dass Herr Jochender… „Gar nicht, okay? Du hast doch schon gemerkt, dass es zwei Gebiete gibt, auf denen ich versage, Schüler und Direktor.“ stieß Sarah hervor und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
„Sarah, ich wollte nicht,“ begann die Kollegin, doch Sarah schüttelte den Kopf. „Ist schon gut, ja? Ich will einfach nicht darüber reden.“
„Der Kollege Hedwig hat sich in einer meiner Klasse unbeliebt gemacht. Er hat einen Überraschungstest über Japan schreiben lassen, mit allen Bergen und Co. Die Kinder waren ziemlich außer sich.“ berichtete Felizitas und nahm den Teebeutel aus ihrer Tasse.
„Macht die Peters doch auch.“ zeigt sich Stefan unbeeindruckt.
„Und erklärt die Schmierereien an der Tafel, die ich einfach weggemacht habe. Vielleicht hätte ich auch was sagen sollen.“ hadert Emily bei dem Gedanken daran. „Aber das wäre dann auch wieder falsch aufgenommen worden. War ja unbedeutend, außerdem hat die Kollegin es im Griff, nicht?“
„Wisst ihr, wem es nicht so geht? Dieser einen Referendarin, die dunkelhaarige, wie hieß sie noch gleich? Ullrich, oder?“ Erstaunt sehen wir zu Stefan. „Wie kommst du denn darauf?“ „Frau Ullrich, die hat doch nichts gesagt…?“ „Obwohl sie schon ein bisschen blass aussieht in den letzten Tagen…“
„Wer nicht.“ sagte Sandra leise und wir redeten über all diese Dinge, die wir sonst so abtun, bis spät in den Mittag hinein. Als sich die Gruppe auflöste, hatte ich Kopfschmerzen, doch ich war auch befreit.

 

 

Eigentlich ist die Idee dahinter simpel, wie sie es bei so Vielem ist. Immer dann, wenn über eine oder mehrere Wochen Klausuren liegen geblieben sind, beschließen wir uns zu einer Klausurensession zu treffen. Manchmal aber sind es nicht die Klausuren, die zu kurz gekommen sind, sondern die Gespräche. Und dann tut es gut alles einmal zur Sprache bringen zu können, das im Schulalltag zu kurz gekommen ist, weil es keine Zeit gab oder kein Interesse, oder weil es einfach nicht passte. Zu persönlich, zu ehrlich, zu emotional. Und auch wenn es klingt, als würden wir uns nur beschweren und frustriert  unseren Kaffee trinken, nach so einem Treffen hat man wieder Kraft. Es hilft, wie ein kleiner Fels in der Brandung, dass wir nicht vergessen, dass wir nicht allein sind.

Klausurensessions sind Psychohygiene. So einfach ist das.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Klausurensession

  1. pausenkaffee schreibt:

    Seeeehr toller Artikel. Schön zusammengefasst, was dir in den letzten Wochen so passiert ist 🙂 Psychohygiene wird in Deutschland groß geschrieben. Jedenfalls überall, in Lehrerzimmer ist diese Eigenart der Großschreibung dieses Hauptwortes noch nicht so richtig angekommen, denn jede Art der produktiven Psychohygiene wird oftmals als Anzeichen von Burnout gesehen… Kann nur hoffen, dass ich später auch mal in ein solch tolles Kollegium reinwachse, wie du es scheinbar geschafft hast!

    • Frau Falke schreibt:

      Danke schön, ich bin begeistert, dass sich niemand von der Länge abschrecken ließ. 😉
      Dass es wichtig ist, so etwas von Zeit zu Zeit zu machen, finde ich auch, und jenes sogleich als Burnout-Anzeichen zu verschreien ist nicht fair, wenn man mich fragt.
      So toll, da muss ich dich bremsen, ist das Kollgium gar nicht. Es sind nur ein paar, und mit diesen bin ich befreundet, deshalb verstehen wir uns so gut. Wäre Frau Rondell oder Seeger dagewesen, das hätte ganz anders ausgesehen…

  2. lottamachtkrach schreibt:

    Solche Treffen unter Kollegen, zum aussprechen und Kraft tanken klingen wirklich hilfreich. Und bei allem, was du in den letzten Tagen über den Zustand bzw. die Stimmung in eurem Kollegium geschrieben hast, scheinen solche Treffen außerhalb der Schule die einzig mögliche Variante zu sein, sich auszutauschen.

    • Frau Falke schreibt:

      Da hast du allerdings Recht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass alles, was bei den anderen jetzt noch persönlich im Argen liegt, und über das ich nicht berichtet habe zuvor, gar nicht in dem Artikel zur Sprache kam. Wir sollten das öfter machen, es hilft.

  3. Nobelix schreibt:

    Hallo Frau Falke,

    frisch von der Geocaching-Tour Teil 2 zurück, zog mich doch dieser Beiag glatt noch einmal an den PC. Naja, ans iPad vielmehr…einfach, weil es nicht stundenlang starten muss.
    Ich denke, solche Klausurensessions – oder auch die Psychohygiene (ui, ein Wort mit zwei y, das nicht aus einem SciFi-Roman kommt 😉 ) – ist eine ganze wichtige Sache. Zum einen kann man sich mal auskotzen, zum anderen bekommt man vielleicht auch mal einen Tip oder einen guten Rat…und man ist unter sich.
    Irgendwie sind mir solche Runden in den letzten Jahren immer wieder begegnet. Angefangen hat es damals, während meiner Zeit in grün. Dann an de Uni, während der Ausbildung und mittlerweile jetzt wieder…man sitzt gelegentlich mit Freunden, Bekannten, Kollegen, wie auch immer man sie nennt, zusammen – und hinterher geht’s einem besser. Mir jedenfalls. Die Geocaching-Tour heute hatte übrigens einen ähnlichen Zweck…

    Viele Grüße,
    Nobelix,
    der Morgen unbedingt Schuhe putzen muss

    • Frau Falke schreibt:

      Was mir am Besten gefällt, ist einfach, dass es in so geschützter Runde geschieht. Nicht nur, dass wir mal Zeit dazu haben, uns so zu äußern, wie es uns beliebt, wir müssen auch keine Angst haben, dass es weitergetratscht wird, oder, wie ich es ja gern habe, dass der Nachbartisch es mitkriegt und dann noch einen Tick lauter zu Lästern beginnt.
      Gute Ratschläge sind natürlich auch immer willkommen, auch wenn ich ehrlich gesagt relativ wenige gesehen habe in dieser Session. Wahrscheinlich ist es doch einfacher Tipps zu geben, wenn bei einem selbst alles im Lot ist.
      Dennoch, ich hoffe wir behalten das bei. Auch wenn meine Klausuren dann heute korrigiert werden müssen. 🙂

  4. Nadine schreibt:

    Solche Auskotzsessions sind total wichtig. Die wirken reinigend. Merk ich auch immer. Wir Sekretärinnen machen das allerdings in der Mittagspause, und wenns ganz furchtbar wird zwischendurch per E-Mail. Aber sonst kriegt man ganz schnell graue Haare von dem ganzen Ärger.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke es ist letztlich auch gesund, seinen ganzen Ärger nicht durchgehend runterzuschlucken. Nur wäre es in unserer Pause schwierig, da sind diejenigen, über die man sich ärgert, oft genug dann dabei. 😉

  5. rueckenpatientin schreibt:

    Ich finde es total klasse, dass ihr sowas macht (auch wenn die Klausuren wieder liegengeblieben sind).
    Es tut einfach gut, wenn man mal über alles reden kann. Die Pausen sind dafür doch meistens viel zu kurz. Wenn man immer alles runterschluckt, wird man frustriert.

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