Ich, die genervte Oberzicke

Es ist nicht kurz vor den Ferien oder ein besonders stressiger Abschnitt im Jahr, und dennoch bricht die Zeit über mich, in der die Kollegen sich noch schlimmer verhalten als sowieso schon. Sie sind nicht nur nervig, sondern auch gereizt, empfindlich, fangen bei jeder Gelegenheit an zu schreien, schimpfen, streiten.

Manch einer ist dem Druck nicht gewachsen, eine Referendarin ist nach dem ganz normalen Unterrichtsbesuch nicht mehr ansprechbar, ein Kollege lässt nach einem heftigen Wortwechsel einen anderen wutentbrannt stehen, irgendjemand weint, auch nicht zum ersten Mal. Aber wem erzähle ich das, ihr kennt die Stimmung in meinem Kollegium ja ganz gut.

Als ich am Nachmittag Zuhause ankomme, ist meine Laune im Keller, obwohl eigentlich nichts vorgefallen ist.

 

Ich zensiere ein paar Tests, die ich heute habe schreiben lassen und die meine Schüler mit leisen Flüchen quittiert hatten, aber die Kiddies können nicht einmal fünf der fünfzehn abgefragten Vokabeln, was wohl daran liegt, dass ich in der letzten Woche keinen Nerv hatte extra mit ihnen Vokabeln zu üben.
Was dabei rauskommt, wenn sie es allein machen, sehe ich jetzt ja, und irgendwie frage ich mich, woher ich den Mut genommen habe, diesen Test überhaupt zu schreiben. Vielleicht war es auch nur Selbsthass.

Ich beginne mit den Unterrichtsvorbereitungen, verliere aber schnell Konzentration, von Lust will ich gar nicht mehr anfangen zu sprechen, ich staubsauge das gesamte Geschoss, putze das Bad, creme mir die Hände ein, sortiere ein paar Deutschmaterialien, mache mir einen Kaffee, schenke mir ein Glas Cola ein, schütte die Cola wieder weg, weil mir einfällt, dass ich Cola hasse, und beginne dann damit Abendessen zu machen.

Ich stehe knappe eineinhalb Stunden später fluchend in der Küche und schimpfe mit dem Kochbuch, welches vor mir liegt.
„So ein blödsinniges Rezept, wer kann denn ahnen, dass da Joghurt rein muss? Überhaupt, niemand macht Joghurt in Kuchen, das ist doch völlig unnötig.“

Herr Falke, der gerade nach Zuhause gekommen ist, kommt aus dem Flur und bleibt im Türrahmen stehen. „Was bist du denn um diese Uhrzeit am rumrandalieren? Und dann auch noch in der Küche?“
„Ich backe.“ kläre ich ihn auf. „Oder besser: Ich versuche zu backen.“
Er zieht sich einen Stuhl heran und sieht mich mitleidig an. „Was ist denn passiert?“
„Wieso glaubst du, dass etwas passiert ist, nur weil ich backe?“ erkundige ich mich eingeschnappt, den Kuchenteig böse fixierend.
„Wieso glaubst du, dass etwas passiert ist, nur weil ich backe?“ erkundige ich mich eingeschnappt, den Kuchenteig böse fixierend.
„Zum einen ist es halb Sieben abends und du hast noch nicht einmal Zeit gefunden etwas Vernünftiges zu essen, zum anderen sehen die Bücher im Wohnzimmer aus, als hättest du sie fluchtartig verlassen.“
Ich zucke mit den Schultern. „Und das sagt dir, dass etwas passiert ist, Sherlock?“
„Nein, es sagt mir, dass du frustriert bist, was fast immer auch bedeutet, dass du einen schlechten Tag hattest.“

Sauer wende ich mich wieder dem Kuchenteig zu, denn die kleine Mehlklumpen wollen einfach nicht weggehen. „Iss lieber dein Abendessen, bevor es zu trocken wird. Es steht im Ofen.“
„Ehrlich?“ erstaunt holt sich Herr Falke den Teller aus dem Ofen, nimmt sich eine Gabel und setzt sich wieder auf den Stuhl.
Genervt drehe ich mich um. „Kannst du nicht am Tisch essen?“
„Nein, ich bin lieber in deiner Nähe, mein Schatz.“
Ich verdrehe die Augen und merke erst jetzt, dass ich vergessen habe das Backpulver vorher mit dem Mehl zu vermengen. Fluchend schütte ich das Backpulver demnach verspätet in die Schüssel.

„Ach, das ist… Du hast Pfannkuchen gemacht.“ stellt mein Lebensgefährte mit einer gewissen Überraschung in der Stimme fest.
„Ja sicher sind das Pfannkuchen, was hast du denn gedacht?“ zicke ich, denn die Tatsache, dass das mit dem Wenden nicht geklappt hat und die Pfannkuchen nun zerstückelt sind, ist echt kein Grund zu tun, als wäre es ein Wunder, dass ich koche. Oder backe. Oder was auch immer.
Okay, ich hätte nicht schon Ahornsirup drübermachen sollen, aber trotzdem.

„Ich weiß nicht, ich dachte das wäre Rührei mit Honig oder so.“
„Rührei mit Honig? Mit Honig!? Sag mal, hältst du mich für völlig unfähig oder was? Ey, lass mich bloß in Ruhe, iss deinen Kram oder schmeiß ihn weg, wenn er dir nicht schmeckt, mir ist das echt zu blöd.“ Damit lasse ich ihn und den Kuchenteig stehen, laufe aus der Küche und schließe mich im Badezimmer ein.

Ein paar Minuten gibt Herr Falke mir, damit ich mich beruhigen kann, dann klopft er leise an die Tür. „Schatz? Ist alles in Ordnung mit dir?“
Ich fahre mir über die Wangen, weil es so kindisch ist zu weinen, besonders weil ich ja nicht einmal genau sagen kann, warum ich so am Ende bin. „Lass mich lieber in Ruhe, das ist heute einfach nicht mein Tag.“
Ich höre, wie er die Hand auf die Klinke legt. „Wenn du rauskommst… Sind deine Haare dann wieder schwarz?“
Obwohl mir nicht danach ist, muss ich nun doch lächeln. „Nein, dann müssten sie mindestens türkis werden.“
Ich weiß, dass er schmunzelt, und als ich vorsichtig die Tür öffne nimmt er mich in seinen Arm.

 

Wir gehen ins Wohnzimmer, wobei er im Vorübergehen das Telefon und den Flyer unseres Lieblingsitalieners mitnimmt.
„Wir bestellen uns eine Pizza und dann mache ich uns einen schönen Rotwein auf, was hältst du davon?“
„Finde ich eine gute Idee.“ gebe ich zu und kuschel mich in meine Decke auf der Couch, während er versucht auf dem Flyer die Telefonnummer zu entziffern, was ihm ohne Brille schwer fällt.
„Das übliche, oder?“ erkundigt er sich, während er die Nummer wählt.

Ich stütze mein Gesicht mit meinen Händen ab und atme tief aus, das erste Mal an diesem Tag fühle ich, wie sich die Anspannung von mir löst.
Herr Falke mustert mich mit diesem wissenden, gutmütigen Blick. „War es so schlimm heute?“
Ich rieche das Aftershave des Mannes, den ich liebe, sehe drüben meine Unterrichtsvorbereitungen liegen, denen es auch nichts ausmacht, wenn ich heute Abend nicht mehr an ihnen weiterarbeite, und fühle mich unglaublich ruhig.  „Es war schlimm, ja. Aber jetzt bin ich ja hier.“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Mein Glas mit Kaubonbons

„Ich habe dir etwas mitgebracht.“ erklärt mir der Kollege Wallert, nimmt mich am Ärmel meines Blazers und zieht mich mit sich. Vor seinem Platz lässt er mich los, greift in einen Leinenbeutel, der neben seiner Tasche lehnt, und zieht ein Glas mit Kaubonbons heraus.

Erstaunt nehme ich das etwas außergewöhnliche Geschenk an und versuche mit einem fragenden Blick zu ergründen, was es damit auf sich hat. „Danke. Aber… Wie komme ich denn zu der Ehre?“

Er zuckt mit den Schultern und sieht mich an. „Du nervst mich einfach. Weil du die letzte Zeit so traurige Augen hast. Und so müde wirkst. Weil du dünn geworden bist. Und weil ich dein Lächeln vermisse.“

Ich bin verwirrt und gerührt von ihm, finde aber keine Worte, weil ich nicht weiß, ob ich zustimmen oder abstreiten soll, dass es so ist. Seine Geste ist lieb, seine Worte auch, eigentlich. Und ich weiß ja, dass er Recht hat.

An dieser Stelle macht mein Kollege etwas, das ich ihm hoch anrechne, denn bevor die Situation komisch werden kann, öffnet er das Glas.
„Du wirst jetzt jedes Mal ein Bonbon essen, wenn du traurig bist. Jedes Mal, wenn du mit diesem Ausdruck im Gesicht durch die Tür trittst. Jedes Mal, wenn deine Gedanken so dunkel sind. Und an jedem Tag, an dem irgendwer irgendwas sagt, was gemein ist oder dich enttäuscht.“

Ich muss schmunzeln. „Wenn ich das mache, bin ich nur noch am Bonbonessen.“

Er lächelt. „Solange es dich fröhlich macht, werde ich das Glas immer wieder füllen. Am besten wäre mehrmals die Woche.“

„Ein Bonbon zu essen wird nicht mein Leben regeln.“  gebe ich vorsichtig zu bedenken, was er in seinem Übermut zu vergessen scheint.

„Das ist mir bewusst. Aber wenn du einmal am Tag ein Lächeln im Gesicht hast, dann hat es sich für mich schon gelohnt.“ klärt er mich auf.

„Du bist verrückt.“ sage ich lächelnd.

Er lächelt ebenfalls. „Ich weiß. Aber nur deshalb magst du mich.“ Und er steckt sich breit grinsend ein Bonbon in den Mund.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Feststellungen einer Sprintbeauftragten

Meine Bestimmung sah es gestern ja vor, dass ich auf unserem Sportfest den Sprint 1 übernehmen sollte, demnach kam ich meiner Aufgabe mit Begeisterung nach.
Ich hatte dort ja auch alles, was ich brauchte, einen Tisch, zwei Stühle, unzählige Zettel und Listen, Kugelschreiber, noch mehr Listen, ein paar nette Schüler, eine Stoppuhr, so ein Klacker-Startding, zwei Startblöcke. Was will man mehr?

Dies habe ich gute fünf Stunden später als Resumé gezogen, als ich mit Larissa, einer Freundin, die absolut gar nichts mit der Schule zu tun hat (ja, sowas gibt es auch) zusammen saß.

Beim Zeiten-Namen-zuordnen bemerkt:
Ich sollte mich dringend bei Frau Fuldaer entschuldigen, dass ich sie immer als Paradebeispiel heranziehe. Sie ist nicht die einzige, welche die Namen ihrer Schüler nicht kennt. Frau Necker hatte es auch nicht drauf,  ebenso wenig Frau Donke.

„Ich unterrichte die ja nur in WiPo, das sind nur zwei Stunden die Woche.“ beziehungsweise „Von denen kenne ich nur die Vornamen, mit dem Nachnamen spreche ich die eh nie an.“

Beim Zeit-zurufen-lassen bemerkt:
Schüler sind toll, wenn sie engagiert einer Sache nachgehen, die ihnen Spaß macht. Richtig aufgeblüht sind einige von ihnen, und die gute Laune ist regelrecht ansteckend.
„Ich freue mich schon die ganze Woche auf heute.“ respektive „Aufsicht sein ist super, das ist richtig lustig. Und die Kinder müssen alle auf einen hören.“

Beim Zur-Kollegin-rüber-schielen bemerkt:
Wenn Sarah den Schülern ihres Standes ein Eis ausgibt, muss ich nachziehen. Aber wenigstens konnte ich einen der Schüler schicken, so zufrieden, wie sie heute waren.
„Welches Eis wollen Sie denn?“

Von Daniela bemerkt:
„Hundert Meter sind hundert Meter.“
Hundert Meter sind hundert Meter entfernt. Das ist viel. Genau hundert Meter, um genau zu sein. Und ja, man sollte auch dann, wenn man Kontaktlinsen trägt, seine Sehstärke kontrollieren lassen.

Von Herrn Vladeck bemerkt:
Frau Falke sieht aus, als könne man sie mit einer kleinen Koffeinspritze dazu bekommen einen Überschlag zu machen. Vielleicht auch eine Luftrolle. Oder sie springt im Dreieck. Das auszuprobieren lohnt sich allemal.
Sein „Wollen Sie einen Kaffee, Frau Kollegin?“ überzeugte mich aber nicht so sehr wie sein: „Ich würde Ihnen glatt einen holen.“

Von Frau Lindmahd bemerkt:
Wir haben einige Kollegen die ziemlich gut aussehen. Gerade unter den Männern sind ein paar, die regelmäßig trainieren. Und Sportlehrer gehören, zumindest figurentechnisch, meist eh in die attraktive Sparte.
„Herr Helfrich hat einen verdammt knackigen Hintern, findest du nicht?“
„Da habe ich jetzt keine Acht drauf gehabt.“
„Ehrlich? Ich schon…“

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Sportlehrerglück Bundesjugendspiele

Heute ist es leicht bewölkt, aber warm, der hier und da kurz auftretende Nieselregen stört niemanden und die Stimmung ist so ausgelassen wie nie. Grund für die gute Laune ist, dass unsere Schule Sportfest hat, was bedeutet, dass Sarah schon den ganzen Tag wie auf Wolken durch die Gegend schwebt und jedem, der nur in Reichweite steht, ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Es bietet sich einem aber auch ein wundervolles Bild:
Die Schüler sind in Klassen zusammen und trotten in Sportkleidung über den Platz, begleitet von den Klassenlehrern, die stolz von „ihrer Klasse“ berichten und ihre Ergebnisse mit denen der anderen vergleichen.
Die Sportlehrer und solche, die dafür gehalten werden könnten, haben Stationen bekommen und sind nun beim Werfen, Sprinten oder Springen, sie gehen regelrecht in ihrer Aufgabe auf, fühlen sich endlich einmal für voll genommen.
Sogar die Nicht-Sportler haben sich themenpassend in Schale geworfen und machen, wenn man sich den Modestil unseres Kollegiums ansieht, einen echt tollen Eindruck. Und selbst Felizitas hat sich für ein sportliches Outfit entschieden, auch wenn sie in ihm mehr wirkt, als wolle sie an einem Fotoshooting teilnehmen, als Sport zu machen.

Soweit, so gut.

Aber natürlich ist auch an einem solchen Tag nicht alles so glänzend, wie es scheint. Denn natürlich gibt es auch dieses Mal die Kollegen, die auf „so einen Unsinn“ keine Lust haben, die spät kommen und früh gehen, nein, „im Stau steckten“ *husthust*. Sie halten ihre Aufsichtspflicht, wenn sie so arm dran sind tatsächlich eine Klasse unter ihrem Fittich zu haben, für überbewertet  und verziehen sich lieber die geschlagenen zwei Stunden ihrer Anwesenheit ins Lehrerzimmer, wo sie sich verbarrikadieren und jedem, der vorbei kommt, entweder erzählen, wie unnötig diese Veranstaltung ist, beziehungsweise, wenn sie sich das nicht erlauben können, dass sie „mal grade eben etwas kopieren“ gegangen sind.
Uns jedoch kann das egal sein, denn solange sie nicht bei dem Sportfest sind, gehen sie mit ihrer negativen Stimmung wenigstens keinem auf die Nerven.

Ich für meinen Teil komme gutgelaunt bei dem Rasenplatz an, habe Herrn Vladeck, der das Ganze über ein halbes Jahr lang organisiert hat, auf seinem Fahrrad gesehen, einen Plausch mit Herrn Fontain gehalten, Herrn Leverkusen gegrüßt und, wenn mich nicht alles täuscht, an der scheinenden Aura Sarahs teilgehabt.

Dann aber werde ich von Herrn Helfrich, mit dem ich momentan für meinen Geschmack ein wenig zu viel zu tun habe, angesprochen, oder besser: aufgehalten.
„Frau Falke, wie schön, dass Sie da sind. Ich war mir nicht sicher, ob Sie es gesehen hatten.“
Irritiert blicke ich ihn an. „Ob ich was gesehen habe…?“
„Ihre Einteilung für den Stand.“
„Das muss eine Verwechslung sein,“ versuche ich mich zu retten. „ich bin doch überhaupt keine Sportlehrerin.“
„Nicht?“ erkundigt sich Herr Helfrich erstaunt und sieht mich fragend an.

Ich spare es mir, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich außer joggen und Mountainbike-Fahren absolut unsportlich bin. Oder ihm zu erklären, dass ich letztens die Ergebnisse der Deutschfachschaft in der Fachschaftsrunde vorgestellt habe. Oder ihm zu erzählen, dass ich in der letzten Notenkonferenz neben ihm saß und die Englischnoten seiner (!) Klasse verkündet habe. Oder einfach nur zu sagen, Herr Helfrich, ganz ehrlich, wir sind schon ein paar mehr Jahre Kollegen. Ich meine, hallo?

Doch nein, warum sollte ich. Ich lächle also nur lieb und schüttele leicht den Kopf. „Nein, ganz sicher nicht.“
Er sieht mich zweifelnd an. „Hmm, das ist natürlich schade. Dann weiß ich nicht, warum Sie als Sportlehrerin eingeschrieben sind.“
Er grinst selbstbewusst. „Außer, weil Sie so sportlich sind, natürlich.“

Ich hebe fragend eine Augenbraue und verlagere mein Gewicht von dem einen auf den anderen Fuß.
Er merkt, dass ich mich so nicht mehr überzeugen lasse. „Klappt nicht mehr, was?“
„Nicht wirklich zumindest.“
Der Kollege grinst noch breiter. „Schade. Früher hat Sie mein Charme noch bezirzen können.“
Ich hebe entschuldigend die Schultern. „Tut mir Leid.“
Er nickt. „Konnte ja auch keiner ahnen, dass Sie irgendwann erwachsen werden.“

 

Zehn Minuten später stehe ich immer noch bei Herrn Helfrich. „Sagen Sie mal, ohne unhöflich sein zu wollen, wie ist denn das jetzt mit dem Stand?“
„Oh, natürlich, eine Sekunde.“ Er kramt einen Plan hervor. „Dort hinten ist er, Sprint 1. Wenn Sie sich darum bitte kümmern würden?“
Ich nicke, schon einen halben Schritt entfernt. „Ja gern, vielen Dank.“

Als ich endlich meinen Stand erreiche, sehe ich noch aus den Augenwinkeln, dass Herr Helfrich leuchtet. Er ist also auf Sarah gestoßen, das ist doch schön, da haben sich Zwei gefunden.

 

Sportfeste sind super. Das sollten wir viel öfter machen, allein schon wegen Sarah.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Ratet mal, welche zwei Kollegen “allein” die Urkunden geschrieben haben. Genau, Frau Corr und Herr Donalds. Man darf gespannt sein…

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Engagement & Mordpläne in der Lehrergarderobe

„Ich…werde…sie…umbringen.“ werden diese vier Worte sauer zwischen den Zähnen hindurch gepresst und im Gegensatz zu sonst ist es dieses Mal kein Schüler, der dies sagt, sondern tatsächlich eine Kollegin.
Es ist seit guten zweieinhalb Stunden Megans Mantra und sie wird es wahrscheinlich auch so schnell nicht wieder loswerden.
„Du weißt aber, dass Mord an unserer Schule noch immer nicht erlaubt ist, oder?“ erkundige ich mich mit dem Versuch eines Lächelns und lasse mich neben ihr die Wand herunter gleiten. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie die letzte Woche sehr allein gelassen habe, und wie man sieht, nicht ganz zu Unrecht.

Sie sitzt in der Lehrergarderobe, die in den letzten Wochen der Rückzugsort unserer Referendare geworden ist, und Zornestränen laufen ihr über die Wangen.
„Ich werde mich nie wieder engagieren, nie, nie wieder. Da macht und tut man, und alles, was man zurückbekommt, ist, dass man von allen Seiten fertig gemacht wird.“
Ich lege den Kopf schief und schaue sie von der Seite her an. „Was ist denn diesmal wieder passiert?“

Es ist nicht einfach für sie, in der letzten Zeit:

Sie war wütend, als ihr die eine Kollegin die Termine wegschnappte, an denen sie mit ihrer AG das seit einem halben Jahr eingeübte Theaterstück aufführen wollte.
Da schimpfte sie und konnte nicht fassen, dass die Absprache mit dem Direktor nichtig war, nur weil die Frau sich in irgendeine Liste eingetragen hatte, die irgendwo unter einem Haufen Papier lag, von denen nur der Ältestenrat Kenntnis hatte.
Und sie war erbost, als ihr eben jene Kollegin auch noch einen Strich durch die Rechnung machte, was die Theaterfahrt anging, nachdem die Jugendherberge schon gebucht und die Zettel schon entworfen und kopiert worden waren.
Sie änderte die Zettel, legte die Buchung um und packte ihre Tasche wieder aus. Sie verlor kein böses Wort über die Frau, auch wenn sie traurig war, da sie sich schon auf die Fahrt gefreut, und eine wichtige, unwiederbringliche Verabredung abgesagt hatte.
Vor allem aber war sie enttäuscht, als immer wieder jemand absprang, der als Begleitung mitfahren sollte, und dann wieder unfassbar glücklich, als sich die Begleiterin, die letztendlich mitkam, als sympathische und tolle Kollegin herausstellte.

Dann war da noch die andere Kollegin, die aus einem unerfindlichen Grund der festen Überzeugung war ein Musical auf die Beine stellen zu müssen, auch wenn es wahrlich genug Theater (haha) in unserer Schule gab, eines von der Unterstufe, eines von der Mittelstufe und eines von der Oberstufe.
Aber diese Kollegin war nicht nur absolut überfordert mit ihrer AG, sagte die Premiere ein paar mal ab und sorgte sogar bei den Oberstufen für Kopfschütteln, so ungestüm schrie sie ihre Kleinen zusammen, sie schaffte es auch, Megan vor den Kopf zu stoßen.

Und das ist der springende Punkt.

„Ich habe nichts gesagt, als einer der Hausmeister meinte, ich könne den Fundusschlüssel jetzt haben oder gar nicht, schließlich sei nicht nur mein Wohlbefinden seine Aufgabe.“ Sie sieht mich verletzt an.
„Und ich habe auch nichts gesagt, als die Kollegin Rocio-Mull mich zusammenstauchte, was mir einfalle, ihre Schüler so einfach aus dem Unterricht holen zu wollen. Trotz Absegnung durch Herrn Jochender, obwohl ich es extra so gelegt habe, dass keine Arbeiten geschrieben werden.“
Die Tür geht leise auf, Frau Debian sieht herein, hebt die Hände entschuldigend und schließt die Tür schnell wieder. „Oh, Verzeihung.“

„Hmm.“ Ich strecke meine Beine aus, die langsam taub werden, weil die Schuhe zu hoch sind um die Knie soweit anzuziehen, und betrachte die Wand mir gegenüber.
Megan sieht mich aufmerksam an, in ihrem Blick aber liegt ein alarmierendes Blitzen. „Jetzt sag mir bloß nicht, ich solle ihnen eben klarmachen, dass sie so nicht mit mir umgehen können. Das versuche ich nämlich schon die ganze Zeit.“

Wir schweigen, bis Megan sich durchs Haar streicht und den Kopf schüttelt, als wäre das, was sie nun sagt, abschließend.
„Ich werde mich nicht mehr engagieren. So einfach ist das. Dann bleibt mir wenigstens dieser ganze Terror erspart.“
Ich sehe sie an und denke, dass das wieder einmal typisch ist, dass unsere Schule es wieder einmal geschafft hat einer engagierten Kollegin den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ihr deutlich zu zeigen, dass man ihr Engagement nicht schätzte, dass sie lieber leise und brav den ihr vorgeschriebenen Pfad erklimmen sollte, anstatt für etwas zu kämpfen, was das Kollegium nicht guthieß.

Mein Mentor sagte mir damals immer, es wäre leichter mit dem Strom zu schwimmen, als seine eigenen Wege zu suchen, doch es sei zu bedenken, dass man in der Gruppe nie sein Ziel fände.

Wer gegen den Strom schwimmt, zerstört das Gruppengefüge, und wer anders ist allemal, demnach ist das nicht gern gesehen. Und so ist das Einzige, was meine Referendarin aus ihren Bemühungen mit dem Theater mitnehmen wird, der feste Vorsatz, sich nie mehr derart zu engagieren. Ich finde das traurig, wirklich.
„Vielleicht sollten wir die Kein-Mord-Klausel doch aus unserer Schulordnung entfernen.“

„Finden Sie, ich sollte es tun?“
„Ich würde Ihnen sogar helfen, wenn ich darf?“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Paartherapie für Einen

Der Kollege Donalds, Christian, setzt sich auf den Platz neben mir und starrt seufzend in seinen Becher heißen, schwarzen Kaffee, bevor er mich über den Tisch hinweg fixiert. Ich jedoch bemerke dies nicht, so sehr bin ich noch in das Klausurenheft vor mir versunken, oder gebe das zumindest vor.

Wenn der Kandidat seine Berichtigung nicht ordentlich gemacht hat, kriegt er das postwendend wieder zurück und gleich eine Notiz im Notenheft.
Wenn die es jetzt nicht lernen, sitze ich in ein paar Jahren nämlich wieder in einer Elften, die glaubt, das falsch geschriebene Wort dreimal richtig aufzuschreiben reiche als Korrektion ihrer vermurksten Arbeit.

 

„Ähm, Frau Falke? Darf ich Sie etwas fragen?“ der Kollege sieht mich fragend an, schlürft an seinem Kaffee und hält meinem Blick stand.
„Kommt drauf an. Hat es denn etwas damit zu tun, dass ich aufgehört habe zu rauchen, Herr Donalds?“
Verwirrt sieht er mich an. „Haben Sie? Ich meine, nein, damit hat es nichts zu tun.“

Jetzt habe ich den armen Kerl wohl komplett aus dem Trott gebracht.  „Ist schon in Ordnung. Was wollten Sie mir denn erzählen?“
„Also, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber,“ Er runzelt die Stirn und rückt ein wenig näher an mich heran, als würde auch nur irgendjemanden sonst im Raum interessieren, was er zu sagen hat.
„Wir sind nicht mehr zusammen, Finja und ich, das haben Sie sicherlich mitbekommen.“
Ich sehe ihn an und nicke, nicht nur ich habe das mitbekommen, sondern das komplette Kollegium.

Kaum einer, der nicht Bescheid weiß, so wie die beiden sich zuletzt ignoriert und betont nicht übereinander gesprochen haben. Ich meine, sonst arbeiten sie ja wenigstens ihren ganzen Beziehungsfrust durch gepflegte Psychohygiene ab, dieses Mal aber reagieren sie ungewohnt. War ja klar, dass das nicht lang gutgehen würde.

„Ja, das ist mir schon zu Ohren gekommen, und wie Sie sich denken können, merkt man es auch in Ihrer beider Verhalten.“
Herr Donalds knackt mit den Fingerknöcheln, wie er es oft tut, wenn er nervös ist, und woran ihn die Kollegin Corr immer hindert, indem sie ihre Hand auf die seine legt. Ihm scheint in diesem Moment der gleiche Gedanke gekommen zu sein, denn er sieht mich traurig an.
Ich hole ein Stück Apfel aus meiner Brotdose und warte, bis sich der Kollege wieder halbwegs gefasst hat. Ich habe mir wieder einmal vorgenommen regelmäßiger zu essen, sicher ist sicher.

„Sehen Sie, Frau Falke, eben hatte ich Unterricht und wie ich aus der Klasse kam, da war da Finja und ist den Flur entlang gegangen mit einem Schüler. Und dann dachte ich, wie unfair, dass der Junge einfach so neben ihr gehen kann und sie ansehen. Wie unfair, dass sie ihm zuhört und er mit ihr sprechen darf und sie ihn dabei sogar anlächelt.“ Der Kollege schüttelt den Kopf, sieht mich dann an und fährt sich frustriert über das Gesicht.

„Es ist albern, nicht wahr? Jetzt bin ich sogar schon eifersüchtig auf einen Schüler.“

Ich weiß nicht so recht, was ich darauf antworten soll, natürlich ist es unangebracht wegen so einer alltäglichen Situation eifersüchtig zu werden, anderseits finde ich es auch schmeichelhaft für Frau Corr, dass ein Mann ihretwegen so agiert. Wieder andererseits aber ist mir ja nicht bekannt, warum die beiden sich getrennt haben, das spielt schließlich auch noch mit rein.

Herr Donalds trinkt einen Schluck Kaffee. „Ich kann es kaum glauben, diese Frau macht mich verrückt. Gestern hat sie mir rein zufällig einen Blick zugeworfen – danach war ich stundenlang glücklich, verstehen Sie?“
Ich beiße mir auf die Unterlippe und senke den Kopf.  „Schon, ja.“
Er stützt den Kopf auf seinen Händen ab und starrt wieder in seinen Kaffeebecher. „Aber Sie haben auch keine Antwort, oder?“
„Nicht unbedingt, nein.“ gebe ich zu und mein Blick wandert herüber zu Frau Corrs Platz hinten am Tisch.

„Aber ich stecke ja auch nicht richtig in der Situation drin, nicht wahr? Vielleicht sprechen Sie sie einfach darauf an. Glücklich scheint sie mir im Moment auch nicht zu sein.“
„Wie könnte sie das nach dem, was los war?“

 

Darauf habe ich dann wirklich keine Antwort.

 

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Hoffen wir das Beste für sie

Der Kollegin Kerstin Berit geht es nicht gut in den letzten Wochen, sie wankt, wenn sie sich zu ruckartig bewegt hat, muss sich am Tisch festhalten, wenn sie zu schnell aufgestanden ist, und ständig wird ihr schwarz vor Augen. Sie ist erschreckend blass geworden über die Ferien und wieder unfassbar dünn, ihre abgemagerten Beine sind kaum so dick wie meine Oberarme und aus ihrem Dekolleté stechen die Schlüsselbeine hervor.
Sie sieht fast so schlimm aus wie damals mit ihren tiefen, dunklen Augen über den hohen, markanten Wangenknochen.

Die Schüler tragen wieder ihre Materialkisten, die Schuber mit Arbeitsheften, schieben sogar das Klavier zurück auf seinen Platz, damit Frau Berit es nicht machen muss. Doch sie sprechen nicht darüber, weil sie ja doch nicht beantworten können, was an Fragen aufgeworfen wird, und so machen die Schüler das, was sie als einziges für die Referendarin tun können, sie helfen ihr, wo es nur geht.

Wir Lehrer beobachten Kerstins Verhalten kritisch, aber machtlos. Sie lässt nicht mit sich reden, egal was wir tun, sie kann nicht mit Vernunft überzeugt werden.
Wir hoffen, dass es besser wird, genießen die Zeit, in der sie scheinbar normal agiert. Aber wir sind auch genervt von ihr, wenn sie wieder diese essgestörten Züge annimmt, wenn ein jedes ihrer Worte einen anorektischen Hauch bekommt, wenn sie wie im Moment wieder klein und verloren im Kollegium sitzt und uns in ihrer Hilflosigkeit nur unsere Hilflosigkeit vor Augen führt.

Es ist also wieder soweit, sie ist erneut an diesem Punkt, an dem sie nicht weiter weiß und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis etwas passiert.

Wir sitzen im Lehrerzimmer und beobachten sie, während sie den verstohlenen Blick kaum mehr hebt. Ich weiß nicht, wie sie es schafft noch zum Unterricht zu gehen, Stunden zu halten wäre mir in ihrer Verfassung kaum möglich, aber sie schafft es irgendwie.
Wir anderen sitzen einfach nur dort und warten, warten darauf, dass etwas passiert, auch wenn wir fürchten, dass es etwas Schlimmes sein wird.
Ich habe Angst, dass sie erneut einem Ohnmachtsanfall erliegt, sich dabei vielleicht den Kopf stößt oder sich anderweitig verletzt, man kann sich im Moment des Fallens schließlich nicht abstützen. Oder dass es etwas noch Schlimmeres ist, was ihr passiert, wer hat schon eine Ahnung davon, wie geschwächt ihr Körper ist.

Wir warten also unfähig eingreifen zu können, warten darauf, dass etwas geschieht, was dieses Band des Schweigens von uns nimmt und diese bedrückte Stille mit Aktionismus füllt. Und gestern in der dritten Stunde war es dann auch soweit.

Ich suchte Daina, mit der ich noch etwas besprechen wollte, in der Chemiesammlung, denn in vier von fünf Fällen war sie dort anzutreffen. Aus irgendeinem Grund hatte sie öfter als alle anderen Kollegen der Fachschaft Spül- und Aufräumdienst, was nicht wenige auf Frau Prosch zurückzuführen wussten. Mir ist es mittlerweile ehrlich gesagt egal, Daina ist erwachsen und muss wissen, was sie tut; wenn sie sich gegen die Kollegin nicht zur Wehr setzt, hat sie wohl ihre Gründe dafür.

Und wenn der einzige Grund ist, dass sie keine Lust mehr hat halbsaubere Reagenzgläser zu bekommen, die beim Mischen von Chemikalien plötzlich ungeahnte Reaktionen zeigen. Ich habe auch hier beschlossen mich ein wenig bedeckter zu halten.

Jedenfalls war ich auf der Suche nach Daina und betrat die Chemiesammlung durch die Sammlungstür, da wurde mein leiser, fragender Ruf nach der Kollegin tonlos und ich betrachtete Kerstin, die mit wachsender Verzweiflung versucht die Tür zum Raum zu öffnen. Sie hatte die Hand schon auf die Klinke gelegt, zog an der Tür, konnte sie aber beim besten Willen nicht weit genug bewegen um durch den Spalt schlüpfen zu können. Sie kam mir vor wie ein Kind – klein, hilflos, mit etwas so Alltäglichem überfordert.

Sie ließ die Klinke los, wischte sich über das Gesicht, als habe sie eine große Anstrengung hinter sich, und schlug dann mit den Fäusten gegen die Tür.
„Kerstin?“
Sie drehte sich erschrocken zu mir um, strich sich über die Wangen und blinzelte mir entgegen. „Ja? Was ist?“
„Du… Brauchst du Hilfe? Soll ich dir die Tür öffnen?“
Sie sah mich an, lachte auf und verbarg dann ihr Gesicht in ihren Händen, stand so verloren vor mir, dass ich auf sie zuging und sie in den Arm nahm. „Kerstin…“
Mehr konnte ich wirklich nicht sagen.

Sie sah mich an und das Lächeln auf ihren Lippen wollte gar nicht so recht zu ihren Augen passen, dem auf einer Seite weggewischten Rouge, das sie seit Langem viel zu stark trägt und mit dem sie darüber hinwegzutäuschen versucht, dass ihre normale Hautfarbe schon längst aus ihrem Gesicht gewichen ist.

Sie bemerkte den zweifelnden Blick, mit dem ich sie betrachtete. „Du hältst mich für verrückt, oder? Wie die anderen auch. Weil ich mich nicht unter Kontrolle habe. Die ganze Zeit schon nicht.“
Ernst sah ich die Referendarin an. „Ich halte dich nicht für verrückt, Kerstin, ich halte dich für krank.“
Ihre Augen füllten sich mit Zorn, Verzweiflung, irgendetwas in dieser Richtung. Ein Blitzen, gefährlich. „Du weißt nicht wie das ist.“
„Ich weiß vielleicht nicht, wie das ist, Kerstin. Aber ich weiß, dass du dringend eine Therapie brauchst.“

An diesem Tag ging Kerstin Berit nach einigen Gesprächen mit den wichtigsten Stellen, sie ging sang- und klanglos, still und leise, sie machte dabei kein Aufsehen, nicht einmal ihre Schritte machten auf dem Boden Geräusche. Sie verließ das Kollegium ohne sich zu verabschieden, aber die Art und Weise, wie sie es tat, machte zumindest denen, die da waren in jenen Minuten, klar, dass sie für lange Zeit nicht wiederkehren würde.
Oder vielleicht, vielleicht ist das nur eine Hoffnung von mir, so wie beim letzten Mal auch, als wir glaubten sie würde sich in Therapie geben. Mich trifft das alles sehr. Doch ich bin froh, dass endlich etwas geschieht.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Ich hoffe, dass sie dieses Mal wirklich in Behandlung geht, aber ich glaube nicht daran. Denn tief in ihrem Inneren scheint Kerstin noch gar nicht davon überzeugt, eine Therapie machen zu müssen.
P.P.S.: „Sie will nur die Symptome bekämpfen, nicht die Krankheit selbst.“, sagt Frau Fuldaer und ich bin erstaunt, wie gut die beiden sich mittlerweile verstehen. Wer hätte gedacht, dass sich gerade zwischen den zwei Kolleginnen eine Freundschaft entwickeln würde?

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Die Abspaltung Mecklenburg-Vorpommerns im Hormonrausch

 

Als würde es nicht schon reichen, dass die Stimmung im Moment so unglaublich schlecht ist, dass Kerstin unfassbar dürr geworden ist, dass Frau Fuldaer immer fertiger aussieht, dass Frau Lindmahd Stress mit dem Direktor hat, dass Stefan nicht mehr mit Emily spricht, dass die Kollegen Corr und Donalds jetzt scheinbar richtig auseinander sind, dass Frau Peters der armen Frau Debian noch immer nicht verziehen hat und Renate zusehends die Kontrolle über ihre Klasse verliert.

 

Als wäre all das noch nicht schlimm genug, betrete ich heute pünktlich mit dem Pausenklingeln das Neulehrerzimmer und sehe dort Felizitas an unserem Tisch sitzen, in Tränen aufgelöst, die ihr heiß über die Wangen perlen. Sie hält ein Taschentuch in den Händen, tupft sich die Augen ab, blickt nach oben, als könne dies ihre Tränen abhalten.

„Feli, bitte nicht, weine du jetzt nicht auch noch. Was ist denn nur passiert?“ Ich lasse mich neben ihr auf den Stuhl sinken und streiche vorsichtig über ihren Arm. Dass wir die letzte Zeit nicht gerade gut miteinander auskommen, ist vergessen.
„Ist schon okay, mir geht es gleich wieder besser.“ Die erneuten Tränen sprechen eine andere Sprache, aber irgendwie scheint sie auch nicht tief bewegt zu sein.
„Was hast du denn gemacht? Seit wann sitzt du hier?“
„Seit eben gerade, ich hatte noch Unterricht.“
Mir schwant Böses. „Du warst so im Unterricht?“
Sie sieht mich an und lächelt. „Nein, nein, bis eben konnte ich mich noch zusammenreißen, zumindest halbwegs, ich,“
Felizitas streicht sich mit dem Taschentuch über die Wangen und putzt sich anschließend die Nase. „Ich verstehe gar nicht, warum ich so sentimental bin.“

Ich reiche ihr die Packung Taschentücher aus meiner Tasche und stützte mein Kinn auf meiner Hand ab, irgendwie werde ich nicht schlau aus meiner Freundin. „Haben deine Schüler etwas gemacht, oder warum weinst du? Ich meine, ich verstehe dich nicht, was ist denn los?“
Felizitas streicht sich über die Wangen und schüttelt den Kopf. „Nein, sie haben nichts gemacht, sie waren ganz lieb. Ich habe nur eine DVD mit ihnen geguckt, einen Spielfilm, „die Grenze“. Du weißt schon, diese Geschichte mit der erneuten Teilung Deutschlands, wo sich Mecklenburg-Vorpommern abspaltet.“
„Den habe ich nie gesehen.“ gebe ich zu.
„Ist auch nicht schlimm, du musst ihn nicht gesehen haben. Es ist halt nur so, dass da ein kleiner Junge erschossen wird, und dann ist da die Mutter und,“ Ihre Stimme versagt, Tränen laufen ihr über die Wangen und sie lächelt wieder, obwohl sie schluchzt.
„Tut mir leid, ich bin heute nicht so ganz auf der Höhe.“
„Ach Süße, es ist doch nur ein Film.“
„Ich weiß es ja, aber als das Kind stirbt und die Mutter absolut nichts machen kann, da habe ich nur gedacht,“ Sie sieht mich an und mit jedem Wimpernschlag laufen mehr Tränen.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es wäre mein Kind zu verlieren, verstehst du?“

Sie putzt sich wieder die Nase, bringt das Taschentuch zum Mülleimer und kehrt zu unserem Tisch zurück.
„Keine Ahnung, was da eben bei mir los war, aber ich saß da und konnte nur denken, dass es wohl nichts Schlimmeres auf der Welt geben kann als so was. Und dabei lief das Leben einfach weiter, die Schüler haben das Ganze als nicht halb so schrecklich erachtet wie ich es tat.“
Sie schüttelt den Kopf und sieht mich lächelnd an. „Vielleicht ist das aber ganz gut so, sonst hätten wir alle dort gesessen und geheult.“
„Du hast mich so erschreckt, das glaubst du gar nicht.“ teile ich ihr unaufgefordert mit und wir beide müssen lachen.
„Das tut mir Leid, wirklich, das war nicht meine Absicht. Ich bin es wohl noch nicht gewohnt eine werdende Mutter zu sein, was?“
Ich lege den Kopf schief und blicke sie abwartend an. „Eine bessere Ausrede ist dir nicht eingefallen?“
„Was soll ich denn sonst sagen?“ erkundigt sie sich verwirrt.
„Die Hormone sind schuld.“ antworte ich grinsend.

Da geht die Tür auf und Herr Wallert kommt herein, stoppt noch in dem Satz, den er gerade ausspricht und sieht überrascht zwischen uns beiden hin und her. „Mein Gott, was ist denn mit Ihnen los? Ist irgendwas passiert?“
Felizitas zerknüllt ein weiteres Taschentuch in ihren Händen und lächelt. „Hormone, Herr Wallert, das sind nur die Hormone.“

Der Mann betrachtet noch einen Moment seine beiden Kolleginnen und redet im Flüsterton mit sich selbst, während er zur Kaffeemaschine geht. „Hormone, Hormone, irgendwann werde ich auch schwanger, Hormone sind ja eh die Antwort auf alles.“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Sollte ich irgendwann schwanger sein, werde ich alle Filme überprüfen, bevor ich sie meinen Schülern zeige. Sicher ist sicher.

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Erinnerungen eines Möchte-gern-Casanovas

An mir ist gerade ein silbernes Cabrio vorbei gefahren, was mich an die Story erinnert, die Stefan letztens im Neulehrerzimmer zum Besten gab.

Wir saßen beisammen, die Pause war schon fortgeschritten und Stefan machte sich über irgendwas Gedanken, bis er aufsah und sie mit uns teilte.
„Wart ihr schon mal in eure Lehrerin verliebt?“
Felizitas lachte, Sarah stand auf und ging, nur Daina nahm sich dem armen Kerl an. Sie legte das Messer zur Seite, mit dem sie einen Apfel geschnitten hatte, und lächelte. „Nun, Stefan, in Anbetracht der Tatsache, dass ich eine Frau bin…“
Er verdrehte die Augen und knuffte sie in die Seite. „Du weißt doch genau, wie ich das meine.“
Sie lachte, steckte sich ein Stück Apfel in den Mund und sah ihn abwartend an. „Weiß ich das denn?“

Herr Hedwig schüttelte den Kopf. „Also ich war noch nie in eine meiner Lehrerinnen verliebt. Das ist doch auch nicht normal.“
„Dann hatten Sie nie so scharfe Lehrerinnen wie ich in der Oberstufe.“  kommentierte Herr Wallert trocken, weshalb der Kollege ihm einen bösen Blick zuwarf.
„Das hat doch damit nichts zu tun, das ist eine Einstellung.“ erklärte Herr Hedwig.
„Wenn Sie meinen.“ sagte Herr Wallert und sein Blick in meine Richtung war verschwörerisch.

Stefan spielte an dem Armband seiner Uhr. „Ich war damals in der zehnten Klasse unsterblich in meine Kunstlehrerin verliebt. Sie hieß Frau Birnbaum und war einfach toll: Jung, engagiert und unfassbar attraktiv. Sie war der Hammer.“
Daina verschränkte ihre Finger ineinander und stützte ihren Kopf auf diesen auf. „Das klingt wie der Traum eines jeden Schülers.“
„Nicht wahr?“ Stefan lächelte.
„Bis auf das engagiert, da wundert es mich, dass du da so viel wert drauf gelegt hast in dem Alter.“ setzte Daina nach.
Stefan ließ sich von ihr nicht weiter necken. „Sie hat die coolsten Ausflüge mit uns unternommen, ist mit uns raus gegangen um in der Natur Motive zum Zeichnen zu finden und hatte irgendwie immer ein offenes Ohr. Wir konnten mit allen Problemen zu ihr kommen.“
Daina steckte sich ein weiteres Stück Apfel in den Mund.
„Und habe ich schon erwähnt, wie unglaublich Hammer sie aussah?“
Die Frage blieb unbeantwortet, denn Daina hatte sich an ihrem Apfel verschluckt und hustete.

Stefan hatte etwas Versonnenes in seinem Blick. „Ich kannte ihre Telefonnummer und Adresse, wusste, was ihre Lieblingsfarbe war und wann sie Geburtstag hat. Ich konnte sogar ihr Kennzeichen auswendig.“
„Gruselig.“ wurde natürlich sogleich von Herrn Hedwig dazwischengeworfen.
Felizitas sah an ihm vorbei. „Aber sie scheint dir ja nie eine Chance gegeben zu haben.“
Stefan zog einen Schmollmund. „Ja, für die Schwärmereien eines pubertären Jungen hatte sie kein Verständnis. Zu der Zeit war sie aber auch schon verheiratet, wenn ich mich recht entsinne, und hatte auch eine Tochter. Nein, Moment, ich glaube es war ein Sohn. Es hatte halt einfach nicht sein sollen mit uns.“
Seufzend nahm er sich etwas von Dainas zweitem Apfel.
„Nur wisst ihr, sie fuhr so eine silbernes Cabrio, und immer, wenn ich irgendwo einen solchen Wagen sah, bekam mein Herz einen kleinen Stich.“
„Wie süß.“  Daina, die sich erholt hatte, lächelte.

Herr Wallert wiederum kehrte gedanklich gerade von seinem Lehrerinnen-Schwarm zurück. „Wie bist du denn auf sie gekommen?“
„Steht vor der Schule ein silbernes Cabrio?“ stichelte Herr Hedwig.
Stefan spielte mit dem Messer in seinen Händen, weshalb der Kollege vielleicht ein bisschen vorsichtiger sein sollte. „Nein, aber ich habe am Wochenende meine ehemalige Lehrerin getroffen, als ich meine Eltern besucht habe.“
„Oh, wie romantisch.“ schwärmte Daina.
„Naja, kommt ganz darauf an wie man es sieht,“ gab Stefan zu. „schließlich war die gute Frau Birnbaum damals schon Fünfunddreißig. Und das ist viele Jahre her.“

Die anderen lachten, nur Herr Wallert neigte sich wie vertraulich nach vorn. „Da solltet ihr mal überlegen, wie alt meine Lehrerin heute ist.“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

 

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Zu verpeilt für den Unterricht

 

Die Kollegin Lindmahd steht vor dem Klassenraum einer zehnten Klasse und wirkt mal wieder leicht orientierungslos. Erneut bin ich froh darüber, dass sie meine Schüler nicht unterrichtet.

Denn eigentlich mag ich sie echt gern.

 

 

 

Frau Lindmahd wendet sich erst einmal an die, vor dem Klassenraum schon ungeduldig wartenden, Schüler.
„Ähm, warum steht ihr denn hier?“
Ein Schüler wirft seinem Kumpel einen vielsagenden Blick zu, während die Schülerin hinter ihm schon die Augen verdreht.
Der Junge deutet zur Tür. „Wir haben Spanisch.“
„Dann bin ich ja beruhigt, ich dachte schon…“ Sie legt die Stirn in Falten und tauscht ihre Tasche von der einen zur anderen Hand.
„Bei wem denn?“

Die Schüler wirken mehr und mehr amüsiert. „Bei Ihnen, Frau Lindmahd, so wie jedes Mal an diesem Tag zu dieser Zeit, Woche für Woche, seit wir aus den Ferien zurück sind.“
Annabelle ist sichtlich überrascht. „Wir haben jetzt Unterricht? Das ist doch nicht euer Ernst, oder?“
Es scheint ihr Ernst zu sein.
Frau Lindmahd sieht sich gestresst um. „Ich kann aber nicht bei euch unterrichten, ich habe ganz eindeutig Besseres zu tun.“
Nun hat sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Klasse.
Sie beißt auf ihre Unterlippe. „Also nicht, dass ihr nicht wichtig seid oder so…“
Die Kiddies winken ab. „Schon gut, wir haben auch Besseres zu tun, das können Sie uns wirklich glauben.“

Annabelle fährt sich durchs Haar. „Jedenfalls bin ich mich eigentlich mit einer Kollegin verabredet, die wartet schon auf mich. Wir wollten in die Stadt fahren.“
„Sie können ruhig fahren, Frau Lindmahd, gar kein Problem. Dann machen wir eben solange Freistunde.“ erklären die Schüler.
„Das geht nicht, wir müssen schon Unterricht machen. Ich kann nicht einfach so gehen, wenn der Direx das merkt, bin ich dran.“
Die Klasse beginnt zu diskutieren.

 

Frau Lindmahd schüttelt den Kopf, sie ist noch immer ein wenig verwirrt. „Seit wann haben wir denn Spanisch in dieser Stunde?“
„Schon immer?“
„Und wo steht das?“
Eine Schülerin deutet mit klackendem Fingernagel auf den kleinen Zettel in der Klarsichtfolie an der Tür. „Auf dem Stundenplan vielleicht?“
Die Kollegin besieht sich den Plan gewissenhaft. „Tatsächlich, da steht das. Merkwürdig, dann muss ich euch mit einer anderen Klasse verwechselt haben.“
„Haben Sie nicht eben noch gesagt, Sie hätten geglaubt, Sie hätten frei?“ erkundigt sich nun ein weiterer Schüler interessiert.
„Seit wann hörst du mir eigentlich zu, wenn ich etwas sage?“
„Gutes Argument.“

Sie schließt den Klassenraum auf, lässt die Schüler eintreten und bleibt noch in der Tür stehen. „Welche Klasse seid ihr denn? Siebte oder Achte?“
„Zehnte, Frau Lindmahd.“
„Echt? Seit wann denn das?“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Kein Strand, kein Dinner, keine Pferde – keine Verlobung

Als er heute Morgen zur zweiten großen Pause hin das Lehrerzimmer betritt, begrüßt mich der Kollege Clemens unerwartet freudig. „Oh, Frau Falke, strahlende Sonne meines Tages!“

Verwirrt sehe ich von dem Kaffee auf, den ich mir gerade ohne böse Vorahnung einschenke. „Ihnen auch einen guten Morgen…?“

Er begleitet mich zu meinem Tisch und schüttelt dabei den Kopf. „Also wirklich, das ist jetzt aber schon ein wenig enttäuschend. Dafür, dass Sie in Begriff sind mich zu heiraten, war Ihre Begrüßung ziemlich kalt.“
„Ach, wir heiraten? Wann ist denn das passiert?“

Grinsend setzt er sich mir gegenüber. „Haben Sie es noch nicht erzählt bekommen? Mir haben es die Schüler gleich mehrfach berichtet.“
Ich sehe ihn abwartend an.
Er lächelt spitzbübisch. „Den Schülern ist mein neuer Ring aufgefallen, also haben sie die Tage damit verbracht, Ausschau zu halten, wer außer mir noch einen Ring an der richtigen Hand trägt. Und da sie von einigen Kolleginnen wussten, dass diese verheiratet beziehungsweise verlobt waren, und mir keinen Kollegen zugetraut haben,“
„Wer könnte das auch?“ kann ich es mir nicht verkneifen dazwischen zu reden, was ihn jedoch nicht aus dem Takt bringt.
„Jedenfalls kamen sie wohl alsbald überein, dass du die Auserwählte sein musst.“

Ich sehe auf den Ring, den ich an der rechten Hand trage, wenn auch mehr aus der Tatsache heraus, dass ich an der linken Hand schon zwei Ringe habe, als der Symbolträchtigkeit wegen.
„Nun, dann kann man uns beiden wohl nur gratulieren, oder?“

„Ach, Sie nehmen den Antrag gleich an?“ erkundigt er sich erstaunt.
Ich zucke mit den Schultern. „Hätte ich noch auf Kerzenschein und ein Dinner zu zweit warten sollen?“
„Am besten noch am Strand mit Pferden?“
„Aber ich kann überhaupt nicht reiten.“ gebe ich zu bedenken.
Nicolas grinst. „Ich auch nicht.“
„Da passen wir wohl noch besser zusammen, als ich bisher dachte.“

„Was halten Sie denn davon, wenn wir das mit dem Antrag gleich mit einer schönen Reise verbinden? Wir könnten Paris, Venedig, Wien oder Rom besuchen, es gibt so viele schöne Orte.“
„Planen Sie Ihren nächsten Urlaub?“ erkundigt sich Felizitas, die sich eben erst zu uns gesetzt hat.
„Unsere Verlobung.“
Feli entgleiten für einen Moment die Gesichtszüge. „Eure…? Ach so, die Schüler, was?“
Nicolas sieht sie mit einem gespielt verletzten Blick an. „Was soll denn jetzt das heißen, Frau Kollegin? Trauen Sie es mir etwa nicht zu solch ein bezauberndes Wesen zur Frau bekommen zu können?“

Feli verschluckt sich an ihrer Apfelschorle, sie gewöhnt sich gerade das Kaffeetrinken ab. „Bezauberndes Wesen…? Ach, Sie meinen sie?“
Erstaunt deutet sie auf mich.
„Blöde Nuss.“ beschwere ich mich und setze unbedacht hinzu: „Du bist ja nur neidisch.“
Da weicht die Farbe für eine Sekunde aus ihrem Gesicht, auch wenn man das unter ihrem leicht gebräunten Teint nicht ganz so gut sehen kann. „Vielleicht hast du Recht.“

Emily wirft mir einen warnenden Blick zu, Nicolas lächelt Felizitas an, als sei da gerade nichts passiert. „Die Schüler kommen auf Ideen, was?“
„Mich wundert es nicht.“ sagt Felizitas und in ihrer Stimme klingt unterschwellig die Wut mit, die sie auf mich hat.
Momentan ist sie sehr empfindlich, man muss sich jedes Wort dreimal überlegen und hat dann doch noch eine hohe Chance das Falsche zu sagen.

Ein wenig irritiert hebt Nicolas eine Augenbraue. „Ah ja? Warum denn das?“
„So wie Sie miteinander flirten.“
Der blonde Kollege beißt sich auf die Lippe und nimmt den Kopf zurück, als habe ihn dieser Schlag unerwartet getroffen. Er blickt mich an, als frage er mich, was ich davon halte, schüttelt dann aber den Kopf und lächelt.
„Wissen Sie, Felizitas, da haben Sie wirklich Recht. Aber deshalb sind wir ja jetzt auch verlobt. Damit wir ganz ungeniert miteinander flirten können.“

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Heute war auch nur ein Tag

Heute will ich nichts erzählen.

Heute haben alle herum geschrien.

Heute gab es zu viele Tränen.

Heute wurde sehr Unfaires gesagt.

Heute wollten wir nicht zueinander finden.

Heute wurde nur gekämpft.

Heute habe ich mich nicht gewehrt.

Heute fehlte uns die Kraft.

Heute entschuldigten sich einige.

Heute bestanden andere darauf im Recht zu sein.

Heute zeigte sich der Abgrund.

Heute war es als breche die Welt zusammen.

 

Aber heute war auch nur ein Tag und morgen wird alles besser.

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Vom Partnerfinden und Testsbestehen

 

Daina korrigiert an unserem Tisch, den Kopf auf ihren Händen aufgestützt, und sieht mich mit einem leidenden Blick an, als ich das Neulehrerzimmer betrete.
„Deutsch oder mehr so Chemie?“ erkundige ich mich und lasse meine Tasche elegant zu Boden sinken, während ich auf die Kaffeemaschine zusteuere.
„Auch Kaffee?“

„Mehr so Chemie und Kaffee immer gern.“ Sie lächelt, legt einen Zettel beiseite und trommelt mit dem Rotstift auf den Tisch.
Ich reiche ihr die dampfende Tasse, sie nimmt sie dankend an und ich setze mich zu den Mädels.
Emily blättert desinteressiert in einem dünnen Buch, das ihr ein Kollege vorhin empfohlen hat. „Klausuren, Arbeiten oder Tests?“

„Tests, zu mehr konnte ich mich bislang nicht durchringen.“ berichtet Daina und legt zwei Zettel nebeneinander, die sie dann eingehend betrachtet.
Felizitas grinst wissend. „Überraschend oder angekündigt?“
„Überraschend natürlich, ich meine, wenn, dann richtig.“ Die Kollegin trommelt wieder unbewusst mit dem Rotstift.

 

„Also ich schreibe keine unangekündigten Tests mehr mit meinen Schülern.“ erklärt Frau Crande uns.
„Ich tu mir das doch nicht freiwillig an. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass die nur dann Vokabeln lernen, wenn ich es vorher ausdrücklich eingefordert habe.“

„Aber über Dinge, die laufend im Unterricht vorkommen, schreiben Sie doch schon, oder nicht?“ erkundigt sich Stefan.
„Eigentlich nicht, nein. Was soll ich mich über die ärgern, wenn es nicht notwendig ist?“

„In Mathe schreibe ich schon hin und wieder die verschiedensten Tests, nur um zu gucken, wer seine Hausaufgaben tatsächlich macht und was noch nicht verstanden wurde.“ berichtet Sarah.
„In Mathe ist das auch etwas anderes, da kann man nicht am Unterricht teilnehmen ohne wenigstens das Prinzip verstanden zu haben. In Französisch kann man vier Jahre sitzen ohne auch nur eine Vokabel dazuzulernen.“ setze ich mich für meine Fremdsprachenkollegin ein.

„Aber schreibst du mit deinen Klassen in Englisch nicht auch von Zeit zu Zeit die Tests über die gelesenen Kapitel?“
„Nicht mehr,“ gebe ich zu. „das ist jedes Mal viel zu ernüchternd.“
„Warum denn ernüchternd?“ Sarah wirft einen fragenden Blick zu Daina und mir.

„Na, hier zum Beispiel. Da reden wir seit fünf Wochen schon über Glucose, dann sollen sie die Formel und Strukturformel angeben und was schreiben sie? C6H12O12. Ich meine, was wollen die mir denn damit mitteilen?“ Daina schüttelt den Kopf.
Ich zucke mit den Schultern und Emily schlägt das eh langweilige Buch zu.
„Und hier, das ist noch besser. Schreibt die richtige Formel hin und malt trotzdem nur fünf Sauerstoffatome. Oder die Kandidatin, die glaubt allen Ernstes, es gäbe „Wasserbrückenbindungen“. Klar, Wasserstoffbrückenbindungen sind ja auch überbewertet.“

„Sehen Sie, das nächste Mal schreiben Sie lieber angekündigt.“ lässt sich Frau Crande nicht beirren.

„Eines muss ich euch noch zeigen, das ist von einem ganz besonderen Genie.“ sagt Daina und schreibt ein großes F neben die Antwort.
„Der hier ist der Überzeugung, die Aldehydgruppe wäre der CH2OH-Teil. Was soll ich denn da noch sagen?“
Sarah zuckt mit den Schultern.

„Oder hier, das ist noch besser. Auf die Frage hin, wo sie einen Partner für den negativ geladenen Sauerstoff finden können: Partnerbörse.de. Und dann wundern die sich, wenn ich mich von ihnen verarscht fühle.“ Daina verzieht für einen Moment missbilligend den Mund.

„Also ich finde es fast schon wieder gut, wenn sie mit so einem Humor an die Sache rangehen.“ meint Stefan amüsiert.
„Erst im Unterricht nicht aufpassen und dann auch noch frech werden.“ sagt Daina und verdreht die Augen.
„War ja klar, dass dir das gefällt.“

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Vielleicht krame ich die Kapitel-Tests nochmal raus, wer weiß, ob die Schüler nicht einem plötzlichen Interesse für ihre Deutsch- oder Englischlektüren erlegen sind.
P.P.S.: Hört auf zu lachen, ich weiß, es ist unrealistisch. Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen, oder?

 

 

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Mit ihm auf ihrer Seite



„Hast du deinen siebten Sinn für die Probleme deiner Mitmenschen verloren oder bloß keine Lust mehr dich damit zu beschäftigen?“ Stefan setzt sich mir quer gegenüber auf einen Stuhl und trinkt einen Schluck Kaffee, während er mich nicht aus den Augen lässt.

Ich senke den Blick, seine Ansage hat mich verletzt, aber momentan wird sowieso nur noch auf diese Weise kommuniziert, wie mir scheint.

Er bemerkt es nicht, oder es ist ihm egal, eines von beidem.

In meinen Gedanken gehe ich die möglichen Kollegen durch, von denen er sprechen kann. Emily wegen ihres nicht näher definierbaren Problems, Sarah wegen Michael, Feli wegen der Schwangerschaft, Herr Krüger wegen seines Kindes, Herr Wallert wegen seiner schlechten Laune, Frau Vogt wegen ihres katastrophalen Gesundheitszustandes oder er selbst, da ihn diese merkwürdige Verliebtheit nicht loslässt?

Aber als ich ihn ansehe, weiß ich, von wem er spricht, natürlich. „Megan.“ Es ist keine Frage, nur eine Feststellung. Es ist ihm also aufgefallen.

Stefan verschränkt die Arme, als müsse er etwas abwehren. „Seit wann weißt du es?“

„Zwei, drei Monate, vielleicht auch vier, wenn du die Ferien mitrechnest.“ sage ich leise. Die anderen Kollegen müssen nicht mitbekommen, um was es hier geht.

Stefan schüttelt den Kopf, als wäre er vollkommen fassungslos. „Zwei, drei Monate? Wie konnte ich es nur so lange nicht bemerken? Man sollte meinen etwas so Offensichtliches könne einem nicht entgehen.“

Ich könnte jetzt einiges dazu sagen, ihm erklären, dass es nicht so offensichtlich war, was sie alles daran gesetzt hat, dass es niemand bemerkt… Aber es bringt nichts. „Sie hat es gut versteckt, Stefan.“

„Versteckt.“ lacht er auf, schüttelt dann verbittert den Kopf. „Prima, ehrlich.“

Darauf kann ich nichts entgegnen, doch das muss ich auch gar nicht, denn der Mann rutscht auf seinem Stuhl nach vorn und seine Züge werden hart. „Du hättest wenigstens mit ihr reden müssen.“

Erneut trifft er mich, denn es ist nicht fair mir zu unterstellen, ich hätte nichts getan. Alles habe ich versucht, doch es war nicht machbar. Ich kann nicht das Leben all der Menschen um mich herum auf die Reihe bringen. Und gerade bei Megan… Die vielen Dinge, die ich wegen ihr unternehme, sind jetzt schon überfordernd. „Vielleicht habe ich mit ihr geredet, das kannst du nicht wissen.“

„Scheint ja nichts gebracht zu haben.“ gibt er zurück.

Es ist mir ein Rätsel, warum es nun plötzlich meine Aufgabe ist, mich um ihren seelischen Zustand und ihr körperliches Wohl zu kümmern. „Sie ist erwachsen. Wir können sie bis zu einem gewissen Grad unterstützen, aber sie muss es letztendlich selbst wissen.“

Er verzieht den Mund, meine Antwort missfällt ihm. „Dass gerade du so etwas sagst, finde ich richtig erschütternd, weißt du das? Ich habe wirklich mehr von dir erwartet. Dass du ein Verständnis dafür hast.“

Dabei müsste gerade er wissen, wie hilflos mich das alles macht. Er ist es, der mir anrechnen müsste, wie sehr ich mich bislang eingesetzt habe was das Schulische angeht, dem klar sein müsste, dass ich nicht auch das Private auf mich laden kann. Er ist es, der wissen müsste, dass ich nicht weiter hinaus kann über diesen Punkt, dass ich selbst genug Probleme habe und vor allem mich selbst gefährde, wenn ich nicht aufpasse, jetzt, wo es gerade gut läuft.
Doch er ist es, der in seiner Wut auf jemand ganz anderen nun mich zum Feindbild auserkoren hat.

„Ich werde auf jeden Fall nicht untätig hier herumsitzen. Ich werde ihr helfen, das kannst du mir aber glauben.“ Er steht auf und funkelt mich an.

Ich lächle ihn an, es ist ehrlich gemeint. „Das hoffe ich, Stefan, sogar sehr. Und ich wünsche dir alle Kraft, genug Mut und die nötige Verständnis um ihr beizustehen.“

Da geht eine Regung über sein Gesicht, und ich glaube, er hat verstanden, dass wir eigentlich auf der gleichen Seite stehen.

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Zu meiner Schulzeit VIII

Die liebe bambooos – oder Frau A., je nachdem, ob ihr sie von Twitter kennt oder ihren Blog verfolgt – hat sich ebenfalls hinreißen lassen uns einen kleinen Schwank aus ihrer Jugend zu erzählen. 😉 
Wie gewohnt sehr schön geschrieben habe ich mich in ihre Schulerinnerung sehr gut hinein versetzen können. Und so heißt es zum achten Mal „Zu meiner Schulzeit…“. 

 

 

Zusammenhalt

 

found on http://missbelieber.tumblr.com/post/15820778718 Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, ist mir eine Sache besonders im Kopf geblieben. Ich kam durch einen Umzug an eine neue Schule, keine Bekannten, keine Freunde, nichts. Trotzdem wurde ich (damals noch mit Brille & Zahnspange, ganz schlimm…) freundlich aufgenommen und alles war gut.
Mit einer Freundin hatte ich mir sogar einen coolen Namen ausgedacht, den wir überall hinkritzelten… „TienzZz`n`BienzZz rulezZz“
Oh ja, mit großen und kleinen Z´s, total teenie 😉
Eines Tages beschlossen wir, das heilige Klassenbuch mit unserem Emblem zu verschönern, schlugen es auf und malten auf eine komplette Seite im Klassenbuch unser „Logo“. Die Klasse schaute uns dabei belustigt zu, wir fanden uns cool.
Dann klingelte es.
Meine Lehrerin kam herein, öffnete das Klassenbuch und bekam einen zornesroten Kopf. „WER WAR DAS????“. Ups. Eigentlich war laut werden nicht ihre Art, deshalb waren wir ganz schön erschrocken, als sie wegen unserer Zeichnung so ausflippte. (Inzwischen auf der anderen Seite stehend weiß ich, dass ein Klassenbuch ein offizielles Dokument ist, was von der Schulleitung regelmäßig geprüft wird…).
Entziffern konnte sie unser kryptisches Gemälde nicht. Aber es war auch egal. Jemand hatte das Klassenbuch beschmutzt.
Alle schauten betreten auf die Bank. Mir wurde heiß. Meine Freundin schaute sich nicht zu mir um, auch ihr Kopf war gesenkt. Das Blut pochte förmlich in meinem Kopf. Und wir warteten darauf, was passieren würde. Verdammt! ALLE wussten, dass wir es waren. Alle!
„Egal wer es war, das ist eine Sauerei. Sowas macht man nicht! Wer war das?“
Der Druck stieg allmählich, es war totenstill im Raum…
…und doch meldete sich niemand.
Keiner verpetzte uns. Keiner machte den Mund auf.
Wow!
Meine Lehrerin fuhr sich einigermaßen herunter und begann mit dem Unterricht.
Ich schämte mich. Zutiefst.
Diese tolle Frau und Lehrerin durch so einen Blödsinn so zu verägern war nicht unsere Absicht gewesen. Es war mir peinlich, dass wir sie so provoziert hatten.

Nach der Stunde war Hofpause.
Wir überlegten, was wir tun könnten, um das wieder gut zu machen…und entschieden uns (nachdem wir unser Werk ausradiert hatten – zum Glück war es nur Bleistift gewesen), uns zu stellen. Mit gesenkten Köpfen klopften wir an ihrer Tür, sie empfing uns freundlich und mit einem ehrlichen Lächeln… „Was gibt´s?“
Dann beichteten wir unsere Tat. Holten uns eine kurze Standpauke ab…und ein Lob für unseren Mut, uns zu stellen und ihr die Wahrheit zu sagen. Eine Strafe gab es nicht. Die Scham war uns anzusehen, das schien gereicht zu haben.

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