Er liebt sie nicht

Es ist schon gegen fünf Uhr, Herr Falke ist erst vor ein paar Minuten nach Hause gekommen und hat soeben Sarah  die Tür geöffnet, die zitternd im Türrahmen stehen. „Ich kann nicht mehr. Das alles – ist zu viel.“

Erschrocken stehe ich auf und nehme sie am Arm, diese junge Frau mit den zerzausten Haaren, die schwer atmend nach Luft ringt und sich zusammen krümmt. Vorsichtig führe ich sie zur Couch, während sie so sehr schluchzt, dass ich nicht verstehe, was sie sagt.
Herr Falke tritt aus dem Flur ins Wohnzimmer und wirft mir einen fragenden Blick zu, den ich bloß mit einem Schulterzucken beantworten kann.
„Sarah, was ist denn passiert? Um Himmels Willen, bitte.“ Ich halte sie, aber sie schüttelt nur den Kopf.
„Ich bin auch so dumm, so kindisch! Wieso habe ich geglaubt, es würde besser werden? Warum tue ich mir selbst nur so weh?“

Es mag schlimm klingen, aber mir fällt ein Stein vom Herzen, als sie dies sagt.  In meinen Gedanken hatte ich mir schon sonst etwas vorgestellt, um Horrorszenarien bin ich als geborene Deutschlehrerin ja nie verlegen.
„Du warst wieder bei ihm.“
Sie sieht mich an und ihre blauen Augen füllen sich wieder mit Tränen. „Ich war bei ihm, dabei wollte ich es wirklich nicht. Ich meine, ich habe doch gesagt, dass ich es nicht mehr will.“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, denn ich erkenne meine Sarah in dem verletzten Wesen, das da neben mir kauert, nicht wieder.
„Aber dann hat er angerufen und gemeint, dass er eine Flasche Rotwein hätte, und ich war so einsam, so verdammt einsam, weil alle in irgendwelchen Beziehungen leben und ich die einzige bin, auf die niemand wartet, wenn sie nach der Schule heimkommt, und weil das alles so unfair ist,“ Sie presst ihre Hand auf ihren Mund, bis sie sich gefasst hat.
„Er hat mich abgeholt und wir waren bei ihm, alles war schön, nur dann waren wir noch spazieren und ich habe ihn gefragt, ob er das für sinnvoll hält, was wir da machen.“
„Weil du weißt, wie sehr es dir nahegeht.“
Sie beißt sich auf die Lippe und nickt. „Er meinte, dass er es gut so findet und dass er mich nicht liebt.“
„Sarah,“ setze ich an, merke aber, dass diese Aussage nicht der Grund dafür ist, dass sie so fertig ist.
„Er hat danach gefragt, ob ich auf dem Sofa schlafen will oder in seinem Bett, oder ob er auf dem Sofa schlafen solle.“ Sie schluckt. „Oder ob er mich gleich nach Hause fahren soll.“
„Oh, Sarah,“ setze ich an und reiche ihr die Box mit Taschentüchern.
„Um drei Uhr morgens, einfach so, verstehst du? Er hat mich rausgeschmissen, weil er hatte, was er wollte, und ich war so dumm und habe es zugelassen. Ich meine, ich bin noch so begeistert zu ihm gegangen, war so froh, dass er mich angerufen hatte! Ich habe mich den ganzen Tag darauf gefreut.“
Es klingt bitter, wie sie das sagt, und nicht halb so abgeklärt wie bei unserem ersten Gespräch.
„Ist es denn so falsch, dass ich mich nach einer Beziehung sehne? Dass ich mir jemanden wünsche, der einfach nur für mich da ist? Ich will mich doch bloß zu ihm auf die Couch setzen und mich anlehnen, wissen, dass da jemand ist, mit dem ich meine Gedanken teilen kann.“
„Du wirst jemanden finden, der dir all das bietet, ohne dich derart zu verletzen, Sarah, da bin ich mir sicher.“ versuche ich sie zu trösten, doch eigentlich weiß ich, dass dieser Satz unbedeutend ist.
„Ich habe den ganzen Samstag geschlafen, und immer wenn ich aufwachte, habe ich alles daran gesetzt wieder einzuschlafen, weil ich nicht ertragen habe, was in meinem Kopf für Gedanken waren, und mich selbst am allerwenigsten.“
Ihre Züge umspielen eine Härte, sie blinzelt aufsteigende Tränen weg und lächelt.
„Dafür habe ich am Sonntag dann das einzige gemacht, was eine vernünftige Frau meines Alters in einer solchen Situation tun kann. Ich habe mich hoffnungslos betrunken.“
Sarah trinkt sonst nicht mehr als zwei Bier, demnach bin ich mir nicht sicher, was es für sie bedeutet, hoffnungslos betrunken zu sein. Anderseits habe ich sie bislang auch immer als sehr bodenständig und ausgeglichen erlebt.
„Natürlich habe ich keinen Bissen herunterbekommen, demnach war ich am Montagmorgen komplett verkatert, aber in der Schule ist es momentan ja ausreichend auf halber Flamme zu laufen. Die sind alle so mit sich selbst beschäftigt…ich müsste tot umfallen, damit mich jemand bemerkt.“
Sie sieht mich von sich selbst überrascht an. „Entschuldigung.“
Ich nicke bloß.
Sarah ist mit ihren Gedanken schon längst weiter. „Ich dachte, es würde wieder werden, ich käme drüber hinweg, da schreibt er mir diese SMS und ich drehe wieder total durch.“
„Das war Mittwoch, oder?“ frage ich, obwohl ich die Antwort schon kenne, denn da war sie wie von Sinnen gewesen.
„Er hat geschrieben, dass er an mich denken muss und es ihm Leid tut, dass er mich verärgert hat. Und dass er das Treffen wiederholen möchte, natürlich.“ Sie schnäuzt sich die Nase, daraufhin fließen wieder Tränen.
„Ich habe keine Lust mehr auf den ganzen Terror, verstehst du? Ich will mich nicht mehr jedes Wochenende aufstylen wie ein Teenager und in Diskos und Bars nach dem Richtigen suchen. Ich will in keine Kneipen mehr, in keine Opern und Theater, in keine Musical und Konzerte und all den anderen Müll. Ich will nicht mehr auf irgendwelche Feste und Feiern und sonst irgendwas.“
Sie schaut hoch, ihr Blick spricht Bände.
„ Ich will nicht mehr viermal die Woche in diese dämlichen Restaurants ausgeführt werden und dafür dann drei Tage hungern, damit ich in diese verfluchten Kleider passe. Ich will, verdammt nochmal, nicht so weitermachen.“
Ich sehe meine Freundin an und sie würde sehen, dass mich dieses Geständnis überrascht hat, wäre sie nicht gerade viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
„Ich kann es auch nicht, verstehst du? Ich kann so nicht mehr weitermachen.“ Sie streicht sich das Haar mit beiden Händen aus dem Gesicht.
„Und nun sitze ich bei dir auf der Couch und versaue euch den schönen Abend, es tut mir Leid, wirklich.“
„Du versaust gar nichts, Sarah.“ sage ich ehrlich, denn wenn sie wüsste, was hier los war… „Ist doch verständlich, dass du jemanden zum Reden brauchst, und ich bin froh, dass du da bist.“ setze ich hinzu, mit schlechtem Gewissen
Sie fährt sich über die Augen und lächelt dann wieder. „Es ist schon witzig, oder? Da sind wir jetzt schon so lange aus unserer Referendarszeit raus und unsere Krisensitzungen sind doch die Gleichen geblieben.“
„Naja, die Themen haben sich schon ein wenig verändert, meinst du nicht?“

„Nun, Hochzeit, Affären, Tod und Schwangerschaften waren damals eben noch nicht so sehr in unser Leben involviert wie es jetzt der Fall ist.“
Ich verdrehe die Augen. „Noch nicht so sehr involviert? Unsere größte Sorge war es, herauszubekommen, wie man das Format der Arbeitsblätter im Nachhinein ändern kann, ohne, dass die Absätze und Einschiebungen wieder alle weg waren.“

„Und erst die Folien…“ Sarah beginnt zu lachen und ich stimmte für einen kurzen Moment mit ein.

 

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Das sollte klar sein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Er liebt sie nicht

  1. Rina schreibt:

    Liebeskummer ist wie ein kleiner Tod.
    Worte sind schwer zu finden. Und wenn, kommen sie an? Wichtiger als Worte ist, dass du da warst. Auch wenn du selbst Sorgen hast. Das macht eine Freundin aus.

    Zu deiner Geschichte passt folgendes Zitat aus Harold „einzlkind“:
    „Erwartungen … enden nur in Hoffnungen, die über die Enttäuschungen des Geschehenen hinweg trösten sollen.“

    Ich wünsche deiner Freundin die Kraft, dem Ende ohne Schrecken zu entrinnen.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich wünschte nur es gäbe eine Möglichkeit einem Menschen klarzumachen, was er einem anderen bedeutet. Wie wertvoll dieses Geschenk ist.
      Das Zitat ist schön, aber sehr, sehr traurig. Und ich frage mich, was ist, wenn man die Hoffnung irgendwann auch nicht mehr hat.

      • Rina schreibt:

        Zitat: Ich wünschte nur es gäbe eine Möglichkeit einem Menschen klarzumachen, was er einem anderen bedeutet. Wie wertvoll dieses Geschenk ist.

        Vielleicht im Fall deiner Freundin: Wieviel wert ist sie sich erstmal selbst? Es liest sich so, als wenn Sarah um diese Frage weiß und es sie deshalb „zerreißt“.

        Zitat: Und ich frage mich, was ist, wenn man die Hoffnung irgendwann auch nicht mehr hat.

        Man könnte jetzt natürlich noch traurigere Dinge schreiben zum Thema Hoffnung. Aber ein Hauch von Altersweisheit😉 hat mich schon gestriffen und mittlerweile erkenne ich für mich: Der Schlüssel liegt in den (zu hohen) Erwartungen. Dann ist die Ent-Täuschung nicht so groß.

  2. annettchen schreibt:

    So schlimm das alles ist, aber Gefühle kann man nun mal nicht erzwingen.

  3. iamnot schreibt:

    This pain is not to make you sad, remember.
    That’s where people go on missing….
    This pain is just to make you more alert –
    because people become alert only when the
    arrow goes deep into their heart and wounds them.
    Otherwise they don’t become alert.
    When life is easy, comfortable, convenient,
    who cares?
    Who bothers to become alert?
    When a friend dies,
    there is a possibility.
    When your woman leaves you alone –
    those dark nights, you are lonely.
    You have loved that woman so much
    and you have staked all,
    and then suddenly one day she is gone.
    Crying in your loneliness,
    those are the occasions when,
    if you use them,
    you can become aware.
    The arrow is hurting:
    it can be used.
    The pain is not to make you miserable,
    the pain is to make you more aware!
    And when you are aware,
    misery disappears.

    OSHO

  4. MissA schreibt:

    Sarahs Sätze könnten so auch von mir stammen. Ich will das nicht mehr und mache es auch nicht mehr – aber ach wie schwer ist es, wenn andere von ihren Beziehungen erzählen. Schwierige Situation, Ablenkung ist immer gut.

  5. nadineswelt schreibt:

    Arme Sarah! Ich kann sehr gut nachfühlen, wie es ihr das Herz zerreißt! Ich hoffe, sie findet ein anständiges Exemplar von Partner, und das schon sehr bald!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s