Arboretum

 

An diesem Morgen steht er vor meiner Wohnungstür und sieht mich an. Er sieht ausgeruht aus, ganz anders als ich mich fühle, und ich bin sowieso verwirrt, dass er hier ist. Ich habe nichts erzählt, und gesehen hat er mich seit Freitag auch nicht mehr, und nicht einmal eine meiner Freundinnen kann mich verpetzt haben. Und dennoch steht er vor mir, der Kollege, der die besondere Fähigkeit hat immer dann aufzutauchen, wenn bei mir alles drunter und drüber geht, und stützt sich mit der Hand am Türrahmen ab.

„Guten Morgen.“ grüßt er mich, als wäre es normal, dass er um die Uhrzeit an einem Sonntag vor mir steht.
Sprachlos sehe ich ihn an, hätte ich von seinem Kommen gewusst, hätte ich versucht zumindest zu tun als wäre alles okay. Er aber hat mir diese Möglichkeit gar nicht gegeben.

Ich deute ihm einzutreten, er folgt mir mit ernstem Blick, im Flur sieht er sich um ohne Anstalten zu machen seine Jacke abzulegen. Er mustert mich, und ich fühle mich unwohl, obwohl ich zurechtgemacht bin und nicht mehr mit von der Nacht zerzaustem Haar und  den wenigen Sachen, die ich zum Schlafen trage, vor ihm stehe. Aber es ist wie so oft mit ihm. Er scheint mehr zu sehen in meinen Augen, als könnte er mir in den Kopf blicken. Ich verfluche das.

„Mein Wagen steht unten. Wir müssen gleich los. Nimm dir etwas zu  Trinken mit, wenn du magst, und vielleicht deinen Fotoapparat.“ Er folgt mir in die Küche, wo ich stehen bleibe.
„Was hast du vor?“
„Eine Entführung.“ sagt er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, als gäbe es daran nichts zu rütteln.
„Hast du dir das gut überlegt?“
Er lächelt. „In ein paar Stunden bist du wieder hier, keine Bange.“

Nach diesem Satz packe ich mit eine kleine Flasche Wasser in meine Tasche, meine Kamera folgt, dann noch ein paar Kleinigkeiten. Mit einer Jacke über dem Arm folge ich ihm, verlasse meine Wohnung, nehme neben ihm in seinem Wagen platz. Während er sich in den Verkehr einfädelt, stecke ich mein Haar hoch. Er schaut kurz zu mir.

„Wohin fahren wir?“ erkundige ich mich irgendwann, ohne nachzuhaken, wieso er mich so spontan einlädt. Oder entführt. Woher er es weiß. Und warum er das alle für mich tut.
Und auch er antwortet nicht auf die ungestellten Fragen, sondern nur auf jene, die ich geäußert habe. „Ich möchte dir das Arboretum zeigen. Es wird Herbst und alles stirbt, hast du gesagt, ich möchte dir zeigen, dass es so nicht ist.“

 

Und das hat er, irgendwie.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Arboretum

  1. schreibsuechtige schreibt:

    Du hast da ein echtes Sahnestück.^^ Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen. Oder doch… Freu dich darüber, dass es einen Menschen gibt, der es soo gut mit dir meint (und auch genau weiß, was dir hilft)!

    Einen schönen Abend noch,
    Deine Schreibsüchtige (die sich immer darüber freut, wenn Menschen anderen etwas Gutes tun)

    • Frau Falke schreibt:

      Ja, was das angeht habe ich wirklich Glück. Wobei ich an sich immer ein wenig kritisch bin, wenn ich entführt werden soll.
      Dass er weiß, was ich brauche, stimmt. Ich frage mich nur, woher er es nun wieder wusste.

  2. Jana schreibt:

    Mensch, das klingt ja fast schon richtig romantisch!

  3. michael schreibt:

    Sehr schön. Auf die Bildershow. Wegen des Dinos würd ich mal auf http://de.wikipedia.org/wiki/Arboretum_Ellerhoop-Thiensen tippen. Und der Spruch von Picasso über die Farbe Blau gefällt mir auch.

    PS: Sind es die Finger von Frau Falke unter dem Skorpion ?

  4. hijack schreibt:

    ❤ Von solchen Menschen bräuchte es mehr auf dieser Welt.

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