Ein Machtwort des Direktors, ein Sieg für die Alteingesessenen und ein Neulehrerzimmer für die Referendare

Das mit der Sitzordnung ist nach den Sommerferien ja immer so ein Graus. Da finden sich neue Klassen zusammen, in denen sich die Schüler noch nicht kennen und müssen sich in Räumen, die ihnen ebenfalls fremd sind schon jetzt Gruppen zuordnen, von denen sie nach wenigen Wochen möglicher Weise merken, dass sie überhaupt nicht zu ihnen passen.

Da geschehen große und kleine Dramen von gekündigten Freundschaften bis hin zu Tränen, weil sie glauben nicht mehr zur Tafel sehen zu können, da gibt es die eine Schülerin/ den einen Schüler, dessen Sitznachbar ein jeder sein will und dessen Tisch heiß umkämpft ist, ebenso die Schüler, die raus stechen und neben denen nur im Unglücksfall gesessen werden muss, wenn der Platz nicht gleich leerbleibt.

 

Nun könnte ich sagen, dass wir Lehrer dieses Verhalten seit Jahrzehnten mit stoischer Ruhe ertragen und deshalb geschult sind im Umgang mit solchen Sitzplatz-Stresssituationen, das würde dann aber nicht der Wahrheit entsprechen.

Sicher, wir kennen den Terz, welchen die Schüler besonders in der Mittelstufe veranstalten können. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass wir auch nur im Geringsten besser wären!

Nein, wir sind nur auf einem anderen Level, haben ein anderes Niveau, auf dem wir uns streiten – oder bilden uns das zumindest ein. Es bleibt trotzdem, was es im Grunde auch bei unseren Schülern ein jedes Mal ist, ein kindischer Kampf.

 

Dieses Mal war es nicht Frau Prosch, die ein Machtwort gesprochen hat. Dieses Mal war es Herr Jochender. Denn auch wenn man es fast für unmöglich gehalten hätte, so scheint unserem Direktor der Verbleib seiner Lehrkräfte wohl doch zumindest soweit zu interessieren, dass er uns in seinen Lehrerzimmern wissen will, egal in welcher Verteilung.

Und weil die Verteilung so egal ist, entscheidet er einfach mal selbst, wer wo zu verbleiben hat. Ist ja anders nicht zu regeln in diesem Kindergarten.

So kommt es, dass es tatsächlich wir sind, die umziehen müssen, und die Gruppe derer, die aufbricht, ist altersmäßig auch hübsch gestaffelt. Und zieht lautstark ab, unzufrieden den Kürzeren gezogen zu haben.

 

Bernhard schüttelt den Kopf, während er seinen halb ausgepackten Karton wieder zusammenpackt. „Strafversetzt in ein Lehrerzimmer, obwohl ich hier oben restlos glücklich bin. Für so einen Dreck komme ich morgens hierher.“

Daina trägt ihren Karton mit einem Lächeln herüber. „Wisst ihr, vielleicht ist das gut so. Immerhin müssen wir die auf diese Weise nicht länger als unbedingt nötig ertragen.“
Wir wissen, dass sie hierbei besonders an eine Person denkt.

Frau Debian nickt zustimmend. „Wenn die wenigstens nicht so überheblich wären das als Sieg abzutun. Wenn ich nach zwanzig Dienstjahren so werde, na dann Danke.“

Frau Jäger schiebt die Brille, die sie seit Neustem trägt, immer wieder auf ihrer Nase nach oben. „Warum sollen wir da unten sein? Was gibt es oben auszusetzen? Welche Klasse ist in dem Gang?“

Alexis beruhigt die Referendarin und wendet sich dann an mich. „Sei nicht traurig, vielleicht wird das hier ja ein gutes neues Neulehrerzimmer. Dann haben wir genauso viel Spaß wie oben und zeigen‘s den blöden Hühnern so richtig.“

Herr Polwin-Kaulwitz wetzt ähnlich aufgeregt, aber nicht nervös sondern geschäftig durch die Gänge. „Hat jemand Berti gesehen? Und wo ist mein Ordner? Hat jemand schon die Fachliteratur runtergebracht?“

Finja und Christian antworten ihm nicht, sie antworten auch sonst keinem. Wir warten gespannt, ob sie sich Plätze nebeneinander suchen werden, oder ob dann, wenn sie sich wieder vertragen haben, herumgetauscht werden muss.

Jonathan will die Gunst der Stunde nutzen um sich neben Anja zu setzen, die von ihrem Los noch nichts ahnt. Um cool zu wirken spricht er über die Maße des Raumes und die Sonneneinstrahlung während der verschiedenen Jahreszeiten durch die Fenster. „Vor allem hinten ist es einfach unpraktisch, keine eigene Küche zu haben um Kaffee zu kochen. Zuvor war es zwar auch nur ein Tisch, auf dem alles abgestellt war, dieser befand sich aber nicht derart zentral im Raum wie es hier der Fall ist.“
Das ist nicht cool, doch wie es das Schicksal will, hört ihm Anja eh nicht zu.

Herr Bach steht der Tatsache, dass wir umziehen müssen, gefühlsneutral entgegen, ärgert sich jedoch über die Art und Weise, wie der Entschluss fiel. „In meiner alten Schule hätten wir so etwas durch eine Kolloquiumssitzung geklärt. Es kann ja nicht sein, dass über unsere Köpfe hinweg solche Entscheidungen getroffen werden.“

Stefan hat sich oben im Neulehrerzimmer verschanzt. Er sagt er wird kein neues Lehrerzimmer betreten, auch kein neues neues oder altes neues oder altes neues neues.

Megan macht auf mich einen recht zufriedenen Eindruck. „Hauptsache ich bin mit den Menschen in einem Raum, die ich mag, der Rest ist doch egal.“
Hauptsache weit weg von Herrn Kleist.

Sarah hätte man sowieso lieber in eine Grundschule stecken sollen, sie hat schon große Pläne für das neue Lehrerzimmer. „Stellt euch doch mal vor, was man da alles machen kann. Der Raum ist nicht nur unserer, sondern offiziell unserer, das heißt, wir können ihn gestalten, wie wir wollen.“ Ich bete, dass sie keine Papierschmetterlinge aufhängen wird. Aber mal sehen.

Anja schweigt zu der ganzen Umzugsgeschichte. Ob es ihr tatsächlich vollkommen egal ist oder sie andere Gründe hat, ihre Meinung nicht kundzutun, sei dahin gestellt. Anderseits habe ich eh das Gefühl, Anja ist wie Moos, sie kann überall gedeihen.
Und das ist ausschließlich positiv gemeint.

Herr Bach scheint einzig den Umstand zu begrüßen, durch die verkleinerte Anzahl von Kollegen nun weniger Namen lernen zu müssen, denn er hat ein unfassbar schlechtes Namengedächtnis. (Meinen Namen hat er sich aber gemerkt nach dem letzten Mal.)

Emily erklärt, dass das neue Lehrerzimmer sicher genauso gut ist wie das alte, vielleicht sogar besser, weil jünger, und dass alles in allem sowieso egal ist, wo wir Pause machen, Hauptsache wir haben die Dinge, die wir brauchen, Platz und Sitzmöglichkeiten.

Felizitas bemerkt, dass es sicher eine Weile dauern wird, bis die Schüler und im neuen Lehrerzimmer finden werden, und diese Aussicht scheint dann auch ein paar andere zu versöhnen.

 

Wenn man es so betrachtet, ist die Strafversetzung, wegen der wir so eine Aufregung veranstaltet haben, vielleicht doch nur halb so schlimm wie gedacht. Denn obwohl alle zuvor herum geheult haben, ist das neue Lehrerzimmer nun plötzlich gar nicht mehr so schlimm.

Es ist Schutzraum vor Angriffen seitens der älteren Kollegen, besonders der Rondell-Seeger-Fraktion. Es ist Ernüchterungsschutz für die, die ihre Motivation nicht verlieren wollen. Es ist die Gegenfestung zum Lehrerzimmer. Es ist die Abhilfe für jene, die mit drei Lehrerzimmern überfordert sind. Es ist der Raum, in den wir gern kommen, wenn er erst passend eingerichtet und mit unseren gewohnten Gegenständen gefüllt ist. Es ist die Gelegenheit für unser On-Off-Pärchen, sich einen verliebten Blick zuzuwerfen, ohne etwas über die Jugend von heute zu hören zu bekommen (sobald sie wieder zusammen sind). Es ist die Möglichkeit für neue Freundschaften und Kontakte, was uns sicher auch mal gut tut.

Und vor allem ist es einfach bloß ein Lehrerzimmer. Wir müssen hier ja nicht den Rest unseres Lebens verbringen. Wir sollen bloß für die Zeit, in der wir nicht unterrichten, hier einkehren und an ganz besonders guten Tagen vielleicht sogar so etwas wie ein kleines bisschen Ruhe finden oder wenigstens unsere Sachen verstauen können.
Ich sehe mich im neuen Lehrerzimmer um und mit einem Mal ist die Sitzordnung egal. Denn es sind meine Freunde, die ich hier sehe. Und die, die es werden können.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Sarah hat zum Trost den Cappuccino besorgt, den es auch in der Grundschule gibt. Damit dürfte unser neues Lehrerzimmer zum In-Treff der Schule aufsteigen.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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20 Antworten zu Ein Machtwort des Direktors, ein Sieg für die Alteingesessenen und ein Neulehrerzimmer für die Referendare

  1. Sebastian schreibt:

    Okay, Irgendwie blicke ich so langsam nicht mehr ganz durch mit den ganzen Lehrerzimmern Ôo

    Gibt es wenn jetzt alles geklärt ist einmal für die Leser die (leider) nicht von Anfang an mitgelesen haben in Zukunft eine Zusammenfassung über alle Räume/etc der Schule?😀

    Bis jetzt war meine Vorstellung so dass es bei euch ein „richtiges“/offizielles Lehrerzimmer gibt und einen Raum in dem sich die jungen(?) Lehrer zurückziehen bzw. den Raum zu einem zweiten Lehrerzimmer umfunktioniert haben.
    Jetzt wurde über die Sommerferien damit begonnen das alte/offizielle Lehrerzimmer zu renovieren (und/oder vergrößern?) und daher sind alle in den inoffiziellen Raum umgezogen bzw. die jungen „heute“ in das renovierte offizielle Lehrerzimmer geschickt worden wo keiner hinein will.
    Gleichzeitig sprichst du aber am Ende von drei Lehrerzimmern und von einem neuen Neulehrerzimmer und ach – ich komm durcheinander😀
    Wenn ich gleichzeititg den letzten Beitrag noch einmal lese gibt es wohl noch ein von offizieller Seite neu gegründetes Lehrerzimmer was die 3 erklären würde, ich aber scheinbar den Zeitpunkt des Entstehens überlesen habe oder so? Ôo
    Ach ich bin einfach verwirrt im Moment😀

    (Auf dem Wege übrigens noch ein Lob für den Blog von einem sonst stillem Leser der hofft mit der Entscheidung auf Lehramt zu studieren die richtige Entscheidung getroffen zu haben😉 )

    • Frau Falke schreibt:

      Mein lieber Sebastian, ich glaube, ich kann mich wirklich nur entschuldigen für dieses Chaos, das selbst ich so langsam nicht mehr im Griff habe. ABER deine Idee ist genial, eigentlich hätte man da mal früher drauf kommen können. Ich schreibe jetzt also einfach mal ein paar Worte zu den Räumlichkeiten meiner Schule.😀

      Für das Lob bedanke ich mich sehr, und ich hoffe ebenso, dass die Entscheidung richtig war. Lass dich nicht abschrecken von meinen Schilderungen.😉

      • Sebastian schreibt:

        Die Zusammenfassung ist Prima! Da kommt doch gleich wieder ein wenig Ordnung in das Chaos in meinem Kopf😀

        Und von deinen Schilderungen abgeschreckt werden? Da würde ich eher das gegenteil behaupten😉

  2. Oh man … diese Sitzproblematik. Bei uns im Lehrerzimmer haben wir Frischlinge auch keine Chance. Heikles Thema, wenn man sich dann doch mal auf einen Platz setzt und fünf Minuten später der „Besitzer“ (oder eher „Besetzer“) mit rollenden Augen vor einem steht …

  3. Luisa schreibt:

    Ich bin etwas verwirrt…Ich dachte eigentich ich hätte deine Erklärung von gestern verstanden…aber ich glaub anscheinend doch nicht. Was ich aber verstanden habe, ist, dass Lehrer auch nur Menschen sind🙂

  4. michael schreibt:

    Hätt ich an Stelle des Direktors nicht gemacht, einen Aufteilung nach Fachschaften wäre sinnvoller gewesen. So vertieft er nur den Graben zwischen beiden Gruppen.

    • Frau Falke schreibt:

      Kein halbwegs vernünftiger Mensch hätte diese Aufteilung gewählt. Es unterstützt diesen blöden Kampf und vermehrt die Gräben, tritt allen auf die Füße, die sich selbst eher zu den Junglehrern geordnet hätten und unterbricht jegliche bislang zustandegekommene Zusammenarbeit von jenen, die auf verschiedenen Stufen stehen.

  5. schreibsuechtige schreibt:

    Ich war auch etwas verwirrt, aber dank der neuen Rubrik hat sich das schnell gelegt. Ich bin ja da auch eher ein Gewohnheitsmensch und brauche meine Routinen, aber in der Hinsicht bin ich simpel. Ich wäre einfach da, wo weniger los ist bzw. weniger Menschen sind. Den Schülertraffic könnte ich ja nur schwer beeinflussen.😉

    Also ihr seid jetzt im alten „renovierten“ offiziellen Lehrerzimmer, oder? Hey, ich wette, wenn das fertig ist, habt ihr das tollste von allen! Und die anderen schauen in die Röhre!😀

    Aber solange die Leute dabei sind, die man mag, ist das ja letztendlich egal, oder?

    Lieben Gruß,

    Deine Schreibsüchtige

    • Frau Falke schreibt:

      Eigentlich genieße ich den täglichen Trubel ja – dorthin, wo weniger los ist, möchte ich gar nicht. (Es sei denn es sind Streitigkeiten, natürlich.)😉
      Wir sind jetzt… nein, nicht da, wo du denkst. Wir sind jetzt im ehemaligen Hausmeister-Raum, der zum neuen Lehrerzimmer wurde. Wir nennen ihn aber auch Lounge seit Neustem, wegen des ganzen neues-Lehrerzimmer-Neulehrerzimmer-Chaos.😀

  6. Nobelix schreibt:

    Tja, da sieht man wieder einmal, dass auch Lehrer irgendwo noch Schüler sind…
    Ich kann mich noch gut an lustige Eskapaden mit Sitzordnungen, deren Änderung und Lehrern, die ohne Sitzplan völlig aufgeschmissen waren, erinnern.
    Wir Schüler hatten immer eigene Ideen, wer mit wem zusammensitzen möchte, wer mit wem nicht zusammensitzen will und wer am liebsten alleine sitzt…das uferte zum Teil in Umsetzungen während der Stunden aus (gut, das war in der Berufsschule und der Lehrer war nicht nur unfähig sondern auch strohdoof und hat nicht gemerkt, wenn sich zwischendurch mal jemand umgesetzt hat).
    Legenden an meinen Schulen besagten, dass Lehrer sogar schon genervt waren, wenn ihr Fach neu zugeordnet wurde…ich mag mir gar nicht vorstellen, was im Falle einer „Vertreibung“ aus ihrem angestammten Pausenbereich, ihrem allerheiligsten, dem Lehrerzimmer passiert wäre.
    Hier ist es ja anscheinend noch mal glimpflich ausgegangen – auch wenn ein „Machtwort“ vom Direktor nötig war😉

    Viele Grüße vom ewigen in-der-letzten-Reihe-Sitzer🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Unsere Vertreibung ist wirklich eine Katastrophe.😀 Es als glimpflich zu bezeichnen ist da wohl eine zu frühe Freude…. Warte mal ab, alles habe ich nämlich noch nicht berichtet.😉
      So langsam glaube ich diese Lehrerzimmer-Sache wird noch größer, als ich bislang dachte. Ich werde jedoch wie immer berichten.

  7. Mein erster Gedanke war „Dann ist Fr. Falke wenigstens vor Fr. Rondell weg“ ;0)
    Glückwunsch zur Rondell-Seeger freien Zone.
    Bei dem ganzen Hick Hack mit den Lehrerzimmern kam mir kurz der Gedanke dass wir vllt. in der gleichen Schule arbeiten könnten aber unsere Ferienzeiten denken sich nicht ;0)

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