Heute hatte ich eine Familie

Wir sind mitten in der Nacht nach Hause gefahren, und auch wenn ich nicht schlafen konnte, so habe ich doch gedöst. In der Wohnung habe ich meine Tasche gepackt, das nötigste gegessen, dann ging es zur Schule.

Als ich das Lehrerzimmer betrete, stehen meine Freunde zusammen, nachdem ich für den obligatorischen Sonntagsplausch mit Emily daheim nicht zu erreichen war, rief sie mich über das Handy an. Jetzt wissen alle Bescheid.

 

Sarah kommt auf mich zu und umarmt mich, Felizitas ebenso. Emily lächelt mich an, Stefan streicht mir über den Rücken. Auch wenn ich nicht wirklich fort war, fühle ich mich, als wäre ich angekommen. Und irgendwie stimmt das auch, denn der Freitag, an dem ich mich von den anderen verabschiedete, scheint ewig her zu sein.

Herr Wallert macht mir einen Kaffee, ein Muffin steht auf meinem Platz, und als ich zu Herrn Polwin-Kaulwitz blicke, nickt er mir zu. Ich hebe beschwichtigend die Hände. „Er ist aus dem Gröbsten raus.“

 

Als es zum Unterricht klingelt, fühle ich mich ein wenig zwischen den Zeiten, aber nicht allzu sehr. Das war schon wesentlich schlimmer. Und die Schüler, die mich kritisch ansehen, weil ich heute so streng wirke, lassen sich mit einem Kopfschütteln zur Ruhe bringen. Sie fragen nicht nach, und ich hätte auch nichts sagen können.

Auch die zweite Klasse verhält sich toll. Ein unausgesprochenes Abkommen lässt sie mich nicht auf mein ungewohnt ruhiges Verhalten ansprechen. Mein Handy ist die ganze Zeit an, in Notfällen ist uns das erlaubt. Herr Jochender hat mich darauf extra noch einmal aufmerksam gemacht.

 

In der ersten großen Pause ruft mich meine Cousine an, verwirrt, traurig, aufgelöst, aber doch irgendwie auf der Höhe. Wir telefonieren, ich höre mir alles an, sage, was auch alle anderen ihr schon erzählt haben. Ich scherze leise mit ihr, dass wir doch abgesprochen hatten nach den letzten Fällen, dass wir keine Anrufe mit schlechten Nachrichten mehr haben wollten. Sie erzählt, und sie fängt an zu weinen, wodurch auch ich hart mit mir kämpfen muss.

Herr Reeden mokiert sich über mich, als ich das Lehrerzimmer wieder betrete und auf meinen Platz zurück schleiche. Er habe es satt, dass die privaten Angelegenheiten immer mit in die Schule gebracht würden. Das Lehrerzimmer sei der falsche Platz für solche Dramen. Und überhaupt solle man solche Dinge doch vor der Tür lassen.

Da steht Frau Rondell auf, baut sich vor ihm auf und fixiert ihn aufgebracht. Wenn er nur den Hauch einer Ahnung hätte, wie es ist ein wirkliches Problem zu haben, würde er solche Reden nicht schwingen. Natürlich wäre es unangenehm, aber verdammt nochmal, es gäbe eben Dinge, schlimme Erlebnisse, die man nicht an der Türschwelle hinter sich lassen könne. Und dann sei eben der Ort, an dem man so einen großen Teil seiner Zeit verbringt, der Raum, in dem man das ausleben müsse.

 

Ich sitze auf meinem Platz, hole den Muffin aus seinem Papier und trinke einen Schluck des heißen Kaffees. Ich sehe mir meine Freunde und meine Kollegen an, und ich glaube, dass es gerade kaum einen Ort gibt, an dem ich lieber wäre als hier. Denn heute habe ich eine Familie. Eine Familie, die für mich da ist. Eine Familie in der Schule.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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8 Antworten zu Heute hatte ich eine Familie

  1. Sabine schreibt:

    Liebe Frau Falke,
    ich hatte gerade ein bisschen Pipi in den Augen, als ich dieses Post gelesen habe und ganz viel Wut, als Herr Reeden auftauchte.
    Ich drücke die Daumen, dass es bald wieder Berg auf geht und freue mich, dass Du so ein tolles, liebenswertes Kollegium hast.
    Liebe Grüße
    Frau Sabbel

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank für das Daumendrücken, so wie es momentan aussieht haben wir wirklich Glück gehabt.
      Was Herrn Reeden angeht, muss ich ihn wohl ein wenig in Schutz nehmen – er hat schon recht, dass sehr viel Privates bei uns im Lehrerzimmer geklärt wird. Dass seine Kritik wesentlich weniger bei mir angebracht war als es bei anderen der Fall wäre… Das stimmt natürlich. Aber dafür hat er die Retourkutsche ja schon bekommen.
      Wie wertvoll meine Kollegen sind, habe ich da sehr schön erlebt. Es ist gut zu wissen, dass bei solchen Dingen die kleinen Schwierigkeiten dann doch hinten an stehen.

  2. Amy schreibt:

    Es ist schön zu lesen, dass du in deinem Kollegium trotz aller Probleme doch auch positives erlebst🙂 Alles Gute und viel Kraft für die schwere Zeit wünsche ich dir!

    • Frau Falke schreibt:

      Es ist vor allem immer wieder gut zu spüren, dass im Notfall die Kollegen dann doch zusammenhalten und für einen da sind. Ich schätze sie für diesen Tag sehr.
      Und vielen Dank für die Wünsche.

  3. nadineswelt schreibt:

    Wie schön! Und gerade Frau Rondell? Super!

    • Frau Falke schreibt:

      Genau das hat mich ehrlich gesagt auch total verwundert. Ich hätte es 90% des Kollegiums eher zugeschrieben als ihr, aber es zeigt auch, dass es Dinge gibt, die über all den Streitigkeiten stehen, die wichtiger sind.

  4. mathefee schreibt:

    Schön, bei persönlichen Kümmernissen dann doch solch einen Zusammenhalt zu erfahren!

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