Wenn die Zeit still steht

Ich kenne diese Art von Anrufen. Es ist nicht lange her, da haben sie mich gelähmt, ein halbes Jahr lang nicht ans Telefon gehen lassen, weil es doch jedes Mal wieder nur eine solche Nachricht war. Für mein Alter habe ich schon zu viele dieser Anrufe bekommen, jener Anrufe, bei denen die Person am anderen Ende mit ungewohnt klingender Stimme fragt, ob man dran ist.

Bei normalen Anrufen läuft das anders, achtet mal darauf. Da fragt niemand nach, ob man es ist. Da wird davon ausgegangen. Aber vielleicht ist diese Frage auch ein Grund dankbar zu sein, denn man merkt so schon früh, in welche Richtung das Gespräch gehen wird.

Ich habe über Monate unruhig geschlafen, bin jedes Mal zusammen gezuckt, wenn das Telefon klingelte. Es gibt nur eine gewisse Menge Unglück, die man erträgt, und jede Familie kann nur mit einer bestimmten Anzahl an Verlusten fertigwerden. Irgendwann habe ich nur noch gehofft, dass es niemand aus meinem direkten Familienumkreis ist. Jeder Anruf, der vom Tod eines nahen Bekannten, eines Freundes, eines weiteren Verwandten berichtete, war dennoch eine Katastrophe. Ein brennendes Haus trat in den Schatten, weil ein Kind den Unfalltod der Mutter miterlebte. Ein Aneurysma nahm uns einen vierzigjährigen Vater zweier Kinder. Der Großvater im Krankenhaus, die OP zu gefährlich. Eine Fehlgeburt.

Wenn ich zurückblicke, muss ich sagen, normalisiert sich das Leben wieder. Jeder Tag, der vergeht und an dem nichts geschieht, lässt uns ein bisschen diesen schrecklichen Schmerz des Verlustes vergessen. Wir machen weiter, wir gehen unseren Weg. Solange, bis es wieder hochkommt. Bis wir wieder solch einen Anruf bekommen.

Meine Mutter fragte mich, ob ich es sei, als ich mich am Telefon meldete, und ihre Stimme klang zittrig. Ich betete, es wäre nicht das Schlimmste. Und dann dauerte es, bis sie es mir erzählen konnte, so erzählen, dass ich es verstand. Mein Onkel hatte einen Herzinfarkt auf dem Nachhauseweg, er hatte ihn bemerkt, war auf die Seite gefahren und hatte Hilfe gerufen. Er war sogleich ins Krankenhaus gekommen, operiert worden. Meine Tante war aufgelöst, ihre Kinder ebenso. Ich setzte mich sogleich ins Auto und fuhr zu meinen Eltern.

Wir überlegten gemeinsam, was zu tun sei, ob wir zu ihnen fahren sollten, auch wenn es so viele Stunden dauern würde. Bis wir da wären, würde es Nacht sein, der Zustand der Erregung, in dem wir uns befanden, war kein guter Begleiter. Doch die Nacht ist für den Frischoperierten gefährlich. Wie könnte man es sich verzeihen nicht dort zu sein? Niemand anderes als meine Mutter stand ihr Leben lang an der Seite ihrer Schwester, erzog sie, brachte sie durch schwere Zeiten.

Auch mein Bruder kam in das Haus, in dem ein tief sitzender Schock für ein bedrückendes Schweigen sorgte, sich Tränen der Hilflosigkeit lösten, die Hoffnung hochgehalten wurde, es würde schon werden, müsse es ja. Meine Eltern verfielen in ihre typischen Reaktionen, schon oft genug war Schlimmes passiert, dass ich es von ihnen kannte, dennoch kann ich es noch immer nicht ertragen. Mein Vater, der versucht vernünftig zu bleiben, es zu durchdenken, es zu analysieren, und der doch in seinen Augen nicht verbergen kann, wie es ihm geht. Dass es ihm unfassbar viel Kraft abverlangt sich so zu verhalten. Meine Mutter, die versucht eine positive Seite an dem Ganzen zu finden. Das, was ich am allerwenigsten ertragen kann.

Wenigstens hat er es bemerkt. Zum Glück ist er rechtzeitig zur Seite gefahren. Er hätte es auch nicht ernstnehmen können. Gut, dass er gleich operiert wurde. Er ist ja noch nicht so alt.
Es erinnert mich an den Unfall. Als es hieß, es hätte noch schlimmer sein können, genauso gut hätten alle im Wagen tot sein können. Die Wahrscheinlichkeit wäre so hoch gewesen…

Ich kann mir das nicht anhören, auch wenn ich weiß, dass sie es nur macht um dem Ganzen nicht in dieser schrecklichen Hilflosigkeit entgegen zu stehen. Doch mir tun die Worte, mit denen sie den Raum füllt, nicht gut. Ich möchte auch nicht über die Operation sprechen und über den Ausgang in den meisten Fällen und was jetzt wie gelegt wurde. Was das angeht bin ich ganz anders gestrickt. Ich will wüten. Weinen. Ich will darüber klagen, wie unfair das Leben ist, und ich will, verdammt nochmal, aussprechen, was passiert ist. Auch wenn es die besten Umstände für einen Herzinfarkt gewesen sein mögen, es war ein Herzinfarkt. Ich muss das sagen können. Es war ein Herzinfarkt und dieser ist scheiße. Und ich kann es, später, in der Dunkelheit auf unserem Balkon, im Arm meines Bruders.

Die Stunden sind Warten, eine Unsicherheit liegt zwischen mir und meinem Bruder, meinem Freund, meinem Vater. Meine Mutter telefoniert mit ihrer Schwester, der Schwester meines Onkels, mit meinen Cousinen, allen möglichen Menschen. Sie ist eine Stütze in Momenten wie diesen, denn sie kann die medizinischen Hieroglyphen übersetzen. Und manche brauchen genau das, was sie macht. Dass jemand ihnen sagt, dass die Operation ja nicht so schlimm ist und dass es ja trotz allem gut gelaufen ist, von den Umständen her. Dass er es rechtzeitig gemerkt hat, dass er zur Seite gefahren ist und Hilfe geholt hat und ins Krankenhaus kam und operiert wurde und…

Mittlerweile liegt mein Onkel auf der Intensivstation, es geht ihm, den Umständen entsprechend, gut. Wenn alles reibungslos läuft, kann er vielleicht sogar schon am Wochenende nach Hause zurückkehren. Es war nur ein mittelschwerer Infarkt, erzählt meine Tante, und auch sie hat sich ein wenig gefangen. Die Stunden der Ungewissheit scheinen vorbei, die Nacht wird noch wichtig, doch wir sind alle von Hoffnung erfüllt. Langsam löst sich der Schock.

Ich sehe meinen Vater, wie er sich im Badezimmer über die Augen fährt. Noch fehlt mir das Gefühl wieder frei atmen zu können. Und wenn das Telefon klingelt, gehe ich nicht ran, andere tun es. Aber wenn ich hier sitze, erschöpft und müde, voller Gedanken, zwischen meinem Freund und meinem Bruder, dann merke ich, wie wertvoll meine Familie ist. Vielleicht haben auch wir mal Glück. Vielleicht war der Herzinfarkt ein Warnzeichen und bedeutet nicht den Tod. Vielleicht ist es, wie meine Mutter sagt, und wir haben Glück im Unglück. Irgendwann einmal, finde ich, haben wir das einfach verdient.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Ein ernstes Wort, Familie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Wenn die Zeit still steht

  1. Jana schreibt:

    dein Text lässt mich mit den Tränen kämpfen.
    ich wünsche deinem Onkel eine baldige Genesung!

  2. Luisa schreibt:

    Ich möchte nicht sagen, dass ich weiß wie du dich fühlst, aber ich war bereits in einigen ähnlichen Situationen und kann deswegen nachvollziehen, wie du dich fühlst. Ich finde es interessant, dass es bei euch in der Familie auch jeder anders reagiert, ist bei uns genauso. Ich bin die, die immer alles zusammen hält und nach außen hin den kühlen Kopf bewahrt.
    Fühl dich gedrückt, ganz doll.

    • Frau Falke schreibt:

      Danke für die tröstenden Worte. Es reagiert doch jeder anders und doch erkennt man immer wieder Muster. Ich bin schlecht darin den kühlen Kopf zu bewahren, muss ich sagen. Aber ich bewundere es umso mehr, wenn Menschen das können.

  3. nadineswelt schreibt:

    Mir fehlen die Worte. Ich hoffe nur wirklich für euch, dass es Glück im Unglück ist.

    • Frau Falke schreibt:

      Bislang ist es das. Er hat es sehr früh gemerkt, die Operation ist gut gelaufen und die Nacht hat er gut überstanden. Jetzt liegt er auf der Intensivstation, scheint sich aber schon ganz okay zu fühlen.

  4. Pingback: Nobelix

  5. Lavendelkinder schreibt:

    Liebe Frau Falke,
    es ist, als würde alles kurz still stehen. Die Welt dreht sich nicht für einen Moment. Und dann läuft doch alles weiter, die Menschen laufen durch ihre Leben, gehen Einkaufen, die Sonne scheint, es regnet, es geht weiter. Das Leben.
    Aber für einen selbst fühlt es sich anders an. Man ist in der Wirklichkeit verschoben.
    Ich wünsche Dir viel Kraft.
    Und Du hast alles Recht der Welt, zu fluchen, zu schimpfen, zu hadern, zu weinen.
    Das Leben ist manchmal ein ganz mieses Stück.

    • Frau Falke schreibt:

      Auch dir danke ich für diese lieben Worte, gewütet habe ich nicht, aber mir fehlt momentan auch die Kraft dafür. Ich mache das, was ich am Besten kann, ich mache erst einmal weiter. Und es wird, es muss werden.

  6. schreibsuechtige schreibt:

    Ich hoffe natürlich ebenfalls nur das Beste für deinen Onkel, aber lass mich eines sagen:

    Jeder Mensch geht mit Krisen (gerade mit familiären) anders um. Es gibt Menschen, die relativieren, andere analysieren… dann gibt es Menschen, die panisch werden oder sich abkapseln, die anfangen zu wüten, zu weinen… andere erholen sich schnell davon, manche lässt eine solche Katastrophe lange nicht los. Es gibt mittlerweile sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten und ich bin der Meinung, dass es auch ebenso viele Wege gibt, mit solch einem Schlag umzugehen. UND.JEDER. EINZELNE.IST.RICHTIG!
    Bewundere nicht andere dafür, wie sie damit umgehen. Fühle lieber! Denn das Fühlen ist meiner Meinung das, was als viel zu verständlich angesehen wird.

    Ich fühle nicht immer. Und manchmal fühle ich so stark, dass es mich zerreißt und ich einen Kurzschluss im Gehirn habe.
    Aber ich erinnere mich und schätze. Jede Minute und jeden Tag.

    Dieses Erlebnis wird deinen Onkel und dich und jeden in deiner Familie prägen. Es wird euch ein Stück weit verändern, doch wenn man erinnert und wertschätzt, kann man daraus auch Stärke ziehen. Diese Erfahrung habe ich gemacht und ich möchte sie auch nicht missen, so schmerzvoll es manchmal auch ist.

    Ihr werdet es schon schaffen, jeder auf seinen eigenen Weg.

    Deine Schreibsüchtige, die vielleicht nicht immer mitfühlend, aber immer um Verständnis bemüht ist (und sich gerade verflucht, weil sie ihre Gefühle nicht besser ausdrücken kann)

  7. Krisu schreibt:

    Als ich vor ein paar Tagen deinen Eintrag las, dachte ich an all diese Telefonate in denen die Zeit einen Moment viel zu still stehen schien…. Viel zu viele in den letzten paar Jahren…
    Und ich wusste, dass sehr bald wieder ein solcher Anruf kommen würde… Man kann, so sehr man manchmal auch möchte, so sehr man auch hofft und fleht und bittet einfach nicht verhindern, was nicht mehr zu verhindern ist….
    Und eben gerade ist es passiert…
    Der erste Anruf…. Es passiert gleich…. Der zweite kurz danach… Es ist schon zu spät… Es ist vorbei….
    Und leider ist mir auch jetzt schon klar, so sehr ich auch hoffe und bitte, es wird nicht der letzte sein…. Manchmal scheint es schon viel zu normal…. Ein wenig Ruhe wäre gut, um noch einmal Kraft zu tanken für den nächsten Anruf…. Um die Möglichkeit zu haben zu realisieren, zu verarbeiten, zu verstehen, was unbegreiflich ist und doch so normal geworden ist und inzwischen zum Leben dazugehört….
    Die nächsten Tage werden nicht leicht, aber es wird wieder werden…. Bis zum nächsten klingeln…

    Ich hoffe du verübelst mir jetzt nicht diesen Eintrag, aber ich wollte es los werden…
    Ich denk an dich und hoffe mit dir…. Das alles gut wird dieses mal….

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s