Sushi für die Seele

Nach dem Unterricht haben wir uns nicht voneinander loseisen können, demnach sitzen wir nun mit einem relativ großen Teil des Kollegiums in der kleinen Sushibar der Stadt und sprechen über Gott und die Welt, in unserem Fall also über die Schule.

 

Ich sehe mich um und interessiere mich dafür, wer eigentlich alles mitgekommen ist, und es stellt sich heraus, dass wir eine ziemlich bunte Gruppe geworden sind.

Da ist Felizitas, die noch immer Ballerinas, sprich flache Schuhe, trägt, auch wenn Herr Helfrich sich sicher schon dreitausend Mal entschuldigt hat, und die Unmengen von Garnelen-Nigiris isst, auch die von Herrn Helfrich, der dafür ihren Ingwer bekommen hat, den sie zu scharf findet.
Neben Herrn Helfrich sitzen Herr Krombalk sowie Herr Clemens, und während ich versuche dem Blick von Nicolas zu entkommen, ohne rot zu werden, werfen sich Herr Krombalk und Sarah verletzte Blicke zu, wenn der andere nicht hinsieht, wobei ich mich frage, ob ich wirklich die Einzige bin, die das bemerkt.

Neben Sarah sitze nicht nur ich, sondern auch Megan, die in der letzten Zeit wahrlich aufgeblüht ist. Sie meint, es wäre besser die Energie in die Schule zu stecken, als in ihr Privatleben, wo es momentan recht karg aussehe.
Ich habe versucht ihr zu erklären, dass ich das weiß Gott angenehm finden würde, und dass sie es genießen soll, keine Probleme zu haben.
Und irgendwie schafft sie es auch, denn sie erzählt fast täglich von etwas Tollem, was ihr im Unterricht passiert ist, und das erfreut dann doch mein Mentorinnen-Herz.

Neben Megan sitzt Frau Debian, Leslie, mit ihrer selbstgemachten Strickumhängetasche auf dem Schoß, kann trotz des schönen Sommerwetters und der vielleicht letzten Sonnenstrahlen ihre Stricksachen nicht ruhen lassen, und diskutiert mit Felizitas, was die Trendfarben dieses Herbstes sein werden.
„Das ist das einzig Bedauernswerte,“ hatte Emily vor ein paar Tagen zu mir mit einem Blick auf die gefühlte hundertste Tasche gemeint. „wenn  Feli wüsste, ob es ein Mädchen oder Junge wird, dann würde sie rosa oder blaue Kindersachen stricken.“

Jetzt wiederum strahlt Sarah, sie ist in ein Gespräch mit Herrn Bach vertieft, der von einem Programm erzählt, welches er während seines Studiums kennen gelernt hatte.
Brianna, unsere assistant teacher, sitzt neben dem neuen Kollegen und schweigt fasziniert, schnellgesprochenem Deutsch kann sie nur schwer folgen, vor allem, wenn alle so durcheinander reden.

Neben mir sitzt Daina, welche in der letzten Zeit blasser ist als sonst, sie ist angestrengt von dem Hickhack, den sie momentan wieder in ihrer Fachschaft haben.
Wenn es so weiter geht, erklärt sie mir, dauert es keine Woche mehr bis etwas explodieren wird. Aber sie sieht nicht ein, mit den Experimenten aufzuhören, notfalls werde sie alle Materialien persönlich auswaschen und irgendwo einschließen.
„Meine Angst ist nur, dass sie beim nächsten Mal ein Reagenzglas mit Resten von Phosphortrichlorid oder ähnlichem stehen lässt. Da muss ich nur auf die Idee kommen das Ding auszuwaschen und…“
„Und was?“ erkundige ich mich als unkundige Nicht-Chemikerin, was Finja auflachen lässt.
„Es bildet sich Phosphor- und Salzsäure unter großer Hitzeentwicklung.“

Alles Chemiker außer mir, na typisch. Dabei passt es gar nicht zu Finja, unserer Vorzeige-Französischlehrerin, die nun grinsend erklärt, in ihrer Schulzeit ein Faible für Chemie gehabt zu haben.
„Warum hast du es dann nicht studiert?“ erkundigt sich Daina, die ebenfalls überrascht wirkt.
Finja verdreht amüsiert die Augen. „Ich mochte es, Sachen abzufackeln, ich wollte nie selbst abgefackelt werden.“
„So ist die Chemie gar nicht,“ beginnt Daina, aber ich winke ab, weil ich ihr Loblied auf ihr Lieblingsfach schon gut genug kenne, demnach bekommt es Finja erzählt und ich kann mich weiter meinen Beobachtungen widmen.

Sarah spielt unter dem Tisch mit dem Bein von Herrn Krombalk, der wie gebannt auf sein Avocado-Mini-Mako sieht, das zwischen den Stäbchen darauf wartet, gegessen zu werden. Sie spricht dabei weiterhin mit Felizitas, die über den Vorteil von Doppelstunden referiert, die sich Sarah schon seit langem wünscht.
Herr Bach diskutiert mit Brianna auf Englisch über Amerika, denn er hat gerade erzählt, dass er während seiner Schulzeit ein Austauschjahr in Chicago verbracht hat.
Die Kollegin scheint es zu begeistern, endlich wieder ihre Muttersprache sprechen zu können, denn wenn man ehrlich ist, tun wir dies nur, wenn wir ihr das, was wir wollen, wirklich absolut gar nicht auf Deutsch begreifbar machen können.

Herr Helfrich hat die Story von Herrn Bach dazu genutzt, seine letzte Klassenfahrt aufzuwärmen, und findet sogar jemanden, der zuhört, was bei unserem Kollegium ja immer ein wenig schwierig ist.
Doch Leslie und Megan hängen in typischer Referendarinnen-Manier an seinen Lippen und saugen jedes Wort begierig auf, das der erfahrene Kollege berichtet.
Und als ich gerade denke, dass ich schon erwarte, dass sie so reagieren, sieht Megan auf und zwinkert mir wissend zu. Upps, da habe ich sie wohl zu schnell verurteilt. Und wie süß, dass sie das Spielchen mitspielen.

 

Versonnen sehe ich über meine Kollegen hinweg, da treffen sich Nicolas und mein Blick, unwillkürlich muss ich lächeln. Irgendwie habe ich das Kollegium ja wirklich lieb.

Wir sollten viel öfter Sushi essen gehen, denn das ist Balsam für die Seele.

 

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Okay, Balsam in Form von rohem Fisch.
P.S.S.: Hmm. Irgendwie war das wirklich poetischer, bevor es aufgeschrieben war.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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19 Antworten zu Sushi für die Seele

  1. lottamachtkrach schreibt:

    Es freut mich einen so positiven Eintrag von dir zu lesen! Manchmal ist Essen gehen Balsam für die Seele🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Es war auch einfach mal richtig schön. Zwar sind die Probleme nicht alle aus der Welt, aber heute hatte ich einfach das gute Gefühl, wir könnten das alles schon irgendwie händeln.🙂

  2. Rina schreibt:

    Poetischer gedacht als geschrieben? Glaub ich dir. Auch wenn ich deine Schreibe nicht schmälern möchte.😉
    Denn was da so zB bei uns im Lehrerzimmer tobt im Alltag, lässt kaum Raum für die Muße sich dem Anderen zuzuwenden. Das fehlt definitv. Wenn man nicht mal eine Freistunde hat, gewinnt die Hektik fast immer die Überhand.
    Schön, dass ihr euch die Zeit für einander genommen habt. Ich finde es wichtig, sich nicht – pathetisch gesagt – als Mensch aus den Augen zu verlieren. Das Persönliche ist ein nicht zu unterschätzender Motivator zum Durchhalten in der Bildungsmühle.😉

    (Morgen abend haben wir so nen Abend im kleinen Kreis. Es könnte auch um Schule gehen. Am Rande. :D)

    • Frau Falke schreibt:

      Ich habe es sehr genossen mal so ungezwungen mit den anderen zusammen sein zu können. Einfach mal rauszukommen aus dem typischen Umfeld – das löst doch ungemein die Stimmung.
      Ich hoffe dir wirt es morgen ebenso gehen. Auch wenn das Schulthema bei Lehrern ja gern wegzulassen versucht wird um dann doch in voller Größe aufzutauchen.😉😀

  3. bambooos schreibt:

    …dann waren wir doch nicht am selben Ort – bei uns gabs Klöße & Rouladen😉

    Essen gehen ist ne schöne Sache. Sollte man wirklich öfter machen😉

  4. hijack schreibt:

    Sag mal, mal eine ganz blöde Idee: Kann Daina sich nicht ihr eigenes Set an …ääh…Chemie-„Werkzeug“(?) zulegen, dass sie dann eben immer bei sich hat? Weil das klingt ja alles arg anstrengend bis gefährlich….

    • Frau Falke schreibt:

      Ich glaube das wäre nicht durchführbar, aber ich werde sie mal darauf ansprechen. Die Sachen einzuschließen halte ich auch für eine gute Idee, das sei nur schwierig, weil die Kollegen dort keine privaten Schränke, sondern eigentlich diese Rolltische haben. Eine Lösung brauchen sie hier auf jeden Fall.

      • hijack schreibt:

        …oder eine abschließbare Truhe (btw schwer genug, dass niemand das Ding „unabsichtlich“ vom Tisch fegt).
        …eigentlich traurig, dass man unter erwachsenen Menschen überhaupt gezwungen ist, solche Überlegungen anzustellen.

      • krizzydings schreibt:

        Was ich wirklich schade finde ist, dass sich das total nach Kindergarten enhört…wenn ich in so einem chemie kolegium hätte praktikum machen müssen, hätte ich ständig angst in irgendein fettnäpfchen zu treten…
        es gibt ja auch in der chmie basics, die sie sich zumindest selbst zulegen kann und in ihrem fach/ihrer tasche rumschleppen könnte (wenn sie mit dem auto kommt,wäre das natürlich am besten machbar…reagenzgläser,bunsenbrenner,zangen und kolben-das alles könnte sie sicherlich bei sich verwahren…vlt könnte sie sogar das ganze zeug von der steuer absetzten. Bei uns hat jeder lehrer „ein fach“ bestehend aus einer Ablage und einer art schließfach…unabhängig davon,dass das ganze ganz schön aussieht ist es auch unheimlich praktisch!

        • Frau Falke schreibt:

          Aber ist das nicht dennoch ein riesiger Aufwand? Vor allem für eine Sache, die eigentlich sowohl von unserem Schulleiter, als auch im Verhalten erwachsener Menschen untereinander gesichert sein solle?:/

          • krizzydings schreibt:

            Also von eurem Schulleiter bin ich ja eh entsetzt, versuche das aber auszuhalten, weil er ja so als mensch anscheinend ganz nett(?) ist.Für mein gym und meine praktikumsschule kann ich nur sagen, dass schulleiter zumindest den teil im lehrerzimmer nicht ganz mitbekommen.das erstere ist allerdings laut aussagen einiger lieblingslehrer in letzter zeit etwas weniger gut gelaunt (die streiten aber auch viel weniger,gibt viele ,die sich grüßen und die wenigen verrückten werden gerade alle pensioniert) was ich als schüler natürlich höchstspannend fand und jetzt eher unkollegial: LK Lehrer/Tutoren erzählen gerne mal ihren schülern irgendwelche privaten informationen von anderen kollegen, allerdings hat sich bisher auch niemand großartig daran gestört.bei zweiterer kommt nur ungefähr die hälfte (pausen sind total schlecht bemessen und es ist selten bei/nach dem klingeln schluss mit der stunde) immer ins lehrerzimmer und die sind alle nett zueinander

        • Rina schreibt:

          Das fände ich sehr unpraktisch. Zumal der Glasgerätetransport durchs Schulhaus während ner Pause viel Scherbenpotiential in sich birgt.😉 Und was mit den Chemikalien machen? Sind auch Gefahrstoffe dabei und die wollte ich nicht neben meiner „Bemme“ haben. Mal unabhängig davon, dass dies rechtlich problematisch ist. Schließe mich Frau Falke an, die 20 Uhr auf den gesunden Menschenverstand hofft.🙂

  5. nadineswelt schreibt:

    Hoffentlich fliegt Daina nicht irgendwann in die Luft!

  6. frausabbelbloggt schreibt:

    Ich finde Deinen Eintrag schon sehr poetisch… oder naja, nennen wir ihn doch lieber „liebevol“🙂
    Ja, Kollegien sind ein Haufen zusammengewürfelter Charakterzüge, die dann doch in der Summe einen netten Haufen ergeben.
    Liebe Grüße sendet Dir
    Frau Sabbel

    • Frau Falke schreibt:

      Vielleicht habe ich einen ein wenig verklärten Blick auf die Meute mal wieder gebraucht, um mir selbst vor Augen zu halten, dass sie nicht halb so schlimm sind, wie ich manchmal glaube.😉
      Und den lieben Gruß gebe ich gern zurück.🙂

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