Fünfzehn Zentimeter (Vorausgesetzt, du hast dich nicht verrechnet.)

Es gibt Neuigkeiten an der Felizitas-Front, an der es die letzte Zeit ja nicht besonders lustig hergeht. Sie versucht noch immer zu verdrängen, dass das Kind, was in ihr heranwächst, tatsächlich real ist, und während unserer Sorge täglich größer wird, dass sie nachher einen Schock oder so etwas bekommt, wenn sie feststellt, dass dieses Baby sich nicht einfach in Luft auflösen wird, nehmen auch bei Feli zwei entscheidende Dinge zu: Ihr Bauch und ihre Schuhe.

Denn je länger sie schwanger ist, desto höher wird ihr Schuhwerk, und so kommt es, dass ihre italienischen Plateau-Sandaletten mit Riemchen und Schnürung heute geschlagene fünfzehn Zentimeter Absatz haben.

Feli stört das natürlich nicht, sie stöckelt stolz und begeistert von sich selbst durch die Gänge und spielt das hübsche Model. Denn eines muss man ihr trotz allem ja lassen, sie kann auf diesen Dingern gehen wie Heidi Klum, Claudia Schiffer und Co.

Genau aus diesem Grund laufen uns dann auch geschlagene zehn Minuten drei Schülerinnen durch das gesamte Gebäude nach, bis sich Feli gereizt umdreht. „Was macht ihr denn da? Habe ich noch irgendeinen Test von euch oder so etwas?“

Die Mädchen kichern, bis die eine zu einer Erklärung ansetzt. „Nein, wir sind ein Fanclub.“

„Dein Problem.“ befindet Feli und macht eine wegwerfende Bewegung. Ich streife die Schülerinnen, die mir merkwürdig unbekannt vorkommen, mit einem Blick und sehe dann Feli an. „Ach ja?“
Die Mädchen kichern erneut. „Eigentlich sind wir kein Fanclub von Ihnen, Frau Falke.“

Ich versuche nicht ganz so erleichtert auszusehen, wie ich mich fühle, und wende mich an meine Kollegin. „Dein Problem.“

Die Mädchen kichern wieder. „Eigentlich auch nicht, Frau Lendor.“

Wir tauschen einen kaum genervten, aber ziemlich fragenden Blick. „Ach?“

„Wir sind nämlich der Fanclub Ihrer Schuhe.“

Felizitas lächelt, empfiehlt den Mädels, sich ein anderes Hobby zu suchen, und so schaffen wir es zumindest innerhalb von den nächsten fünf Minuten ins Lehrerzimmer zu kommen.

Den Rest des Tages ziert ein Lächeln das Gesicht der Freundin, die fast schon stolz mit ihren Schuhen durch die Gänge stöckelt.

Und ich werde wieder einmal nicht das Gefühl los, dass sie sich selbst etwas vorspielt, das verunsichert mich, das macht mir Angst. Sie wird irgendwann einsehen müssen, dass sie so nicht weitermachen kann, aber ich bin mir nicht sicher, wie sie dann reagieren wird.

Wie lange wird sie dieses Kind noch leugnen können, wie lange ihren Beziehungsproblemen aus dem Weg gehen?

Irgendwann können ihre Schuhe nicht mehr höher werden, dann muss sie einsehen, dass sie ihr Leben in den Griff kriegen muss, bevor das Baby kommt. Solange aber werden die Absätze ihrer Schuhe ebenso an Höhe zunehmen wie ihr Bauch an Umfang.

Soweit wäre alles gut gegangen, wenn nicht Herr Helfrich sich einen Spaß mit ihr erlaubt hätte, indem er, von seiner Klasse in den Raum von Felizitas sehen könnend, die Lehrerin als Beispiel für den Verwendungszweck des Dreisatzes herangezogen hätte.

Er aber erklärte, dass mit dieser simplen mathematischen Berechnung zu klären wäre, wie hoch die Absätze der Schuhe der Frau seien, wenn man nur wisse, dass sie Einsfünfundsiebzig groß war.

Und so rechneten die Schüler brav, wie hoch die Sandalen-Riemchen-was-weiß-ich-Dinger waren, was sich sogleich wie ein Lauffeuer verbreitete.

Soweit, so gut.

Geschätzte zehn Minuten später, mittlerweile hatte es geklingelt:

Wutentbrannt rauschte Felizitas ins Neulehrerzimmer, schmiss ihre Sachen in die Ecke und fuhr herum, als Herr Helfrich sie am Arm packte. „Lassen Sie mich los! Ich werde ganz bestimmt nicht mit Ihnen reden!“

„Frau Lendor, bitte. Das war doch nicht böse von mir gemeint.“

„Ach nein, war es nicht? Dann erklären Sie mir bitte, warum Sie mich so blamieren mussten! War das denn wirklich nötig?“ Felizitas riss sich los und stürmte an uns vorbei.

Sie blieb kaum zwei Sekunden später widerwillig stehen, als er sie erneut zu fassen bekam und festhielt.

„Jetzt warten Sie doch bitte. Ich wollte Ihnen wirklich nicht zu nahe treten, es war nur ein Witz, verstehen Sie? Bitte, Frau Lendor, Felizitas, ich meine,“
„Nein, es war kein Witz.“ Feli nahm mir die Kaffeetasse aus der Hand und trank einen Schluck, obwohl sie doch beschlossen hatte mit der Koffeinaufnahme aufzuhören.

„Und das ist das Problem.“
Herr Helfrich zog sich einen Stuhl heran, den er ihr gegenüber hinstellte. „Ich wollte Sie wirklich nicht verletzen, das wissen Sie, oder?“

Felizitas zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen, verschränkte die Arme wie ein bockiges Kind. „Das haben Sie aber getan.“

„Nur weil ich Ihre Schuhe berechnen ließ?“ erkundigte sich Herr Helfrich mit einer hilflosen Geste, fast schon wieder lächelnd, aber nur fast.

„Sie haben nicht bloß meine Schuhe berechnen lassen. In den Augen dieser Schüler haben Sie gesagt: „Hey, seht mal, die blöde Lendor in Ihren übertriebenen Schühchen, die ist ja wohl richtig albern. In was für einem Schwachsinn von hohem Schuhwerk ist sie denn heute unterwegs?““

„Das glauben Sie nicht wirklich.“ hakte er erstaunt nach.

„Ach nein?“ versetzte sie spitz.

„Als würden die Schüler sich solche Gedanken machen, Felizitas.“

Sie zuckte die Schultern. „Dann eben nicht die Schüler, sondern Sie.“

Er schüttelte den Kopf und sah sie an. „Warum sollte ich das tun?“

Abermals zuckte sie mit einer hilflosen Geste die Schultern. „Was weiß ich, warum Sie so etwas machen.“
„Frau Lendor, ganz ehrlich, Sie sind eine tolle Kollegin und eine nette Frau.
Und wenn ich, aus welchem Grund auch immer, irgendetwas gegen Sie einzuwenden hätte, dann würde ich das ganz bestimmt nicht machen, indem ich mich vor Schülern über Sie lustig mache. Und schon gar nicht über Ihre Schuhe.“

Felizitas nickte langsam, und am Ende waren die beiden wieder soweit versöhnt, wie man es in einem solchen Moment mit einer Feli in der beschriebenen Situation sein kann. (Sie zitterte also zumindest nicht mehr vor Wut und aus ihren Augen kamen auch keine tödlichen Blitze, die einem den Atem raubten, wenn man ihnen in die Quere kam.)

Dennoch trägt sie morgen Turnschuhe, verkündete sie, was wir noch nie an ihr gesehen haben, und ich sehe schon vor mir, wie sie sie tragen wird, als wären sie das Schlimmste, was ihr je passiert ist.

Es grüßt ganz lieb

Frau Falke

P.S.: Armer Herr Helfrich, an anderen Tagen hätte Felizitas über seine Aufgabe herzlich gelacht.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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20 Antworten zu Fünfzehn Zentimeter (Vorausgesetzt, du hast dich nicht verrechnet.)

  1. michael schreibt:

    > und ich sehe schon vor mir, wie sie sie tragen wird, als wären sie das Schlimmste, was ihr je passiert ist.

    Einfach komplett ignorieren. Tut der ganz gut und Ihnen sicher auch.

    Und halten Sie Ihre Phantasie zurück. Es wird schon nicht in Mord und Todschlag enden.

  2. frlstreberlin schreibt:

    irgendwann wird sie so viel Wasser in den Füßen haben, dass sie keine hochhackigen Schuhe mehr tragen kann…
    Aber beeindruckend, wie man auf 15 cm (!!!) Absätzen laufen kann. Bei mir hört es schon bei 6 cm auf…

    • Frau Falke schreibt:

      Vor allem schwanger! Ich habe was das angeht zwar keine eigenen Erfahrungen, was ich bislang mitbekommen habe, taten den meisten die Füße nach einem Arbeitstag schon in flachen Schuhen genug weh…

  3. lottamachtkrach schreibt:

    Sie sollte sich schon mal an die Turnschuhe gewöhnen. Ab einem gewissen Bauchumfang funktionierten High Heels wohl nicht mehr so gut😉

  4. annettchen schreibt:

    Ist Felizitas nicht schon im fünften Monat? Dann ist sie die einzige mir bekannte deutlich Schwangere, die auf 15 cm Stilettos laufen kann.

  5. pausenkaffee schreibt:

    Hmmm… Ich hoffe einfach das Beste für sie. Vielleicht ist sie sich der Sache bewusster, als du wahrnimmst, sie will es nur selbst nicht wahr haben. Nicht ganz einfach, die Situation…

  6. Rina schreibt:

    In Summe stimmt mich Ihr Beitrag ein wenig traurig. Rechnerei hin oder her, das ist doch nur der Nebenschauplatz. Wenn Feli sich nicht mit Ihrem Ungeborenen auseinandersetzt und vielleicht Hilfe holt, helfen auch keine Turnschuhe.

    Trotzdem wünsch ich Ihnen ein schönes Wochenende!

    PS: Sind sie auch immer freitags so knülle wie ich?😉

    • Frau Falke schreibt:

      Ehrlich gesagt bin ich diesbezüglich nur am Ende mit meinem Latein. Was können wir machen, damit sie anfängt sich damit auseinander zu setzen? Oder muss es von ihr kommen? Es ist schwierig.

      Den Wochenendgruß zurück!🙂 Und ja, ich bin freitags auch nicht mehr richtig zu gebrauchen.😉

      • Rina schreibt:

        Wenn ein ehrliches Gespräch nichts nützt oder nicht geführt werden kann/will, kann man nur auf den Mutterinstinkt hoffen, der mit der Geburt „freigesetzt“ werden sollte.

        Bei Ihnen ist das Freitag abend auch so?;) Eigentlich ganz richtig, dass meist nur Müll im TV kommt. Ich schlafe eh´ ein.😀 Hab schon die ersten Stunden auf der Couch hinter mir.;)

        • Frau Falke schreibt:

          Hoffen wir es für sie.

          Der Freitagabend ist eine Schande, ernsthaft. Alle anderen gehen feiern, tanzen bis spät in die Nacht und schießen sich ab. Ich bin schon froh, wenn ich freitags den Weg von der Haustür bis zur Couch schaffe. Und manchmal trägt mich mein Schatz dann ins Bett, weil ich nicht mehr aufstehen mag.

          • bambooos schreibt:

            Looool. Bis auf die Sache mit dem Tragen (meiner macht einfach das licht an) sieht es bei mir genauso aus. Nächste Woche habe ich ein Kirmes-Date mit ner Freundin. Die will nach inzwischen 2 Kindern ohne Party auch endlich mal wieder „raus“…wird zeit, für uns beide😉

  7. ullli23 schreibt:

    Gut nur, dass sie nicht bemerkt hat, dass er sie am Schluss „Frau Landor“ nennt, das hätte erst ein Theater gegeben…😉

  8. nadineswelt schreibt:

    Besser Turnschuhe als FlipFlops. Und spätestens in 4 Monaten muss sich Feli mit Babyschühchenn auseinandersetzen.

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