Mein Glas mit Kaubonbons

„Ich habe dir etwas mitgebracht.“ erklärt mir der Kollege Wallert, nimmt mich am Ärmel meines Blazers und zieht mich mit sich. Vor seinem Platz lässt er mich los, greift in einen Leinenbeutel, der neben seiner Tasche lehnt, und zieht ein Glas mit Kaubonbons heraus.

Erstaunt nehme ich das etwas außergewöhnliche Geschenk an und versuche mit einem fragenden Blick zu ergründen, was es damit auf sich hat. „Danke. Aber… Wie komme ich denn zu der Ehre?“

Er zuckt mit den Schultern und sieht mich an. „Du nervst mich einfach. Weil du die letzte Zeit so traurige Augen hast. Und so müde wirkst. Weil du dünn geworden bist. Und weil ich dein Lächeln vermisse.“

Ich bin verwirrt und gerührt von ihm, finde aber keine Worte, weil ich nicht weiß, ob ich zustimmen oder abstreiten soll, dass es so ist. Seine Geste ist lieb, seine Worte auch, eigentlich. Und ich weiß ja, dass er Recht hat.

An dieser Stelle macht mein Kollege etwas, das ich ihm hoch anrechne, denn bevor die Situation komisch werden kann, öffnet er das Glas.
„Du wirst jetzt jedes Mal ein Bonbon essen, wenn du traurig bist. Jedes Mal, wenn du mit diesem Ausdruck im Gesicht durch die Tür trittst. Jedes Mal, wenn deine Gedanken so dunkel sind. Und an jedem Tag, an dem irgendwer irgendwas sagt, was gemein ist oder dich enttäuscht.“

Ich muss schmunzeln. „Wenn ich das mache, bin ich nur noch am Bonbonessen.“

Er lächelt. „Solange es dich fröhlich macht, werde ich das Glas immer wieder füllen. Am besten wäre mehrmals die Woche.“

„Ein Bonbon zu essen wird nicht mein Leben regeln.“  gebe ich vorsichtig zu bedenken, was er in seinem Übermut zu vergessen scheint.

„Das ist mir bewusst. Aber wenn du einmal am Tag ein Lächeln im Gesicht hast, dann hat es sich für mich schon gelohnt.“ klärt er mich auf.

„Du bist verrückt.“ sage ich lächelnd.

Er lächelt ebenfalls. „Ich weiß. Aber nur deshalb magst du mich.“ Und er steckt sich breit grinsend ein Bonbon in den Mund.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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25 Antworten zu Mein Glas mit Kaubonbons

  1. Das ist schön uns sehr mitdenkend von ihm. Ich hoffe, dass du dich die nächsten Wochen über jedes Bonbon freuen kannst.
    Grüße unbekannter Weise,
    Lauren

  2. zartbitterdenken schreibt:

    na so einen Kollegen wünscht man sich doch😉 Das war sehr lieb.

  3. Monika schreibt:

    Guten Abend,

    das ist ja sehr lieb. So etwas ist doch ein Grund, sich zu freuen. Manchmal wünscht man sich, einmal am Tag zu lächeln. Und ein Lächeln oder Lachen am Tag ist sehr viel wert, da hat er schon recht. Es erleichtert das Leben ungemein.

    Viele Grüße

    Monika

  4. Nele schreibt:

    Ist das ne süße Idee. Die gefällt mir so gut, dass ich überlege, ob ich mir diese Idee für ein Geburtstagskind klaue …

  5. schreibsuechtige schreibt:

    Klar fühlt man sich im ersten Moment angegriffen. Ich mag es auch nicht, wenn mich jemand auf mein Seelenleben anspricht, aber lieb ist es trotzdem. Wobei ich ja hoffe, dass er das Glas nicht auffüllen muss, einfach weil es dir gut geht.
    Irgendeinen Blödsinn machen hilft übrigens auch über die kleinen Kummer des Alltags hinweg. Ich streck z.B. meinem Spiegelbild gerne die Zunge raus oder schneide Grimassen.😀

  6. sunshinemuffin schreibt:

    Oh, das finde ich ja toll. Und ich hoffe, dass es dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
    Pass auf dich auf, Fälkchen…

  7. Jürgen schreibt:

    Liebe Frau Falke!
    Ich mag bicht mehr kommentieren und auch nicht mehr lesen. Mich nervt die Thematik.
    Einen lieben endgültigen Gruß von Jürgen.

  8. annettchen schreibt:

    Das war aber eine nette Geste von deinem Kollegen. Erinnert mich an wenig an das Buch „Das Weihnachtsglas“

  9. ullli23 schreibt:

    … und ganz beiläufig erwähnte er, dass sein Cousin gerade eine Zahnarztpraxis eröffnet habe…😉

  10. nadineswelt schreibt:

    Das ist doch nett von Deinem Kollegen!

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