Engagement & Mordpläne in der Lehrergarderobe

„Ich…werde…sie…umbringen.“ werden diese vier Worte sauer zwischen den Zähnen hindurch gepresst und im Gegensatz zu sonst ist es dieses Mal kein Schüler, der dies sagt, sondern tatsächlich eine Kollegin.
Es ist seit guten zweieinhalb Stunden Megans Mantra und sie wird es wahrscheinlich auch so schnell nicht wieder loswerden.
„Du weißt aber, dass Mord an unserer Schule noch immer nicht erlaubt ist, oder?“ erkundige ich mich mit dem Versuch eines Lächelns und lasse mich neben ihr die Wand herunter gleiten. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie die letzte Woche sehr allein gelassen habe, und wie man sieht, nicht ganz zu Unrecht.

Sie sitzt in der Lehrergarderobe, die in den letzten Wochen der Rückzugsort unserer Referendare geworden ist, und Zornestränen laufen ihr über die Wangen.
„Ich werde mich nie wieder engagieren, nie, nie wieder. Da macht und tut man, und alles, was man zurückbekommt, ist, dass man von allen Seiten fertig gemacht wird.“
Ich lege den Kopf schief und schaue sie von der Seite her an. „Was ist denn diesmal wieder passiert?“

Es ist nicht einfach für sie, in der letzten Zeit:

Sie war wütend, als ihr die eine Kollegin die Termine wegschnappte, an denen sie mit ihrer AG das seit einem halben Jahr eingeübte Theaterstück aufführen wollte.
Da schimpfte sie und konnte nicht fassen, dass die Absprache mit dem Direktor nichtig war, nur weil die Frau sich in irgendeine Liste eingetragen hatte, die irgendwo unter einem Haufen Papier lag, von denen nur der Ältestenrat Kenntnis hatte.
Und sie war erbost, als ihr eben jene Kollegin auch noch einen Strich durch die Rechnung machte, was die Theaterfahrt anging, nachdem die Jugendherberge schon gebucht und die Zettel schon entworfen und kopiert worden waren.
Sie änderte die Zettel, legte die Buchung um und packte ihre Tasche wieder aus. Sie verlor kein böses Wort über die Frau, auch wenn sie traurig war, da sie sich schon auf die Fahrt gefreut, und eine wichtige, unwiederbringliche Verabredung abgesagt hatte.
Vor allem aber war sie enttäuscht, als immer wieder jemand absprang, der als Begleitung mitfahren sollte, und dann wieder unfassbar glücklich, als sich die Begleiterin, die letztendlich mitkam, als sympathische und tolle Kollegin herausstellte.

Dann war da noch die andere Kollegin, die aus einem unerfindlichen Grund der festen Überzeugung war ein Musical auf die Beine stellen zu müssen, auch wenn es wahrlich genug Theater (haha) in unserer Schule gab, eines von der Unterstufe, eines von der Mittelstufe und eines von der Oberstufe.
Aber diese Kollegin war nicht nur absolut überfordert mit ihrer AG, sagte die Premiere ein paar mal ab und sorgte sogar bei den Oberstufen für Kopfschütteln, so ungestüm schrie sie ihre Kleinen zusammen, sie schaffte es auch, Megan vor den Kopf zu stoßen.

Und das ist der springende Punkt.

„Ich habe nichts gesagt, als einer der Hausmeister meinte, ich könne den Fundusschlüssel jetzt haben oder gar nicht, schließlich sei nicht nur mein Wohlbefinden seine Aufgabe.“ Sie sieht mich verletzt an.
„Und ich habe auch nichts gesagt, als die Kollegin Rocio-Mull mich zusammenstauchte, was mir einfalle, ihre Schüler so einfach aus dem Unterricht holen zu wollen. Trotz Absegnung durch Herrn Jochender, obwohl ich es extra so gelegt habe, dass keine Arbeiten geschrieben werden.“
Die Tür geht leise auf, Frau Debian sieht herein, hebt die Hände entschuldigend und schließt die Tür schnell wieder. „Oh, Verzeihung.“

„Hmm.“ Ich strecke meine Beine aus, die langsam taub werden, weil die Schuhe zu hoch sind um die Knie soweit anzuziehen, und betrachte die Wand mir gegenüber.
Megan sieht mich aufmerksam an, in ihrem Blick aber liegt ein alarmierendes Blitzen. „Jetzt sag mir bloß nicht, ich solle ihnen eben klarmachen, dass sie so nicht mit mir umgehen können. Das versuche ich nämlich schon die ganze Zeit.“

Wir schweigen, bis Megan sich durchs Haar streicht und den Kopf schüttelt, als wäre das, was sie nun sagt, abschließend.
„Ich werde mich nicht mehr engagieren. So einfach ist das. Dann bleibt mir wenigstens dieser ganze Terror erspart.“
Ich sehe sie an und denke, dass das wieder einmal typisch ist, dass unsere Schule es wieder einmal geschafft hat einer engagierten Kollegin den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ihr deutlich zu zeigen, dass man ihr Engagement nicht schätzte, dass sie lieber leise und brav den ihr vorgeschriebenen Pfad erklimmen sollte, anstatt für etwas zu kämpfen, was das Kollegium nicht guthieß.

Mein Mentor sagte mir damals immer, es wäre leichter mit dem Strom zu schwimmen, als seine eigenen Wege zu suchen, doch es sei zu bedenken, dass man in der Gruppe nie sein Ziel fände.

Wer gegen den Strom schwimmt, zerstört das Gruppengefüge, und wer anders ist allemal, demnach ist das nicht gern gesehen. Und so ist das Einzige, was meine Referendarin aus ihren Bemühungen mit dem Theater mitnehmen wird, der feste Vorsatz, sich nie mehr derart zu engagieren. Ich finde das traurig, wirklich.
„Vielleicht sollten wir die Kein-Mord-Klausel doch aus unserer Schulordnung entfernen.“

„Finden Sie, ich sollte es tun?“
„Ich würde Ihnen sogar helfen, wenn ich darf?“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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25 Antworten zu Engagement & Mordpläne in der Lehrergarderobe

  1. Jürgen schreibt:

    Ich helfe auch mit!

  2. Nobelix schreibt:

    Denkt daran, eure Spuren zu beseitigen. Und die Leichen. Ich hab gehört, Keller sollen da bestens geeignet sein🙂
    Ansonsten fragt mich (bloß nicht), wenn ihr Fragen habt😉

  3. sunshinemuffin schreibt:

    Boah. Ich sorge dann für ein Alibi, ok?

  4. bambooos schreibt:

    Mir ging es mal ähnlich. Noch zu Schulzeiten. Ich hatte mich bereit erklärt, die Abi-Fahrt zu organisieren. Wochenlang Kataloge gewälzt, Angebote eingeholt, verglichen, die anderen befragt. Dann stand eine Woche Kroatien fest. Dachte ich.
    Denn in der Hofpause wurde ich gefragt, warum nicht nicht zum dem „Treffen“ gehen würde. Ich verdutzt: „Welches Treffen?“ „Na das im Raum 102!“
    Ich stürmte also da hin, öffnete die Tür und sah als erstes die Tafelanschrift…
    „Unsere Abifahrt nach Lloret de Mar“.

    Mehr als „ihr habtse doch nicht mehr alle“ bekam ich nicht raus. Dann knallte ich die Tür. Und fuhr nirgendwo hin. Keine Abifahrt für mich. Nicht mit diesen intriganten Idioten. Und engagieren? Nie wieder!

    So blieb das sehr lange. Bis dieses Jahr. Seitdem bin ich im Dienste der Lehrer in Thüringen ein bisschen Aktiver geworden. Aber auch nur aus Wut auf das System.
    Aber ich habe das Gefühl, etwas gutes zu tun. Bekomme viel Zuspruch & das spornt an.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es immer sehr schlimm, wenn so etwas passiert. Sich zu engagieren kostet nicht nur Zeit und Kraft, es macht, gerade wenn einem das, um was es geht, wichtig ist, auch verletzlich. Und es kann ja geredet werden, niemand, der organisiert, ist komplett auf sich fixiert. Wenn es Probleme gibt, Anregungen, Änderungen gewünscht sind… Kann man darüber sprechen und sehen, wie man damit umgeht.
      Es ist schade, dass die Abifahrt so gelaufen ist, vor allem natürlich, weil du auf diese Weise um eine schöne Reise gekommen bist. Verstehen kann ich es aber sehr gut, mir wäre es auch zu blöd gewesen, wenn ich ehrlich bin. Bei uns an der Schule ist es letztes Jahr so gelaufen, dass es geheime Absprachen und Listen gab, und dass gewisse Gruppen den einen oder anderen Mitschüler nicht dabeihaben wollten. Am Ende hat dann jedes Grüppchen sein eigenes Ding gedreht und wir hatten vier bis sechs Abifahrten, was dann auch schade war, wie ich finde. Aber manchmal geht es wohl nur so.
      Dass du dich dennoch nicht davon hast unterkriegen lassen und sozusagen „wieder aufs Pferd gestiegen“ bist, finde ich gut. Menschen, die sich engagieren, werden benötigt, und gerade wenn die Rückmeldung dann so positiv ist, ist es schön. Ich hoffe einfach, dass wir genau das bei der Kollegin auch hinbekommen. Denn wenn sie nun wirklich aufhören sollte mit dem Theater, wäre das ein großer Verlust für unsere Schüler, da bin ich mir sicher. Die Frage ist nur, ob wir das hinbekommen. Schlechte Erfahrungen diesbezüglich machen wir ja leider immer wieder im Kollegium…

    • Nadine schreibt:

      Ich bin gerade in einer ähnlichen Phase… kann Dich soooo gut verstehen!!!

  5. frlstreberlin schreibt:

    Das hört sich ja richtig fies an. Nicht schön…😦

  6. pausenkaffee schreibt:

    Oh man… das Traurige ist, dass ich mit meiner geringen Erfahrung in deutschen Lehrerzimmern eine ganz ähnliche Geschichte schreiben könnte. Und ich bin sicher nicht der Einzige da draußen. Schule ist konservativ, viele Lehrer leider Einzelkämpfer und ich kann nur hoffen, dass sich das in nächster Zeit ändern wird.

  7. annettchen schreibt:

    Ich wundere mich immer wieder über den Schulleiter. Er als Vorgesetzter darf ein solches Chaos in seiner Truppe nicht dulden. Aber der Fisch stinkt ja bekannter Weise zuerst am Kopf….

    • Frau Falke schreibt:

      Du weißt, was ich von unserem Schulleiter halte. Ihm gebe ich zu einem gewissen Grad auch die Schuld daran, wie es läuft. Er hat einiges getan, was für Misstrauen im Kollegium gesorgt hat.

  8. annettchen schreibt:

    Auch über Vorgesetzte kann man sich bei entsprechenden Stellen beschweren. Abgesehen davon habt ihr doch bestimmt einen Lehrerratsprecher.

  9. michael schreibt:

    > …. Trotz Absegnung durch Herrn Jochender….

    Ich kann mir schon vorstellen, dass die eine oder der andere Kollege beleidigt ist, wenn man etwas mit dem Chef klarmacht, ohne vorher die betroffenen Kollegen gefragt zu haben. Es ist ein Fehler, wenn man glaubt, Kollegen ‚übergehen‘ zu können. Wenn die sich vor den Kopf gestossen fühlen oder glauben, man wildert in ihrem Revier, hat man Ärger am Hals, ganz egal, was der Chef abgesegnet hat.

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn der Kollege betroffen ist, hast du selbstverständlich Recht. Das würde Megan sich aber niemals wagen.
      Das Problem ist, dass das „Revier“ der Kollegin alles ist. Die Theaterbühne gehört ihr, und alle anderen müssen halt sehen, wo sie bleiben. Es ist aber nicht immer möglich zu warten, bis Madame ihre Terminvorstellungen geäußert hat, um mit der eigenen Planung zu beginnen. Vor allem, weil sie dazu neigt eine Aufführung auch drei bis fünf Mal zu verschieben, sehr zum Ärger der Schüler, Kollegen und Eltern.

  10. Paramantus schreibt:

    Irgendwann kommt er noch, der amoklaufende Lehrer…😉

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