Paartherapie für Einen

Der Kollege Donalds, Christian, setzt sich auf den Platz neben mir und starrt seufzend in seinen Becher heißen, schwarzen Kaffee, bevor er mich über den Tisch hinweg fixiert. Ich jedoch bemerke dies nicht, so sehr bin ich noch in das Klausurenheft vor mir versunken, oder gebe das zumindest vor.

Wenn der Kandidat seine Berichtigung nicht ordentlich gemacht hat, kriegt er das postwendend wieder zurück und gleich eine Notiz im Notenheft.
Wenn die es jetzt nicht lernen, sitze ich in ein paar Jahren nämlich wieder in einer Elften, die glaubt, das falsch geschriebene Wort dreimal richtig aufzuschreiben reiche als Korrektion ihrer vermurksten Arbeit.

 

„Ähm, Frau Falke? Darf ich Sie etwas fragen?“ der Kollege sieht mich fragend an, schlürft an seinem Kaffee und hält meinem Blick stand.
„Kommt drauf an. Hat es denn etwas damit zu tun, dass ich aufgehört habe zu rauchen, Herr Donalds?“
Verwirrt sieht er mich an. „Haben Sie? Ich meine, nein, damit hat es nichts zu tun.“

Jetzt habe ich den armen Kerl wohl komplett aus dem Trott gebracht.  „Ist schon in Ordnung. Was wollten Sie mir denn erzählen?“
„Also, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber,“ Er runzelt die Stirn und rückt ein wenig näher an mich heran, als würde auch nur irgendjemanden sonst im Raum interessieren, was er zu sagen hat.
„Wir sind nicht mehr zusammen, Finja und ich, das haben Sie sicherlich mitbekommen.“
Ich sehe ihn an und nicke, nicht nur ich habe das mitbekommen, sondern das komplette Kollegium.

Kaum einer, der nicht Bescheid weiß, so wie die beiden sich zuletzt ignoriert und betont nicht übereinander gesprochen haben. Ich meine, sonst arbeiten sie ja wenigstens ihren ganzen Beziehungsfrust durch gepflegte Psychohygiene ab, dieses Mal aber reagieren sie ungewohnt. War ja klar, dass das nicht lang gutgehen würde.

„Ja, das ist mir schon zu Ohren gekommen, und wie Sie sich denken können, merkt man es auch in Ihrer beider Verhalten.“
Herr Donalds knackt mit den Fingerknöcheln, wie er es oft tut, wenn er nervös ist, und woran ihn die Kollegin Corr immer hindert, indem sie ihre Hand auf die seine legt. Ihm scheint in diesem Moment der gleiche Gedanke gekommen zu sein, denn er sieht mich traurig an.
Ich hole ein Stück Apfel aus meiner Brotdose und warte, bis sich der Kollege wieder halbwegs gefasst hat. Ich habe mir wieder einmal vorgenommen regelmäßiger zu essen, sicher ist sicher.

„Sehen Sie, Frau Falke, eben hatte ich Unterricht und wie ich aus der Klasse kam, da war da Finja und ist den Flur entlang gegangen mit einem Schüler. Und dann dachte ich, wie unfair, dass der Junge einfach so neben ihr gehen kann und sie ansehen. Wie unfair, dass sie ihm zuhört und er mit ihr sprechen darf und sie ihn dabei sogar anlächelt.“ Der Kollege schüttelt den Kopf, sieht mich dann an und fährt sich frustriert über das Gesicht.

„Es ist albern, nicht wahr? Jetzt bin ich sogar schon eifersüchtig auf einen Schüler.“

Ich weiß nicht so recht, was ich darauf antworten soll, natürlich ist es unangebracht wegen so einer alltäglichen Situation eifersüchtig zu werden, anderseits finde ich es auch schmeichelhaft für Frau Corr, dass ein Mann ihretwegen so agiert. Wieder andererseits aber ist mir ja nicht bekannt, warum die beiden sich getrennt haben, das spielt schließlich auch noch mit rein.

Herr Donalds trinkt einen Schluck Kaffee. „Ich kann es kaum glauben, diese Frau macht mich verrückt. Gestern hat sie mir rein zufällig einen Blick zugeworfen – danach war ich stundenlang glücklich, verstehen Sie?“
Ich beiße mir auf die Unterlippe und senke den Kopf.  „Schon, ja.“
Er stützt den Kopf auf seinen Händen ab und starrt wieder in seinen Kaffeebecher. „Aber Sie haben auch keine Antwort, oder?“
„Nicht unbedingt, nein.“ gebe ich zu und mein Blick wandert herüber zu Frau Corrs Platz hinten am Tisch.

„Aber ich stecke ja auch nicht richtig in der Situation drin, nicht wahr? Vielleicht sprechen Sie sie einfach darauf an. Glücklich scheint sie mir im Moment auch nicht zu sein.“
„Wie könnte sie das nach dem, was los war?“

 

Darauf habe ich dann wirklich keine Antwort.

 

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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26 Antworten zu Paartherapie für Einen

  1. pausenkaffee schreibt:

    Ich muss sagen, dass mich immer wieder überrascht, was bei dir im Lehrerzimmer so abläuft. Da könnte man gut und gern eine Serie draus machen (die sich nicht verkaufen würde, weil Serien über Lehrer irgendwie niemand sehen will [außer sie sind schwer psychopathisch und bringen Leute um… Die Lehrer, nicht die Zuschauer]).

    • Frau Falke schreibt:

      Da könnte man gut und gern eine Serie draus machen (die sich nicht verkaufen würde, weil Serien über Lehrer irgendwie niemand sehen will

      Deshalb schreibe ich einen Blog und keine Drehbücher.😉

      [außer sie sind schwer psychopathisch und bringen Leute um… Die Lehrer,

      Mein Serotonin-Spiegel ist noch nicht tief genug, als dass ich an Selbstmord denken würde. Sollte dies aber mal der Fall sein, wäre ein Opfermord durch mein Kollegium sicher eine interessante Idee…

      • pausenkaffee schreibt:

        Gute Antwort😉 Wie viele Kollegen seid ihr eigentlich so insgesamt?

        • Frau Falke schreibt:

          Letzte offizielle Zahl war 74, aber ich weiß nicht, ob das noch so stimmt. Wahrscheinlich nicht. Aber so um und bei wird es sein. Wie viele seid denn ihr?

          • pausenkaffee schreibt:

            Auch so ungefähr 80. Vielleicht sind wir ja doch an der selben Schule😉

            • Frau Falke schreibt:

              Du müsstest unfassbar unaufmerksam sein, an der selben Schule wie ich zu unterrichten und von dem Terror nichts mitzubekommen. So schätze ich dich nicht ein.😉 Wobei wir ja mal einen Test machen könnten:

              [ ] Das Lehrerzimmer wird momentan umgebaut, weshalb du keinen Platz hast.
              [ ] Der normale Umgangston ist momentan Geschrei.
              [ ] Wenn man einen Referendaren sucht, ist dieser in der Lehrergarderobe.
              [ ] Egal wann du ins Neulehrerzimmer kommst, es ist immer jemand bestimmtes da.
              [ ] Du hast Angst die Chemiesammlung zu betreten.
              [ ] Der Stundenplan ist über das Internet stets einen Tag zu spät abrufbar.
              [ ] Manche deiner Schüler haben ihr Zuhause in der Grundschule.
              [ ] Einen Joghurt aus dem Kühlschrank zu essen kann zum Tode führen.

              Ich bin gespannt…

              • pausenkaffee schreibt:

                Auf der einen Seite ist es irgendwie schade, auf der anderen Seite bin ich jedoch auch sehr froh, dass unser Lehrerzimmer und die entsprechenden Kollegen nicht an mehreren Fronten derart miteinander kämpfen… Wenigstens die Fachschaften sollten zusammen halten und da kann ich mich zum Glück wirklich in keinster Weise beschweren!

              • Frau Falke schreibt:

                Pff. Ich… Ja, gut, die Chemiker sind eigen. Und die Deutschkollegen sind auch so eine Sache für sich. Ich glaube aber die Biologen mögen sich. Die Mathematiker ebenso… Und in Philosophie ist es auch schön.😉 Die Sportlehrer sind laut Sarah super. Die Englischkollegen wiederum sind arg bös untereinander. Vielleicht unterrichte ich die falschen Fächer. Die Kunstlehrer haben sicher immer viel Spaß, die haben ja schließlich schon zusammen Steine auf Demos geworfen.😀

      • pausenkaffee schreibt:

        Interessant vielleicht… Aber wer schreibt das dann in deinen Blog? Geht also nicht.😉

  2. frlstreberlin schreibt:

    🙂 wer braucht schon einen TV zuhause, wenn er so ein Kollegium hat?!
    (oder einen Blog kennt, der über so ein Kollegium berichtet😉 )

  3. hijack schreibt:

    Ich schließe mich den Vorkommentatoren an: Dein Kollegium toppt jede DailySoap. oO‘

  4. Jürgen schreibt:

    Ist im Kollegium auch „Unterricht“ Thema?

  5. Nadine schreibt:

    Ich kenn die Story nicht, die dahintersteckt, aber Dein Kollege tut mir leid.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich kenne die Story dahinter leider auch nicht. Wobei es Finja auch nicht besser geht, ich frage mich, was vorgefallen ist, dass die beiden so heftig gestritten haben.

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