Hoffen wir das Beste für sie

Der Kollegin Kerstin Berit geht es nicht gut in den letzten Wochen, sie wankt, wenn sie sich zu ruckartig bewegt hat, muss sich am Tisch festhalten, wenn sie zu schnell aufgestanden ist, und ständig wird ihr schwarz vor Augen. Sie ist erschreckend blass geworden über die Ferien und wieder unfassbar dünn, ihre abgemagerten Beine sind kaum so dick wie meine Oberarme und aus ihrem Dekolleté stechen die Schlüsselbeine hervor.
Sie sieht fast so schlimm aus wie damals mit ihren tiefen, dunklen Augen über den hohen, markanten Wangenknochen.

Die Schüler tragen wieder ihre Materialkisten, die Schuber mit Arbeitsheften, schieben sogar das Klavier zurück auf seinen Platz, damit Frau Berit es nicht machen muss. Doch sie sprechen nicht darüber, weil sie ja doch nicht beantworten können, was an Fragen aufgeworfen wird, und so machen die Schüler das, was sie als einziges für die Referendarin tun können, sie helfen ihr, wo es nur geht.

Wir Lehrer beobachten Kerstins Verhalten kritisch, aber machtlos. Sie lässt nicht mit sich reden, egal was wir tun, sie kann nicht mit Vernunft überzeugt werden.
Wir hoffen, dass es besser wird, genießen die Zeit, in der sie scheinbar normal agiert. Aber wir sind auch genervt von ihr, wenn sie wieder diese essgestörten Züge annimmt, wenn ein jedes ihrer Worte einen anorektischen Hauch bekommt, wenn sie wie im Moment wieder klein und verloren im Kollegium sitzt und uns in ihrer Hilflosigkeit nur unsere Hilflosigkeit vor Augen führt.

Es ist also wieder soweit, sie ist erneut an diesem Punkt, an dem sie nicht weiter weiß und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis etwas passiert.

Wir sitzen im Lehrerzimmer und beobachten sie, während sie den verstohlenen Blick kaum mehr hebt. Ich weiß nicht, wie sie es schafft noch zum Unterricht zu gehen, Stunden zu halten wäre mir in ihrer Verfassung kaum möglich, aber sie schafft es irgendwie.
Wir anderen sitzen einfach nur dort und warten, warten darauf, dass etwas passiert, auch wenn wir fürchten, dass es etwas Schlimmes sein wird.
Ich habe Angst, dass sie erneut einem Ohnmachtsanfall erliegt, sich dabei vielleicht den Kopf stößt oder sich anderweitig verletzt, man kann sich im Moment des Fallens schließlich nicht abstützen. Oder dass es etwas noch Schlimmeres ist, was ihr passiert, wer hat schon eine Ahnung davon, wie geschwächt ihr Körper ist.

Wir warten also unfähig eingreifen zu können, warten darauf, dass etwas geschieht, was dieses Band des Schweigens von uns nimmt und diese bedrückte Stille mit Aktionismus füllt. Und gestern in der dritten Stunde war es dann auch soweit.

Ich suchte Daina, mit der ich noch etwas besprechen wollte, in der Chemiesammlung, denn in vier von fünf Fällen war sie dort anzutreffen. Aus irgendeinem Grund hatte sie öfter als alle anderen Kollegen der Fachschaft Spül- und Aufräumdienst, was nicht wenige auf Frau Prosch zurückzuführen wussten. Mir ist es mittlerweile ehrlich gesagt egal, Daina ist erwachsen und muss wissen, was sie tut; wenn sie sich gegen die Kollegin nicht zur Wehr setzt, hat sie wohl ihre Gründe dafür.

Und wenn der einzige Grund ist, dass sie keine Lust mehr hat halbsaubere Reagenzgläser zu bekommen, die beim Mischen von Chemikalien plötzlich ungeahnte Reaktionen zeigen. Ich habe auch hier beschlossen mich ein wenig bedeckter zu halten.

Jedenfalls war ich auf der Suche nach Daina und betrat die Chemiesammlung durch die Sammlungstür, da wurde mein leiser, fragender Ruf nach der Kollegin tonlos und ich betrachtete Kerstin, die mit wachsender Verzweiflung versucht die Tür zum Raum zu öffnen. Sie hatte die Hand schon auf die Klinke gelegt, zog an der Tür, konnte sie aber beim besten Willen nicht weit genug bewegen um durch den Spalt schlüpfen zu können. Sie kam mir vor wie ein Kind – klein, hilflos, mit etwas so Alltäglichem überfordert.

Sie ließ die Klinke los, wischte sich über das Gesicht, als habe sie eine große Anstrengung hinter sich, und schlug dann mit den Fäusten gegen die Tür.
„Kerstin?“
Sie drehte sich erschrocken zu mir um, strich sich über die Wangen und blinzelte mir entgegen. „Ja? Was ist?“
„Du… Brauchst du Hilfe? Soll ich dir die Tür öffnen?“
Sie sah mich an, lachte auf und verbarg dann ihr Gesicht in ihren Händen, stand so verloren vor mir, dass ich auf sie zuging und sie in den Arm nahm. „Kerstin…“
Mehr konnte ich wirklich nicht sagen.

Sie sah mich an und das Lächeln auf ihren Lippen wollte gar nicht so recht zu ihren Augen passen, dem auf einer Seite weggewischten Rouge, das sie seit Langem viel zu stark trägt und mit dem sie darüber hinwegzutäuschen versucht, dass ihre normale Hautfarbe schon längst aus ihrem Gesicht gewichen ist.

Sie bemerkte den zweifelnden Blick, mit dem ich sie betrachtete. „Du hältst mich für verrückt, oder? Wie die anderen auch. Weil ich mich nicht unter Kontrolle habe. Die ganze Zeit schon nicht.“
Ernst sah ich die Referendarin an. „Ich halte dich nicht für verrückt, Kerstin, ich halte dich für krank.“
Ihre Augen füllten sich mit Zorn, Verzweiflung, irgendetwas in dieser Richtung. Ein Blitzen, gefährlich. „Du weißt nicht wie das ist.“
„Ich weiß vielleicht nicht, wie das ist, Kerstin. Aber ich weiß, dass du dringend eine Therapie brauchst.“

An diesem Tag ging Kerstin Berit nach einigen Gesprächen mit den wichtigsten Stellen, sie ging sang- und klanglos, still und leise, sie machte dabei kein Aufsehen, nicht einmal ihre Schritte machten auf dem Boden Geräusche. Sie verließ das Kollegium ohne sich zu verabschieden, aber die Art und Weise, wie sie es tat, machte zumindest denen, die da waren in jenen Minuten, klar, dass sie für lange Zeit nicht wiederkehren würde.
Oder vielleicht, vielleicht ist das nur eine Hoffnung von mir, so wie beim letzten Mal auch, als wir glaubten sie würde sich in Therapie geben. Mich trifft das alles sehr. Doch ich bin froh, dass endlich etwas geschieht.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Ich hoffe, dass sie dieses Mal wirklich in Behandlung geht, aber ich glaube nicht daran. Denn tief in ihrem Inneren scheint Kerstin noch gar nicht davon überzeugt, eine Therapie machen zu müssen.
P.P.S.: „Sie will nur die Symptome bekämpfen, nicht die Krankheit selbst.“, sagt Frau Fuldaer und ich bin erstaunt, wie gut die beiden sich mittlerweile verstehen. Wer hätte gedacht, dass sich gerade zwischen den zwei Kolleginnen eine Freundschaft entwickeln würde?

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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8 Antworten zu Hoffen wir das Beste für sie

  1. krizzydings schreibt:

    Es scheint prinzipiell verwundernwert,dass in deinem Kollegium überhaupt neue Freundschaften entstehen, oder? Meine beste Freundin ist auch krank und ich habe häufig so ein bedrückendes Gefühl mich vor ihr erklären zu müssen,obwohl sie diejenige ist,die nach einem eindeutig langen Tag (zb Uni oder so) mich in edelste Restaureant zerrt um dann „besiammen zu seitzen“ und Tee zu trinken…und ich sitze vor dem bildschirm und weiss nicht wieso ich ausgerechnet DAS erzähle….
    Es ist ein harter Weg den sie gehen wird,am anfang wird es für die zu verlockend werden sich und anderen etwas vorzuspielen und es wird auch eltern und freunde belasten…

    • Frau Falke schreibt:

      Arbeitsbeziehungen sind sicher auch gesünder, wenn ich mir das alles hier ansehe… Aber vielleicht verbindet die beiden ja wirklich etwas. Und mit Glück mehr als die Suchtproblematik.:/
      Nach dem, was du erzählst, scheinst du zu wissen, wie es für uns ist zuzusehen, aber nicht wirklich eingreifen zu können. Ich hoffe, es wird gut werden.

  2. annettchen schreibt:

    Ich wundere mich weshalb der Schulleiter als Kerstins Vorgesetzter nicht seiner Fürsorgepflicht nachkommt.

    • Frau Falke schreibt:

      Gespräche haben stattgefunden, so ist es ja nicht. Beim letzten Mal hat er ihr auch dringend zu einer Therapie geraten, und Informationsmaterial haben wir auch zur Genüge. Es ist schwer, wenn die Betroffene selbst nicht bereit ist anzuerkennen, dass sie krank ist.

  3. michael schreibt:

    > Wer hätte gedacht, dass sich gerade zwischen den zwei Kolleginnen eine Freundschaft entwickeln würde?

    Warum nicht ? Beide dürften aufgrund ihrer Erkrankungen Aussenseiter-Status im Kollegium haben, und das verbindet.

    Da kann man nur hoffen, dass sie sich in Behandlung begibt und die Behandlung hilft.

    Und das es einen selber nicht trifft.

    • Frau Falke schreibt:

      Sie haben sich letztens ziemlich heftig angekeift. Ich dachte dies mit euch geteilt zu haben, lag damit aber falsch. Demnach ergibt mein Kommentar natürlich kaum Sinn… Meine Gedanken sind einfach komplett woanders momentan. Aber es wird schon wieder.

  4. Nadine schreibt:

    Ich hoffe, sie begibt sich wirklich in Therapie!

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