Die Abspaltung Mecklenburg-Vorpommerns im Hormonrausch

 

Als würde es nicht schon reichen, dass die Stimmung im Moment so unglaublich schlecht ist, dass Kerstin unfassbar dürr geworden ist, dass Frau Fuldaer immer fertiger aussieht, dass Frau Lindmahd Stress mit dem Direktor hat, dass Stefan nicht mehr mit Emily spricht, dass die Kollegen Corr und Donalds jetzt scheinbar richtig auseinander sind, dass Frau Peters der armen Frau Debian noch immer nicht verziehen hat und Renate zusehends die Kontrolle über ihre Klasse verliert.

 

Als wäre all das noch nicht schlimm genug, betrete ich heute pünktlich mit dem Pausenklingeln das Neulehrerzimmer und sehe dort Felizitas an unserem Tisch sitzen, in Tränen aufgelöst, die ihr heiß über die Wangen perlen. Sie hält ein Taschentuch in den Händen, tupft sich die Augen ab, blickt nach oben, als könne dies ihre Tränen abhalten.

„Feli, bitte nicht, weine du jetzt nicht auch noch. Was ist denn nur passiert?“ Ich lasse mich neben ihr auf den Stuhl sinken und streiche vorsichtig über ihren Arm. Dass wir die letzte Zeit nicht gerade gut miteinander auskommen, ist vergessen.
„Ist schon okay, mir geht es gleich wieder besser.“ Die erneuten Tränen sprechen eine andere Sprache, aber irgendwie scheint sie auch nicht tief bewegt zu sein.
„Was hast du denn gemacht? Seit wann sitzt du hier?“
„Seit eben gerade, ich hatte noch Unterricht.“
Mir schwant Böses. „Du warst so im Unterricht?“
Sie sieht mich an und lächelt. „Nein, nein, bis eben konnte ich mich noch zusammenreißen, zumindest halbwegs, ich,“
Felizitas streicht sich mit dem Taschentuch über die Wangen und putzt sich anschließend die Nase. „Ich verstehe gar nicht, warum ich so sentimental bin.“

Ich reiche ihr die Packung Taschentücher aus meiner Tasche und stützte mein Kinn auf meiner Hand ab, irgendwie werde ich nicht schlau aus meiner Freundin. „Haben deine Schüler etwas gemacht, oder warum weinst du? Ich meine, ich verstehe dich nicht, was ist denn los?“
Felizitas streicht sich über die Wangen und schüttelt den Kopf. „Nein, sie haben nichts gemacht, sie waren ganz lieb. Ich habe nur eine DVD mit ihnen geguckt, einen Spielfilm, „die Grenze“. Du weißt schon, diese Geschichte mit der erneuten Teilung Deutschlands, wo sich Mecklenburg-Vorpommern abspaltet.“
„Den habe ich nie gesehen.“ gebe ich zu.
„Ist auch nicht schlimm, du musst ihn nicht gesehen haben. Es ist halt nur so, dass da ein kleiner Junge erschossen wird, und dann ist da die Mutter und,“ Ihre Stimme versagt, Tränen laufen ihr über die Wangen und sie lächelt wieder, obwohl sie schluchzt.
„Tut mir leid, ich bin heute nicht so ganz auf der Höhe.“
„Ach Süße, es ist doch nur ein Film.“
„Ich weiß es ja, aber als das Kind stirbt und die Mutter absolut nichts machen kann, da habe ich nur gedacht,“ Sie sieht mich an und mit jedem Wimpernschlag laufen mehr Tränen.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es wäre mein Kind zu verlieren, verstehst du?“

Sie putzt sich wieder die Nase, bringt das Taschentuch zum Mülleimer und kehrt zu unserem Tisch zurück.
„Keine Ahnung, was da eben bei mir los war, aber ich saß da und konnte nur denken, dass es wohl nichts Schlimmeres auf der Welt geben kann als so was. Und dabei lief das Leben einfach weiter, die Schüler haben das Ganze als nicht halb so schrecklich erachtet wie ich es tat.“
Sie schüttelt den Kopf und sieht mich lächelnd an. „Vielleicht ist das aber ganz gut so, sonst hätten wir alle dort gesessen und geheult.“
„Du hast mich so erschreckt, das glaubst du gar nicht.“ teile ich ihr unaufgefordert mit und wir beide müssen lachen.
„Das tut mir Leid, wirklich, das war nicht meine Absicht. Ich bin es wohl noch nicht gewohnt eine werdende Mutter zu sein, was?“
Ich lege den Kopf schief und blicke sie abwartend an. „Eine bessere Ausrede ist dir nicht eingefallen?“
„Was soll ich denn sonst sagen?“ erkundigt sie sich verwirrt.
„Die Hormone sind schuld.“ antworte ich grinsend.

Da geht die Tür auf und Herr Wallert kommt herein, stoppt noch in dem Satz, den er gerade ausspricht und sieht überrascht zwischen uns beiden hin und her. „Mein Gott, was ist denn mit Ihnen los? Ist irgendwas passiert?“
Felizitas zerknüllt ein weiteres Taschentuch in ihren Händen und lächelt. „Hormone, Herr Wallert, das sind nur die Hormone.“

Der Mann betrachtet noch einen Moment seine beiden Kolleginnen und redet im Flüsterton mit sich selbst, während er zur Kaffeemaschine geht. „Hormone, Hormone, irgendwann werde ich auch schwanger, Hormone sind ja eh die Antwort auf alles.“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Sollte ich irgendwann schwanger sein, werde ich alle Filme überprüfen, bevor ich sie meinen Schülern zeige. Sicher ist sicher.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Irgendwie süß abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Die Abspaltung Mecklenburg-Vorpommerns im Hormonrausch

  1. frlstreberlin schreibt:

    Arme Felizitas ;(
    Hormone sind wirklich was fieses.
    Aber ich bin immer noch baff, was in den hochheiligen vier Wänden des Lehrerzimmers so passiert.

  2. Nele schreibt:

    Hahaha, tyyypisch schwanger😀
    Woher kenn ich sowas nur?

  3. Pfiffika schreibt:

    Nicht nur alle Filme checken…auch wenn der Partner mit dem Neugeborenen spazieren geht, damit die erschöpfte Frau Mama mal Ruhe hat, können einem Hormone die allerschaurigsten Szenerien vorgaukeln…. das ist Stig Larsson ein Waisenknabe gegen! Und anstelle einer ausgeruhten entspannten fröhlichen Partnerin erlebt der Andere ein bösartiges zähnefletschendes Biest, dass nur wütend zischt:,, Wo um Himmels Willen warst du so lange?“
    Man, geh‘ mir bloß wech mit den Hormonen!

  4. michael schreibt:

    Diese Überschriften! Ich hatte schon gedacht, sie hätte endlich ihren Kinderfeindlichen Freund in die Wüste geschickt!

    > dass Frau Fuldaer immer fertiger aussieht,
    Alkohohlsucht ist schon Scheisse.

    > dass Frau Lindmahd Stress mit dem Direktor hat,
    Höchstwahrscheinlich zurecht. Warum sucht die sich nicht selber einen neuen Job ?

    > dass Stefan nicht mehr mit Emily spricht,

    Gibt schlimmeres, zum Beispiel das :

    > Renate zusehends die Kontrolle über ihre Klasse verliert.

  5. ullli23 schreibt:

    Irgendwie erschreckend, dass „Die Grenze“ im Unterricht gezeigt wird. Der Film soll nämlich unglaublich schlecht und unlogisch sein… http://www.moviepilot.de/movies/die-grenze/comments

  6. Nadine schreibt:

    Aber ihr Freund hat sich jetzt endlich damit arrangiert, dass er Vater wird? Oder wird er sich pünktlich zur Geburt verdünnisieren?

    • Frau Falke schreibt:

      Er ist nach wie vor gegen das Baby. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie die beiden das regeln wollen. Aber mit ihr kann man ja gar nicht darüber sprechen, sie tut ja so, als würde sich das Thema erledigen, wenn sie es lange genug ignoriert.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s