Vom Partnerfinden und Testsbestehen

 

Daina korrigiert an unserem Tisch, den Kopf auf ihren Händen aufgestützt, und sieht mich mit einem leidenden Blick an, als ich das Neulehrerzimmer betrete.
„Deutsch oder mehr so Chemie?“ erkundige ich mich und lasse meine Tasche elegant zu Boden sinken, während ich auf die Kaffeemaschine zusteuere.
„Auch Kaffee?“

„Mehr so Chemie und Kaffee immer gern.“ Sie lächelt, legt einen Zettel beiseite und trommelt mit dem Rotstift auf den Tisch.
Ich reiche ihr die dampfende Tasse, sie nimmt sie dankend an und ich setze mich zu den Mädels.
Emily blättert desinteressiert in einem dünnen Buch, das ihr ein Kollege vorhin empfohlen hat. „Klausuren, Arbeiten oder Tests?“

„Tests, zu mehr konnte ich mich bislang nicht durchringen.“ berichtet Daina und legt zwei Zettel nebeneinander, die sie dann eingehend betrachtet.
Felizitas grinst wissend. „Überraschend oder angekündigt?“
„Überraschend natürlich, ich meine, wenn, dann richtig.“ Die Kollegin trommelt wieder unbewusst mit dem Rotstift.

 

„Also ich schreibe keine unangekündigten Tests mehr mit meinen Schülern.“ erklärt Frau Crande uns.
„Ich tu mir das doch nicht freiwillig an. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass die nur dann Vokabeln lernen, wenn ich es vorher ausdrücklich eingefordert habe.“

„Aber über Dinge, die laufend im Unterricht vorkommen, schreiben Sie doch schon, oder nicht?“ erkundigt sich Stefan.
„Eigentlich nicht, nein. Was soll ich mich über die ärgern, wenn es nicht notwendig ist?“

„In Mathe schreibe ich schon hin und wieder die verschiedensten Tests, nur um zu gucken, wer seine Hausaufgaben tatsächlich macht und was noch nicht verstanden wurde.“ berichtet Sarah.
„In Mathe ist das auch etwas anderes, da kann man nicht am Unterricht teilnehmen ohne wenigstens das Prinzip verstanden zu haben. In Französisch kann man vier Jahre sitzen ohne auch nur eine Vokabel dazuzulernen.“ setze ich mich für meine Fremdsprachenkollegin ein.

„Aber schreibst du mit deinen Klassen in Englisch nicht auch von Zeit zu Zeit die Tests über die gelesenen Kapitel?“
„Nicht mehr,“ gebe ich zu. „das ist jedes Mal viel zu ernüchternd.“
„Warum denn ernüchternd?“ Sarah wirft einen fragenden Blick zu Daina und mir.

„Na, hier zum Beispiel. Da reden wir seit fünf Wochen schon über Glucose, dann sollen sie die Formel und Strukturformel angeben und was schreiben sie? C6H12O12. Ich meine, was wollen die mir denn damit mitteilen?“ Daina schüttelt den Kopf.
Ich zucke mit den Schultern und Emily schlägt das eh langweilige Buch zu.
„Und hier, das ist noch besser. Schreibt die richtige Formel hin und malt trotzdem nur fünf Sauerstoffatome. Oder die Kandidatin, die glaubt allen Ernstes, es gäbe „Wasserbrückenbindungen“. Klar, Wasserstoffbrückenbindungen sind ja auch überbewertet.“

„Sehen Sie, das nächste Mal schreiben Sie lieber angekündigt.“ lässt sich Frau Crande nicht beirren.

„Eines muss ich euch noch zeigen, das ist von einem ganz besonderen Genie.“ sagt Daina und schreibt ein großes F neben die Antwort.
„Der hier ist der Überzeugung, die Aldehydgruppe wäre der CH2OH-Teil. Was soll ich denn da noch sagen?“
Sarah zuckt mit den Schultern.

„Oder hier, das ist noch besser. Auf die Frage hin, wo sie einen Partner für den negativ geladenen Sauerstoff finden können: Partnerbörse.de. Und dann wundern die sich, wenn ich mich von ihnen verarscht fühle.“ Daina verzieht für einen Moment missbilligend den Mund.

„Also ich finde es fast schon wieder gut, wenn sie mit so einem Humor an die Sache rangehen.“ meint Stefan amüsiert.
„Erst im Unterricht nicht aufpassen und dann auch noch frech werden.“ sagt Daina und verdreht die Augen.
„War ja klar, dass dir das gefällt.“

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Vielleicht krame ich die Kapitel-Tests nochmal raus, wer weiß, ob die Schüler nicht einem plötzlichen Interesse für ihre Deutsch- oder Englischlektüren erlegen sind.
P.P.S.: Hört auf zu lachen, ich weiß, es ist unrealistisch. Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen, oder?

 

 

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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18 Antworten zu Vom Partnerfinden und Testsbestehen

  1. frlstreberlin schreibt:

    Ich finde es schade, dass es in NRW keine unangekündigten Tests gibt. In meiner Jugendschulzeit in Bayern gab’s die fiesen „Exen“ mind. 1x die Woche in einem der Fächer und wir haben immer gestöhnt und geflucht ohne ende. Aber gelernt. Aber es lag immer so eine Spannung in der Luft. „Meinst du, in Englisch gibt’s heute einen Test? Sie hatte extra noch mal beton, wir sollten uns die Lektion angucken…“
    So etwas gibt’s in NRW nicht… und es fehlt mir 😦

    • Frau Falke schreibt:

      Bei uns gibt es Kollegen, die auch wöchentlich abprüfen. Andere versuchen es alle zwei Wochen, je nachdem, wie sie im Unterricht vorangekommen sind. Nur angekündigte zu schreiben ist natürlich was das Lernverhalten der Schüler nicht besonders prickelnd, anderseits, und das beobachte ich auch immer wieder, schafft man mit dem verlässlichen Ankündigen von Tests auch eine Atmosphäre von Vertrauen aufzubauen. Schüler, die sowieso schwach in einem Fach sind und dann bei jeder nicht vollständig verstandenen Hausaufgabe durchdrehen, aus Angst, sie könnte sogleich im Test abgefragt werden, sind für mich auch nicht wünschenswert. :/

  2. frlstreberlin schreibt:

    in meiner Klasse voller erwachsener (hahahahhaha) Schüler habe ich folgendes beobachtet:
    Die eine Hälfte lernt auf einen angekündigten Test hin. Angekündigt werden diese dann aber auch bereits 3 bis vier Wochen vorher.
    Die andere Hälfte lernt nicht und mault dann über die „fiese Fragestellung“ und über die Aufgaben „die man vorher noch nie bearbeitet hat!“ (Meist nimmt unser Mathelehrer, bei dem solche Aussagen oft getroffen werden, Aufgaben aus einem der Arbeitsblätter, die wir als Hausaufgabe auf hatten).
    Ich denke, es ist egal wie man es macht. Man kann es den Schülern nie allen recht machen. Sobald Noten vergeben werden sind Lehrer doof. Außer die Noten stimmen – weshalb ich Lehrer liebe 😛

    • Frau Falke schreibt:

      Du hast es eigentlich perfekt auf den Punkt gebracht. 🙂 Sehr schön.
      Anfügen möchte ich noch eine kleine Anekdote zu meinem Bruder. Der hat in der fünften Klasse sich sehr darüber empört, dass dauernd Klassenarbeiten geschrieben wurden, von denen er angeblich absolut nichts wusste. Ein Telefonat mit einer Mutter eines anderen Schülers der Klasse ergab dann, dass die Arbeiten einfach nur so viel früher angekündigt wurden, dass mein (eher unaufmerksamer) Bruder sie bis zum Termin einfach schon wieder vergessen hatte. 😀

  3. CupcakeCookieMonster schreibt:

    Also ich muss sagen meine letzten beiden Deutschlektüren und auch die vorletzte Englischlektüre haben mir gut gefallen und gegen einen unangekündigten Test darüber hätte ich auch nichts gehabt. Ich finde solche Tests meistens sogar gut, denn unsere Lehrer rechnen die gerne später zu einem recht großen Teil in die Endnote. Ergo wenn man nur ein wenig im Unterricht aufpasst bzw. seine HA zumindest selber macht, kann man damit relativ einfach und unkompliziert gute Noten bekommen. Gerade im letzten Schuljahr konnte ich mit guten Tests meine verkorkste Chemieklausur ausgleichen und so doch noch 11 Pkt. im Zeugnis bekommen. Leider werden diese Tests bei uns nur in einigen Fächern gehäuft und in den anderen meist gar nicht geschrieben, weil (verständlicherweise) viele Lehrer nicht bei 15-20 Tests von 30 „0 Pkt.“ drunterschreiben wollen, was bei unserm Jahrgang vorprogrammiert ist. Meine Deutschlehrerin meinte mal, dass selbst wenn alle aus unserem Deutschkurs da sind (30), sich max. 15 mehr oder minder gezwungen am Unterricht beteiligen und man von diesen 15 mit den Aussagen von max. ca. 7-8 Leuten qualitativ arbeiten kann. Und das war kein Scherz! Leider, denn
    meiner Meinung nach, müsste man allen, die meinen es nicht nötig zu haben (und im schlimmsten Fall den Unterricht auch noch stören) mit schlechten Noten in diesen Tests die Endnote so verhageln, dass sie sich nicht mehr durchmogeln können. Ich weiß, das klingt drastisch, aber unser Jahrgang ist echt die Härte was fehlende Motivation, fehlenden Ehrgeiz, Faulheit und sich „Durchmogeln“ angeht.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich kann deine Frustration über dieses Verhalten sehr gut verstehen. Es wirkt sich ja nun mal auf das Unterrichtsgeschehen aus, wenn man in solchen Klassen etwas zu erarbeiten versucht, und ist für jene, die wirklich Interesse haben, nicht besonders schön.

  4. annettchen schreibt:

    Ich kenne bei meinen Kindern sowohl angekündigte als auch nicht angekündigte Tests.
    Am lustigsten ist immer die Chemielehrerin, die zwar ihre Tests ankündigt, deren Inhalt aber noch nicht mal ansatzweise etwas mit dem vorherigen Unterrichtsstoff zu tun hat.

  5. Nadine schreibt:

    Ich kenn nur Schulaufgaben (angekündigt!) und Exen (unangekündigt!). Was ist der Unterschied einer Arbeit und einem Test? Eine Klausur wird wohl eine Schulaufgabe sein.

    • Frau Falke schreibt:

      Klausuren sind Klassenarbeiten in der Oberstufe. Klassenarbeiten sind umfangreicher und werden in vorgeschriebener Anzahl geschrieben. Tests sind kürzer und können angekündigt werden oder eben unangekündigt geschrieben werden. Ihre Anzahl variiert von Kollege zu Kollege. 🙂

      • hijackinthebox schreibt:

        „Ihre Anzahl variiert von Kollege zu Kollege.“

        Bei dem Satz musste ich gerade an die Worte meines ehemaligen Deutschlehrers denken. Als ich bei ihm Praktikantin war, wollte ich wissen, wie das so ist mit den Tests; wie Lehrer das handhaben, auch hinsichtlich der Häufigkeit. Und er erwiderte schmunzelnd: „Naja, die einen wenden diese Art der Leistungsüberprüfung ab und zu mal an – und andere Kollegen wiederum machen da ein Hobby draus.“ 😀

  6. michael schreibt:

    Was wäre wohl herausgekommen, wenn die Kollegen den Test hätten schreiben müssen ?

    Übrigens: Wieso kommt im Titel das Wort Partnerfinden vor ?

    • Frau Falke schreibt:

      Was bei den Kollegen herausgekommen wäre, weiß ich nicht. Du hast den Lesetest aber auf jeden Fall nicht bestanden, mein Lieber. 😉

      „Oder hier, das ist noch besser. Auf die Frage hin, wo sie einen Partner für den negativ geladenen Sauerstoff finden können: Partnerbörse.de. Und dann wundern die sich, wenn ich mich von ihnen verarscht fühle.“

      • michael schreibt:

        > Du hast den Lesetest aber auf jeden Fall nicht bestanden, mein Lieber

        Wo Sie recht haben, haben Sie natürlich recht. Aber hatten Sie wirklich keine Hintergedanken bei „Partner finden“ ???

        • Frau Falke schreibt:

          Ich glaube, ich stehe auf dem Schlauch. Welchen Hintergedanken hätte ich denn haben können? Sowas wie „Ich will einen Partner finden“ oder wie? Irgendwie überforderst du mich gerade.

  7. umblaettern schreibt:

    An meinen Chemieexen und -schulaufgaben hätte ihre Kollegin sicher auch ihre helle Freude gehabt… Chemie war und blieb auch mit aller Lernerei (mit LK-Nachhilfe) ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Genau wie Physik.
    Das mit der Partnerbörse finde ich gar nicht so schlimm, lieber lach ich mal über so eine Antwort als mich über eine leere Zeile zu ärgern (;

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