Mit ihm auf ihrer Seite



„Hast du deinen siebten Sinn für die Probleme deiner Mitmenschen verloren oder bloß keine Lust mehr dich damit zu beschäftigen?“ Stefan setzt sich mir quer gegenüber auf einen Stuhl und trinkt einen Schluck Kaffee, während er mich nicht aus den Augen lässt.

Ich senke den Blick, seine Ansage hat mich verletzt, aber momentan wird sowieso nur noch auf diese Weise kommuniziert, wie mir scheint.

Er bemerkt es nicht, oder es ist ihm egal, eines von beidem.

In meinen Gedanken gehe ich die möglichen Kollegen durch, von denen er sprechen kann. Emily wegen ihres nicht näher definierbaren Problems, Sarah wegen Michael, Feli wegen der Schwangerschaft, Herr Krüger wegen seines Kindes, Herr Wallert wegen seiner schlechten Laune, Frau Vogt wegen ihres katastrophalen Gesundheitszustandes oder er selbst, da ihn diese merkwürdige Verliebtheit nicht loslässt?

Aber als ich ihn ansehe, weiß ich, von wem er spricht, natürlich. „Megan.“ Es ist keine Frage, nur eine Feststellung. Es ist ihm also aufgefallen.

Stefan verschränkt die Arme, als müsse er etwas abwehren. „Seit wann weißt du es?“

„Zwei, drei Monate, vielleicht auch vier, wenn du die Ferien mitrechnest.“ sage ich leise. Die anderen Kollegen müssen nicht mitbekommen, um was es hier geht.

Stefan schüttelt den Kopf, als wäre er vollkommen fassungslos. „Zwei, drei Monate? Wie konnte ich es nur so lange nicht bemerken? Man sollte meinen etwas so Offensichtliches könne einem nicht entgehen.“

Ich könnte jetzt einiges dazu sagen, ihm erklären, dass es nicht so offensichtlich war, was sie alles daran gesetzt hat, dass es niemand bemerkt… Aber es bringt nichts. „Sie hat es gut versteckt, Stefan.“

„Versteckt.“ lacht er auf, schüttelt dann verbittert den Kopf. „Prima, ehrlich.“

Darauf kann ich nichts entgegnen, doch das muss ich auch gar nicht, denn der Mann rutscht auf seinem Stuhl nach vorn und seine Züge werden hart. „Du hättest wenigstens mit ihr reden müssen.“

Erneut trifft er mich, denn es ist nicht fair mir zu unterstellen, ich hätte nichts getan. Alles habe ich versucht, doch es war nicht machbar. Ich kann nicht das Leben all der Menschen um mich herum auf die Reihe bringen. Und gerade bei Megan… Die vielen Dinge, die ich wegen ihr unternehme, sind jetzt schon überfordernd. „Vielleicht habe ich mit ihr geredet, das kannst du nicht wissen.“

„Scheint ja nichts gebracht zu haben.“ gibt er zurück.

Es ist mir ein Rätsel, warum es nun plötzlich meine Aufgabe ist, mich um ihren seelischen Zustand und ihr körperliches Wohl zu kümmern. „Sie ist erwachsen. Wir können sie bis zu einem gewissen Grad unterstützen, aber sie muss es letztendlich selbst wissen.“

Er verzieht den Mund, meine Antwort missfällt ihm. „Dass gerade du so etwas sagst, finde ich richtig erschütternd, weißt du das? Ich habe wirklich mehr von dir erwartet. Dass du ein Verständnis dafür hast.“

Dabei müsste gerade er wissen, wie hilflos mich das alles macht. Er ist es, der mir anrechnen müsste, wie sehr ich mich bislang eingesetzt habe was das Schulische angeht, dem klar sein müsste, dass ich nicht auch das Private auf mich laden kann. Er ist es, der wissen müsste, dass ich nicht weiter hinaus kann über diesen Punkt, dass ich selbst genug Probleme habe und vor allem mich selbst gefährde, wenn ich nicht aufpasse, jetzt, wo es gerade gut läuft.
Doch er ist es, der in seiner Wut auf jemand ganz anderen nun mich zum Feindbild auserkoren hat.

„Ich werde auf jeden Fall nicht untätig hier herumsitzen. Ich werde ihr helfen, das kannst du mir aber glauben.“ Er steht auf und funkelt mich an.

Ich lächle ihn an, es ist ehrlich gemeint. „Das hoffe ich, Stefan, sogar sehr. Und ich wünsche dir alle Kraft, genug Mut und die nötige Verständnis um ihr beizustehen.“

Da geht eine Regung über sein Gesicht, und ich glaube, er hat verstanden, dass wir eigentlich auf der gleichen Seite stehen.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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6 Antworten zu Mit ihm auf ihrer Seite

  1. Nadine schreibt:

    Hoffentlich kann Stefan ihr helfen.

  2. Nele schreibt:

    Das, was du machst, nennt man Selbstschutz. Es tut weh, wenn man genau das dann von Menschen vorgeworfen bekommt, die einem wichtig sind. Ich kann das gut nachvollziehen. Aber es ist für die eigene Gesundheit besser, wenn man irgendwann einen Strich zieht …

    • Frau Falke schreibt:

      Die Erfahrung habe ich eben auch schon gemacht. Dass ich irgendwann nicht mehr ein noch aus wusste, weil mich die ganzen Probleme der anderen überforderten. Dennoch tut es weh, wenn mir von einem Freund dann dies angekreidet wird, das stimmt.

  3. michael schreibt:

    Alkohol (Drogen) Probleme ? Depressonen ? Andere Störungen ?

    > Es ist mir ein Rätsel, warum es nun plötzlich meine Aufgabe ist, mich um ihren seelischen Zustand und ihr körperliches Wohl zu kümmern

    Es ist nicht ihre Aufgabe, sich um ihren seelischen Zustand und ihr körperliches Wohl zu kümmern. Die Vorwürfe von Stefan sind völlig daneben. Andererseits sind Sie ihre Mentorin und wenn sie sich ruinieren will, müßten Sie sich vielleicht doch mit Ihren Vorgesetzten abstimmen, schon aus Ihrer Fürsorgepflicht (wenn der Mentoren Status eine solche bedingt) heraus.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich achte ja schon auf die Dinge, die in der Schule geschehen, auf das, was im Lehrerzimmer und den Klassenräumen stattfindet. Daran können wir arbeiten, das ist nicht das Problem. Ihre privaten Entscheidungen, die sich auf ihren Beruf nicht auswirken oder zu einem Grad, der bei uns allen vorhanden ist, kann und sollte ich nicht zu den meinen machen.
      Es ist halt trotzdem schwer. Zusehen und nicht eingreifen können. Suchtprobleme, bipolare Störungen etc. hat sie nicht, da wäre ein Eingreifen ja doch unbedingt nötig.

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