Die Racheengel der Megan U.

Connor ist auf Hundertachtzig, als ich die Klasse betrete. Wir hätten Deutsch, und ich bin eigentlich nicht dazu aufgelegt mir irgendwelche Diskussionen zu liefern.
„Nächstes Mal hau ich dem so eine rein, dann kann er sehen, was er davon hat.“

Auch Benjamin droht dem großen Unbekannten. „Wenn der das noch einmal macht…“
„Hallo…? Ich bin da.“ versuche ich die Aufmerksam auf den Stundenbeginn zu lenken.
„Schön für Sie.“
„Bitte?“ frage ich erstaunt nach.
Allison hebt die Hände. „Nicht böse sein, wir sind nur wütend.“ (Man beachte den Plural. „Wir“ sind wütend.)

Ich lasse mich aufs Pult sinken und sehe seufzend in die Runde. „Ist mir noch gar nicht aufgefallen…“
„Wir sind aber im Recht.“ findet Lilly. „Dem müsste man wirklich mal so richtig,“
„Es reicht!“ fahre ich dazwischen, da sehen sie mich an. Ich hebe die Hände. „Tut mir Leid, aber ich will das nicht hören. Entweder diskutiert ihr das vernünftig, oder wir lassen es. Aber in meinem Unterricht werden keine Gewaltfantasien geteilt, okay?“

Ein wenig murren sie, dann aber wird es ruhiger und sie lösen sich aus ihrer Traube um sich zumindest schon mal zu setzen.
Eigentlich muss ich nicht fragen. „Diskussionsbedarf haben wir dennoch, wie ich euch kenne, nicht wahr?“
Allgemeine Zustimmung.
„Wer also hat hier was gemacht, dass ihr so aufgebracht seid?“

 

„Herr Reeden ist heute in die Musikstunde gekommen, weil Frau Ullrich gesagt hat, dass der CD-Spieler nicht funktioniert, beziehungsweise der Mp3-Ausgang. Da war irgendwas nicht richtig umgeschaltet.“ erklärt mir Marissa.
„Und er muss ja immer kommen und sie kontrollieren, weil die Musikfachschaft schließlich ihm gehört.“ ergänzt Samantha.
Ich nicke, um zu zeigen, dass ich das so weit verstanden habe, nicht, weil ich gut finde, dass es so ist. „Okay, weiter.“

„Das war es halt!“ regt sich Noah auf. „Er kam rein und wollte ihr das zeigen, dabei hat er sie am Arm gepackt und so schnell mit sich geschleift, dass sie gar nicht rechtzeitig aufstehen konnte. Sie ist fast hingefallen.“
„Und selbst da hat er sie nicht losgelassen.“ erzählt Jayden.

„Was Frau Ullrich gemacht?“ erkundige ich mich.
Lilly legt die Stirn in Falten, mit der Frage haben sie in ihrer Aufregung nicht gerechnet. „Nun, sie ist mitgegangen und hat es sich angehört.“
„Hat er sie dann losgelassen?“ harke ich nach.
„Erst nicht…aber dann irgendwann schon.“ Jayden verzieht den Mund.

„Hat sie  auf euch gewirkt, als bräuchte sie Hilfe?“ versuche ich erneut die aufgebrachten Gemüter ein wenig zu beruhigen.
„Hattet ihr das Gefühl, sie könne sich nicht selbst wehren? Sie müsse sich wehren?“

Jetzt habe ich sie doch aus dem Konzept gebracht, denn damit haben sie nicht gerechnet.
Dennis zuckt mit den Schultern. „Naja, er hat sie jetzt nicht so richtig angegriffen, wenn Sie das meinen.“
Ich nickte langsam. „Sie hätte sich also gewehrt, wenn etwas passiert wäre, so seht ihr das schon? Sie hätte es auch gesagt, wenn sie Hilfe gebraucht hätte?“
„Ja, okay…“ sagt Benjamin zögerlich und tauscht mit einem anderen Schüler einen Blick.

„Können wir uns dann darauf einigen,“ schließe ich das Thema nun endgültig. „dass der Kollege zu grob war und ihr euch erschreckt habt, aber zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Frau Ullrich bestand? Dass ihr mit Recht erschrocken seid, aber es keinen Bedarf gibt sich an Herrn Reeden zu rächen?“
Die Schüler murmeln zwar noch ein wenig, stimmen aber dennoch zu.
Dankbar nicke ich. „Gut, und wo das nun auch geklärt ist,“

„Wenn er das nochmal macht, kriegt er dennoch Ärger.“ murmelt Connor aus der letzten Reihe.
Mein Blick trifft ihn, aber er zuckt nur trotzig mit der Schulter. „Was denn? Der hat kein Recht so krass mit der umzugehen.“
Ich nickte. „In Ordnung. Wenn du es für nötig hältst, sag ihm das beim nächsten Mal. Aber dann mach es direkt und sitz nicht wieder hier und denke dir sonst was für Pläne aus, ja?“
„Wenn er das nochmal macht,“ beginnt Noah, doch ich wiegele ab.
„Sollte er das nochmal machen, kriegt er Ärger mit mir. Und das geht dann nicht halb so gut aus wie bei euch, okay?“

 

Da werfen sie sich vielsagende Blicke zu und lächeln. Aber mir soll es recht sein, immerhin können wir jetzt endlich anfangen mit… Was war gleich Thema?

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

 

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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12 Antworten zu Die Racheengel der Megan U.

  1. Jürgen schreibt:

    Hatten Sie denn noch Zeit für Ihre geplante Stunde?

  2. michael schreibt:

    > dabei hat er sie am Arm gepackt und so schnell mit sich geschleift, dass sie gar nicht rechtzeitig aufstehen konnte. Sie ist fast hingefallen.“

    Geht ja gar nicht und ist eine Unverschämtheit gegenüber der Kollegin. Da haben die Kinder voll recht. Seien Sie nur froh, dass die Kinder sich aufs Aufregen beschränkt haben und nicht über diesen Rüpel hergefallen sind.

  3. Frau Weh schreibt:

    Hmm…
    „Sollte er das nochmal machen, kriegt er Ärger mit mir. Und das geht dann nicht halb so gut aus wie bei euch, okay?“
    damit hast du Megan aber nun nicht unbedingt einen Gefallen getan, oder? So ein Kommentar stärkt ihre Kompetenz in den Augen der Schüler wohl eher nicht.

    LG, Frau Weh

    • Frau Falke schreibt:

      Absolut nicht, nein, und ich habe es im Nachhinein auch bereut. Anderseits hatte ich mich in dem Moment einfach nicht richtig im Blick, ich wollte endlich anfangen, ich wollte diesen Racheblödsinn nicht hören und vor allem hat es mich geärgert, dass schon wieder was in diese Richtung vorgefallen ist. Anderseits hoffe ich, war auch den Schülern klar, dass ich nicht anfangen werde dem Kollegen etwas zu tun, sondern einfach die Diskussion beenden wollte. Ein anderer Weg wäre aber besser gewesen, das stimmt.

  4. hijackinthebox schreibt:

    Ich bin ja hin- und hergerissen. EIGENTLICH finde ich es total gut, dass die Kiddies nicht Augen und Ohren verschließen, und dafür empfänglich sind, wenn Grobheiten im Gange sind. ABER die Empörung war natürlich völlig fehlgeleitet @“aufs Maul hauen“. Entweder gleich was sagen, und dann sachlich bleiben, oder es bleiben lassen.
    Wollen die beiden betroffenen Kollegen denn dazu nochmal das Gespräch mit der Klasse suchen? Fände ich nicht verkehrt, sonst bleibt da ewig so ein Groll zurück gegen den Herrn Reeden.

    • Frau Falke schreibt:

      Megan würde eh nur sagen, dass nichts losgewesen sei und Herr Reeden, dass es die Kinder einen Dreck anginge, was er mit der Kollegin zu schaffen habe. Grolllösend stelle ich mir das nicht vor…:/

  5. verlorenesschaf schreibt:

    Ich frage mich gerade, wie gern die Schüler Megan (also Frau Ullrich) habe müssen, um solche Rachepläne zu schmieden… Beeindruckend…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich glaube sie mögen Megan – wobei ich fast behaupten würde, ich hätte eine ähnliche Reaktion auch bei anderen Kolleginnen bekommen, wenn diese aus der Sicht der Schüler grob behandelt worden wäre.

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