Der Schimmeljoghurtplan des Titanic-Geigers

Nichts Böses ahnend verlasse ich heute zum Ende der ersten großen Pause das Lehrerzimmer, in dem es soeben zu einem Eklat gekommen war, weil jemand einen Joghurt weggeschmissen hat, der zwar schon seit gut eineinhalb Monaten abgelaufen war, aber irgendjemandem gehörte, der dieses Ding unbedingt noch essen wollte. Oder eben im Lehrerkühlschrank eine Schimmelfarm errichten, je nachdem. Vielleicht ja für den Biologieunterricht, wer weiß.

Ich laufe also froh, dem Terz entkommen zu sein, mit einer Tasche voller Arbeit die Treppe herauf, die meine Klasse wiederum nicht so besonders erfreuen wird, als mich ein Kollege zurückpfeift.
„Moment mal, Fräulein, schön hiergeblieben. Welche Klasse sind wir denn?“

Dazu lässt sich festhalten:

  1. Ich hasse es, wenn mich jemand „Fräulein“ nennt. Wie alt bin ich denn?
  2. Was heißt denn bitte „wir“? Ich meine, habe ich mit dem irgendwas zu tun?
  3.  Was ist schlimm daran, einen schimmeligen Joghurt wegzuwerfen?

Aber zurück zu der Sache mit der Gangaufsicht, einer jenen Aufgaben, für die sich kein Normalsterblicher jemals freiwillig melden würde. (Weshalb es natürlich einen Plan gibt.) Eine Aufgabe, die liebend gern an die neuen und/oder jungen Kollegen verteilt wird, damit sie unsereins nicht machen muss, auch wenn er eigentlich dran wäre. (Was wir natürlich nicht dürfen. Und natürlich nicht machen.)

Ich drehe mich also um und sehe den Mann, der mich ansprach, mit einem warnenden Blick an. „Wie bitte?“
„Oh, ich wusste nicht,“ beginnt er stockend zu erklären, wird rot und schüttelt den Kopf.
„Ich habe Sie wohl für eine Schülerin gehalten.“

Er würde mir ja leidtun, der Neue, auch dass er mich nicht erkannt hat, wenn da diese eine Tatsache nicht wäre. Wenn nicht ständig jemand glauben würde, ich wäre eine Schülerin.
Dementsprechend hake ich genervt nach. „Ach, und da dachten Sie, ich muss Mittelstufe sein?“
„Was? Ach, nein, nur…Also nicht, dass Sie Mittelstufe sind.“
„Die höheren Klassen dürfen doch aber nach oben, wenn ich mich recht entsinne.“

Jetzt habe ich ihn völlig aus dem Konzept gebracht. Er fährt sich durchs Haar, verzieht den Mund und schüttelt den Kopf.
„Das stimmt, und hiermit entschuldige ich mich in aller Form bei Ihnen.“

Seine gezwungene Wortwahl entlockt mir ein müdes Lächeln. Eigentlich kann er ja nichts dafür, dass die Elfte sich gerade so blöd benommen hat und dass die Kollegin mich so übel verleumdet hat und das der Direx erfahren hat, was ich vor ihm gern geheim gehalten hätte, und dass Megan mich zur Hilfe holen musste und dass dieser dämliche Joghurt zu so einem Stress geführt hat. Denn rein theoretisch macht der Kollege ja nichts Schlimmes, er hat halt einfach nur Gangaufsicht.
„Ist schon in Ordnung. Aber nett, dass Sie das sagen.“
Der Sportlehrer sieht mich mit schiefgelegtem Kopf an und wird mutiger. „Dabei habe ich Sie für eine besonders hübsche Schülerin gehalten, wenn Sie das tröstet.“
Geschmeichelt nicke ich ihm zu. „Das tröstet mich allerdings ein wenig.“

Ich drehe mich zur Seite, um zu gehen, da wirft er mir einen Blick zu, als sei er Wallace Hartley, Geiger auf der Titanic, den ich auf dem sinkenden Schiff zurücklasse.
Ohne Geige natürlich, er ist ja Lehrer für Sport, nicht für Musik. Also, ich meine, vielleicht kann er ja auch Geige spielen, das weiß ich ja nicht.

Jedenfalls steht er da und sieht mich an, als tue ich ihm etwas ganz Schreckliches an.
„Stimmt etwas nicht?“
„Bleiben Sie doch noch einen Moment.“
Versichernd sehe ich den Flur entlang. „Ihnen ist wohl langweilig, was?“
„Wundert Sie das wirklich? Die Aufsichten des ersten und zweiten Geschosses können wenigstens zusammen im Ersten stehen und reden, wer hier steht, steht auf verlorenem Posten.“
„Wenigstens haben Sie hier Ihre Ruhe.“
„Ruhe wie in der Wüste, es fehlt nur noch die Rose von Jericho, die über den Sand weht.“
„Lieber zehn Rosen als zwei Kollegen.“

 

Er sieht mich erstaunt an. „Echt?“
„Auf jeden Fall. Der Streit dürfte sich mittlerweile zu einer handfesten Grundsatzdiskussion entwickelt haben, und das alles nur wegen eines dämlichen Joghurts.“
„Wegen eines Joghurts…?“
„Fragen Sie lieber nicht, das wollen Sie alles gar nicht so genau wissen, glauben Sie mir.“
„Da könnten Sie Recht haben.“

 

Es klingelt, der Kollege lächelt mich an und deutet in Richtung Lehrerzimmer, während er gegen den aufkommenden Schülerlärm anspricht. „Ich muss dann. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, trotz meines Missgeschickes.“
„Kein Problem, ich konnte Sie ja nicht auf dem sinkenden Schiff lassen.“ versichere ich, ohne zu bedenken, dass er meine Gedankengebilde ja gar nicht mitbekommen konnte.

Er lächelt und will gehen, da fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, wie er heißt.
„Wie heißen Sie eigentlich nochmal?“
„Matthias Bach.“ antwortete er mit einem Grinsen. „Aber wie ich die Sache hier einschätze, können Sie mich die nächsten drei Jahre auch Gangaufsicht nennen.“

„Wissen Sie, wie Sie den Job wieder loswerden können?“
„Nein?“
„Essen Sie den Schimmel-Joghurt.“

„Oder ich esse einen, der noch gut ist.“
„Davon werden Sie nicht krank.“ instruiere ich verwirrt.
„Das nicht, aber der Kollege, dem er gehört, wird mich sicherlich umbringen.“

 

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Es war übrigens Pfirsichjoghurt.
P.P.S.: Laut Untergrundinformationen spielt Herr Bach übrigens keine Geige. (Aber E-Bass.)

 

 

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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26 Antworten zu Der Schimmeljoghurtplan des Titanic-Geigers

  1. michael schreibt:

    > Eigentlich kann er ja nichts dafür, dass die Elfte sich gerade so blöd benommen hat und dass die Kollegin mich so übel verleumdet hat und das der Direx erfahren hat, was ich vor ihm gern geheim gehalten hätte, und dass Megan mich zur Hilfe holen musste

    Gemein! Die interessanten Sachen halten Sie zurück! Sportlehrer sind übrigens zu entschuldigen, da diese sicher bei ihren Turnübungen des öfteren auf den Kopf gefallen sind.

    > das der Direx erfahren hat…

    Das zeichnet einen guten Direktor aus, dass er alles erfährt.

    > der zwar schon seit gut eineinhalb Monaten abgelaufen war,

    Das machen wir auch strikt: Haltbarkeitsdatum zwei Monaten abgelaufen ==> weg damit.

    • Frau Falke schreibt:

      Gemein! Die interessanten Sachen halten Sie zurück!

      Stimmt, das ist gemein von mir.

      Das zeichnet einen guten Direktor aus, dass er alles erfährt.

      Sehe ich ein, was Schulisches angeht oder Privates, das auf die Schule wirkt. Aber bei ganz Privatem, das weder mit den Schülern, noch Kollegen, noch dem Unterricht zu tun hat? Das muss nicht sein.

      Das machen wir auch strikt: Haltbarkeitsdatum zwei Monaten abgelaufen ==> weg damit.

      Das ist auch das Sinnvollste, was man machen kann, wenn du mich fragst.😉

  2. bambooos schreibt:

    Der Titel heute war ja auch mal wieder herrlich🙂 Danke!🙂
    …und was fremdes Essen angeht: ich stelle meinen Kram immer in mein Fach, da geht keiner ran. Und unser Kühlschrank ist immer (bis auf meine Joghurts & Kaffeesahne) leer. Da passiert nix😉

  3. Frau Weh schreibt:

    Es gibt viele – nicht gerade schmeichelhafte – Witze über Bassisten. Falls ihr euch noch einmal über den Weg laufen solltet🙂

  4. Inch schreibt:

    Deshalb ist es an manchen Orten üblich, seine Lebensmittel zu beschriften. Da kann man im Zweifelsfall nämlich nachfragen, ob der Besitzer das Zeug noch zu essen oder trinken gedenkt

  5. Nobelix schreibt:

    Irgendwie kommt mir die Joghurt-Geschichte so bekannt vor. Als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, ist ganz ähnliches passiert.
    Stellen wir uns vor, mein Vater hat eingekauft. Eigentlich gar kein Problem, dann gab es immer leckere Sachen (das, was es sonst nie gab). Besonders, wenn er beim Einkaufen schon Hunger hatte, brachte er diverse Joghurts, Puddings und ähnliches mit.
    Die standen dann allerdings auch meistens bis nach Ablauf des MHD im Kühlschrank…bis ich sie dann verputzt habe, weiß ich doch, dass mein Vater sowas nicht mehr isst.
    Und trotzdem gab es jedes Mal Gemecker, wenn er es gemerkt hat🙂

  6. hijackinthebox schreibt:

    Es ist doch faszinierend bis beruhigend (oder auch nicht), dass es in Lehrerkollegien auch nicht anders abläuft als z.B. in irgendwelchen Büros.😀
    (Vergammelte Lebensmittel im gemeinschaftlichen Kühlschrank und die Erlaubnis, jene zu entfernen, sind doch ein ebensolcher Dauerrenner wie nicht abgespültes Geschirr oder der stets verbrauchte Kaffee.)

  7. apanat schreibt:

    In der 5. Klasse war meine Tochter noch genervt, als man sie fragte, ob sie schon zur Schule gehe. Inzwischen ist sie schon kurz davor, zu bedauern, dass niemand im Kollegium sie noch für eine Schülerin hält.
    Die Zeit muss man genießen, wo’s noch nicht so ist.

  8. frl_wunder schreibt:

    Wie kann man nur den schönen Pfirsich-Joghurt wegwerfen? Die beste Joghurt-Sorte überhaupt… *entsetzt guck*
    Kleiner Scherz, war wohl gut, dass das Ding endlich in den Müll gewandert ist🙂 Wenn es wirklich schon so alt war…

    Und zum Abschluss noch ne neugierige Frage; was hat der Direx erfahren, was Sie gerne vor ihm geheim gehalten hätten?

    Liebe Grüße🙂

  9. Nadine schreibt:

    Fräulein und wir… die beiden mag ich auch ganz besonders gern *hust* da bin ich fast so allergisch drauf, wie auf Birkenpollen und Katzenhaare.

  10. Theni schreibt:

    Also, ich mag Herrn Bach… ;D der scheint noch recht cool drauf zu sein, im Gegensatz zum Restlichen Kollegium…
    (und immerhin hat er nicht gleich „JETZT VERSCHWINDEST DU ABER ENDLICH MAL RAUS AUFN HOF!!!!!!“ gebrüllt. Das ist mir nämlich so manches Mal passiert, wenn ich mal doch nicht für ein Oberstufler gehalten wurde…)

  11. Pingback: Ein Machtwort des Direktors, ein Sieg für die Alteingesessenen und ein Neulehrerzimmer für die Referendare | ѕσνιєℓ zuм тнємα ѕcнuℓє

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