One-Night-Stand

Seit dieser Woche trägt Sarah auf den Wangenknochen ein Gemisch aus wunderschönem Bronzing-Puder und roséfarbenen Rouge. Ihre Haut ist weiß wie die Schneewittchens, aber nicht blass, ihr Gesicht wirkt schmaler mit diesem Makeup. Ihre Augen scheinen größer, betonter, in ihnen liegt etwas, das ich noch nicht verstehe.

In solchen Momenten überlege ich dann, wie es in einem anderen Kollegium wäre.
Wenn die Tatsache, dass Sarah sich nun anders schminkt, nur bedeuten würde, dass sie mal ein wenig anders aussehen will, und nicht, dass sie eine Krise hat.
Wenn die Tatsache, dass Frau Debian sich ein neues Kleid gekauft hat, nur bedeuten würde, dass sie Lust auf etwas Neues hatte, nicht, dass sie Panik hat vor ihrer Publikation.
Wenn die Tatsache, dass Felizitas sich ein noch höheres Paar Schuhe zugelegt hat, nur bedeuten würde, dass sie gern Hochhackige trägt, nicht, dass sie noch immer nicht mit ihrem Freund geklärt hat, was mit ihrem Kind geschehen soll.

Sarah trägt also dieses neue Makeup und ich versuche herauszubekommen, warum, doch sie ist abweisend, möchte nicht mit mir reden. Ich frage mich, ob sie irgendwie sauer auf mich ist, aber was ich getan haben könnte um sie zu verärgern, ist mir nicht bewusst.
Seit drei Tagen sprechen wir also gar nicht mehr miteinander, was nicht nur wenig erwachsen, sondern auch sehr contra-produktiv für unsere Freundschaft und meine Laune ist.

Als sie mich heute überraschend bittet mit ihr einen Cappuccino trinken zu gehen, nehme ich das natürlich sogleich an. Demnach sitzen wir kaum zehn Minuten später im Cafe-Teil der Bäckerei unseres Vertrauens und während ich in meinem Karamellcappuccino rühre, malt Sarah gedankenverloren mit dem Zeigefinger kleine Kreise auf die Tischplatte.
Dann sieht sie auf und beißt sich auf die Lippe, schüttelt den Kopf, um eine Strähne aus dem Gesicht zu bekommen und umfasst schlussendlich ihren Becher mit den Händen. „Ich muss dir was sagen.“
Ich stelle meinen Cappuccino ab und sehe meine Kollegin über den Tisch hinweg an, gespannt, was dieses merkwürdige Verhalten in der letzten Zeit zu bedeuten hat.
„Du wirst es jetzt wahrscheinlich komisch finden und es ist auch dumm gewesen von mir, das weiß ich, aber,“ Sie unterbricht sich und sieht mich an, als stände die Antwort auf meiner Stirn.

„Ich habe mit Michael geschlafen.“

Mir entgleiten bei dieser Offenbarung ungewollt die Gesichtszüge. „Du hast was getan? Und wann? Wieso? Sarah, das ist…“
„Ich weiß, aber es war ja auch nicht geplant.“ Sie sieht mich mit ihren beeindruckenden blauen Augen an, in ihrem Blick liegt die Bitte, sie zu verstehen.
Ich trinke einen Schluck des Cappuccinos, leider zu hastig, sodass ich mir ein wenig die Zunge verbrenne.
„Nach der Konferenz, du weißt schon, da habe ich ihn doch nach Hause gebracht. Er lud mich nach oben auf ein Abendessen ein und ich bin mitgegangen; weil es ja schon spät war und mich Daheim auch nicht gerade die Party meines Lebens erwartete, dachte ich, dass es doch nett wäre.“ Sie nestelt an ihrem Schal herum, als eine Kollegin an uns vorbeiläuft.

„Und er kann kochen, kann ich dir sagen, ein Traum!“

„Ich fass es nicht, Sarah. Ihr beide? Ich meine, so als Paar? Das ist ein Gedanke, an den man sich erst mal gewöhnen muss.“
Sie beißt sich erneut auf die Lippe und senkt den Kopf. „So leicht ist es aber nicht. Ich meine, er hat von Anfang an gesagt -und mir ging das von meiner Seite aus auch nicht anders- dass er mich nicht liebt. Ich meine, er war scharf auf mich, ich sehnte mich nach ein bisschen Nähe, es sollte ein One-Night-Stand werden, mehr nicht.“

Mit Nachdruck schüttelte ich den Kopf. „Du bist doch gar nicht der Typ für so etwas, Sarah. Du bist diejenige von uns, die an die große Liebe glaubt, die mit einem Mann erst tausendmal ausgeht, bevor sie ihn zum ersten Mal küsst.“
Sarah fährt sich durchs Haar, stützt ihren Kopf auf ihren Händen ab. „Es war aber unglaublich gut für mich in diesem Moment, verstehst du? Da konnte ich ja noch nicht ahnen, wie sehr es mich belasten würde.“

Sie trinkt einen vorsichtigen Schluck ihres Cappuccinos.
„Ich wusste nicht, dass ich so schlecht damit umgehen kann, weißt du? Es gibt so viele Menschen, die ständig irgendwelche One-Night-Stands haben, die drehen deshalb nicht so am Rad wie ich.“
„Die sind aber auch andere Persönlichkeiten als du, Sarah, und ich denke nicht, dass die ihren One-Night-Stand jeden Tag sehen müssen. Außerdem, selbst wenn sie zusammen arbeiten, wo sitzt man schon so aufeinander wie bei uns im Lehrerzimmer?“
Sie lächelt, die Sonne kommt in diesem Augenblick aus den Wolkenschwaden und erfasst von hinten ihr helles Haar. „Das stimmt allerdings.“
Ich lächle ebenfalls, kurz darauf verfinstert sich ihr Gesicht wieder, wenn auch bloß für ein paar Sekunden.
„ Nur immer, wenn ich ihn sehe, da gibt es mir einen Stich. Manchmal bin ich total aufgeregt, dann wiederrum macht es mich traurig und betroffen, im nächsten Augenblick ist es wieder ganz anders.
Ich bin ganz verwirrt, fühle mich gut und schlecht gleichzeitig, und eigentlich will ich mit der ganzen Geschichte doch bloß vernünftig umgehen.“

„Und das hältst du seit einer Woche unter Verschluss?“ erkundige ich mich erstaunt, trinke meinen Karamellcappuccino leer und lege den Löffel daneben.
„Er wollte – und ich eigentlich auch – dass es ein Geheimnis bleiben soll.“ Sie verzieht das Gesicht, als müsse sie noch abwiegen, ob ihre Entscheidung, sich mir anzuvertrauen, sinnvoll war.

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich nicht weiterwissen, das alles solch eine Belastung sein würde. Was soll ich jetzt nur tun?“
„Es tut mir Leid, Süße, aber so wie die Sache aussieht, befürchte ich, dass du wohl damit leben musst.“ antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Vielleicht wird es besser, mit der Zeit, meine ich.“

Sarah leert ihren Becher ebenfalls und nickt dann bedächtig, bevor sie aufsieht und mir zulächelt.
„Das wird es bestimmt. Und den ersten Schritt habe ich ja schon gemacht, indem ich es erzählt habe. Irgendwie hat das schon ganz viel in meinem Kopf geordnet.“

Wir stehen auf und verlassen gemeinsam das Cafe in Richtung Schule, während Sarah von ihrer letzten Sportstunde erzählt, frage ich mich, warum es ausgerechnet Herr Krombalk sein musste.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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26 Antworten zu One-Night-Stand

  1. mccab99 schreibt:

    Großer Seufzer. Aber sind ja erwachsene Leute. Geht deutlich schlimmer. Aber das geht’s ja immer.

  2. nadineswelt schreibt:

    Ach Du je! Arme Sarah! Würde es gehen, würde ich sie jetzt einfach mal ganz fest in den Arm nehmen und sagen „Alles wird gut!“. Ich hoffe nur, das neue Make-Up bedeutet nicht, dass sie Hoffnungen in Bezug auf Michael hat. Denn er hat ja gleich klar gemacht, dass beziehungstechnisch nix geht.
    Aber schön, dass sie sich Dir anvertraut hat. Es ist besser, als sich anzuschweigen und die Freundschaft zu riskieren. Viel besser.

    • Frau Falke schreibt:

      Oh ja, arme Sarah. Vor allem, weil mir nicht klar war, wie sehr sie das Alleinsein belastet hat. Nur ob es mit Michael funktionieren wird? Er hat scheinbar ja kein wirkliches Interesse. Und ich weiß nicht, ob ihr das wirklich bewusst ist.:/

  3. michael schreibt:

    > .. Herr Krombalk sein musste.

    Was haben Sie denn gegen den Herrn Krombalk ?

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn sie einsam ist, verstehe ich, dass sie sich jemanden sucht. Aber ob das wirklich ein Kollege sein muss? Jemanden, den sie ständig sehen muss, redend mit den Kolleginnen, Späße machend, flirtend?
      Gegen ihn selbst habe ich an sich nichts, wirklich. Ich glaube nur, er wird ihr wehtun. Weil sie schwer zwischen dem Körperlichen und ihren Gefühlen trennen kann. Und ich glaube, er ist da anders.

  4. ipsa schreibt:

    Liebe Frau Falke,

    habe vor zwei Tagen Ihren Blog komplett durchgelesen. Kompliment – tolle Beiträge!

    Nun drängt sich mir zu dem heutigen Posting eine Frage auf: „…, warum es ausgerechnet Herr Krombalk sein musste“? Bislang war Herr Krombalk nur eine Randnotiz und im Verzeichnis der Kollegen kommt er auch nicht vor. Was ist er denn so für einer?

    Schönes WE

    • Frau Falke schreibt:

      Zu aller erst einmal mein Kompliment für so viel Durchhaltevermögen.🙂 Und dann bedanke ich mich natürlich herzlich für die lieben Worte, es ist schön, wenn geschätzt wird, was ich hier schreibe.
      Dass ich mich fragte, warum es ausgerechnet Herr Krombalk war, hat weniger mit dem Kollegen an sich zu tun, als an der Tatsache, dass er Lehrer unseres Kollegiums ist. Er selbst ist… Nun, keine Ahnung. Ich habe bislang nicht viel mit ihm zu tun gehabt, und er hat mit meinem Freundeskreis bislang auch nichts zu tun gehabt. Ich bin gespannt, wie es weitergehen wird.

      Ich wünsche ebenso ein schönes Wochenende. :]

    • bambooos schreibt:

      Nicht schlecht. Bevor jetzt Langeweile aufkommt – ich hab auch noch 158 Artikel zu bieten😉
      Liebe Grüße, Fr. A.🙂

  5. bambooos schreibt:

    Hmpf. Mit Kollegen ist das immer so ein Ding. Wenns klappt ist alles paletti, wenns Probleme gibt, bilden sich Lager & alle haben drunter zu leiden.
    Ich hoffe, das nimmt ein gutes Ende…Egal wie😉

    • Frau Falke schreibt:

      Wie soll das bei so einem zartbesaiteten Wesen wir Sarah und auch nur irgendeinem Mann klappen, der nur einen One-Night-Stand wollte?

      • Rina schreibt:

        Eben. Kann nur nach hinten losgehen. In diesem Fall zumindest.

        Aber mal ganz ehrlich: Ich hab noch nie einen wirklich – sagen wir mal: einigermaßen – attraktiven Lehrer als Kollegen gehabt. Selbst beim Studium sah es ganz düster aus.😉 Wenn einer doch mal zumindest ein paar hübsche Locken hatte, brachte dies auch gleich Unruhe in die suchenden Damen.😀

        Na, Frau Falke, da haste jetzt ne schwere Rolle als Mitwisserin und Trösterin inne. Wie wärs denn mit nem neuen One-Night-Stand? Zum Überdecken der Erinnerungen sozusagen.😉

        • Frau Falke schreibt:

          Allzu attraktiv finde ich ihn ehrlich gesagt auch nicht – gut, er hat eine gewisse einnehmende Art, so etwas Bestimmtest… Hmm.
          Das Erlebnis zu überdecken finde ich keine gute Idee, zumindest nicht im Lehrerzimmer.😉

  6. apanat schreibt:

    Endlich weiß ich sicher, dass es Sarah nicht gibt; denn so wenig verschlüsselt schreibt man so etwas nicht über Kollegen.
    Aber ganz ohne Anregungen aus der Realität lässt sich wiederum auch nicht so anschaulich schreiben.

    • Frau Falke schreibt:

      Die Kunst des Schreibens hier ist für mich immer das zu schreiben, was mich beschäftigt, es verständlich zu machen ohne Rückschlüsse zuzulassen. Natürlich würde ich nie den genauen Wortlaut der Gespräche niederschreiben, das kann ich auch gar nicht, und wenn es sich anbietet, ist die Zeit zusammengefasst und der Ort abweichend. Besonders bei den Dingen, die mich sehr beschäftigten, merkt man auch, dass ich dort vor allem aus meiner Sicht berichte.
      Ansonsten behalte ich es mir als Bloggerin vor Themen aufzuarbeiten.

  7. Jürgen schreibt:

    Es geht im Blog auffallend oft um Sex.
    Sarah ist Frau Falke.
    Bei Paarungen im Kollegium haben wir immer Mittel und Wege gefunden, dass sie letzten Endes außerhalb stattgefunden haben.

  8. michael schreibt:

    Ach was. Sie könnten ihn ja an den alten Fürstenbergwitz erinnern!

    Von einer der schönsten Frauen Berlins war bekannt, daß sie ihren Ehemann mit zwei Liebhabern betrog, und daß er es wußte. .Können Sie verstehen, daß er sich nicht scheiden läßt? „Gewiß“, antwortete Fürstenberg, „ich bin auch lieber mit dreißig Prozent an einer guten Sache beteiligt, als mit hundert an einer schlechten.“

  9. PMK74 schreibt:

    Herr Krombalk fehlt glaub‘ ich noch in Ihrer Kollegiums-Aufstellung.😉

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