Das deprimierendste Fach

„Ich glaube Mathematik ist eines der deprimierendsten Fächer, die man auf der Welt unterrichten kann.“ befindet Sarah heute ganz gegen ihre gewohnte Fröhlichkeit beim Mittagessen, nachdem sie gute zehn Minuten lustlos in ihrem Kartoffelbrei herumgestochert hat.

 

„Mathe? Warum denn das?“ erkundigt sich Emily fragend und schiebt den Weißkohlmatsch von der einen Seite ihres Tellers auf die andere.

„Nun, es ist egal, wie lange ich die Schüler auf ein Thema einschwöre, es ist egal, ob sie in der Arbeit alle gute Noten geschrieben haben, sobald ich das nächste Thema mit ihnen besprochen habe, ist das erste schon wieder vergessen. Und nach den Ferien… Horror.“
„Das ist das typische Kurzzeitgedächtnis. Du glaubst aber doch nicht ernsthaft, dass das nur euch so geht, oder?“ erkundigt sich Stefan kopfschüttelnd.

Felizitas sieht von ihrer Suppe auf und schüttelt den Kopf. „Das deprimierendste Fach ist ganz eindeutig Geschichte. Gestern hat mir eine Schülerin Elsas-Lothringen zeigen sollen und wisst ihr, wo sie hingedeutet hat? Rügen.“

„ Sollten sich da nicht eher die Erdelehrer beschweren?“ fragt Herr Wallert grinsend.

 

„Latein ist das deprimierendste Fach überhaupt, meine Schüler können nach vier Jahren noch immer nicht das Verb des Satzes finden und glauben tatsächlich, dass jeder Satz ein Nomen haben muss, das da auch steht.“ Frau Vogt ist eine der wenigen, tapferen Lateinlehrerinnen unserer Schule.

„Ich werfe mal Sport als neuen Anwärter auf den Titel in die Runde.“ meldet Herr Fontain sich zu Wort.

„Nirgendwo sonst sind so viele demotivierte Schüler, die hoffen sich irgendwie drücken zu können.“

„Musik ist genauso deprimierend, wenn die Schüler es nicht schaffen abzuzählen, wie viele Halbtonschritte zwischen einem E und einem C liegen.“ weiß Frau Donners.

„Das ist in Spanisch aber dasselbe in grün, wenn die Schüler nach einem Jahr immer noch nicht kapiert haben, dass die Artikel im Nominativ und Akkusativ gleich sind.“ Frau Lindmahd hat sich Nachtisch geholt und zieht sich nun einen Stuhl an unseren Tisch heran.

„Und in Französisch ist es genauso.“ vermeldet Frau Corr.

 

„Bei mir haben sie vorhin in Physik gemeint, dass die Ummantelung bei Kabeln dazu da wäre, die Kabel warm zu halten.“ Kelly isst lieber einen Apfel, eigentlich sehe ich sie und ihren Mann sowieso nie hier essen.

Meistens gehen sie in die Stadt oder nehmen sich etwas von Zuhause mit, nur heute ist Frederik wohl krank. Oder auf einer der vielen Fortbildungen, die er und seine Frau in regelmäßigen Abständen zu besuchen pflegen.

„Deshalb gebe ich so ungern Doppelstunden, wenn die große Pause dazwischen liegt. Was ich ihnen in der ersten Stunde über Zellbiologie erzähle, ist in der danach nämlich schon längst wieder vergessen.“ Frau Debian sieht ernüchtert in die Runde.

„Demnach ist Bio ja wohl der klare Gewinner dieser Veranstaltung.“

„In Religion ist man da als Lehrer aber noch einen Ticken schlimmer dran, glaubt mir. Da sitzen Schüler, die den Kurs freiwillig gewählt und trotzdem keine Ahnung haben, was an Ostern eigentlich geschehen ist, ob nun Kreuzigung oder Auferstehung Jesu.“ Frau Peters Blick ist bei diesen Worten so schneidend, dass ich mir vorstellen kann, dass die erwähnten Schüler ihr Unwissen ziemlich bereut haben.

 

Daina hat ihren Wackelpudding leergegessen und von irgendjemandem einen weiteren ergattert, auch wenn ich nicht mitbekommen habe, wer dieser Gönner ist.

„Also Chemie ist ehrlich gesagt nicht deprimierend. Gefährlich vielleicht, wenn man mit den Gefahrstoffen hantiert, oder ärgerlich, wenn man sich verbrennt oder aus Versehen den halben Haarschopf abfackelt, aber deprimierend? Nein, eigentlich nicht.“

„Kunst dafür umso mehr, weil Dreiviertel der Schülerschaft glaubt, das sei kein ernstzunehmendes Fach.“ beschwert sich Stefan.

Sarah schüttelt den Kopf. „Habe ich schon erwähnt, dass meine Schüler nicht einmal Dreiviertel mit drei multiplizieren können?“

„Mathe ist nicht das deprimierendste Fach, Sarah, gib endlich auf.“ weist sie Emily zurecht, die ihren Teller mittlerweile von sich geschoben hat.

„Englisch aber auch nicht.“ erklärt Stefan, bevor die Kollegin Argumente anführen kann.

 

„Meines Erachtens ist der klare Sieger sowieso Philosophie. Wenn die Schüler nach vier Stunden „Empirismus“ noch immer nicht definieren können, dann ist das wirklich unglaublich deprimierend.“ versucht es Herr Krüger.

Ich schüttele den Kopf. „Ihr habt alle keine Ahnung, Leute, wirklich nicht. Soll ich euch mal sagen, was tatsächlich das deprimierendste Fach überhaupt ist?“

 

Die Anderen sehen mich interessiert, aber abwartend an. „Na, da sind wir ja mal gespannt.“

„Das deprimierendste Fach ist eindeutig Deutsch. Ich meine, die sitzen allen Ernstes in der dreizehnten Klasse und reden dennoch eine halbe Stunde davon, was die USA so alles ist.“ kläre ich sie auf und mein mitleidheischender Blick macht einmal die Runde.

Doch ich sehe in ratlose Gesichter. „Ja und?“

„Es heißt die USA sind… Die vereinigten Staaten von Amerika, das sind mehrere, also muss es Plural sein.“

Meine Kollegen tauschen vielsagende Blicke. „Na dann.“

 

„Also habe ich gewonnen?“ hake ich nach.

„Das ist nicht deprimierender als mein Fach.“ macht Felizitas meinen Höhenflug zunichte.

„Oder meines.“ meldet sich auch Stefan erneut zu Wort.

 

„Und das einzige, was deprimierender ist als mein Fach,“ sagt Sarah nun und lässt ihre Gabel in den geschmacklosen Matsch vor sich fallen. „ist das Essen hier.“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Es gibt also kein deprimierendstes Fach, sie sind alle gleich deprimierend. Der Gedanke ist doch auch nett.

P.P.S.: Morgen gehen wir zu dem neuen Italiener um die Ecke. Den Gedanken finde ich noch netter.

P.P.P.S.: Ist es einem aufgefallen? Die Schüler sind schuld, da sind wir uns einig. Vielleicht sollten wir auch ein klein wenig Selbstkritik üben…

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Das sollte klar sein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

51 Antworten zu Das deprimierendste Fach

  1. nadineswelt schreibt:

    Bin gespannt, wer den Titel gewinnt. Ihr solltet ein Team Juroren zusammenstellen, die dann jede Woche ein Fach auf dem Titel zum DDFDW (Das Deprimierendste Fach Der Welt) heim schickt.

    • Frau Falke schreibt:

      Oh jaaaaaaaaa, das wäre so toll! Ich will auf jeden Fall mit in die Jury.❤

      • nadineswelt schreibt:

        Mach doch mal den Vorschlag! Und dann fotografier die entgeisterten Gesichter Deiner Kollegen. Allen voran der werten Dame, die Dich ja sooooo gern mag😉
        Würde hier ein spaßiger Bericht. Und falls sich wider Erwarten Deine Kollegen dafür entscheiden, hätten wir hier unsre eigne Castingshow.

        • Frau Falke schreibt:

          Frau Rondell würde mich töten… Aber ich werde den anderen auf jeden Fall mal den Vorschlag unterbreiten.🙂

          • nadineswelt schreibt:

            ok, dann musst Du erst in mein Bundesland umziehen, dass ich Dich in Selbstverteidigung unterrichten kann, bevor Du wieder zurückziehst und den Vorschlag machst. Nach dem Kurs bist Du zwar kein Superfighter (und das ist man nach keinem Kurs, egal was die Anbieter einem erzählen…) aber ich glaube, für die Verteidigung gegen Frau Rondell könnts reichen.

        • Sven schreibt:

          Hej,
          dann sollten aber auch die SuS mitabstimmen. Schließlich können Sie nur qualitativ beurteilen, was deprimierend ist.😉

          PS: Davor solltet ihr in Deutsch erstmal eine Begriffsabgrenzung vom deprimierend, langweilig, einschläferend, …. vornehmen.
          PPS: Informatik wurde garnicht erwähnt, jetzt bin ich deprimiert!

          Grüße Sven

          • Frau Falke schreibt:

            Die SuS würden uns aber ganz schön was erzählen, fürchte ich.😉
            Eine Abgrenzung wäre wirklich notwendig, das stimmt, nur wer macht die freiwillig und lässt sich von den anderen dann anzicken?
            Informatik…stimmt. Da sollten die betreffenden Kollegen sich wohl stärker zu Wort melden.🙂

  2. hijackinthebox schreibt:

    Vielleicht ist es für die SuS ja wenigstens ansatzweise genauso deprimierend – dann gleicht sich das wieder aus. (Geteiltes Leid, und so. /??)

  3. Madame Chaos schreibt:

    Ähnliche Diskussionen gibts bei uns auch! Nur heißt die Frage bei uns: Wer hat die anstrengendste Klasse der Schule?😉

  4. Marc schreibt:

    Naja, zumindest Chemie scheint ja *nicht* deprimierend zu sein. Das ist ja immerhin etwas.😀

  5. Guten Morgen,

    ich glaube, dass da manche etwas übertreiben😉 Es gibt solche und solche Schüler.

    Viele Grüße

    Monika

  6. welt2 schreibt:

    Oooooh Ir armen Lehrer. Wie furchtbar schlecht würde es Euch gehen, wenn Ihr nicht die doofen doofen SuS hättet, die für Euer Leid verantwortlich sind.
    Wenn Ihr schon das schlimmste / deprimierendste oder sonst wie furchtbarste Fach wählen wollt, dann fragt Eure SuS. Dann habt Ihr hinterher wenigstens einen Grund, so richtig abzujammern, wenn nämlich das eigene Fach sich als das allerunbeliebteste rausstellt.

    • Frau Falke schreibt:

      1. Niemand hat behauptet, unsere Schüler wären doof.
      2. Die letzte Zeile meines Beitrages sollte eine gewisse Art von Kritik an dem Ganzen deutlich machen.
      3. Es gibt einen Unterschied zwischen deprimierend und unbeliebt, der auch gemacht werden sollte.
      4. Ich befürchte, wir haben einfach nicht den gleichen Humor. Das hier war nicht das Jammern einer frustrierten Lehrerin, die nichts anderes mit sich anzufangen weiß als den Kindern die Schuld zu geben. Es war die humoristische Aufbereitung eines nicht ernst gemeinten Gespräches zwischen Kollegen.

    • ullli23 schreibt:

      welt2 = Troll

      Ich plädiere für Keksentzug!

  7. Jonas schreibt:

    Ich kann mich noch an einige frustrierte Lehrer erinnern, aber ich glaueb, das hängt nur begrenzt mit der Fächerwahl zusammen. Wenn man Jahr für Jahr dasselbe mit einem neuen Jahrgang von Schülern durchkauen muss, ist die Gefahr gross, dass einen irgendwann bestimmte Sachen, Kleinigkeiten sogar, frusten. Das ist nur menschlich. Zum Glück ist es nicht unabwendbar, und man kann in dem Falle auch etwas ändern um wieder Freude an seinem Beruf zu finden. Jedenfalls habe ich einen grossen Respekt vor Lehrern, die sich die Mühe geben.

  8. ullli23 schreibt:

    Zum P.P.P.S.: wozu Selbstkritik? Man sollte die Schüler umgehend bestrafen😉

  9. nilaith schreibt:

    Als Schülerin kann ich ganz klar sagen: Philosophie ist das deprimierendste Fach. Die Stunden sind super🙂 und es macht Spaß. Man diskutiert, weist die Mitschüler in ihren (ganz klar völlig ignoranten ) Meinungen zurecht. Fühlt sich gestärkt… und trotzdem kommt man am Ende auf kein allgemein gültiges Ergebnis… Und das ist frustrierend und deprimierend.

    Mathe dagegen …. da ist es entweder falsch oder richtig. Ein „ja, so kann man das auch sehen“ gibt’s nicht🙂

  10. Rina schreibt:

    Vielleicht gelte ich als exotisch, wenn ich eher das Gegenteil in Diskussionen mit Kollegen erfrage.😉

    Naja, mein Lieblingsfach ist ja auch Chemie.😀

    PS: Bin nicht mit Daina verwandt.😉

  11. Theni schreibt:

    Es gibt keine deprimierenden Fächer, nur deprimierende Lehrer…😛 Mit der Außnahme Physik, das ist ja sowieso das schlimmste…
    (Nein, wirklich: In einem Jahr war Geschichte mein absolutes Hassfach, weil der Lehrer zwar nett aber unfähig war und die anderen drei Jahre… ja. Lieblingsfach und so.🙂 )

  12. Fontanefan schreibt:

    Mein Kompliment zu soooo vielen Kommentaren. Bin ich neidisch!!!

  13. sunshinemuffin schreibt:

    Kunst IST ein ernstzunehmendes Fach? O.O
    Es gibt keine deprimierenden Fächer! Schule ist toll! *hust*

  14. michael schreibt:

    > Schule ist toll!

    Vor allem ist sie nach 13 jahren vorbei! Danach muss man nur noch 30-40 Jahre arbeiten.

  15. michael schreibt:

    Das depressiviste Fach ist eindeutig Religion. Glaubt man nicht, muss man mit den Schülern etwas vermitteln, was man selbst für Unsinn hält. Glaubt man, ärgert man sich über die Schüler, die das Fach nur wegen der scheinbar leicht zu erringenden guten Noten wählen oder weil die Eltern das unbedingt wollten.

    • Frau Falke schreibt:

      Du schlägst dich auf die Stelle von Frau Peters? Pfui!😉

      • michael schreibt:

        Sie hat hier die besseren Argumente ! ☺

      • michael schreibt:

        > Frau Peters Blick ist bei diesen Worten so schneidend,

        Sich dunkel an vergangene Zeiten erinnernd: Der Blick ist doch stechend und Stimme schneidend? Oder täuscht da die Erinnerung.

        • Frau Falke schreibt:

          An sich ist das die gebräuchliche Kombination. Wobei ich mich frage, ob ein Blick nicht an sich auch schneidend sein kann? Übertragend wir der Blick ja zu einem Messer, und wenn die Handlung anhält, anstatt wie bei einem Stich schnell und kurz zu sein, könnte sie doch schneidend…?
          Vielleicht auch nicht.🙂 Dann hast du Recht und ich verneige mich in aller Form bei dir für dein aufmerksames Auge (auch wenn es zwei sind).😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s