Rauchfrei

Es gibt tausend Gründe, die gegen das Rauchen sprechen und höchstens drei dafür, die sind dann nicht einmal besonders überzeugend.
Ich denke schon ein wenig länger darüber nach, denn ich hasse es immer auf den Balkon gehen zu müssen (besonders im Winter), werde aber nicht anfangen in der Wohnung zu rauchen, da ich den Geruch nicht leiden kann und sonst am Dauerlüften wäre. Rauchen ist zudem sehr ungesund, ist schlecht für die Lunge, verfärbt die Zähne und was sonst noch so auf den Packungen steht (Einzig um die Sache mit den Spermien muss ich mir keine Gedanken machen… Nun gut.). Zudem lässt es die Haut altern, und obwohl ich gern ein wenig älter wirken möchte, muss es wirklich nicht aufgrund von Falten sein.
Außerdem finde ich es falsch meinen Schülern zu sagen, dass sie nicht rauchen sollen, es selbst aber zu tun. Dann ist da auch noch der Blick von Sarah, den sie mir ein jedes Mal zuwirft, wenn ich rauchen gehe, und mit dem sie mir ein verdammt schlechtes Gewissen macht.

Ich weiß, dass ich in einem Alter bin, in dem es mir nichts ausmachen sollte, was die anderen von mir halten, aber da ist dieses eine merkwürdige Gefühl, das ich einfach nicht loswerde.

Jedenfalls habe ich beschlossen mit dem Rauchen aufzuhören und bin gestern auch recht motiviert gestartet. Sarah fand die Idee toll, Felizitas meinte, dass sie froh sei, dass sie nicht rauche, weil sie sich das dann jetzt ja auch abgewöhnen müsste, und Emily meinte in ihrem mich immer wieder niederschmetterndem Realismus, dass ich erst einmal abwarten sollte mit meiner Euphorie, bis ich eine Woche rauchfrei sei.

 

Heute Morgen wurde mir schnell bewusst, wie abhängig ich in den vielen Jahren doch geworden bin. Mir ging es schlecht, als ich aufstehen musste, was ich auch nur deswegen tat, weil Herr Falke mich dazu zwang.
In der Dusche sollte mir das heiße Wasser helfen, aber mir wurde schwindelig und ich schaffte es nur mit Mühe nicht umzukippen. Meinen Morgenkaffee trank ich schwarz, er schmeckte widerlich, und ich merkte schon da, wie ich unruhig wurde.

Beim Schminken war ich so fahrig, dass ich es nach der Hälfte aufgab, meine Tasche fiel mir vom Stuhl und der Inhalt ergoss sich auf dem Fußboden, dann bekam ich meinen zweiten Stiefel nicht zu und riss mir bei meinem verzweifelten Versuch dieses verfluchte Ding zu schließen meinen eh schon kurzen Fingernagel ein.

Heulend saß ich demnach auf der Treppe, als wäre ich ein frustriertes, kleines Kind, und niemand kann ermessen, wie sehr ich mir in diesem Moment leid tat.

Herr Falke kam dann und rettete mich, indem er meinen Stiefel schloss und mir, während ich fluchend nach der Nagelfeile suchte, ein Schulbrot sowie einen Apfel einpackte.

Er verabschiedete mich lieb, wünschte mir starke Nerven (wobei ich glaube, dass er dabei mehr an meine Schüler und Schülerinnen dachte als an mich) und so fuhr ich ohne weitere Zwischenfälle zur Schule.

Dort stellte ich meinen Wagen auf dem hinteren Lehrerparkplatz ab, stieg aus und bekam sogleich die Krise, als ich die rauchenden Jugendlichen sah, die scheinbar ihren Pre-Schulstress bekämpfen mussten.
Die dürfen und ich nicht, das ist so unfair. So unfair.

Ich betrat das Lehrerzimmer und ließ mich auf meinen Platz fallen, von dem ich froh bin, dass es ihn noch gibt, wo ich so wenig Zeit hier verbringe. Da ich irgendwie nichts mit mir anzufangen wusste, strich ich die Krümel eines Radiergummis vom Tisch.
Damit schaffte ich aber lediglich drei Minuten totzuschlagen, was in Anbetracht der Tatsache, dass ich heute so früh dran war, wirklich nicht viel war. Deshalb stand ich auf und ging in die kleine Anbauküche, wo sich die Tassen meterhoch stapelten. Der Ausräumplan ist damit wohl hinfällig, wenn wir es nicht einmal schaffen die Spülmaschine zu füllen um sie anstellen zu können.

Als ich die Tassen aus der Spüle räumte um den Wasserbehälter zu füllen, tropften mir die Teereste eines Kollegen auf die Jeans, das Kaffeepulver staubte so stark, dass ich niesen musste, und dann verbrühte ich mir mit dem fertigen Kaffee auch noch die Hand.

Fluchend nahm ich meine Tasse, trug sie herüber, donnerte sie wutentbrannt auf den Tisch und ließ mich theatralisch fallen.
„Wenn ich eine Brandblase kriege, verklage ich die komplette Schule und den blöden Kaffeemaschinenhersteller und die dämliche Firma, welche den Kaffee hergestellt hat, und den Besitzer der noch viel blöderen Kaffeebohnenplantagen oder wie das heißt und denjenigen, der das Wasser erfunden hat.“
„Gott.“ sagte Emily und sah mich so teilnahmslos an, als habe mein Ausraster gar nichts mit ihr zu tun.
„Aber ob du den vor Gericht bekommst ist fraglich, wir sind hier schließlich nicht in Amerika.“
„Wenn ich das will, kann ich das.“ versetzte ich eigensinnig, betrachtete meine rote Hand und starrte böse auf meinen Kaffee.
„Nein, das kannst nicht mal du.“ erklärte mir Emily weiterhin völlig ruhig.
„Das hast du nicht zu bestimmen.“ blieb ich starrköpfig.
„Du auch nicht.“

 

Sarah kam hereingeschneit (und bei ihr passt dieses Wort perfekt, denn sie schwebt fast) und hatte eine unerträglich gute Laune, weil sie heute Morgen schon ihre fünf Kilometer gelaufen war.
„Einen wunderschönen guten Morgen.“
„Hmpf.“ antwortete ich und hoffte, dass sie mir jetzt nicht von ihrem supertollen Tanzabend oder so etwas erzählen würde.

Sie kam zu uns an den Tisch, legte ihre Tasche auf einen noch freien Stuhl und zog das Jäckchen aus, wobei sich ihr Haar glänzend über ihren Schultern fächerte wie in einer Shampoowerbung. Als sie meinen Blick sah, wurden ihre Augen ergründend.
„Was ist denn mit dir los?“
„Sprich sie lieber nicht an, Sarah, sie ist heute ziemlich schlecht gelaunt.“ riet ihr Emily und wandte sich wieder ihren Unterlagen zu.
„Oh, du Arme. Ist wohl doch nicht so einfach mit dem Aufhören, was?“ Sarah legte ihre Hand auf die meine und lächelte mich mutmachend an.
„Aber dafür lohnt es sich, hmm?“
„Das wird sich wohl erst noch zeigen müssen.“ kommentierte ich zermürbt, nahm meinen Kaffee, der mittlerweile kalt war, und kippte ihn in die Spüle. Die Tasse kam auf den Haufen, am Ende werde ich ja sowieso wieder diejenige sein, die aufräumt.

Als ich mich wieder auf an den Tisch setzte, frustriert mein Gesicht in meinen Händen verbarg und überlegte, warum dieser Tag denn immer noch nicht vorbei war, reichte mir Felizitas eine Packung Kaubonbons. „Vielleicht lenken die dich ja ein bisschen ab.“

Ich sah auf die Bonbons, dann zu Felizitas, und war unglaublich gerührt. „Für mich? Das ist aber lieb von dir.“
Felizitas tauschte einen irritierten Blick mit Emily und sah mich dann an. „Ja, doch, eigentlich. Aber jetzt fang bitte nicht an zu weinen, wenn hier eine zu nah am Wasser gebaut sein sollte, dann bin das ja wohl ich.“
Ich nickte, packte ein Bonbon aus und steckte es mir in den Mund.

Zwanzig Minuten später war die Packung leer und mir war schrecklich schlecht. (Ja, ich weiß, dass ich im Unterricht nicht essen sollte, aber ich hab’s heimlich gemacht, da ist es keinem aufgefallen. So wie die Schüler auch immer.)

Rauchfrei zu sein ist unfassbar anstrengend. Vor allem für mein Umfeld.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Für den ersten Tag doch gar nicht so schlecht, oder?

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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24 Antworten zu Rauchfrei

  1. hijackinthebox schreibt:

    Uff, mein Mitgefühl. Bei mir hat es damals diverse Anläufe gebraucht, und komischerweise hat es erst beim seltsamsten Anlauf geklappt mit dem endgültigen Aufhören.

    Wünsche Dir (und Deiner Umwelt *g*) gute Nerven und gutes Gelingen!

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist lieb, vielen Dank dafür!🙂
      Darf ich fragen, was das für ein seltsamer Anlauf war, bei dem es dann geklappt hat?

      • hijackinthebox schreibt:

        Ja, darfst Du.
        Ein völlig bekloppter Anlauf aus eigentlich den falschen Gründen und zudem voller Pessimismus, denn…
        …am Mi, den 02.01.2008, kam ich aus dem Urlaub zurück ins Büro. Und mein Kollege M., quasi mein Rauchkumpane, hatte (wieder mal) aufgehört zu rauchen (so wie jedes Jahr an Silvester xD). Da so kurz noch den Feiertagen noch nicht viele Mitarbeiter wieder zurück in der Firma waren, stand ich an dem Tag regelmäßig alleine in der Raucherküche – und langweilte mich, weswegen ich dann jeweils nur halbe Zigaretten rauchte.
        Der Blick in meine angefangene Schachtel zeigte mir noch zwei verbliebene „Ziehsen“ und da mein armer Mann, seines Zeichens seit Jahr und Tag Nichtraucher (wohingegen ich schon beinahe Kettenraucherin mit plusminus einer Schachtel am Tag), den Rauch und den Gestank an mir noch nie mochte, beschloss ich, die beiden Zigaretten noch zu genießen und es danach (wieder mal) zu versuchen mit dem Rauchfrei.
        Ich war dabei, zugegeben, äußerst pessimistisch. Es hatte die 4-5 Versuche davor nie geklappt (meist besorgte mir mein Mann spätestens am zweiten rauchfreien Tag freiwillig Zigaretten), also würde es jetzt auch nicht klappen. – Selbiges teilte ich meinem Mann (zu dem ich in regem Büromailverkehr stand ;D) so auch mit. Also quasi ein lustloses „Du, ich versuch’s halt noch mal, aber stell Dich schon mal drauf ein, dass ich es eh nicht durchhalte.“ Und ich habe es damals zum ersten Mal nicht der ganzen Welt verkündet voller Stolz, sondern, wo möglich, für mich behalten, und dort, wo notwendig (weil Nachfragen kamen), auch eher auf der „…werd’s wohl eh wieder nicht schaffen“-Schiene gehalten.
        Et voilà, zu meinem eigenen Erstaunen als auch dem meiner Umwelt hielt ich durch und bin inzwischen 4,5 Jahre rauchfrei. Selbst in harten Momenten (und die gab es!) habe ich nicht nachgegeben.

        Was ja einigen Menschen extrem geholfen haben soll beim Rauchen aufhören, ist dieses Buch von Allen Carr: „Endlich Nichtraucher!“.
        Alternativ, so als Anreiz, kann man natürlich das Geld, welches man für Zigaretten NICHT ausgegeben hat, gut sichtbar sparen, in irgendeinem Glasgefäß oder so.

        Wenn man lange genug durchhält, kommt irgendwann der Moment, an dem man weiß, dass eine Zigarette, die man nun anzündete, richtig richtig widerlich wäre. – Und dieses Wissen hält einen dann schon davon ab.

        Witzigerweise träume ich aber immer noch manchmal vom Rauchen.

        • Frau Falke schreibt:

          Das ist cool, wie toll, dass es auf diese Weise geklappt hat.
          Dass du noch vom Rauchen träumst, finde ich interessant, ich bin mal gespannt, wie das bei mir wird.

          • hijackinthebox schreibt:

            Seltsam, nicht wahr? Normalerweise heißt es ja immer, man müsse an sich glauben, an die Sache glauben. Aber wahrscheinlich fiel diesmal der Druck weg, und Druck ist ja schlecht, wenn die Nerven eh blank liegen.😉

            Der Witz an den Träumen ist: Als diese Träume anfingen, erwischte ich mich im Traum plötzlich mit einer Zigarette – und ärgerte mich dann ganz furchtbar über mich selbst, weil ich doch aufgehört hatte.
            Inzwischen scheine ich (also in den Träumen) eine Vereinbarung mit mir selbst zu haben, dass gelegentlich (also einmal die Woche) 1-2 Zigaretten völlig ok sind, solange ich nicht wieder richtig anfange. Mein Mann weiß davon übrigens nichts (also, in den Träumen weiß er nichts davon).

            • Frau Falke schreibt:

              Mir ging es während der Zeit, in der ich zunehmen musste so. Da habe ich davon geträumt, dass ich das zubereitete Essen heimlich weggeworfen habe – und war richtig sauer auf mich, dass ich mich nicht an meinen Ernährungsplan halten konnte.😀
              Mit dir selbst diese Vereinbarung getroffen zu haben ist gut, dann hast du wenigstens den Stress nicht jede Nacht wieder. Dass dein Mann nichts davon weiß, verstehe ich. Es ist vor einem selbst immer leichter zu rechtfertigen, selbst im Traum.😉

  2. Jürgen schreibt:

    Es wird schon, starke Frau!

  3. Inch schreibt:

    Alles Kopfsache😉
    Viel Glück wünsche ich weiter und Gutes Gelingen!

  4. wiycc schreibt:

    Glückwunsch zum ersten rauchfreien Tag! Ich bewundere Sie (und jeden, der es schafft, aufzuhören).
    Mir schwirrt dieser Gedanke auch seit ein paar Tagen im Kopf herum und -zack- lese ich das bei Ihnen. Zufälle gibt’s ja nicht…
    Und daß das Umfeld leidet ist doch normal, bißchen Schwund ist immer.😉
    Toi toi toi weiterhin, ich drücke Ihnen die Daumen.

  5. annettchen schreibt:

    Akupunktur soll sehr gut helfen.

  6. AluBox schreibt:

    Der Kampf mit dem kleinen Nikotinmonster in meinen Kopf. Alles eine Frage der Einstellung und der Willensstärke. Viel erfolg beim besiegen vom eigenen kleinen Nikotinmonster.

  7. michael schreibt:

    Zur Aufmunterung:

    Unterhalten sich zwei Frauen auf der Strasse. Sagt die erste: “ Mein Mann gewöhnt sich jetzt das Rauchen ab“. Die zweite: „Donnerwetter. Dazu brauch man Willenskraft“. Die erste: “ Die hab ich!“

    Durchhalten!

  8. nadineswelt schreibt:

    und, wie ist der aktuelle Rauch-Stand? Ich drücke die Daumen, dass Du es schaffst!

  9. lottamachtkrach schreibt:

    Durchhalten. You can do it!😉

  10. Jonas schreibt:

    Hart. Aber es ist machbar, soviel kann ich bestätigen. Jeder hat da seine Methode, für manche ist der kalte Entzug das einzig wahre, ich hab damals noch übergangsweise mein kleines Placebo genutzt. Das mit den Bonbons empfehle ich übrigens nicht als Dauerlösung, sonst wird man schnell dick und rund. Wie dem auch sei, wenn du das geschafft hast wirst du soooo stolz auf sich sein! Und deine Leserschaft sowieso.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hoffe nur, dass ich es jetzt auch durchhalte. Daran, dass ich es hier theoretisch beichten müsste, würde ich wieder beginnen, hatte ich gar nicht gedacht.😉 Aber vielleicht ist es auch Anreiz durchzuhalten.
      Ein Placebo werde ich mir nicht anschaffen, die Bonbons aber als Dauerlösung auch nicht in Betracht ziehen, das wäre nicht gut, da hast du Recht. Wobei dann endlich das Gerede über meine Figur aufhören würde… Das hätte auch was.😉

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