Trost

Er sollte ein besonders schöner Tag sein, der erste richtige Schultag nach den Sommerferien, wenn erst die Klassenräume gelüftet und die Schülerhirne wieder auf Betriebstemperatur gebracht worden sind, aber irgendwie will und will er es nicht werden.

Ich verbringe die Stunden damit jeden zu trösten, der es braucht, und verwandle mich innerhalb weniger Sekunden zur neuen Notseelsorge. Wobei wir seit Neustem ja eine Schulpsychologin im Nebengebäude sitzen haben, wie mir Frau Crande erzählte.

„Wanderklassen sind gar nicht so schlimm.“ tröste ich.
Zuerst kommt eine elfte Klasse, die sich eigentlich über die Tatsache freuen sollte, nun zur Oberstufe zu gehören, und sind am Jammern. Sie sind eine Wanderklasse, müssen stündlich den Raum wechseln und haben keinerlei Möglichkeit ihre Sachen dort irgendwo zu lassen, geschweige denn sich in einem der Räume heimisch zu fühlen.

„Grundschulräume haben auch was für sich.“ tröste ich.
 Drei der dreizehnten Klassen hat die Schulleitung wegen des Platzmangels in die Grundschule ausgelagert. Zwei dieser Klassen habe ich im Unterricht, alle drei müssen sich erst an die neue Situation gewöhnen. Die Grundschüler, die kleinen Toiletten, die Bilder überall und die Dekorationen, die minimalistische Tafel mit den schiefen Linien. Es ist halt alles nicht so einfach.

            „Die müssen sich halt noch austoben, das sind eben Jungs.“ tröste ich.
Eine der Klassen hat das Bild eines Penis aufgehängt, zudem die herausgerissenen, vorderen Seiten der Lektüren, die sie im Laufe der letzten zwei Jahre innerhalb des Unterrichts gelesen haben. Die Klassenleitung ist ernüchtert, dass die sich trotz der Volljährigkeit noch immer keinerlei Vernunft angeeignet haben.

„Eine Dreizehnte ist gar nicht so schlimm, wie alle sagen. Und durchs Abitur kriegst du die auch, da bin ich mir sicher.“
„Aber das ist das Chemie-Profil.“ versucht sie mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst zu machen.
„Profiler sind auch nur Schüler.“ tröste ich.
Daina hat einen Abiturjahrgang in Chemie bekommen, was offiziell daran liegt, dass Frau Prosch ausgelastet ist. (Inoffiziell aber daran liegt, dass nach Frau Proschs Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen niemanden diesen anspruchsvollen Unterricht fortführen wollte.)

„Nur noch die 11er und 12er, dann haben Sie bloß noch die Besprechung.“ tröste ich.
Frau Prosch dreht auch irgendwann am Rad, sie läuft heute Zickzack von hier nach da und zurück, weil sie mit dreitausend Menschen viertausend Sachen besprechen muss und nebenbei noch die Oberstufe über alles Mögliche in Kenntnis setzen.

„Ein bisschen hin und her laufen zwischen den drei Lehrerzimmern und den zwei Schulen ist ja auch nicht sooooo anstrengend.“ tröste ich.
Die Kollegen verzweifeln, weil sie sich ungewohnt viel bewegen müssen, der Umzug in die Grundschule ist ein Drama. Aber wenigstens gibt es im Grundschullehrerzimmer leckeren Cappuccino. 

„Nein, das ist nicht schlimm, ihr müsst euch nur für die alte neue OAPVO oder die neue neue OAPVO entscheiden, das wird schon.“ tröste ich.
Und dann wieder die Abiturienten, die verwirrt auf ihren Plätzen sitzen und über das Für und Wider der Verordnungen diskutieren, unter denen sie aller Voraussicht nach ihr Abitur ablegen werden.

 

Dann reicht es mir, sind meine Ressourcen vollkommen erschöpft, und ich gehe rüber ins Lehrerzimmer der Grundschule, wo ich mich ein sehr netter Kollege mit einer großen Tasse dampfendem Cappuccino auffängt. „Sie sehen aus, als bräuchten Sie Trost.“
Ich setze mich auf den Platz, den er mir mit einem freundlichen Nicken anbietet, und lächle erschöpft. „Sie wissen gar nicht wie sehr.“

Und auf einmal wirkt die Besprechung nachher fast wieder realisierbar.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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23 Antworten zu Trost

  1. umblaettern schreibt:

    Gehe ich fälschlicherweise davon aus, dass jede Kollegstufe eine Wanderklasse ist? Also wir hatten ab der 12. Klasse keine festen Klassenzimmer mehr, dafür drei (oder zwei, wenn das unterste mal wieder geschlossen wurde (; ) Kollegstufenzimmer mit Schließfächern für unseren Krams.

    An meiner Seminarschule gibt es das Lehrerraumprinzip. Da hatte jeder Lehrer seinen Raum und die Schüler sind den ganzen Tag gewandert. Das fanden manche sogar toll, weil dann im ganzen Schulhaus in den Klassenzimmern ihre Arbeiten hingen, nicht nur in einem. Schulbücher konnte man in den Schränken verstauen, damit sie immer da waren, für 5. und 6. Klasse galt sowieso das Prinzip leichte Schultasche, da war alles in der Schule verstaut und in Hauptfächern ein zweiter Klassensatz für daheim ausgegeben.
    Mir graut es schon vor dem Laufen in der neuen Schule. Dann bin ich wieder Wanderlehrerin (;

    • Frau Falke schreibt:

      Ja, da irrst du dich tatsächlich. Bei uns gibt es kein Kurssystem mehr, sodass die Schüler ab Klasse Elf in Profilklassen zusammengefasst werden. Das ermöglicht es theoretisch jeder Klasse einen Raum zuzuweisen.
      Ein Fan des Lehrer-Raum-Prinzipes bin ich zugegebener Maßen auch.🙂 Aber an unserer Schule ist das leider nicht in der Diskussion. Dass die Schule es sich leisten kann, einen zweiten Klassensatz in den Hauptfächern auszugeben, wundert mich jedoch. Hat die Schule so viel Geld zur Verfügung? Bei uns sind von vielen Büchern nicht mal genug Klassensätze für eine Stufe vorhanden…

      • umblaettern schreibt:

        Meine Seminarschule gewinnt einen Preis nach dem anderen, die sind teilweise auch mit Geldpreisen verbunden. Außerdem ist es eine ziemlich kleine Schule, um die 400 Schüler…. fünfte Klassen hatten wir diesesJjahr nur zwei, sechste Klassen drei, davon die größte mit 25, die kleinste mit 22 Schülern. (: Darüber hinaus gibts das mit den Klassensätzzen nicht mehr.

  2. wiycc schreibt:

    Noch ein Lehrerinnenblog, aber anders. Klingt irgendwie entspannter, aber vielleicht kommt mir das nur auf den ersten Blick so vor.😉
    Ich mag Ihren Stil; werde Sie mal bookmarken.

  3. michael schreibt:

    Laufen Sie doch mal mit einem Plakat durch die Schule, worauf steht.

    Stellt Euch nicht so an!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich überlege gerade, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich dann nicht nur einen Giftpfeil abbgekomme, sondern auch ein Messer im Rücken stecken habe.😉

  4. krizzydings schreibt:

    er dachte sich bestimmt: die hat mentale Kuschelpädagogik verdient…ich hoffe alle grundschullehrer sind nett zu euch…

    • Frau Falke schreibt:

      Bislang waren sie alle sehr nett.❤

      • Frau Weh schreibt:

        Meine Güte, wenn ich mir vorstelle, ich müsste jetzt auch noch Kollegen anderer Schulformen betüddeln…
        Aber natürlich gäbe es all das bei uns auch: Cappuccino, kleine Klos, viele Bilder und nette(re) Kolleginnen😉
        Lass dich mal nicht unterkriegen und vor allem sei nicht der seelische Mülleimer für alle anderen!

  5. annettchen schreibt:

    Habt ihr noch Klassen in der Oberstufe? Ich kenne die Oberstufe nur mit Kurssystem. Da muss man zwangsläufig fast jede Stunde umziehen.
    LG

    • Frau Falke schreibt:

      Wir haben kein Kurssystem mehr, sondern Profiloberstufe, sodass die Schüler auch in der Oberstufe in Klassen unterrichtet werden.🙂

      • annettchen schreibt:

        Kenne ich gar nicht. Wie funktioniert das denn? Ist damit die Wahl der LK’s nicht extrem eingeschränkt?

        • Frau Falke schreibt:

          Es gibt in dem Sinne keine Leistungskurse etc. mehr, demnach…
          Die Schüler wählen lediglich ihr Profilfach, die anderen Fächer werden dem dann zugeordnet, ohne, dass die Kinder ein Mitbestimmungsrecht hätten. Deutsch, Mathe, Englisch, Spanisch/Latein/Französisch werden bei allen weitergeführt.

          • annettchen schreibt:

            An einem regulären Gymnasium?
            Meine Kinder wählen eine Profilklasse in der 7. , dann in der 8. ein Wahlpflichtfach und in der 10. ihre LK. Finde ich ehlich gesagt besser, zumal in deren Schule nahezu alle Fächer als LK angeboten werden.

            • Frau Falke schreibt:

              Ja, an einem regulären Gymnasium. Wir werden wohl einfach nicht im selben Bundesland wohnen…
              Dass die Profiloberstufe nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist, würde ich jederzeit unterschreiben. Und dass es für die Schüler keine besonders tolle Regelung ist, ebenfalls. Nur haben wir dieses System nun mal und müssen damit umgehen.

  6. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Ich muss sagen, ich war sämtliche acht Jahre meiner Gymnasialzeit in einer Wanderklasse und ein Jahr lang tatsächlich ausgelagert, da bei uns renoviert wurde.
    Kann also nachvollziehen, was für ein Stress da auf Lehrerseite bestehen muss😦

  7. Jonas schreibt:

    Autosuggestion ist die halbe Miete. Allerdings muss man dafür selbst davon überzeugt sein. Lesen eigentlich die Schüler auch diesen Blog hier? Das könnte dann zu unerwarteten Rückkopplungen führen😉

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