Giftpfeile

Da habe ich eben noch meinen Unmut geäußert, gemeint, nichts mit mir anfangen zu können, bin sogar in die Schule gefahren und habe ohne mich zu beschweren Frau Zierlein beim Aufräumen der Kunstsammlung geholfen, obwohl ich bis dato nicht einmal wusste, dass es tausend verschiedene Stärken Aquarellpapier gibt.

Ganz plötzlich sind dann die sechs Wochen um, die zuvor noch ewig erschienen waren, ich hatte mir viel vorgenommen, habe kaum etwas versucht und noch weniger geschafft, ein bisschen gearbeitet und auch Erholung gehabt. Freunde haben mich herausgerissen aus meiner Feriendepression, ich bin voller Tatendrang und will unbedingt die Welt verändern…und nun soll die Schule wieder beginnen, einfach so. Man hätte mich ja vorwarnen können.

 

Doch irgendwie freue ich mich ja auch darauf, all die Schüler und Kollegen wiederzusehen, habe meine Tasche letztendlich doch bestmöglich gepackt und eine Menge neuer Ideen im Petto, zudem schöne, neue Hefte, Zettel und Kopien, die alle darauf warten benutzt zu werden.

 

 

Ich betrete also lächelnd das Neulehrerzimmer, im Lehrerzimmer ist noch alles verbaut und die Hälfte, die nicht zugesperrt ist, hat eine zentimeterdicke Staubschicht unter sich begraben, sodass sogar die Urgesteine unter den Kollegen die Flucht ergriffen haben.

„Guten Morgen, meine Lieben.“

„Einen wunderschönen guten Morgen, Frau Falke.“ begrüßt mich Frau Debian, mir halb ins Wort fallend, mit einer Fröhlichkeit, die mich fast umhaut.

Stefan, der zwischen Alexis und Megan sitzt und irgendwie angespannt wirkt, sieht seufzend auf. „Du meine Güte, müssen Sie denn so motiviert sein?“

 

„Sie ist eine Referendarin, Stefan.“ erinnert ihn Frau Rondell mit der bewerten Giftpfeil-Methode und ich merke, dass es doch die eine oder andere Person gibt, die ich in den Ferien nicht vermisst habe.

„Ich frage mich eher, warum Sie nicht motiviert sind.“ verteidigt Herr Polwin-Kaulwitz sie, obwohl er eigentlich immer auf Frau Ullrichs Seite ist. Aber das war ja in diesem Fall nicht möglich, demnach ist es wohl okay.

 

„Weil die schließlich motiviert genug für uns alle ist.“ befindet Frau Peters, Giftpfeil Nummer Zwei, was ihr ein Kopfschütteln von Frau Crande einbringt.

„Werte Kollegin, Sie wollen der Jugend doch nicht allen Ernstes vorwerfen, dass sie noch nicht derart lethargisch ist wie andere hier, oder?“

 

Die Religionslehrerin verzieht beleidigt den Mund. „Die werden noch früh genug anfangen die Tage zu zählen.“

Frau Crande verdreht gereizt die Augen und steht auf. „Na, wenn Sie sich da mal nicht irren.“

Und während Frau Crande geht, ruft ihr Frau Rondell noch nach. „Nein, wenn Sie sich da mal nicht irren!“

 

Neben mir lässt sich Frau Jäger auf einen Stuhl sinken. „Ich glaube ich geh wieder, die sind ja schon heute Morgen in Höchstform.“

Die anderen versuchen sie zu trösten, dann bittet uns Herr Jochender in den Konferenzraum, wohin wir dem Mann bereitwillig folgen. (Nicht, dass wir einen Konferenzraum hätten. Aber der Raum, in dem die Konferenz stattfindet, nennt er Konferenzraum. Ein Raum, in dem unterrichtet wird, müsste demnach ein Unterrichtsraum sein, ein Raum in dem man Kaffee trinkt ein Kaffeetrinkraum… Naja, das System ist verstanden, denke ich.)

 

Es dauert seine Zeit, bis die Kollegen sich gesetzt haben, sie sind nicht besser als die Schüler, müssen noch schnell eine Geschichte aus dem Urlaub fertig erzählen und sich gegenseitig ihre Bewunderung für ihre Bräune ausdrücken, dann dauert es wiederum, bis jeder einen Platz gefunden hat und das auch noch neben dem Menschen, neben dem man gern sitzen will, alsbald aber kehrt Ruhe ein und wir können unsere Sachen rausholen, was ebenfalls wie im normalen Unterricht nur unter größtem Lautstärkepegel passieren kann.

 

Abwartend steht Herr Jochender vorn und lässt sich nicht anmerken, wie sehr wir ihn schon jetzt nerven. „In Ordnung, würden Sie dann bitte langsam mal still werden?“

Wir probieren es, so richtig klappt es jedoch nicht.

„Bitte,“ Er hebt die Hände. „würden Sie sich bitte nun zu mir wenden, die Privatgespräche und Ferienerlebnisse für einen Moment ruhen lassen und zuhören? Wir haben nur die erste Stunde Zeit, bevor Ihre Schüler kommen, wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf.“

Ich finde, dass der letzte Teil bei ihm wie eine Drohung klingt, bin mir aber nicht so sicher.

„Sind wir denn wenigstens vollzählig, oder ist das auch schon zu viel verlangt?“ Er spricht nicht mit uns, mehr so mit sich selbst.

 

„Herr Reeden ist da und Frau Lindmahd auch, was kann man mehr verlangen?“ flüstert mir Stefan zu.

„Dafür steht Frau Seeger für morgen wieder als krank auf dem Vertretungsplan.“ weiß Finja mit verschwörerischem Blick zu verkünden.

 

„Frau Donners hat mal wieder Tinitus, auf Mallorca, wenn mich nicht alles täuscht.“ teilt  Bernhard gerade mit.

 

Genervt ziehe ich die Stirn kraus und wende mich leise an Megan. „Sag mal, hören die sich eigentlich noch selbst zu?“

„Unglaublich, nicht wahr? Keine fünf Minuten sind wir zusammen und die Giftpfeile fliegen wieder in alle Richtungen.“

Ich male einen Pfeil auf meinen Zettel, der mir irgendwas über irgendwas anderes sagen sollte. „Wie lang haben wir denn noch?“

 

Es grüßt ganz lieb

Frau Falke

 

 

 

 

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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22 Antworten zu Giftpfeile

  1. Theni schreibt:

    Also… meine Schule hat ein Kaffeezimmer😀 eigentlich nur das beliebteste drittel der lehrerzimmer und das einzige mit Kaffeeautomat…
    Und deine Kollegen… ich wär dafür, dass du die in den nächsten Sommerferien in den Regenwald nach Südamerika schickst und ‚vergisst‘ den Rückflug zu buchen… ;D

  2. nadineswelt schreibt:

    Oh je, und das schon am ersten Tag… das ist ja echt ekelhaft. Ich hatte irgendwie die Hoffnung, die Kollegen wären voll entspannt!

    • Frau Falke schreibt:

      Leslie und Megan waren gut drauf, demnach… Man muss sich halt an die halten. Wobei Frau Crande eigentlich auch recht entspannt war, sie hat es nur gestört, dass die gute Laune kritisiert wurde.🙂
      Schön wäre es natürlich dennoch gewesen, wenn es ohne Gezicke abgelaufen wäre, das ist richtig.

  3. michael schreibt:

    > „Weil die schließlich motiviert genug für uns alle ist.“ befindet Frau Peters,

    Die richtige Antwort ist: „Besser eine hoch motivierte Referendarin als ne frustrierte alte Glucke“. Dann wär es sicher etwas lebhafter zugegangen.

  4. Nobelix schreibt:

    Es ist am Ende doch wie immer: kaum ist man an seinem Arbeitsplatz angekommen, ist man genau so geladen, gefrustet und geplättet, wie am letzten Tag vor dem Urlaub. Egal, wie lange dieser war😉
    Mach dir nix draus…manche Menschen lernen es nie, anderen mal gute Laune zu gönnen.

  5. Guten Morgen,

    ja das ist immer so, wenn mehr zusammen kommen. Da sind die Erwachsenen in manchen Punkten noch Kinder, aber gerade das macht die Würze des Lebens aus. Ich hoffe, wir alle sind motiviert genug, um den eigenen Aufgaben im Leben nachzukommen. Da kann uns nur die Motivation weiter helfen.

    Viele Grüße

    Monika

  6. freudefinder schreibt:

    oh man, solche Kollegen, da braucht man aber eine große Protion Gelassenheit

  7. hijackinthebox schreibt:

    ES ist erschreckend, wie viel Kindergarten unter erwachsenen Menschen herrschen kann, nicht wahr? (In irgendwelchen Büros läuft es auch nicht viel anders, nur die Themen, auf die sich die Giftpfeile beziehen, sind andere.)

  8. Jonas schreibt:

    Mann, wenn ich das lese, bin ich doch ganz froh, dass unter meinen Kollegen eine Atmosphäre frei von Sarkasmus herrscht. Das fände ich doch auf Dauer anstrengend.

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