Studentenritual

Auf der Suche nach Hermann Hesses „Demian“, welches ich für den Deutschunterricht brauche, finde ich Fritz Riemanns „Grundformen der Angst“, nehme es aus dem Regal, blättere es durch. Das Buch riecht verwittert, aber es verströmt den altbekannten, vertrauten Geruch nach frischem Kaffee und abgestandenem Rauch, und ich muss lächeln, weil die Erinnerungen an damals hochkommen.

In meiner Studienzeit, da war ich in einem netten, kleinen Freundeskreis, über welchen ich auch Felizitas kennenlernte. Erstaunlich, wir hätten wohl nie gedacht, dass wir irgendwann einmal an derselben Schule unterrichten würden.
Jedenfalls ging es mir damals wie vielen anderen Studenten auch, ich kam mit meinen Mitbewohnern mehr schlecht als recht über die Runden, und am Ende des Monats war der Geldbeutel fast leer und der Kühlschrank eine verwaiste Ödnis, die keinen mehr ernähren konnte. Wahrscheinlich wären wir mit knurrenden Mägen zu Bett gegangen und hätten uns geschworen, im nächsten Monat besser zu wirtschaften, nur um dann doch festzustellen, dass es vorne und hinten nicht reichte, selbst dann nicht, wenn wir uns auf Nudeln mit Tomatensoße verlegen würden, wochenlang.

Als wir einmal bei einem Bier darüber sprachen, dass ab dem Dreiundzwanzigsten meist nichts mehr zu holen sei, bemerkten wir, dass uns das verband, und Tobi, der bislang dem Gespräch eher desinteressiert gefolgt war, wurde zu unserer Rettung.

Er war der einzige von uns, dessen Eltern in der Nähe wohnten, und am Wochenende, darauf bestand sein Vater, kam er heim und ließ sich von seiner Mutter bekochen. Diese kochte für den Acht-Personen-Haushalt immer reichlich, und konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dass ihr ältestes „Jungchen“ das Haus verlassen hatte.
Dementsprechend kochte sie die ganze Woche über mindestens eine Portion zu viel, die sie dann einfror und Tobi am Wochenende aufzuschwatzen versuchte.

Bislang hatte Tobi immer den Kopf geschüttelt und abgelehnt, wenn sie ihm ihre ganzen Boxen mit dem Essen anbot, denn wie sollte er all das auch essen können? Nun aber war es etwas anderes, und seine Mutter machte fast einen Freudensprung, als das „Jungchen“ ihre ordentlich sortierten Mittagessen auf einmal so dankbar entgegennahm.

Seitdem gab es in der letzten Woche am Mittwoch und am Samstag ein großes Essen in Tobis WG, und wir alle saßen mit kaum zu überbietender Begeisterung zu siebt bis hin zu acht um den Tisch, den wir zu diesem Zwecke immer ausbreiteten, und besahen uns all die Köstlichkeiten, die Tobi aus den Plastikboxen zauberte.
Da gab es Spätzle mit Champignons, Endiviensalat mit Hackfleisch, Kartoffelauflauf in allen Formen, zartestes Hähnchenfilet, gern auch Rouladen und Eintopf… Ich könnte so ewig weitermachen.

Und es schmeckte immer so wunderbar, wobei ich nicht genau sagen kann, ob das tatsächlich an den Kochkünsten von Tobis Mutter lag, oder bloß daran, dass wir so dankbar waren so tolles Essen vorgesetzt zu kriegen. Auf jeden Fall war es immer ein Fest, und wir zelebrierten diese Tage mit Hochgenuss.

Ich vermisse dieses Zusammenkommen mit Freunden, das Aussuchen des richtigen Essens, um dann doch nach der Hälfte zu tauschen, ungeachtet dessen, dass wir eh von allen Nachbartellern naschten. Wie es Tobi heute wohl geht? Wahrscheinlich macht seine Mutter ihm schon lange kein Essen mehr. Aber toll war die Zeit damals wirklich, und ich erinnere mich gern zurück. Tobi und das Essen, es war wirklich ein schönes Ritual.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Vielleicht sollten wir seiner Mutter mal sagen, wie lieb es von ihr war. Dass sie ohne ihr Wissen nicht nur ihr Jungchen über so manchen Monat gerettet hat.

 

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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11 Antworten zu Studentenritual

  1. mathefee schreibt:

    Ich hatte auch das Glück bei Heimatbesuchen den Kühlschrank ganz nach Gusto plündern zu dürfen um dann mit vollen Taschen wieder zu fahren. Und da wir aus der Gruppe nie alle gleichzeitig nach Hause gefahren sind und es bei fast allen so aussah, gab es auch öfter mal eine groß zelebrierte Mahlzeit für alle. Schön wars! Die Erinnerung treibt mir gerade ein glückseliges Lächeln aufs Gesicht. Danke!:-)

  2. Jürgen schreibt:

    Prima!
    Ja, das sollten Sie ihr sagen.

  3. nadineswelt schreibt:

    Habe auf meinem Blog einen Blog Award an diesen Blog weiterverliehen!

    • Frau Falke schreibt:

      Das habe ich soeben gesehen, vielen herzlichen Dank! Ich befürchte nur ihn nicht annehmen zu dürfen, weil meine täglichen Besucherzahlen die 200 doch ziemlich deutlich übersteigen…

  4. apanat schreibt:

    Danke für die Erinnerung!
    10 DM im Semester für antiquarische Bücher führten bei meiner Schwester zur Kürzung des Monatsgeldes wegen des „Luxus'“. (Dabei aß sie nur am Wochenende warm zu Mittag, nämlich Eintopf, und sonst nur Wurstbrot.) Trotzdem brachte sie eines Tages allen Geschwistern zu Hause ein Geschenk mit: Für jedes ein Gummibärchen, von den letzten Pfennigen, die sie nach Kauf der Fahrkarte nach Hause noch hatte.
    Als ich dann studierte hatte ich monatlich dann 200 DM zur Verfügung und konnte mir ein Zimmer für 50 DM leisten. Da konnte ich mir neben den Büchern, die ich mir von ehemaligen Klassenkameraden auslieh und den antiquarischen sogar Neuanschaffungen leisten.

    • Frau Falke schreibt:

      Die Erinnerung ist wirklich sehr schön. Und die Geste Ihrer Schwester absolut toll.

      • apanat schreibt:

        Jeweils ein Gummibärchen war freilich schon damals kein großes Geschenk, sondern der – leicht pathetische – Hinweis: So knapp bin ich dran mit dem Geld.
        (Bekam ich damals noch 1 DM oder schon 5 DM Taschengeld, das ich mir noch mit Nachhilfeunterricht aufbessern konnte? Jedenfalls war mein Kassenbestand am Monatsende selten unter 10 Pfennige. Verglichen mit meiner großen Schwester lebte ich also in gesicherten finanziellen Verhältnissen und konnte sogar sparen.)

  5. freudefinder schreibt:

    irgendwie scheint es auch stark zu machen wenn man mal erlebt hat, mit wie wenig man auskommen kann

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