Der dürren Blonden in die Tasche kotzen

Die Feier war in vollem Gange, immer wieder wurden uns Getränke gebracht, die Außenbeleuchtung sorgte für ein angenehmes Licht auf der Dachterrasse, leise drang von irgendwoher Musik zu uns. Ich saß an einem der Tische in einer Gruppe Frauen, die wirkten, als würden sie darauf warten jeden Moment für die Vogue fotografiert zu werden.

Die Dame zu meiner Linken trug schwere Ohrringe, viele Ketten, mehrere Ringe. Sie fuhr sich immer wieder durchs Haar, wenn sie etwas sagte; und flirtete mit praktisch jedem Mann, der an uns vorbei lief. Neben ihr stand eine Brünette, die sich vertrauensvoll an uns wandte, nachdem sie einen Blick zu Lina geworfen hatte, die gerade ein wenig entfernt von uns ein Geschenk annahm.
„Was ich nicht verstehe, ist ja, dass sie das immer noch macht, diese Schulsache, meine ich. Leisten könnte sie es sich allemal, es zu lassen, meint ihr nicht auch?“
Die Blonde neben ihr lachte auf, ein wenig zu hell. „Da sagst du was! Ich verstehe das auch nicht. Wie kann man freiwillig die Bälger anderer Leute hüten?“
Die Schmuckbehangene nickte, was ihre Ohrringe schaukeln ließ. „Sie behauptet, es würde ihr Spaß machen. Aber wenn ihr mich fragt – vorstellen kann ich es mir nicht.“

Wir bekamen Cocktails gereicht, die dankbar angenommen wurden, da zündete sich die Blonde eine Zigarette an und betrachtete uns über diese hinweg. „Wenn Roberta nicht hätte, käme ich ja zu nichts mehr. Und das ist nur ein Kind, wisst ihr, was ich meine?“
Die Braunhaarige nickte, nachdem sie an ihrem Drink genippt hatte, zustimmend. „Das sehe ich auch so. Ich habe wahrhaft genug damit zu tun, unser Leben zu managen.“
Ich war froh, dass sie von mir keine Beteiligung erwarteten. Anfangs hatte man mich den immer gleichen musternden Blicken bedacht, als ich jedoch als ‚Freundin von‘ vorgestellt wurde, nahmen sie sich meiner gerne an. Man kennt Herrn Falke in solchen Kreisen. Und wirklich, mir ist, als wären die schlimmsten Gäste jeder Party des letzten halben Jahres hier versammelt.

Unser Tisch blieb gut besucht im Verlauf der nächsten Stunden. Ich lernte viel dazu an diesem Abend, zum Beispiel, dass es gar nicht einfach ist die Arbeit mehrerer Angestellter zu koordinieren. Dass man, wenn man einen Hund hat, für diesen mindestens so regelmäßig Termine beim Friseur machen muss wie für sich selbst. Dass Spa-Aufenthalte nicht wegzudenken sind, wenn man jung bleiben möchte. Dass man zu repräsentativen Essenseinladungen niemals ein Kleid tragen darf, dass einen schon an einem anderen Event zierte. Dass man als Frau jederzeit erwarten kann alles zu bekommen, was man verlangt. Dass es nur einer besonders gute Ehefrau/ Freundin/ Lebensgefährtin  gelingt ihren Mann rundherum zufriedenzustellen. Dass es ein Zeichen von Liebe ist, wenn man abends wegen seiner Diät nichts isst, sich aber trotzdem zu ihm setzt und ihm beim Essen zusieht. Dass man sich nicht derart um sich selbst kümmert, weil man egoistisch ist, sondern damit man sich richtig um ihn kümmern kann. Dass ein Leben ohne Yoga ja wohl vollkommen unvorstellbar ist. Dass niemand, ja wirklich niemand, nachvollziehen kann, welchem Stress man sich da tagtäglich aussetzen muss…

Während ich ihnen zuhörte, dachte ich darüber nach, was das für mich bedeuten würde, derart zu sein, und ich merkte, dass ich all das nicht könnte. Mein Leben so sehr nach meinem Mann auszurichten wäre mir ein Graus, von Wohltätigkeitsfeier zu Geschäftsessen und wieder zurück zu hetzen würde mir keine Freude machen. Zuhause zu bleiben und all diese Dinge zu regeln, die mir so unwichtig erscheinen, das alles erscheint mir so wenig geerdet.

Aber irgendwie konnte ich sie verstehen, nicht nur, weil ich diese Gespräche kenne. Ich glaube, dass man diese Ansichten hat, vielleicht haben muss, wenn man ein solches Leben führt. Man ist in einer Rolle, irgendwie, und die Umgebung setzt Erwartungen in einen, die man zu erfüllen versucht. Und möglicher Weise ist das auch schön; wenn es einem liegt, warum nicht? Wer diesen Weg als den für sich richtigen empfindet, soll ihn gern gehen. Nur hören mochte ich ihr Gerede nicht mehr, diese Probleme, die ich absolut nicht für erwähnenswert hielt, die höchste Spitze des Mount Everest, während ich mich an seinem Fuße sah.

Katharina erlöste mich, indem sie auf mich zukam und sich bei mir einhakte. Gemeinsam verließen wir den Tisch der Frauen und liefen herüber zum Büffet.
„Ich möchte eine Flasche von dem Champagner trinken, der mehr wert ist als mein ganzer Weinkeller, danach möchte ich von dem Büffet essen, das nur das kredenzt, dessen Namen ich nicht aussprechen kann.“ erklärte sie mir und führte mich bestimmt mit sich.
„Dann werde ich meinen Körper, der ‚nicht mal nach drei Operationen in dieser super-tollen Schweizer Schönheitsklinik in Größe 32 passen würde‘ mit dem hochkalorischen Nachtisch mästen und wenn mir dann so richtig schön schlecht ist, kotze ich der dürren Blonden in ihre Gucci-Tasche.“

Ich begann zu lachen, sie stimmte ein, und befreit von diesem Etwas, das nicht zu fassen war, standen wir am kalten Geländer der Dachterrasse und blickten über die von Lichtern erleuchtete Stadt.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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12 Antworten zu Der dürren Blonden in die Tasche kotzen

  1. Pingback: Lagerfeuer und Champagner | sovielzumthemaschule

  2. michael schreibt:

    > kotze ich der dürren Blonden in ihre Gucci-Tasche.

    LOL

    > Ich glaube, dass man diese Ansichten hat, vielleicht haben muss, wenn man ein solches Leben führt.

    ‚um ein solches Leben für sinnvoll zu halten‘ gefällt mir besser.

    • Frau Falke schreibt:

      > Ich glaube, dass man diese Ansichten hat, vielleicht haben muss, wenn man ein solches Leben führt.

      ‘um ein solches Leben für sinnvoll zu halten’ gefällt mir besser.

      Ja, mir auch. 🙂

  3. mathefee schreibt:

    Dann sich lieber geerdet um „die Bälger anderer Leute“ kümmern. 😉
    Der Vergleich mit dem Mount Everest gefällt mir gut! Solche Begegnungen führen einem doch (so unbehaglich sie auch sein mögen) vor Augen, welches Leben einem selbst besser gefällt.

    • Frau Falke schreibt:

      Das war ja auch so ein nettes Kommentar, bei dem ich echt schlucken musste. :/ Anderseits hat der Abend auch gezeigt, dass die Dame einfach keinerlei Ahnung davon hat, was wir tagtäglich so machen.
      Dass es uns jedoch erkennen lässt, wer wir sind und was wir wollen, stimmt. Ich denke, ich habe bislang größtenteils die richtigen Entscheidungen getroffen.

  4. nadineswelt schreibt:

    Ich kann Dich verstehen, ich könnte auch nicht nur so ein Anhängsel sein. Und das sind diese Frauen doch. Sie definieren sich über ihren Partner.

    • Frau Falke schreibt:

      Es hat mich schon total angegriffen, dass ich als die „Freundin von“ vorgestellt wurde. Als wäre mein Schaffen weniger wert, bloß weil mein Freund einen prestigeträchtigeren Job hat. Also bitte.

  5. verlorenesschaf schreibt:

    Ich sehe die werten Damen vor mir, wie sie abends, an der Seite ihres wohlbetuchten Ehegatten dreißigjährigen Rotwein im Kristallglas süppeln, dazu ein wenig Kaviar (nicht mit dem normalen Besteck, neeeein, das geht nicht mit dem Geschmack… Metall & Kaviar verträgt sich nicht, hörte ich einmal) schmatzen und über die neueste Art der Pediküre/X’s niveaulose Handtasche, die bestimmt eine Fälschung ist/das ihrem Status ganz und gar nicht angemessene Verhalten Ypsilons/andere Dinge, auf die andere Menschen gar nicht kommen, lästern, während besagter wohlbetuchter Ehegatte eigentlich überlegt, wie ER denn die Nationalmannschaft aufstellen würde, wie blöd Kollege W sei, dass man doch das und das in der Arbeit so und so machen müsste, oder, wann er denn in seine ebenfalls wohlbetuchte Rente geht. Und anschließend noch zur Gala. – Ich übertreibe bestimmt, aber im Moment sehe ich dieses Arrangement auf der Antiquitätenliege klar und deutlich vor mir… o.ô

  6. hijackinthebox schreibt:

    Uff, hart.
    Ein glücklicher (Normal)Mensch, wer dann so jemanden wie diese Katharina auf so einer Party trifft.

    (Ich hätte ja nach nicht mal 10 Minuten solcher Gespräche das Bedürfnis gehabt, mich auf im nächsten Mauseloch zu verkriechen. >_>)

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