Vielleicht wäre es doch besser gewesen…

…Seiten aus Schulbüchern zu reißen

 

Vor einer Woche treffe ich beim Einkaufen in der nächstgrößeren Stadt drei meiner Schüler, was nicht weiter verwunderlich ist, da dort die meisten meiner mehr oder weniger Lernwilligen wohnen.
Wie so oft komme ich um das übliche Procedere nicht herum.

Natürlich ist es für die Kids, gerade in den tieferen Klassen, immer etwas Besonderes ihre Lehrerin bei so etwas Alltäglichem wie dem Kaufen von Lebensmitteln zu beobachten.
Solange sie dann nur neugierig in den Wagen linsen, ist alles in Ordnung, dort gibt es fast nie etwas zu entdecken, was mir später als unangenehme Geschichte nachgetragen werden kann.
Was mich stört, ist, wenn die Schüler sich verstecken. Manche hauen sofort wieder ab, sobald sie mich gegrüßt haben, und nach ungefähr vierhundert Stunden Krisensitzung habe ich das auch soweit verwunden, dass es mein Selbstbewusstsein nicht mehr zu sehr anfrisst.
Aber wenn die mir hinterherlaufen und sich schnell aus meinem Sichtfeld bewegen, wenn ich mich umwende dann drehe ich durch. Ich brauche kein Mini-Stalking, auch nicht von Seiten der Schüler.

Glücklicher Weise verhalten sich Rebecca, Finn und Lana völlig normal, verstecken nur die Flasche Wodka hinter ihrem Rücken, als sie zu mir kommen und mich begrüßen. Dabei sind sie gerade mal in der neunten Klasse…obwohl, Moment mal, jetzt sind sie ja in der zehnten. Oh Gott, das wird ja wieder ein Chaos nach den Ferien.

Finn scheint sich wirklich zu freuen mich zu sehen. „Hey, Frau Falke, was machen Sie denn hier?“
Ich will gerade antworten, da knufft ihm Rebecca in die Seite. „Na was wohl? Seiten aus dem Schulbuch reißen.“
Sie lachen, ich stimmte etwas weniger beherzt ein. Seit ich mit dieser Klasse „Der Club der toten Dichter“ gelesen habe, ist das der Running Gag.
(Wie gewohnt hat auch das anfangs ein paar schockierte Kollegen nach sich gezogen. „Stimmt das? Hast du so was mit denen gemacht? Seiten aus einem Schulbuch herausgerissen, ehrlich? Das ist Schuleigentum, das weißt du aber schon, oder?“ Mein Gott, alles gut, beruhigt euch.)

„Eigentlich bin ich bloß einkaufen.“ erzähle ich. „Und ihr trefft Partyvorbereitungen, oder wie?“
Rebecca tauscht grinsend einen Blick mit Lana. „Ja, doch, so könnte man es nennen.“
Finn wechselt die Flasche von der einen zur anderen Hand, wenn er das so auch vor seinen Eltern verheimlichen will, sollte er unbedingt noch üben.

Lana verdreht theatralisch die Augen, wirft ihm einen vielsagenden Blick zu und sieht mich dann an. „Aber wo wir Sie gerade sehen, waren Sie schon in der Schule?“
„Wie kommst du denn darauf?“ erkundige ich mich irritiert und überlege, ob es in unserem Gymnasium entweder etwas umsonst gibt oder die Schüler glauben, ich wäre mit meinem Arbeitsplatz so verbunden, dass ich Sehnsucht nach ihm entwickele. (Das tue ich tatsächlich, ein Glück, wenn die Ferien endlich vorbei sind. Aber pst!)

„Na, weil doch alle Lehrer hinfahren.“ erklärt mir Lana.
„Wegen den Plätzen und so.“ ergänzt Rebecca.
Ich verstehe immer noch Bahnhof.
Finn winkt mit der freien Hand ab. „Wir haben nur erzählt bekommen, man müsse sich im ausgebauten Lehrerzimmer Plätze sichern, wenn man nicht in irgendeiner Ecke oder unter der prallen Sonne enden will.“
Darauf hätte ich eigentlich auch kommen können.
„Alle unsere Lehrer machen das.“

Kurz darauf verabschieden sich die drei, nicht ohne mir noch erholsame Ferien zu wünschen, und als ich meine Einkäufe in meinem Wagen verstaue, diskutiere ich mit mir selbst.
Ich sollte die Woche vielleicht mal in meiner Schule vorbeischauen. Nicht, dass die guten Plätze alle schon besetzt sind.

 

Zuhause frage ich mich dann, warum ich wieder einmal als wahrscheinlich Einzige aus dem gesamten Kollegium nicht daran gedacht habe, dass die Plätze so sehr umkämpft sein werden. Denn rein theoretisch sollte ich die Truppe ja langsam kennen, oder?
Ich rufe Feli an, wie immer, wenn ich mir solche weltbewegenden Fragen stelle, die mir gleich ausrichtet, ich müsse ihr auch einen Platz sichern. Vorsichtig äußere ich meine Vermutung, auf diesen Gedanken nicht gekommen zu sein, weil ich daran glaube, dass jeder aus der Lehrerschaft seine soziale Ader über die Ferien entdeckt hat und wir uns friedlich einigen können.
Felizitas lacht mich aus. Friedlich hieße in diesem Zusammenhang, dass sie keine Handfeuerwaffen benutzen. Und überhaupt sei die Vorstellung, dass nicht ein Hauen und Stechen um die Plätze losbrechen würde, ein Witz.

 

Ihr fragt euch, warum ich euch das jetzt erzähle? Ganz einfach: Emily will ihren Platz mit mir tauschen, damit sie neben Stefan sitzen kann, Sarah hat verkündet, auf keinen Fall bei Felizitas am Tisch zu sitzen, falls diese sich nicht innerhalb der nächsten Tage entschuldigt, was mich darüber nachdenken lässt, ob denn Felizitas sich neben Sarah setzen würde, und mein Freund hat schon gefragt, wo denn der Kollege Clemens sitzen wird und ob das zufällig in meiner Nähe sein wird…?
Unfassbar. Ich war wirklich so naiv zu glauben das größte Problem wäre es überhaupt einen Sitzplatz im neuen Lehrerzimmer zu ergattern.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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18 Antworten zu Vielleicht wäre es doch besser gewesen…

  1. sunshinemuffin schreibt:

    Oh mann, das erinnert mich dermaßen an Mittelstufenprobleme…😀
    Schade, dass die Lehrer bei euch nicht auf Lehrerfahrt fahren, so als Äquivalent zur Klassenfahrt… das gäbe ein Hauen und Stechen um die Zimmerverteilung.
    Interessant, festzustellen, dass sich an sowas gar nichts ändert…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke, dass es sich wieder legen wird. Momentan ist es einfach nur sehr krass – wobei ich noch immer nicht so recht weiß, was eigentlich los ist. Sarahs Problem kennt scheinbar niemand, nur, dass sie jetzt eine Entschuldigung erwartet. Felizitas… Nunja. Und die anderen gehen ja zum Glück.😉
      Eine Lehrer-Fahrt hätte dennoch etwas. Vielleicht würde es ja helfen.

  2. Frl. Rot schreibt:

    Ich bin immer wieder erstaunt, dass es Lehrerzimmer gibt, die so groß sind, dass jeder Lehrer einen festen Platz hat. Oder sind die Kollegien bloß so klein?

    • Frau Falke schreibt:

      Wir sind momentan ein wenig mehr als siebzig Leute, allzu klein ist das Kollegium demnach nicht. Zuvor war der Raum aber für 30+ ausgelegt, weshalb der Um- und Anbau wirklich nötig war. Ich kann mir nicht richtig vorstellen, wie es klappt, wenn man keinen eigenen Platz hat. Oder bleiben dann alle Dinge im eigenen Fach und werden je nach Pause hin- und hergeräumt? Das ist ja auch ein Aufwand…

  3. Frau Weh schreibt:

    Wenn du die Seiten rausreißt, bemalst du sie aber wenigstens, oder?

    Ansonsten wünsche ich mir auch einmal, EINMAL ein großes Kollegium. Das muss spannend sein!🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Ich… Ich lasse sie dir zukommen, was hältst du davon?🙂
      Ein großes Kollegium finde ich nicht so prickelnd, eine Freundin von mir hat wesentlich mehr Kollegen als ich, und ich bin bei uns schon oft überfordert.😉

  4. annettchen schreibt:

    Na, so lange die Stühle nicht mit Handtüchern belegt werden………

  5. michael schreibt:

    Richtig schön wird es ja erst, wenn X sich mit Y verkracht hat, und unbedingt neben Z sitzen will, was nun aber A nicht behagt. Auf Vorschlag der Schulleitung wird daraufhin ein SitzplatzVerteilungsKomitee gewählt, dass einen Verteilungspaln mit regelmäßigem Platztausch ausarbeiten soll. Da einige mit dem Wahlmodus nicht einverstanden sind, wird das Verwaltungsgericht Schleswig angerufen. Bis zur Entscheidung der Gerichte wird das Lehrerzimmer versiegelt und die Lehrer müssen mit einen Wohncontainer im Hof vorlieb nehmen.

  6. nadineswelt schreibt:

    Kommt mir irgendwie vor, wie in der 8.-10. Klasse, dieses Platzgezicke. Schön, dass auch Lehrer nicht erwachsen werden. Ich werds ja auch nicht.
    Und Herr Falke ist immer noch eifersüchtig auf Herrn Clemens?

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hoffe ja, dass die sich wieder einkriegen. Ich bin nicht mehr die süße kleine Maus, die man neben das nervige Kind setzen kann, um zu verhindern, dass es stört.😉
      Zumindest scheint er ihm weiterhin ein Dorn im Auge zu sein.

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