Zu meiner Schulzeit I

„Zu meiner Schulzeit“ sollte ein kleines Projekt werden, jeder, der Lust hatte, sollte ein wenig aus seiner Schulzeit erzählen, so hatte ich mir das gedacht. Was ich jedoch an Zuschriften bekam, ging weitaus tiefer als ich erwartet hatte, und so habe ich mich dazu entschlossen euch die Beiträge nicht alle zusammen, sondern in Teilen zu präsentieren. 

Ich bedanke mich sehr bei allen, die mir etwas zugesandt haben, die sich hingesetzt haben und ihre Erinnerungen niedergeschrieben. Es ist kostbar solche Einblicke in die Leben anderer Menschen zu bekommen.

 

Der erste Beitrag ist von Luisa, die mich mit ihrer Schilderung sehr bewegt hat. Nicht nur, weil ich beim Lesen das Gefühl habe der Schülerin, die sie damals war, ganz nah zu sein, sondern auch, weil ich mich frage, wie es zu solch einem Erlebnis kommen konnte. Im Endeffekt bleiben viele Fragen offen, Beweggründe können nicht offengelegt werden, Erklärungen kann man nicht immer geben.
Ich habe über Luisas Schilderungen sehr lange nachgedacht.

 

 

Mir ging es nicht gut -psychisch. Zu Hause lag mein Stiefvater im sterben, meine Mutter hatte deswegen kaum noch Zeit für mich, ich musste den Haushalt führen. Mein leiblicher Vater war bereits einige Jahre vorher gestorben.

Frau T., meine Lehrerin, merkte, dass ich Probleme hatte und sprach mich an, mit dem Angebot, dass ich immer gerne zu ihr kommen könnte. Ich war erleichtert endlich jemanden zu haben, mit dem ich reden konnte. Also öffnete ich mich ihr und schüttete mein Herz aus. Sie hörte zu, sie war da, sie gab mir Stärke.

Eines Tages sprach sie mich in der Pausenhalle an. Ich solle mich nicht mehr bei ihr melden, ihr würde das zu viel werden. Ich weinte. Ich fühlte mich von ihr im Stich gelassen, gleichzeitig war mir klar, dass das ihr gutes Recht war und deswegen war ich zwar enttäuscht aber nicht böse auf sie. Von dem Tag an hörte sie keinerlei persönliche Dinge mehr.

Das Schuljahr lief weiter. Mein Stiefvater verstarb. Ich hatte alle Mühe irgendwie alles zu schaffen: Schule, Haushalt und vor allem meine Mutter. Aber ich biss mich durch, irgendwie.

Zum Ende des Schuljahres fingen die Sticheleien an. Kleine Spitzen von Frau T., die sie während der Unterrichtsstunde einstreute. Erst war ich mir gar nicht sicher, ob ich nicht vielleicht überempfindlich wäre, ob ich es mir einbilde oder ich vielleicht gar nicht damit gemeint war. Es waren nur noch einige Wochen bis zu den Sommerferien und ich schob es auf Stress. Ich dachte, dass nachdem sie sich in den Sommerferien entspannen würde, würde es wieder besser werden. Ich hatte Unrecht.

Nach den Sommerferien wurde es schlimmer. Da sie mein Leistungskurs Fach unterrichtete sah ich sie beinahe täglich und beinahe täglich war ich ihren Schikanen ausgesetzt. Ich ging zu meinem Stufenkoordinator. Es brachte nichts. Ich ging wieder hin. Einen Tag danach stauchte mich Frau T. in der Pausenhalle zusammen. Etwa 10 Minuten sah ich mich völlig unvorbereitet mit einer Frau konfrontiert, die mit der mitfühlenden Lehrerin nichts mehr gemein hatte. Sie machte mir Vorwürfe, drohte mir, dass ich nicht nochmal zu meinen Stufenleiter gehen solle. Natürlich bin ich trotzdem sofort danach zu meinem Stufenkoordinator gegangen. Ich weinte wieder; war verwirrt. Was wollte diese Frau von mir? Was hatte ich getan?

Es gab ein Gespräch mit ihr, dem stellvertretende Schulleiter und mir. Das Gespräch dauerte etwa eine Stunde und die meiste Zeit davon war Frau T. am reden. Sie redete und redete. Hauptsächlich Vorwürfe mir gegenüber, ich würde mich anstellen, würde das alles inszenieren um Aufmerksamkeit bekommen.

Ich habe nicht viel gesagt. Das was ich gesagt habe, prallte wie an einem Stein ab. Frau T. wollte sich nicht mit mir vertragen, aber was sie genau wollte weiß ich bis heute nicht.

Der stellvertretende Schulleiter probierte zu vermitteln, unterbrach sie einige Male und schlug am Ende vor, dass wir uns beide zusammen reißen. Man merkte, dass er auf meiner Seite stand. Aber er war ja leider nicht im Unterricht dabei und bekam nicht mit, was Frau T. täglich von sich gab.

Nach diesem Gespräch beruhigte es sich. Frau T. streute noch hier und da kleine Spitze gegen mich ein, allerdings ignorierte ich diese.

Bis zum heutigen Tag habe ich keine Ahnung, was ich dieser Frau angetan habe. Sie hat mir sehr weh getan, denn gerade sie, die eine Zeit lang meine Vertrauensperson war, kannte meinen privaten Hintergrund und wusste somit, wie schwer ich es hatte. Durch ihr Verhalten, hat sie es mir zusätzlich schwer gemacht.

Hab ich etwas davon gelernt? Vielleicht, dass man sich in Menschen täuschen kann und das Lehrer auch nur Menschen sind und es deswegen auch solche und solche gibt.

In meiner Abiturprüfung in diesem Fach hatte ich eine 4-, auf eine Nachprüfung habe ich dankend verzichtet. Ich war nur froh, dass ich diese Frau nie wieder sehen musste.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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12 Antworten zu Zu meiner Schulzeit I

  1. Nadine schreibt:

    Diese Frau T ist mies. Die Schülerin tut mir Leid. MUSS sowas sein??? Echt ein extrem mieses Verhalten.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich frage mich, was die Frau dazu bewegt hat. Es klingt ja an, dass sie dachte, Luisa übertreibe und inszeniere das alles nur. Aber hätte man nicht auch das klären können?

  2. frl_wunder schreibt:

    Es wäre interessant zu wissen, was Frau T. zu ihrer plötzlichen Verhaltensänderung bewegt hat – hier wird ja „nur“ Luisas Sichtweise geschildert.
    Vielleicht wurde sie dadurch an private Probleme erinnert, hat evtl. selbst schon mal eine solche Situation durchgemacht, versucht eine Grenze zu ziehen um sich selbst davor zu schützen oder was weiß ich. Aber das gibt ihr natürlich trotz allem nicht das Recht, sich so zu verhalten. Ich finde es schon schwierig, von heute auf morgen „ich will nichts mehr davon wissen“ zu sagen, wenn man zuvor doch angeboten hat, dass der Schüler sich einem anvertrauen kann. Aber die Sticheleien sind alles andere als angebracht.

    Ein Beitrag, der zum Nachdenken anregt und mich an eine ähnliche Situation erinnert. Bin gespannt auf die anderen Beiträge!

    • Frau Falke schreibt:

      Dass die Lehrerin durch die Geschichte an etwas erinnert wurde, was sie selbst erfahren hat, halte ich auch für möglich. In meinem Lieblingsbuch Das Mädchen am Kanal wird die Lehrerin durch eine Schülerin auch mit ihrem eigenen Trauma konfrontiert und versucht sie nach gewisser Zeit aus Selbstschutz von sich zu weisen.
      Wie du richtig sagst, wissen wir es aber nicht. Hier könnte vieles Beweggrund gewesen sein. Mir ging es vor allem darum, dass eben auch das ein Teil der Schule ist. Manchmal eben keine Antwort zu finden.

      • frl_wunder schreibt:

        Das Buch hört sich interessant an; ich hab´s grad gegoogelt, vielleicht leih ich mir´s mal aus…

        • Frau Falke schreibt:

          Das solltest du tun. Ich habe noch nie etwas gelesen, das mit so wenig Worten in einem derart viel bewegt. Es ist nicht das, was dort steht, sondern jenes, was in den eigenen Gedanken nach jeder Seite geschieht…

  3. annettchen schreibt:

    Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Lehrerin mit ihrem Hilfsangebot übernommen hat und später versuchte durch ihr schroffes Verhalten wieder Distanz herzustellen.
    Für die Schülerin ist das natürlich schlimm.

  4. Frl. Rot schreibt:

    Beim Lesen habe ich mich mehr als einmal gefragt: Was genau ist mit „Sticheleien“ und „Schikanen“ gemeint?

    • Frau Falke schreibt:

      Die Frage würde ich direkt weitergeben.

      • Luisa schreibt:

        Es waren einfach beleidigungen. Ich hatte leider das Pech direkt vor ihrem Pult zu sitzen sodass sie Gespräche mit meiner sitznachbarin hören konnte. Oft hat sie dann einfach extrem doofe und verletzende Kommentare gegeben. U.a. Dass ich unselbstständig sei, dass ich es im leben zu nichts bringen würde.

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