Entführung

 

 

Stefan steht vor meiner Haustür und blickt mich an. Er trägt sommerliche Sachen, sein Haar ist noch nass vom Duschen, sein Gesicht ist irgendwie anders als sonst. Er schüttelt den Kopf, während er eintritt, und setzt sich in die Küche. Ich schließe ein wenig irritiert die Tür und komme ihm nach. Während er wenig später vorsichtig an seinem viel zu heißen Kaffee trinkt, lässt er mich nicht aus den Augen.

 

„Mir ist im Moment ganz komisch, weißt du?
Ich meine, ich habe gerade etwas, das ich noch nie hatte. Ich denke an sie und es versetzt mir einen Stich. Jeden Abend sind meine Gedanken bei ihr, ihrem Lächeln, ihren Händen, der Art, wie sie ihr Haar zurückstreicht.
Ist das verrückt? Ist das komisch?
Wenn ich erwache, dann frage ich mich, was sie wohl gerade macht. Wie es ihr geht, ob alles in Ordnung ist. Jede paar Zeilen, die sie mir schreibt, sind so wertvoll für mich. Ich lese sie immer wieder.
Kann so wenig Kontakt einen so sehr berühren?“

 

Er schüttelt den Kopf, dann lächelt er sanft zu mir, noch ganz in seinen eigenen Gedanken versunken. Stefan stützt sich auf seiner Hand auf und trinkt einen weiteren Schluck seines Kaffees, bevor er mir in die Augen blickt.

 

„Sie spricht so wenig, dabei wünsche ich mir jedes Wort aufsaugen zu können und für immer zu bewahren. In Gruppen ist sie so schüchtern, das ist niedlich, doch mit ihr allein eröffnet sie einem eine Welt, in die man eintauchen möchte.
Ist es zu verurteilen? Gehe ich zu weit?
In der Schule kann ich nicht die Augen von ihr lassen; wenn sie da ist, kommt es mir vor, als würde sie mich elektrisieren. Sie bringt mich zum Lächeln, sie rettet meinen Tag durch ihre bloße Anwesenheit.
Wenn es ihr nicht gut geht, zieht es mich mehr herunter als bei allen anderen. Ihre Augen sind oft so traurig. Und es tut mir weh, dass ihre Sorgen sie derart belasten.
Am liebsten möchte ich sie entführen, weißt du?
Wenn ich könnte, würde ich sie aus diesem ganzen Alltagstrott herausholen. Ich würde sie mit mir nehmen und an einen schönen Ort führen, heraus aus der Stadt, irgendwo ans Wasser. Vielleicht gefällt ihr das Meer?
Und ich würde ihr Zeit geben, bis sie darüber sprechen will, was sie jeden Tag beschäftigt. Warum sie selbst dann, wenn sie lächelt, dieses traurige Scheinen in ihren Augen hat. Vielleicht würde sie es mir sagen, und wenn nicht, wäre es auch okay. Hauptsache, sie würde mal auf andere Gedanken kommen.
Denn weißt du was?
Ich glaube, sie könnte glücklich sein, und ich wäre gern derjenige, der dabei an ihrer Seite ist.“

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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14 Antworten zu Entführung

  1. Nadine schreibt:

    Weißt Du für wen er so empfindet? Sarah? Felicitas? Vielleicht für eine der beiden, die andere weiß das, und deswegen letztens das grobe Gezicke?

    • Frau Falke schreibt:

      Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Zwar habe ich eine Vermutung – aber die Art, wie wir beisammen saßen, die Stimmung, die herrschte, all das machte es mir unmöglich nachzufragen, wen er meint. Es schien mir, als habe er ihren Namen ganz bewusst nicht genannt.
      Wenn es aber eine der beiden sein sollte, würde das natürlich einiges erklären, das stimmt. Und passen würde diese „traurige Stimmung“ momentan auch auf jede von ihnen.

  2. Sanne schreibt:

    Und wenn er dich meint?

    • Frau Falke schreibt:

      Oh Gott, nein. Den Eindruck machte er ganz und gar nicht. Und ich glaube auch, dass er das dann direkt gesagt hätte.

      • Wolfy schreibt:

        Und wenn er sich gut verstellen kann?

        Liest Herr Falke eigentlich mit im Blog? (würde mich mal interessieren)

        • Frau Falke schreibt:

          Ich glaube wirklich, dass es eine Kollegin ist, die nicht direkt zu unserem Freundeskreis gehört. Aber wir werden sehen, wie es weitergeht.

          Herr Falke liest den Blog nicht. Er interessiert sich nicht für die Schule, und das meiste, was bei meinen Freunden los ist, bekommt er auch nicht mit. Ich habe unter anderem auch gerade deshalb angefangen zu bloggen – weil es einfach niemanden gab, mit dem ich meine Gedanken, all das, was mich beschäftigte, teilen konnte.

  3. Nobelix schreibt:

    Oh man, solche Gedanken kenne ich. Zu gut.

    Eigentlich schade, dass Herr Falke sich nicht dafür interessiert, was in deinem Umfeld passiert. Schließlich ist das ein beträchtlicher Bestandteil deines Lebens…und gehört doch dazu.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich bin schon froh, dass er mittlerweile zumindest für das, was ich erzähle, Interesse zeigt. Dass er hier nicht mit liest, ist eine andere Sache. Manchmal verstehe ich es auch. Da denke ich, dass ich ihn vielleicht auch damit überfordern würde. Denn mal ehrlich – alle anderen können einen Eintrag lesen, ohne zu kommentieren, oder sie lesen ihn einfach nicht. Er wäre immer in der Situation etwas zu tun.
      Anderseits würde es mich natürlich freuen, ich denke, es würde uns näher zueinander bringen.

      • Nobelix schreibt:

        Er könnte dir zuhören. Er muss ja nichts dazu sagen, aber er ist da und hört zu.🙂 Das bringt auf jeden Fall näher zusammen

      • Wolfy schreibt:

        „Er wäre immer in der Situation etwas zu tun.“

        So ein Quatsch. Mein Freund liest bei mir auch mit und kommentiert nicht. Wenn er etwas dazu sagen möchte, dann sagt er es mir direkt ins Gesicht – oder er lässt es. Aber dazu gezwungen etwas zu tun ist er nicht. o.O

        • Frau Falke schreibt:

          Beim Großteil der Beiträge mag das sein, aber nicht bei allen, da hast du unrecht. Ich finde es unvorstellbar, wie er Artikel wie „Denk darüber nach“, „Ich bin Lehrerin und habe Angst“, „Rest in Peace“, „Reden wir über Respekt…“ lesen sollte und dann nicht mit mir darüber sprechen. Es würde zwischen uns stehen, wenn er es weiß und nichts sagt – würde mich sogar noch mehr verletzen. Wenn ich weiß, dass er sich bewusst ist, wie schlecht es mir geht, und er sich dennoch keine drei Worte abringen kann… Es würde mir zeigen, wie wenig er sich für meine Belange interessiert.

          • lottamachtkrach schreibt:

            Gerade die hier von der aufgeführten Artikel machen mich stutzig. Weiß er denn nichts davon? Erzählst du ihm so etwas nicht? Merkt er denn nicht, wenn so etwas passiert und es dir dementsprechend schlecht geht?

            Andersrum sollte es in diesem Artikel ja gar nicht um deine privaten Angelegenheiten gehen, entschuldige bitte. Ich finde es schön, dass Stefan in dir jemanden gefunden hat, dem er sich anvertrauen kann. Vielleicht ist es auch besser nicht zu wissen, wen er meint. Sonst würdest du in der Schule vielleicht in die ein oder andere unangenehme Situation kommen können.

            • Frau Falke schreibt:

              Sandras Tod hat er natürlich mitbekommen, das war ein so heftiges Erlebnis, das es uns alle lange noch aus der Bahn geworfen hat. Die Probleme Megans sind bei uns nicht thematisiert worden. Aber wir arbeiten daran und versuchen uns auch diesbezüglich wieder zu nähern.

              Eigentlich hast du natürlich Recht, es ist besser nicht zu wissen, was los ist, als dauernd dazwischen zu stehen. Vor allem, wenn ich wüsste, dass es eine der Mädels ist.

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