Ein Tag

Es ist ein sanfter Morgen, die Luft ist erfüllt von etwas nicht Greifbarem, die Wärme steigt schon jetzt aus den hellen Wolken auf die Stadt herab. Ich entscheide mich für eine kurze Hose, das erste Mal bewusst in diesem Sommer, ein Neckholdertop und Riemchensandalen. Ungeschminkt verlasse ich das Haus, das Haar nur legere zusammengebunden. Die Perlenohrringe trage ich noch von letzter Nacht.

Die Straße ist aufgeheizt, auch mit Schuhen ist dies deutlich zu spüren, und die Menschen, die mir begegnen, grüßen freundlich und gutgelaunt. Die Fahrt verbringe ich schweigend, ohne nur das kleines Bedürfnis mich auszudrücken. Ruhe kehrt ein, um mich herum, in mir. Ich beobachte die Landschaft, die an uns vorüber zieht, und wie die Sonne zwischen den Fassaden immer wieder durchscheint.

Auf dem Platz ist nicht viel los, vereinzelt macht jemand hier Halt, eine alte Dame, die vom Einkaufen kommt, ein Pärchen, das mit den Fahrrädern unterwegs ist, zwei befreundete Frauen,  ein Mann mit seiner Zeitung. Eine Mutter mit drei Kindern, die sich hinsetzen um ihr Eis zu essen, was nicht verhindert, dass der Kleinsten jenes doch auf den Boden fällt. Der ältere Bruder teilt sein Eis von da an mit dem Mädchen, das lässt mich lächeln.

Von dem Schatten der Bäume ein wenig geschützt sitze ich in der Sonne und lasse den Tag auf mich wirken. Ich muss nirgendwo hin, habe keinen Zeitplan, keine Termine, die mich zum Aufbruch zwingen würden. Es ist egal, ob ich Stunden hier verbringe oder nur Minuten, nichts ist unnötiger als der Blick auf die Uhr. Ich lasse mich treiben in dieser Zeitlosigkeit.

Irgendwann hole ich ein Buch hervor, seichte Lektüre, die Empfehlung einer sehr wichtigen Person, und fange an zu lesen. Der Roman ist nicht berauschend, er plätschert so vor sich hin, nicht langweilig genug um ihn aus der Hand zu legen, doch auch fern jeglicher Spannung. Zeile um Zeile lese ich, nur kurz unterbrochen von einer Taube, die meine Aufmerksamkeit erregt. Seit Ewigkeiten hatte ich nicht mehr die Ruhe so viel zu lesen.

Als die Sonne anfängt tief am Himmel zu stehen erhebe ich mich, lege ein Lesezeichen in das Buch und schließe die Seiten. Ich trinke einen Schluck Mineralwasser, verstaue die Flasche in meiner Tasche, gehe. Verabschiedend nicke ich den beiden Damen zu, die auf der Bank mir gegenüber sitzen, und bleibe am Übergang stehen, um zu warten, bis die Straße frei ist. Ein Wagen hält und lässt mich über die Straße – ich lächle. Wie schon den ganzen Tag.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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23 Antworten zu Ein Tag

  1. michael schreibt:

    noergelmode on: aufheizt ? quer stehende sonne ?

  2. Jürgen schreibt:

    Erholen Sie sich gut!

  3. Nobelix schreibt:

    Solche Tage sollte es viel öfter geben. Eigentlich sollte jeder Tag so sein🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Öfter auf jeden Fall. Ob es jedoch noch so besonders wäre, wenn wir dies jeden Tag genießen könnten?😉

      • Nobelix schreibt:

        Dieses besondere zu bewahren und jeden Tag neu zu entdecken ist doch der eigentliche Sinn des Lebens, oder?😉
        Sicher wird es irgendwann „normal“, aber trotzdem gibt’s doch immer etwas, das hervorsticht. Ob Blumen auf einer Wiese, der Geruch nach einem Regenschauer…irgendwas kann man immer finden🙂

  4. Ana schreibt:

    schööööööööööööööööööööön hört sich schwer nach Sommerferien an😉 Genieße sie!

  5. pueppi schreibt:

    Ein erholsamer schöner Tag – mehr davon!

  6. annettchen schreibt:

    Solche Tage sind wunderschön. Meiner war ähnlich. Beide Kinder waren im Schwimmbad und ich lag mit einem guten Buch auf der Terrasse. Himmlich

  7. nadineswelt schreibt:

    Das klingt doch traumhaft!

  8. Stephan schreibt:

    Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die Sonne auch den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert! Auch wenn es noch so warm ist! Einfach toll!

  9. Pingback: Links vom 30. Juli 2012 » Thats Life

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