Chemiehierarchie

 

Ich halte sehr viel von Frau Prosch, denn sie ist eine wirklich gute Lehrerin, sie ist die beste Organisatorin, die ich kenne, und sie steht mitten im Leben. Die Oberstufe ist nur wegen ihr so gut strukturiert, egal was aus dem Ministerium wieder für Anweisungen kommen, sie setzt sie gewissenhaft um. Sie hat kein offenes Ohr für die kleinen Schwierigkeiten der Schüler, das stimmt, aber wenn es ernst wird ist sie es, die sich vor die Oberstüfler stellt.

Frau Prosch ist angesehen im Kollegium, das merkt man schon, wenn man sich vor Augen führt, dass sie es ist, die uns regelmäßig zur Ordnung ruft und dies auch schafft. Aber sie hat wohl auch eine andere Seite, die zutage kommt, wenn sie in der Chemie ist. Ich kann solches nicht berichten, denn ich habe sie in ihrem Lieblingsfach nur positiv erlebt, doch die Schüler erzählen immer gern, wie die Kollegin über die Stränge schlägt – und Daina kann sowieso ein Lied davon singen.

Die Chemiesammlung scheint eine eigene kleine Welt zu sein. Wer in die Chemiefachschaft eintritt, hat sich sogleich der Hierarchie zu unterwerfen. Herr Seifert hat kein Problem damit, er ist gut mit Frau Prosch befreundet und neigt zu einem solchen Chaos, dass er wahrscheinlich eh nicht aufräumen würde, wenn die Kollegin nicht ab und zu mal für Ordnung sorgen würde und die anderen anhalten aufzuräumen. Ein anderer Kollege verbringt kaum Zeit in der Chemie, jeder habe doch sein Herz in einem der Fächer, und seines schlägt nun mal nicht für sein Zweitfach. Auch die anderen beiden Kollegen halten sich eher zurück, sie sind da und machen ihr Ding. Zu fünft sind sie immer gut ausgekommen in der Chemie, und niemand hat daran gezweifelt, dass Frau Prosch die Königin von allem war. Bis – ja bis Daina Miller kam.

Daina war nicht nur jung, damit hätte Frau Prosch kein Problem gehabt (Im Gegensatz zu Frau Rondell, die das mir gegenüber ja immer gern anführt.), sondern sie stellte auch Ansprüche. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass sie in den umgebauten Bioraum musste, sie sah nicht ein, dass sie Geräte, die sie benutzen wollte, nicht bekam, wenn Frau Prosch sie wollte.
Die beiden fingen an sich zu ignorieren, dann bekam Daina, als sie die Sammlung betrat, das erste Mal mit, wie Frau Prosch über sie herzog. Es folgte ein Streit, in dem die zwei nicht miteinander redeten, sondern in Stillschweigen verfielen, sobald sie sich sahen, die Schubladen laut zuschmissen, die Schränke knallten. Es herrschte Ärger, aber es war nicht klar, wohin das alles führen sollte.

Die Dienstpläne und Raumaufteilungen änderten sich zu Dainas Ungunsten, sie kam immer öfter schlechtgelaunt am Nachmittag ins Lehrerzimmer und erklärte, sie habe noch die Spülmaschine ausräumen müssen. Dabei war sie gestern schon dran, am Montag auch, und am Mittwoch davor hatte sie sogar die Sachen der Biologen ausgeräumt und abgetrocknet. Sie war auch mit dem Saubermachen der Regale plötzlich wesentlich öfter dran. Wir rieten ihr etwas zu sagen, vielleicht mal das Gespräch mit Frau Prosch zu suchen, die schließlich sonst eine sehr vernünftige Frau ist. Daina wollte dies nicht, sie hätte schon genug Ärger am Hals, meinte sie.

Dann wurde die Raumaufteilung umstrukturiert, ein Gang für eine gewisse Zeit geschlossen, sodass die Chemielehrer die Biologieräume mitbenutzen mussten. Eingeschränkt auf nur noch eine Chemiesammlung und die Räume links und rechts von dieser nicht benutzen könnend, brauchten die Kollegen eine Möglichkeit dennoch Schülerversuche und Lehrerexperimente durchzuführen. Die Lösung kam von einem der Kunstlehrer. Ab da gab es für jeden Lehrer einen Rolltisch, den er mit seinen Materialien und Gefäßen, Brennern und all dem anderen beladen konnte. An sich war diese Regelung sehr praktisch, gäbe es nicht das Problem mit der Vorherrschaft in der Chemie.

Denn Frau Prosch hatte ihren Streit mit Daina nicht beigelegt, sie meint immer noch, dass Daina es ist, die sich falsch verhält. So richtig weiß niemand, was an dem, was Daina macht, für solchen Unmut sorgt, aber die Schüler berichten auch schon. Dass Frau Prosch fragt, was Daina in ihrem Unterricht mit den Schülern macht. Dass sie diesen Blick draufhat, wenn es um Daina geht. Und wie sie ihren Schülern aufträgt ihrer Lehrerin mal zu sagen, dass sie gefälligst auch die Tafel zu wischen hat. Es könne ja nicht sein, dass man immer hinter ihr herräumen müsse wie bei einem kleinen Kind.

Seit die anderen Chemielehrer einen Tisch haben, funktioniert das mit dem Unterrichten in den Bioräumen. Nur nicht bei Daina. Denn wenn sie etwas aufbaut, ist es bis zum Beginn der Stunde nicht mehr vorhanden oder zumindest nicht länger komplett. Die Fachschaft hat schon darüber geredet, aber es kam nur raus, dass es nicht geht, dass gewisse Leute schon am Tag vorher sich Sachen zusammensuchen, die andere vielleicht  noch brauchen. Das Gespräch bringt etwas, ein paar Tage lang zumindest. Dann geht es wieder los, Schläuche fehlen, der Bunsenbrenner wurde vertauscht, dabei hatte sie extra kontrolliert, ob er funktioniert, von den Chemikalien sind welche verschwunden. Daina sucht sich alles nochmals zusammen, immer wieder. Sie kommt zu spät zum Unterricht, weil sie noch Reagenzgläser spülen musste. Sie hat kein Filterpapier mehr finden können, irgendjemand hat ihres genommen und das aus der Schublade ist leer. Jetzt sagt Daina nichts mehr dazu. Sie wird nicht aufhören mit dem Experimentieren, nur weil sie die Königin verärgert hat, sagt sie bitter. Das wäre ja noch schöner.

Für uns ist es merkwürdig, was in der Chemiefachschaft abgeht, denn wir kennen Frau Prosch nicht so, das alles passt nur wenig zu dem Bild, das wir von der Frau haben. Aber ich kenne auch Daina, und mit ihr ist das hier auch nicht zu verbinden. Herr Wallert sagte zu mir in Bezug auf Frau Rondell, dass wohl jeder Mensch einen Gegenspieler bräuchte. Vielleicht ist es bei den beiden ähnlich?

Daina für ihren Teil hat beschlossen es nach den Ferien noch einmal zu versuchen. Vielleicht wären sie ja auf dem falschen Fuß gestartet. Und ewig wird der Flur ja nicht mehr gesperrt sein. Und notfalls… Vielleicht kann sie sich als Zofe der Königin ja zur Prinzessin hocharbeiten?

 

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Die lieben Kollegen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

36 Antworten zu Chemiehierarchie

  1. annettchen schreibt:

    Da hilft wohl nur ein offenes, ehrliches und vor allem ein beiderseitig respektvoll geführtes Gespräch.

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist es zumindest, was Daina vorhat. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht.

      • annettchen schreibt:

        Da wird Daina wohl viel Fingerspitzengefühl aufbringen müssen.

        • Frau Falke schreibt:

          Wenn das mal hilft. Normaler Weise würde ich sagen, ein vernünftiges Gespräch mit Frau Prosch ist allemal drin, aber wenn ich dann höre, was in der Sammlung läuft… Ich habe ja einen Mediator vorgeschlagen, damit die beiden es einfacher haben, aber Daina meint, dann würde die Kollegin erst recht nicht mit ihr reden.:/

          • annettchen schreibt:

            Da könnte Daina recht haben. Ggf. würde das Hinzuziehens eines Mediators die Vorkommnisse noch größer werden lassen als sie sind.

          • Sven schreibt:

            Hallo,
            aua. Das klingt gerade, wie ein richtiger Zickenkrieg. Die Frage ist nur, warum? Wenn ich es richtig verstehe, kam Diana, „die neue“ und das eingespielete Team, bzw. Prozesse in Frage gestellt. Dabei scheint Frau Porsch, sich irgendwie angegriffen gefühlt zu haben und dann kam der Streit. Bis dahin ist ja alles normal.
            Ich frag mich nur, was Frau Porsch zu dieser Haltung bringt. Hat Sie Angst vor Diana? Denkt Sie, die anderen Verbünden sich gegen Sie? Denkt Sie, sie verliert ihre Stellung/Ansehen/Macht/…? Dabei hätte ich sie, aus den anderen Posts, gar nicht so eingeschätzt.

            Was mich wundert, ist, dass beide nicht merken, wie kindisch sowas ist. Ich weiß nicht, ob es überhaupt was bringt, aber vielleicht kann eine Machtperson (e.g. Direktor) Ihnen beiden ins Gewissen reden. Auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen, Sie spielen im selben Team.

            Bin echt gespannt, wie es aus/weitergeht.
            Grüße Sven

            • Frau Falke schreibt:

              Mich würde es auch interessieren, was bei Frau Prosch genau die Schwierigkeit ist. Ich kann halt überhaupt nicht einschätzen, wann genau das alles anfing und ob es etwas gibt, was der wirkliche Grund dafür ist. Aber wir werden sehen, was geschieht.

    • ullli23 schreibt:

      Gespräch? Da hilft nur eine ordentliche Pausenhofschlägerei. Ich setze auf Frau Frosch. Sie ist älter und hat mit Sicherheit Kampferfahrung…😉

  2. mccab99 schreibt:

    Wenn man die Hälfte deines Berichts wegstreicht und ein Gedächtnisprotokoll macht, bliebe wahrscheinlich noch genug übrig, was für eine Abmahmung reicht – gängige Definitionen von Mobbing sind da aufschlussreich. Das ist selten der Weg der Wahl. Ein Mediator ist immer eine gute Idee – für beide Seiten, den ein pateiischer Mediator ist keiner.

  3. Jürgen schreibt:

    Schulleitungen gibt es ja auch noch, die für Probleme innerhalb von Kollegien zuständig sind.

  4. Wolfy schreibt:

    Das ist ja alles schon ganz schön Mobbing. oô
    Die Beiden sollten das unbedingt klären!

  5. apanat schreibt:

    Gibt’s nicht eine Person, die Frau Prosch nicht nur respektiert, sondern die Frau Prosch auch mag? Vielleicht hätte die eine Chance mit einer kleinen Anfrage bei ihr, weshalb Daina so besonders unerträglich ist für sie.
    Dann hätte Frau Prosch vielleicht eine bessere Chance, die Dinge auch etwas von außen zu sehen. Nicht, dass diese Person ihr widersprechen sollte, aber sie könnte ja vielleicht sagen, dass ihr das an Daina noch nicht aufgefallen ist, dass sie aber von jetzt ab mehr darauf achten werde…

    Es hat schon Leute gegeben, die selbst mir klar gemacht haben, dass ich einen Fehler begangen habe. Gemerkt habe ich das erst, als ich den Fehler eingesehen hatte. Da war es schon zu spät, mich über sie zu ärgern. Da blieb mir nichts übrig, als ihnen dankbar zu sein.

    • apanat schreibt:

      Aber womöglich hat Daina auch wirklich einmal etwas falsch gemacht, was sie ändern kann. Es könnte ihr helfen, wenn sie es vorher weiß.
      Wenn Daina keine Mediation will, kann sie sich vermutlich genügend einfühlen, dass sie auch keine braucht.

    • Frau Falke schreibt:

      Das wäre vielleicht auch eine gute Idee, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich werde es mal vorschlagen, wenn das Gespräch nach den Ferien nichts bringt.

  6. michael schreibt:

    > denn wir kennen Frau Prosch nicht so, das alles passt nur wenig zu dem Bild, das wir von der Frau haben

    Dann wird dieses Bild wohl zu korrigieren sein. Und ich hab so eine Ahnung, dass die Chemieschüler dieser Frau der Einschätzung ‚Stimme der Vernunft‘ entschieden widersprechen würden.

    Dass die Frau Prosch der Kollegin Teile des Arbeitsmaterials entwendet, dürfte in einem vernünftig geführten Betrieb die Abmahnung bzw. Kündigung nach sich ziehen, aber Schule scheint doch irgendwas spezielles zu sein.

    • Frau Falke schreibt:

      Das Problem an der Sache ist, dass gewisse Chemikalien/ Aufbauten tatsächlich geteilt werden müssen. Wenn die Kollegin Prosch also in der zweiten Stunde etwas davon braucht, ist es an sich nicht das Problem, dass sie sich das leiht. Sie müsste es nur wieder zurückstellen, bevor es Daina braucht.

  7. nadineswelt schreibt:

    Steck die beiden in einen Raum (evtl mit separatem Klo) ohne Fenster, sperr von außen ab, und lass sie erst wieder raus, wenn sie das geklärt haben. Durch diese ungute Situation werden sie sich gegen Dich verbünden und ihre Animositäten hintanstellen oder anschließend als Verbündete klären können.😉 😉 😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s