Tarsmus(sens)

Frederik Tarsmus ist Lehrer an unserer Schule. Er unterrichtet Mathematik und Physik und verbringt viel Zeit in der Physiksammlung. Kelly Tarsmus ist ebenfalls Lehrerin an unserer Schule. Auch sie unterrichtet Mathematik und Physik und auch sie verbringt viel Zeit in der Physiksammlung. Was die beiden verbindet, ist keine Affäre, wie unsere Schüler schon festgestellt haben.

Herrn und Frau Tarsmus verbindet der heilige Bund der Ehe. Sie haben sich im Studium kennen gelernt und sich lange nicht gemocht, wie Kelly heute manchmal noch schmunzelnd erzählt – aber irgendwann hat sie in dem ständig genervten Studenten den intelligenten und tollen Mann erkannt, der er ist.

Kelly und Frederik wohnen nicht in unserem Bundesland, sondern in einem der angrenzenden. Sie fahren jeden Morgen eine Stunde zur Schule und ebenso am Ende des Nachmittages eine Stunde zurück. Die langen Fahrten lohnen sich, weil das wohnen dort wesentlich billiger ist, wie er mal berichtete, und sie es eigentlich auch genießen, dass sie Zuhause nicht als die Lehrer erkannt werden, die sie sind.

Im Kollegium heißt es, gerade diese drei Stunden täglich wären der Grund für ihre gute Ehe, denn mal ehrlich: Egal welches Problem man hat, bis zum Ende der Autofahrt hat man auf jeden Fall genug Zeit das alles zu klären. Sie unterhalten sich nach der Fahrt auch kaum mehr über die Schule, das würde oft den Stress herausnehmen.

Klingt alles schön und gut? Stimmt. Es wird sicher noch einen Haken haben? Oh ja! (Meine regelmäßigen Leser beachten hier bitte die Tatsache, dass ich es geschafft habe „Haken“ richtig zu schreiben. Yeah!)

Der Haken ist aber nur ein halber, je nachdem, aus welcher Sicht man die Situation betrachtet. Denn unser süßes Ehepaar ist nicht allein, Tarsmussens sind ein Dreiergespann. Herr Tarsmus, Frau Tarsmus… und der Schatten. Der Schatten, ein mal netter, mal weniger freundlich gebrauchter Spitzname für die Kollegin Birgit Necker.

Frau Necker unterrichtet ebenfalls Physik und ist die beste Freundin Kellys. Sie himmelt sie an, alles, was Kelly sagt, gibt sie gern (und manchmal ungefragt) wieder, wer Kellys Meinung zu einem Thema kennt, muss nach Frau Neckers Ansicht gar nicht mehr fragen.

Solange die beiden sich gut verstehen, ist ja alles okay, sollte man meinen. Auch dass sie jeden Morgen und Nachmittag mit dem Ehepaar fährt, weil sie in der Nähe der beiden wohnt, sollte nicht zu Unmut führen.

Das Problem jedoch ist, dass ein Kollege ein großes Problem mit Frau Necker hat: Frederik Tarsmus. Denn egal wann er in der Schule auf seine Frau trifft, Frau Necker ist immer dabei. Diskutiert er mit seiner Frau über eine Physikarbeit, redet Frau Necker Frau Tarsmus auf jeden Fall nach dem Mund. Und auch wenn die Eheleute eine Meinungsverschiedenheit haben – der Schatten ist auf jeden Fall dabei.

Einmal ist Herrn Tarsmus der Kragen geplatzt und er hat Frau Necker eine sehr deutliche Ansage gemacht. Dass er es nicht mehr ertrage, dass sie immer da sei, dass er seine Frau keine drei Minuten ohne sie sehen könne, dass sie jedes Mal mit ihnen fahre. Sie solle sich endlich mal von ihr lösen, sie sei doch eine erwachsene Frau!

Frau Tarsmus war daraufhin sauer, und zwar richtig. Wie ihr Mann sich ihrer besten Freundin gegenüber so verhalten könne, gerade jetzt, wo es ihr so schlecht ginge? Er wisse doch, was sie durchmache! Und er wurde noch ein wenig lauter und lachte auf, er wisse nur zu gut, was diese Frau durchmache, sie habe doch immer und immer und immer ein Problem! Jeden Tag käme sie mit einem neuen Grund an, warum sie Aufmerksamkeit brauche, und verdammt nochmal, er habe keinen Bock mehr darauf, dass sie ständig überall Kelly für sich beanspruche.

Das war dann der Moment, in dem die beiden bemerkten, wie alle anderen sie anstarrten, und so beschlossen sie nonverbal sich in die Physiksammlung zu verabschieden. Geklärt haben sie es auf jeden Fall bekommen, und ein paar Wochen war es wohl auch besser.

Mittlerweile spielt Kelly die Sache mit dem Schatten gegen ihren Mann aus, wenn er nicht mit sich reden lässt, Tage, an denen die beiden besonders gut miteinander auskommen, sind stets Tage, an denen Herr Tarsmus dann besonders schweigsam ist. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das dann ist, wenn man bei dem Trio im Auto sitzt, drei Stunden, fünfmal die Woche. Ich meine, mal ehrlich:

Wem kann so etwas denn gefallen?

Herr Tarsmus muss sich eineinhalb Stunden anhören, dass er falsch liegt, nicht nur von seiner Frau, sondern auch von Frau Necker, die das eigentlich nichts angeht. Ich kenne ihn nicht allzu gut, aber er ist eine sehr starke Persönlichkeit, und er neigt dazu lange nichts zu tun und dann auszurasten.

Frau Necker hat zwar ihre beste Freundin auf ihrer Seite, jedoch nur, weil sie ihr genau das sagt, was sie hören will. Sie macht sich mit jedem Wort Herrn Tarsmus ein wenig mehr zum Feind – und braucht stets den Zuspruch Frau Tarsmus.

Und Frau Tarsmus? Ich weiß nicht, wie ich ihre Rolle sehen soll. Kann es wirklich toll sein, derart im Mittelpunkt dieser Konstellation zu stehen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Und letztlich, was bringt es ihr, wenn ihr Frau Necker alles bestätigt, was sie sagt? Im Endeffekt sind es Beziehungsprobleme, die nur sie und ihren Mann etwas angehen, und nur vor sich selbst und ihm muss sie sich rechtfertigen.

Manchmal würde ich gern Mäuschen bei ihnen spielen. Vor allem dann, wenn Frau Tarsmus krank ist und Herr Tarsmus mit Frau Necker zur Schule fährt. Aber ehrlich gesagt befürchte ich, dass ich dafür nicht die nervliche Kraft habe – zumindest nicht eineinhalb Stunden.😉

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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22 Antworten zu Tarsmus(sens)

  1. michael schreibt:

    Das ist ja vielleicht krank! Warum trennt sich der Mann nicht von seiner Frau ? Anderes Bundesland, anderes Gymnasium, und Frau und Freundin sonstwo. Ist besser, als wenn er ausrastet und eine der beiden unter die Erde befördert.

  2. Jürgen schreibt:

    Prima Beitrag.
    Lösung? Hmm…

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn mich schon Leser ansprechen und über gewisse Kollegen mehr wissen wollen, sollte ich dem auch nachkommen, finde ich.😉
      Einen Lösungsansatz habe ich auch nicht. Ich denke das ist eigentlich etwas zwischen Herrn und Frau Tarsmus.

  3. nadineswelt schreibt:

    Glückwunsch zum Haken😉
    Du hast Recht, es ist etwas zwischen Tarsmussens und sonst niemandem – komisch, dass der Schatten nicht kapiert dass er alles verschlimmert?

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank meine Liebe.🙂
      Zu Frau Necker: Vielleicht merkt sie es, aber ihr ist das noch lieber als die Alternative? Oder sie genießt es, in dem Moment solch ein „Ansehen“ zu haben? Oder aber sie hat einfach nur Angst, dass sie sonst komplett das fünfte Rad am Wagen ist? Ich kann es dir nicht sagen. Gut ist ihr Verhalten jedoch sicherlich für niemanden. Andererseits – müsste nicht zumindest Kelly mal die Grenzen klären, wenn es Frederik schon nicht schafft?

  4. datmomolein schreibt:

    auch wenn das ja anz prinzipiell ein problem von frau und herr tarsmus ist (und vllt frau necker), find ich ihre beschreibung sehr bildlich und umfassend. und für mich zeigt sich immer wieder sehr stark (und das ich etwas, dass ich zwar zu meiner schulzet über referendare wahrgenommen, aber nie wirklich komplett begriffen hab) nämlich das lehrer am ende des tages auch nur menschen sind und damit ganz normale probleme haben. und das ist irgendwie für mich, die ich auch gerne mit dem erwachsenenleben als solchehadere, ein sehr tröstlicher gedanke.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es immer wieder sehr erstaunlich, dass es diese Überraschung noch gibt. Dass Lehrer auch nur Menschen sind ist eine Feststellung, bei der ich mich jedes Mal frage, wieso sie so erstaunt gemacht wird und überhaupt gemacht werden muss. In meiner eigenen Schulzeit hatte ich schnell raus, welcher Kollege mit welchem wie verbandelt war, bei denen, die mir wichtig waren, wusste ich auch, was allgemein los war. Allein, wenn man eine etwas genauere Beobachtungsgabe hat, merkt man doch, wenn der Lehrer die Klasse betritt, wie es ihm geht? Aber damals bin ich schon damals aus dem Raster gefallen. In der Uni danach übrigens auch, wobei es mir da sehr weitergeholfen hat. Und mittlerweile… Nun, ich denke es ist ein Großteil der Erklärung, warum du den Bericht als bildlich und umfassend wahrnimmst.😉
      Aber solange dich das hier tröstet, freut es mich. Vielleicht kommen ja noch ein paar andere Kollegen dran.🙂

  5. Jeremias schreibt:

    Physiklehrer sind ja eher dafür bekannt, alle Probleme rational zu lösen… Ha! Aber ich kann mich gut in Herrn Tarsmus reinversetzen (gut, Mathe ist ein …, Chemie/Physik fand ich besser zum Studieren), ich würde auch irgendwann laut werden.
    Aber meiner Erfahrung nach kann es zwei Möglichkeiten geben: Entweder er resigniert und wird verbittert oder die Freundschaft wird beendet. Nach deiner Beschreibung (auch in den alten Beiträgen) scheint mir jetzt die Ehe der beiden Eheleute nicht gefährdet zu sein, auch wenn es krieseln könnte.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es interessant, dass du dich in ihn herein versetzen kannst, ich kann das nämlich nicht, weil das Lautwerden mir Angst macht. Deshalb weiß ich auch nie, warum er in der einen Situation so heftig reagiert und in der nächsten wieder nicht.
      Die Ehe der beiden ist nicht in Gefahr, das sehe ich ebenso. Sie haben diese Dreieckssache ja schon lange am Laufen, und es geht irgendwie. Ob es im Endeffekt nur diese zwei Möglichkeiten gibt, weiß ich nicht. Vielleicht wäre es als dritte Möglichkeit auch denkbar, dass Frau Tarsmus Frau Necker die Grenzen deutlicher aufzeigt? Die Freundschaft zu beenden wäre gerade für Frau Necker ein sehr harter Schlag, glaube ich. Und ein verbitterter Herr Tarsmus…? Das, glaube ich, will niemand.

      • PMK74 schreibt:

        Das Lautwerden ist mMn ein Ventil, mit dem Herr Tarsmus sich gelegentlich Luft machen muss, um rein psychisch nicht zu viel Druck aufzubauen. Wenn er laut geworden ist, ist der größte Druck erst mal weg, evtl. tut ihm der-/diejenige, die den Ausbruch abbekommen hat, dann auch leid, weil ihm gerade in diesem Moment, evtl. sogar aufgrund einer Kleinigkeit der Kragen geplatzt ist, weil sich in vorhergehenden Situationen zu viel Druck aufgebaut hat.

        Wenn der Druck gelöst wurde, kann er in der nächsten Situation wieder normal reagieren. Wenn die für ihn so anstrengende Situaion mit dem Schatten nicht wäre, wären Abstände zwischen den „Ventilöffnungen“ deutlich länger. Und wenn er mit einer Person, die er nicht leiden kann, so viel Zeit verbringen muss und dann immer seine Meinung unterdrücken muss bzw. gefiltert äußern muss oder im Gespräch lieber schweigt, um nicht anzuecken, daut dies enormen Druck auf… Und das Öffnen des Ventils trifft dann oft einen Dritten, weil er ggü. der Person, die ihn nervt, nicht laut werden darf/kann/will, weil dies dann zu Ärger/Missstimmung mit seiner Frau führt.
        Ein Dilemma.
        Herr Tarsmus braucht mMn einen Ausgleich zum Schatten, um seine stressbedingte Anspannung abreagieren zu können…

        • Frau Falke schreibt:

          Die Frage ist, ob er einen Ausgleich findet und ob es mit diesem getan sein wird?

          • PMK74 schreibt:

            Die Frage ist eher, ob er den Ausgleich rechtzeitig findet, oder ob er irgendwann ggü. dem Schatten oder ggü. seiner Frau derart heftig „explodiert“, dass die Beziehung nachhaltig beschädigt wird. Wann das Überlaufventil geöffnet werden muss, kann derjenige, der dauernd in sich hinen „fressen“ muss, nicht steuern.
            Ein paar Ideen für Herrn T. ?😉 … Sport, Tanzkurs, Ego-Shooter, Kochen, Urlaub…

            • Frau Falke schreibt:

              Sport würde sicher helfen, Kochen und Ego-Shooter kann ich mir bei ihm gar nicht vorstellen.😉 Tanzkurs wäre dann mit seiner Frau? Hmm… Urlaub würde ihm sicher helfen, am Besten irgendwo weit abgelegen.

  6. antagonistin schreibt:

    Ich finde, Frederik und Kelly sollten an zwei verschiedenen Schulen arbeiten. Weniger wegen des Schattens, sondern wegen ihrer Ehe an sich. Ich meine, wie gruselig ist das denn – mit dem Menschen, mit dem man Tisch und Bett teilt auch noch täglich in der gleichen Arbeitsstelle zu hocken. Machen viele, ich weiß. Aber ich halte das für den Tod einer jeden Beziehung. Sage ich nicht aus Erfahrung, sondern aus dem Bauch heraus. 24/7 mit der selben Person ist einfach too much.
    Das Schattenproblem erledigt sich bei getrennten Arbeitsstätten auch nebenbei…

    • Frau Falke schreibt:

      Nun, an sich sehen sie sich ja nicht durchgehend, die Unterrichtsstunden sind sie ja getrennt und sie sind auch nicht in jeder Pause zusammen. Dennoch verstehe ich es sehr gut, wenn man es befremdlich findet, wie viel Zeit sie miteinander verbringen.
      Vielleicht haben sie deshalb die Regelung, dass sie von der Schule nur im Wagen sprechen, nicht aber, wenn sie zuhause sind?

  7. apanat schreibt:

    Für die, die so vieles nicht verstehen:
    Es kann sein, dass alle drei die Situation mindestens genauso gut verstehen wie Frau Falke und wie – ihr folgend – wir Leser. (Danke, Frau Falke!)
    Aber es spielen gewiss auch noch ein paar Faktoren mit: Mitgefühl, Liebe und Vertrauen.
    Es steht zu hoffen, dass sich dabei niemand überschätzt und dass die Zeit außerhalb der Dreierkonstellation die entscheidende bleibt.

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