Groß geworden

 

„Groß geworden“ titeln die Schüler im Abibuch und haben je Seite zwei Bilder abgedruckt. Das eine zeigt die damaligen fünften Klassen, noch mit dem „Zur Erinnerung“-Spruch darunter. Beim zweiten Bild handelt es sich um eine Nachstellung dieser Klassenfotos, nur dieses Mal mit den Dreizehnern.  Sie haben sich also zusammengefunden, wie sie damals auf die Schule kamen, und ihre alten Plätze eingenommen. Es ist erstaunlich zu sehen, wie sehr sie sich verändert haben.

 

Ich sehe sie mir an, die Schüler, die mir vertraut sind und auf gewisse Weise doch wieder sehr fremd. Da sind sie, die Zwillinge, zwei Jungen, einträchtig nebeneinander. Sie waren unzertrennlich, bis sie Fünfzehn wurden, da konnten sie sich gar nicht ab. Von den Eltern ein Leben lang gleich behandelt, aber eben als Zwillinge, nicht als Einzelpersonen, war es schwer die eigene Persönlichkeit zu festigen. Nach ein paar Jahren, in denen sie in der Schule bewusst auf Abstand gingen, andere Freundeskreise, andere Lieblingsfächer, andere Freundinnen, entdeckten sie die brüderlichen Bande wieder, aber jetzt war es ein Treffen auf ganz anderer Ebene.

Der Blonde daneben war früher sehr schüchtern, im ersten Jahr bekamen wir kaum ein Wort aus ihm heraus, erinnerte sich ein Kollege. Spätestens in der Oberstufe war davon nichts mehr zu spüren – er war es, der nach jedem Wochenende tausende Geschichten zu berichten hatte. Partys, Alkohol, Mädels, und die Kleidung immer topmodisch.

Das Mädchen mit den Sommersprossen ist auf dem zweiten Bild nicht zu finden, sie hat die Schule zum Ende der Quinta verlassen. Sie hatte große Probleme in Mathematik, fasste in Englisch keinen Fuß und fiel auf, weil sie in Biologie die Tests unausgefüllt abgab. In der Kunst blühte sie auf, dort war sie eine der Besten. Sie hatte viel Freude an diesem Fach und auch ein gewisses, überdurchschnittliches Talent, doch die Orientierungsstufe blieb sich treu.

Das unauffällige Mädchen daneben hat sich kaum verändert. Ihre Statur ist immer noch sehr schmächtig, ihre langen blonden Haare immer noch ohne ersichtlichen Schnitt und ihr Lächeln ein wenig so, als würde sie Kritik erwarten. Bei ihr hat sich ein sehr bewundernswerter Kleidungsstil herausgebildet, und im Laufe der Mittelstufe hat sich gezeigt, dass die Schülerin mit der leisen Stimme wunderschön singen kann. Sie war bis zum Abitur der heimliche Star des Schulchors und scharte die kleinen Mädels um sich, die sie begeistert vergötterten.

Der niedliche Braunhaarige mit dem Topfschnitt und der Stupsnase erkennt man heute nur schwer wieder. Er hat eine Band gegründet, trägt ausgewählte Metal-Band-Shirts und schwarze Jeans. Sein Haar ist lang geworden und hängt über seine Schultern, der Bartwuchs liegt irgendwo zwischen gruselig und beneidenswert. Er ist ein As, was technische Sachen angeht, bekommt jede Anlage zum Laufen und packt auf Schulfesten ordentlich mit an.

Der Stuhl daneben ist leer,  das Kind, das dort einmal saß, hat schon nach wenigen Wochen die Schule wieder verlassen, sehr zum Bedauern ihrer bis dahin besten Freundin, die auf dem Bild auch ihre Hand hält. Jene trägt noch immer das gleiche freche Grinsen auf den Lippen, sie sagt heute genauso wie damals, was sie denkt – nur dass sie gelernt auf ihre Wortwahl zu achten. Ihr Berufswunsch ist irgendwas im Journalismusbereich, wie sie erzählt, aber erst einmal geht es ein halbes Jahr lang als Au-pair nach England.

Die zweite Reihe ist kaum mehr vorhanden, von zehn Schülern haben es gerade Mal vier bis zum Abitur geschafft. Das Mädchen ganz links hat auf beiden Bildern die gleiche schlechte Haltung. Sie guckt auf dem ersten mürrisch, auf dem zweiten gut gelaunt. Eigentlich hätte ihr das Lächeln bei all dem Stress, den sie im letzten Jahr hatte, vergangen sein. Sie war so nah an der Grenze der Fehlstunden, die noch akzeptabel sind, dass sie um ein Haar nicht zur Prüfung zugelassen wurde.

Weiter links steht ein blonder Junge mit Segelohren, die er später mit seinem Haar zu verdecken versucht. Seine Kleidung ist über die Jahre immer teurer geworden, seine Ansichten immer merkwürdiger – aber er war ein absolut intelligenter Schüler, wenn sich dies auch in seinen Noten nie niederschlagen konnte. In Latein hat er versucht im letzten Jahr noch etwas zu machen, die wenigen Punkte hätten ihn die Abiturzulassung kosten können.

Das Braunhaarige Mädchen neben ihm hatte in der Siebten und Achten große Probleme in der Klasse. Sie wurde gemobbt und hat sich lange niemandem anvertraut, die Kollegen haben es nicht bemerkt. Nach einem Auslandsjahr ist sie dermaßen gestärkt wiedergekommen, dass man sie kaum wiedererkannte. Es hat mich sehr für sie gefreut, auch wenn es schade ist, dass unsere Schule diese Entwicklung nicht gefördert hat. Direkt nach dem Abi ist sie nach Frankreich gefahren, sie nimmt teil an einem Assistant-Teacher-Programm.

Der letzte Schüler in der Reihe war immer ein sehr unausgeglichener Junge. Tagelang war er still, dann brachte er alle drei Minuten Kommentare, irgendwas schien ihn zu beschäftigen, seit er an die Schule gekommen war. Er wurde sehr schnell rot, wenn ihm etwas unangenehm war, und beinah jedes Aufgerufen werden durch eine Lehrkraft war ihm unangenehm. Wenn sich andere Schüler darüber lustig machten, scheute er sich nicht davor seine Fäuste sprechen zu lassen. Ab der neunten Klasse machte er ein Projekt zur Streitschlichtung mit, seit dem schätzen ihn die Kollegen als Unterstützung.

Die dritte Reihe ist schon voller, wobei die Schülerin fehlt, die ganz außen stand. Sie hat die Schule bis zur zwölften Klasse besucht und ist mit dem Fachabitur abgegangen, war aber auf der Abitursfeier mit all ihren Freunden. Sie scheint glücklich mit dieser Entscheidung zu sein, nicht nur, weil sie so dem Prüfungsstress entkommen ist, wie sie augenzwinkernd meinte. Ihr freundlich geflochtenes Haar ist heute kurz und mit blauen Strähnen durchwoben, ihre Zunge ziert ein Piercing. Sie hat ein tolles Selbstbewusstsein und einen angenehmen Humor.

Das Mädchen neben ihr war lange Zeit nur der Schatten einer anderen, die erst nach der zehnten Klasse die Schule verließ. Befreit von dieser Last – und diese Freundschaft war wirklich nichts anderes, leider – wandelte sich die kleine, kräftige Blonde zu einer willensstarken jungen Frau. Sie entdeckte ihr Interesse an der Biologie und Chemie, freundete sich mit Frau Prosch an… Und hat sich einen Studienplatz als Biochemikerin gesucht.

Der Junge mit dem viel zu großen T-Shirt trägt heute viel zu enge Tops, am liebsten in rosa. Er sieht sich selbst gern als Oberchecker, hat auf dem Abiball versucht eine der Referendarinnen klar zu machen („Letztes großes Ziel.“). Auf der Studienfahrt hat er die Herzen seiner Klassenkameradinnen erobert, weil er sich von ihnen mit Wachs die Beine enthaaren ließ, scheinbar unwissend, was das für Schmerzen bedeutet. Das Video ist lange Zeit auf youtube zu finden gewesen, sehr amüsant.

Daneben nochmals Zwillinge, doch zweieiige, Bruder und Schwester, die auf dem Bild aus der fünften Klasse noch gleich groß waren. Er hat ihr damals immer die Stifte weggenommen, sie versucht ihn auszustechen, weil ihr das Lernen leichter fiel. Mittlerweile ist er zwei Köpfe größer und möchte Polizist werden, während sie nach einem Jahr Work-and-travel Psychologie studieren will. Schon in der neunten Klasse haben sie einen Vorteil ihres Zwillingsdaseins schätzen gelernt: Geburtstage konnten sie zusammen feiern, sodass sie nicht – peinlich, peinlich! – den süßen Klassenkameraden einladen musste und er die freie Auswahl unter ihren Freundinnen hatte. Mittlerweile ist er übrigens mit ihrer besten Freundin zusammengezogen.

Das Mädchen mit den unsicher verschränkten Armen hat eine große Wandlung durchgemacht. Sie hatte das Glück in der Sexta an einen Deutschkollegen zu geraten, der ihre Begeisterung zu schreiben nicht nur entdeckte, sondern auch förderte. Sie hat jedes Jahr für die Schulzeitung geschrieben, das Abibuch beinahe im Alleingang organisiert und in mehreren Zeitungen Gedichte veröffentlicht. Sobald sie ihren ersten Roman veröffentlicht hat, soll ich mich übrigens auf Interviewanfragen einstellen, sie habe die Hauptfigur frei nach mir gestaltet.

Die letzte Schülerin, die aus der ehemaligen Klasse übrig geblieben ist, hat in den ersten vier Wochen des Schuljahres gefehlt, weil sie krank war. Danach schien ihr dies ein guter Weg zu sein, sobald sie überfordert war mit der Schule, bei Streitigkeiten, Arbeiten, Tests, Abfragen. Immer wieder war sie krank, Atteste brachte sie nur vereinzelt. Sie wohnte mal bei ihrem Vater, mal bei der Mutter, verstand sich mit den Geschwistern nicht, war ständig allein. In der Achten klebte sie lange Zeit an einer meiner Kolleginnen, die damit nicht richtig umgehen konnte, aber irgendwas änderte das. In der Dreizehnten war die Schülerin Schulsprecherin und erinnerte nicht mehr an das kleine Kind, das sich auf dem Bild halb hinter dem Lehrer versteckt.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Groß geworden

  1. michael schreibt:

    > Und hat sich einen Studienplatz als Biochemikerin gesucht.

    Hat sie auch einen bekommen ?

    > Sobald sie ihren ersten Roman veröffentlicht hat, soll ich mich übrigens auf Interviewanfragen einstellen, sie habe die Hauptfigur frei nach mir gestaltet.

    Wo erscheint er Wann, und wie lautet der Titel ?

    • Frau Falke schreibt:

      >Hat sie auch einen bekommen?
      Ja, sonst hätte ich „Versucht einen zu finden“ geschrieben, denke ich.😉

      >Wo erscheint er Wann, und wie lautet der Titel?
      Die Interviewsache ist ein Scherz, kam das nicht an?:/ Ich glaube, so sehr ich es dem Mädchen wünschen würde, nicht, dass es eine seiner zuhause in seinen Computer niedergeschriebenen Geschichten an einen Verlag bekommt. Sollte dies dennoch der Fall sein (und sie wirklich daran denken mir Bescheid zu sagen), werde ich aber gern berichten.

  2. Nadine schreibt:

    Ich überlege gerade, was meine Lehrer wohl über mich gesagt hätten, hätte man die Fotos von 7. und 10. Klasse nebeneinander gestellt. Ich bilde mir ein, ich hab mich nicht verändert, aber das bilden sich Deine Schüler bestimmt auch ein!
    Es ist schön, zu sehen, dass Du die Werdegänge aller Deiner Schüler im Kopf hast, und überall die halbe Lebensgeschichte zuordnen kannst!

    • Frau Falke schreibt:

      Das wäre sicher mal interessant.😉
      Und ehrlich gesagt sind mir die Werdegänge nicht alle geläufig gewesen, wir haben an unserem Tisch beim Grillen mit den Abiturienten nur darüber gesprochen, deshalb war das alles noch so da.🙂

  3. annettchen schreibt:

    Da sind aber noch viele Schüler aus der ehemaligen Sexta. Mein Sohn ist jetzt in der Oberstufe. Aus seiner ursprünglichen fünften Klasse sind vielleicht noch 40 % auf der Schule.

    • Frau Falke schreibt:

      Die Klasse, über welche ich hier rede, hat zugegebener Maßen einen hohen Anteil an Schülern, die es bis zum Abitur geschafft haben. Dennoch sind bei uns die Quoten allgemein recht gut gewesen in diesem Jahr.

  4. B wird Lehrerin schreibt:

    Ich mag, wie Sie über Ihrer Schüler schreiben, Frau Falke! Als betrachten Sie sie stets mit einem Lächeln. Das ist selten …

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