Eisessen

So besonders lang haben wir noch keine Ferien, aber die Kollegen scheinen sich schon gegenseitig zu vermissen. Jedenfalls schreibt Daina an Ausgewählte eine Rund-SMS und wenig später finden wir uns in dem Eiscafé ein. Der Himmel ist ein wenig bewölkt, doch es ist so schwül, dass wir uns diskussionslos Plätze draußen suchen.
Felizitas setzt sich in den Schatten, ihr ist nicht besonders gut. Ob das mit der Schwangerschaft zusammenhängt, kann ich nicht sagen, da ich mich noch nicht mit dem Thema beschäftigt habe, wage ich aber auch nicht zu fragen, denn sie will nichts davon hören und hat das sehr deutlich gemacht, als Emily sich gerade danach erkundigte.
Sarah scheint mit der Sonne, sobald diese Mal da ist, um die Wette strahlen zu wollen, endlich kann sie jeden Morgen schwimmen gehen, das sollten wir auch tun, es sei herrlich. Zusammen mit Stefan erscheint Herr Helfrich, den ich das erste Mal in freizeitlich-kurzen Hosen sehe. Sie unterhalten sich über das Sichern von Daten, nachdem Herrn Helfrichs Frau vor ein paar Tagen die Laptopfestplatte durchgeschmort ist. Eigentlich ginge so was gar nicht, habe sie gedacht, meint Daina, woraufhin er auflacht. Das habe der Computerexperte ihnen auch schon gesagt.
Megan kommt ein wenig später, dafür in Begleitung von Leslie, die ansteckend gute Laune hat uns sich erst einmal einen Espresso ordert. Ich beobachte Megan unauffällig aus den Augenwinkeln, weil ich durch ein Kommentar im Blog über sie nachgedacht hatte.
Wir bestellen Eis in jeder möglichen Kreation, zudem Waffeln und heißen Schokoladenkuchen, Kaffee, Latte Macchiato, einfach alles, was das Herz begehrt. Die Gespräche sind angeregt, ich verliere mich in einer Diskussion über das Theaterprogramm der Stadt, während Sarah Daina die Vorzüge des Pilates offenlegt. Stefan unterhält sich mit Megan, sie reden über irgendwelche Regelungen und kommen dann auf einen Film, den sie wohl beide mögen. Herr Helfrich erzählt von seinem letzten Frankreichurlaub, wie immer hört ihm Leslie begeistert zu. Sie war in ihrer eigenen Schulzeit mal auf einem Austausch und hat die Zeit sehr genossen. Nur die Jungs der Stufe fanden es damals nicht so gut, denn die französischen Jungs kamen bei den Mädels ein wenig zu gut an…

Mitten in dieser munteren Runde ist plötzlich alles erhellt, ein Blitz ist nicht weit von uns niedergegangen. Das Donnergrollen ist ohrenbetäubend, dann beginnt es wie aus Eimern zu schütten. Obwohl wir nur wenige Meter bis zum Eiscafé haben, sind wir schon vollkommen durchnässt, bevor wir uns nur vom Tisch erhoben haben, und unter dem üblichen Gemisch aus Amüsement und Gekreische suchen wir uns unseren Weg.
Nachdem wir zusammengequetscht mit den anderen Gästen warteten, dass das Gewitter ein wenig abnahm, begann Stefan zu lachen und die anderen stimmen mit ein. Es fühlt sich an als habe sich etwas gelöst, und das ist sehr angenehm. Daina schüttelt den Kopf, streicht sich durch die nassen Haare und lächelt dann. „Nun, wenigstens die Bäume freuen sich.“. „Die Pflanzen auf meinem Balkon werden sich auch freuen.“ nickt Leslie zustimmend und lehnt sich an den Türrahmen, während ihr Blick nach draußen abgleitet. Ihr Kleid klebt an ihrem Körper, sie nimmt den Rocksaum hoch und dreht ihn aus.
„Apropos Pflanzen – wer kümmert sich eigentlich in den Ferien um Berti?“ erkundigt sich Felizitas bei mir und Sarah ist das Erstaunen sogleich ins Gesicht geschrieben. „Hast du überhaupt an ihn gedacht?“
Stefan grinst schon wieder, natürlich, er amüsierte sich sehr über mich. „So viel zu deinem Lieblingsschüler, also wirklich. Wenn du mit deinen Klassen auch so umgehst, haben wir bald keine Schüler mehr.“
Ich schüttle den Kopf, denn im Gegensatz zu den anderen geht für mich gerade eine Welt unter. (Und das nicht nur wegen des sintflutartigen Regens.) „Ich habe Berti vergessen. Wir haben gepackt und dann waren schon Ferien und ich… Ich habe Berti einfach vergessen.“
„Wenn das ein Schüler wäre, hättest du ihn verhungern lassen.“ stellt Stefan richtig und streicht sich durch sein nasses Haar. Er tauscht einen Blick mit Emily, was ich nicht verstehe. „Er wird sich gefragt haben, warum du das tust. Nächtelang gewartet haben, tagelang gebangt – auf dass seine Besitzerin käme und ihn gießen würde…“
Ich ziehe einen Schmollmund, aber Emily legt beschwichtigend ihren Arm um mich. „So lange haben wir ja noch keine Ferien. Und selbst wenn, Süße: Ich habe ihn mitgenommen. Dachte mir schon, dass du deinen Lieblingsschüler nicht nach Hause einladen wirst.“

 

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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11 Antworten zu Eisessen

  1. lottamachtkrach schreibt:

    Das zeichnet gute Kollegen doch auch irgendwie aus: Dass sie füreinander mitdenken, wenn man selbst den Kopf grad woanders hat.😉

  2. frl_wunder schreibt:

    klingt nach einem schönen Nachmittag🙂

    Ich hab unsere Lehrer heute auch im Café getroffen – die haben allerdings noch keine Ferien😀

    p.s. biiiitte noch die „zu-bett-bring“-geschichte posten *bettelblick + mit fuß auf den boden stampf*😀

  3. pueppi schreibt:

    Ich finds toll, wenn sich die Kollegen so gut verstehen. Klingt zumindest nach einem fröhlichen und entspanntem Nachmittag🙂

  4. Nadine schreibt:

    Sollte Berti einmal Kinder bekommen, hätte Emily Anrecht auf sein Erstgeborenes!

  5. michael schreibt:

    > denn im Gegensatz zu den anderen geht für mich gerade eine Welt unter.

    Hoffentlich nicht. Ferien sind Katastrophen freie Zonen!

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