Lehrertypen II: Das wandelnde Lexikon, der Verplante, die Stimme der Vernunft und der Private

Das wandelnde Lexikon

Dieser Lehrer ist ein Virtuose auf seinem Gebiet. Er weiß alles, kennt alles, und hat fast alles auch schon selbst erlebt. Besonders Geschichts- und Wirtschaftspolitiklehrer gehören zu dieser Sorte. Das wandelnde Lexikon kennt jede geschichtliche Zahl, weiß zu jedem Datum ein Ereignis und kann aus allen Epochen erzählen, als sei es selbst dabei gewesen. Die packende Art zu erzählen lässt besonders die jungen Kollegen an den Lippen dieses Lehrers hängen, und die Schüler sagen über ihn, die besten Stunden seien jene, in denen er nur erzählt. Nach Gesprächen mit diesem Lehrertypus erklären sich plötzlich Dinge, über die man sich nie Gedanken gemacht hat. Er ist beeindruckend, aber scheint nicht so ganz sicher zu sein, in welchem Jahr er lebt. Äußerungen wie „Das haben Sie doch noch mitbekommen.“ werden relativiert durch „Oder Ihre Eltern. Oder Großeltern. Was war Ihr Geburtsjahr noch gleich?“

Der Verplante

Der Verplante ist ein notorischer Zuspätkommer. Oft hat er seine Unterrichtsmaterialien gar nicht erst bei sich oder zumindest zu wenig Kopien gemacht, vergessen, einen Overheadprojektor/Lautsprecher/ein Starboard zu besorgen oder die Tasche im Lehrerzimmer stehen lassen. Klausurentermine werden grundsätzlich von den Schülern erfragt und Unterricht fällt häufig ohne Vorankündigung aus. Dieser Typ Lehrer trifft auf eine zwiespältige Meinung in der Schülerschaft. Die einen schätzen ihn wegen des Unterrichtsausfalls durch das Zuspätkommen/das Kopien nachmachen, die anderen nehmen es ihm übel, besonders, wenn es sich um Oberstufenschüler handelt, die ja doch irgendwie auf das Abitur vorbereitet werden wollen. Diese Lehrer erkennt man gut daran, dass der zu unterrichtende Kurs zehn Minuten nach Stundenbeginn vor dem Raum sitzt und auf Nachfrage antwortet: „Ach, wir haben doch jetzt Frau XY.“…

Das klingt für mich nach unserem lieben Herrn Wallert. 🙂

 

Die Stimme der Vernunft

Dieser Lehrertyp ist sehr rar gesät, aber umso wichtiger für den Fortbestand des Lehrerzimmers.  Zu ihr kann man bei Problemen immer kommen, denn sie weiß über alles Bescheid. Neue Regelungen, Anordnungen, Informationen- es gibt nichts, das ihr entgeht. Über sie persönlich ist weniger bekannt, sie führt eine glückliche Ehe und hat zwei bis vier Kinder, die jedoch alle nicht mehr schulpflichtig sind. Für Lästereien interessiert sie sich nicht, wobei nicht klar ist, ob sie nicht dennoch alles zugetragen bekommt. Schleppen sich Verhaltensmuster ein, die ungewünscht sind, ist sie es, welche darauf aufmerksam macht.  Wenn die Luft brennt ist sie es, ist es stets die Stimme der Vernunft, die ein ernstes Wort mit dem Kollegium spricht. Sie wird geachtet und respektiert, und auch, wenn man sich von ihr so manches Mal wie ein Kleinkind behandelt fühlt, weiß man, dass sie Recht hat. Bei uns ist sie durch unsere Oberstufenleitung Frau Prosch vertreten.

Der Private

Von diesem Lehrer weiß man alles. Umzüge, Kinderkrankheiten, Geschichten aus der Jugend, politische Gesinnung, persönliche Probleme. Dieser Lehrertyp teilt sich gerne mit und besitzt ein Selbstbewusstsein, um das ihn so manch stillerer Schüler wohl insgeheim beneidet. Großteile seiner Stunden kann er damit zubringen, aus dem Nähkästchen zu plaudern, was beinahe immer überhaupt nichts mit dem Unterrichtsthema zu tun hat. Schüler nutzen dies gelegentlich aus und stellen Fragen, die als Einstieg in diese Monologe dienen – sehr nützlich, um Hausaufgabenvergleichen zu entgehen.

Herr Neuborn macht das sehr gern. Wie er damals auf Demonstrationen Steine geworfen hat…

Und Thenis Herrn Kairos scheinen wir auch hier einordnen zu können, oder?

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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35 Antworten zu Lehrertypen II: Das wandelnde Lexikon, der Verplante, die Stimme der Vernunft und der Private

  1. BerndK schreibt:

    Eines vermisse ich bisher: Die Chimäre – z.B. zum großen Teil wandelndes Lexikon, verzettelt sich aber genauso wie der Verplante. Teils beim Sprechen, zum großteil aber schon beim Denken und kann alle mit seinen Gedankensprüngen zur Weißglut treiben.
    Prädestiniert: Geschichtslehrer, die alles noch selbst erlebt haben.

    • Frau Falke schreibt:

      >Geschichtslehrer, die alles noch selbst erlebt haben.<

      Das finde ich allzu gut. Und ich kann mir bildlich vorstellen, wie die Schüler vor so einem Lehrer sitzen und verzweifelt versuchen so etwas wie einen roten Faden zu erkennen. 🙂

  2. Plitti schreibt:

    Mein lieber Geschichtslehrer, der im Übrigen sogar promoviert hatte, war sowohl das wandelnde Lexikon als auch völlig verplant 🙂 aber eben sehr sympatisch, mein absoluter Lieblings-Lehrer!
    Wir merken also, es gibt auch Kombinations-Typen 😉

  3. pueppi schreibt:

    So einen Typ, der Private, hatten wir auch. Als es dann aber um sein Sexleben ging, war das ein bisschen zuviel

    • Frau Falke schreibt:

      Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Unser Englischlehrer hat uns mal in seine Fantasien mit Schülerinnen eingeweiht – da war dann auch erstmal alles gesagt. :/

  4. annacht schreibt:

    Der letzte Lehrertyp erinnert mich sehr an meine frühere Musiklehrerin… die erste Stunde am Montag begann mit der Frage: „Und wie war der Chorauftritt am Wochenende?“ Und schon hatte man ausreichend Zeit um Hausaufgaben für andere Fächer nachzuholen oder abzuschreiben.

    • Frau Falke schreibt:

      Hausaufgaben im Unterricht anderer Kollegen? Also wirklich! 😀
      Aber an sich habe ich diesen Lehrertypen ebenfalls gemocht, wenn er auch eher selten war bei mir damals.

  5. frl_wunder schreibt:

    wie wahr, wie wahr 😀
    wir haben so ziemlich alle Lehrertypen, die hier aufgezählt wurden… 😉

    Sehr schön ist auch immer die Frage der „Privaten“ nach einer Dreiviertelstunde Monolog: „Also, jetzt sind wir ein bisschen vom Thema abgekommen; wo waren wir doch gleich nochmal?“
    Und so manche Information will ich als Schüler auch gar nicht, was das Privatleben von meinem Lehrer angeht… xD

    Und Sie, mhm, ich würde Sie auch eher in die Kategorie „Süße“ einordnen… 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Die Privaten scheinen für am meisten Erheiterung zu sorgen, das ist gut zu wissen. 🙂
      Wobei… „Die Süße“? Ernsthaft? Ich bin mir nicht so sicher, ob ich das gut finden soll. Wie gesagt, was macht „die Süße“, wenn die Klasse mal schwierig wird? Und wirke ich wirkllich so schutzbedürftig?

  6. Theni schreibt:

    Demontstration. Steine. Ahhh… *HerrPoseidoniosundHerrKnaprosdemonstrierengegendenWillenderSchulleitungvorderSchule,damals,alssienochjungwarenundHerrZeusnochnichtSchulleitersondernihrbesterFreund* 😀
    Ich weiß ja, nicht, aber irgendwie lassen sich fast alle meine Lehrer in die Gruppe „der Private“ einordnen. O.O Das ist nicht mehr normal…
    (aber klasse, was ihr da gemacht habt… 😀 und gut, dass ich das in einer Freistunde gelesen hab, so hat soch nur Xenia gewundert, worüber ich lache…)
    lg, Theni

  7. michael schreibt:

    Hmm: Die Stimme der Vernunft hat die auch Kontakt mit den Schülern, oder warum fehlt hier die Schülersicht ? Und warum sieht diese Stimme aus wie eine alte Dama im Jahre 1965? Oder von wann ist das Bild?

    • Frau Falke schreibt:

      Nicht jeder Lehrertyp ist in jedem Kollegium vertreten oder von außen – also aus Schülersicht – zu klassifizieren. Von wann das Bild ist, kann ich leider nicht sagen, gewählt habe ich es lediglich, weil ich es mit dem selben Gefühl verband wie „die Stimme der Vernunft“. 🙂

  8. Nadine schreibt:

    Mein Lieblingslehrer war mein Geschichts- und Deutschlehrer, das wandelnde Lexikon. Allerdings hatte er sehr wohl im Blick, welches Jahr wir haben und was wir erlebt haben können und was nicht!

  9. verlorenesschaf schreibt:

    Meine ehemalige Mathelehrerin fehlt 🙂 Typ: „Schizophrene Fünftklässlerchen-Fresserin“. Bringt in Unterrichtsstunden selbst die coolen Schüler durch gezielte fiese Bemerkungen zum Heulen, kriegt ohne Mühe mit ihrem Killerblick selbst die schlimmste Klasse ruhig, ist besonders in Fächern wie Mathematik und Chemie anzutreffen und glänzt dadurch, dass allein ihr Name unkontrollierbare Panikattacken hervorruft, wird sie bei jüngeren Klassen eingesetzt, leiden die Schüler anschließend unter einer extremen Phobie vor Zahlen. Ist sie die Schüler aber erst einmal los, grüßt sie sie freundlich und höflich und strahlt sogar dabei.

  10. Wolfy schreibt:

    Da fehlt aber noch ein Typ – der „ähm“:
    Er hat zwar Ahnung von der Materie und könnte unterrichten, wenn nicht jeden ersten bis dritten Wort ein „ähm“ folgen würde – unabhängig davon, ob er vor der Schülerschaft, mit einzelnen Schülern, seinen Kollegen oder seinen Freunden spricht.
    Er wird in aller Regel von der Schülerschaft nicht sehr gemocht, da es sehr schwierig ist ihm zu folgen. Dafür macht er gerne Experimente – die gerne auch mal schief gehen und sofort ein „ähm… das sollte… ähm… jetzt aber nicht so sein… ähm..:“ erzeugen. Wenn die Experimente aber funktionieren (spätestens beim zweiten Versuch), dann beeindruckt er die Schülerschaft nachhaltig.

    Vorbild: Mein Physiklehrer der 7. und 8. Klasse 😀

  11. fraeuleinhallowach schreibt:

    Hey, sag mal, wo hast du das Foto zum Lehrertyp „Das wandelnde Lexikon“ her? Liebe Grüße 🙂

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