Der Dozent

Es ist ein typisches Studentencafé, in dem ich mich mit Charlotte treffe. Sie legt den Schirm zur Seite und umarmt mich, ihr Mantel ist nass. „Verzeih.“ bittet sie mich mit einem Lächeln.

Ihre blauen Augen sind fliederdarben geschminkt, ich kenne keinen anderen Menschen, dem solches steht. Ihr blondes Haar hat sie hochgesteckt, Schmuck trägt sie nicht. Das schimmernde Weiß ihrer Haut wird durch die schwarze Kleidung betont, schwarze Strumpfhose, schwarzes Kleid, schwarze Jacke. Ich liebe die Erhabenheit, welche sie ausstrahlt. Sie wirkt vollkommen unnahbar, solange bis sie lächelt.

 

Heute aber fällt mit noch etwas anderes auf, denn mein Gegenüber trägt keinen Ehering mehr.

„Ist alles okay zwischen dir und Leonard?“ erkundige ich mich, als wir bestellt haben, und ihre Augen verdunkeln sich.
„Nichts ist okay, rein gar nichts.“ berichtet sie mit angespannten Gesichtszügen und rutscht auf ihrem Stuhl näher an die Kante. „Von meinem unguten Gefühl hatte ich dir doch berichtet? Dass ich fand, er flirte zu offen, er sende die falschen Signale aus?“

Mit ist bewusst, was sie meint, diese Schwierigkeit ist immer wieder das Thema unserer Gespräche. Ihr Mann hat einen ganz eigenen Charme, und sie weiß wie beeindruckt sich die jungen Studentinnen von einem gebildeten, humorvollen Dozenten zeigen.
Auch wenn er nicht müde wird zu betonen sie sehe Gespenster, tief im Inneren ist sie sich bewusst darüber, dass es keine Unmöglichkeit ist. Dass Studentinnen das Abenteuer mit Lehrbeauftragten schätzen, hat sie schließlich selbst erlebt. Auch sie war damals seine Studentin.

Manchmal macht er Scherze darüber und meint, es würde ihm ja nichts bringen sein Jagdgebiet in der Uni zu haben, wie sie es nennt. Sein Beuteschema seien nicht mehr die jungen Dinger, welche eine kopflose Affäre suchten. Er habe sich seit damals schließlich weiterentwickelt.

Oft hat sie ihm geglaubt. Er konnte nichts für das Angeflirtetwerden, er ignorierte die zeigefreudigen Outfits. Er blockte Fragen nach seinem Privatleben ab und tat bei Komplimenten unbeeindruckt.
Dann wieder war sie überzeugt, er würde sie betrügen, sein Büro roch nach fremden Parfüm, seine Haut zeigte gewisse Rötungen, sein Verhalten war verräterisch.  Die Studentin, die mit hochrotem Kopf seine Besprechung verließ schien ihr wie das letzte Zeichen.

Sie stritten sich, und immer, wenn sie dies taten, beschimpfte sie ihn. Er sei das Allerletzte, wenn er glaube, sie würde es nicht merken. Er brauchte sich da nichts vorzumachen, sie habe ihn durchschaut. Ob er denke, sie habe mit der Heirat alles aufgegeben, ihre Ehre, ihre Prinzipien, ihren Stolz?
Sie werde älter, das sei eine Tatsache, doch er solle bedenken,. dass er ebenso altere. Irgendwann wäre er nicht mehr der erfahrene Verführer, sondern bloß ein Mann, welcher der Großvater der Mädchen sein könnte. Und oh ja, es seien Mädchen, dumme kleine Schulmädchen die gerade Mal ihr Abi geschafft hätten.

Er gab zu bedenken, dass er sich keine Erstsemesterin suchen müsse, da wurde sie noch wütender, aber auch er konnte schreien und seinen Standpunkt klar machen, wie sie es ausdrückte.

Er nannte sie paranoid und verzweifelt, sie bilde sich das alles nur ein und zerstöre mit ihren Vorwürfen nur die tolle Beziehung, die sie hätten. Sicher bleibe auch er nicht unberührt von der Zeit, doch vielmehr als sie sich um ihn müsse doch er sich um sie sorgen. Sie sei schließlich jünger als er und habe für ihn viel aufgegeben, in ihm müsse die Angst verwurzelt sein sie wolle all dies nachholen.
Das, was sie mache, sei nicht der Ausdruck solcher Befürchtungen, sie projiziere nur ihr Problem mit dem Älterwerden auf ihn.
Nicht, dass er als Mann seiner Stellung so viele Möglichkeiten habe sei das Problem, sondern lediglich, dass sie nicht mehr die Studentin sei, die ihn verführen und manipulieren könne. Sie vermisse den Reiz der Heimlichkeit, diese Idee des Verbotenen zwischen ihnen.

Letztlich endeten ihre Streitigkeiten in dem Einlenken des einen oder der anderen, und es war nie ein Sieg. Für kurze Zeit versprachen Worte Linderung, es gab Trost für kummervolle Gedanken und das Beschwören der Liebe war Antwort und Rechtfertigung zugleich.
Aber wie schon bemerkt, das Thema wurde nie aufgelöst, es ist als Ordnungspunkt geblieben und wird in regelmäßigen Abständen wieder aufgegriffen.
Auch im Gespräch mit mir, auch jetzt.

Ich sehe sie also an, umfasse meine Tasse mit den Händen und schweige in Erwartung des neusten Streites.
Charlotte reicht mir ihr Handy, sie hat ein E-Mail-Programm geöffnet. „Sie heißt Mira. Und er hatte Recht. Eine Zweitsemesterin reicht völlig.“

 

 

Es grüßt
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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8 Antworten zu Der Dozent

  1. Nadine schreibt:

    Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Aber Deine Freundin tut mir leid.

  2. Jürgen schreibt:

    Solche Geschichten kenne ich auch von Gymnasiallehrern.
    Leider.

  3. verlorenesschaf schreibt:

    Schüler und Lehrer, Student und Dozent, Sekretärin und Chef… Traurig, dass sich so vieles immer wieder wiederholt und so viele anscheinend nicht daraus lernen können. Oder wollen.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich würde da Abstriche machen. Schüler/Lehrer ist gesetzlich verboten und kann einem den Job kosten. Student/Dozent ist ungern gesehen und kann einem zumindest den Ruf kosten. Sekretär/Chef ist so eine Sache, aber da ist die Beziehung doch noch ein wenig anders… Dennoch, das alles ist schwierig. Und noch tausendmal mehr, wenn man eben in einer Beziehung ist.

  4. pausenkaffee schreibt:

    Oh man… Ich hoffe mal, dass sie das einigermaßen gut verkraften kann. Das Verhalten ihres Mannes ist natürlich unentschuldbar.

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