Die Grundschullehrerin

Meine Ferien werde ich ausgiebig nutzen, habe ich mir vorgenommen, und demnach heute morgen erst einmal ausgeschlafen. Nun, okay, bis acht Uhr. Aber immerhin, nicht wahr?
Der Schlaf tat mir gut, offensichtlich ist die Erholung genau das, was mein Körper gebraucht hat.

Erst um halb Vier treffe ich mich dann mit Vera Ocean, einer Freundin, die ich auf einer Weiterbildung kennen lernte. Sie ist Grundschullehrerin mit Leib und Seele; die erste, wenn es um die Organisation eines Festes geht, die letzte, die sich gegen ein Projekt ausspricht. Ihr Klassenraum ist ein buntes Wunderland, ein Sammelsurium von Spielen, Lernhilfen und Basteleien.

Ihr Büro zu Hause erinnert an einen Theaterfundus – oder einen unserer Kunsträume. Egal war für ein Thema im Heimat- und Sachunterricht gerade anliegt, entweder hat Vera schon etwas dazu vorbereitet oder sie ist gerade dabei. Ihr Umfeld darf dann fleißig mitsammeln; Zeitungen, Eierkartons, Tannenzapfen.

Ich bewundere sie für diese Leidenschaft, die sie nicht verloren hat, obwohl die Zeit des Eintritts in diesen Beruf schon gefühlte Ewigkeiten zurück liegt. „Jede Klasse ist neu, jede Klasse ist anders.“ sagte sie einmal lachend zu mir. „Wie soll ich mich da in feste Muster einfahren können?“

Sie erzählt gern von den Schülern, manchmal von den Kollegen, wenn auch wesentlich weniger als ich, von Eltern nur am Rande, wenn wieder irgendwas los gewesen ist. Ihre Begeisterung hat im Laufe ihrer Karriere schon ein paar Dämpfer erfahren, mehr noch, heftige Einbrüche, darüber spricht sie offen.

Eine Schülerin, die verschwand, abgemeldet aus der zweiten Klasse doch nie an der neuen Schule aufgetaucht. Das vier Jahre dauernde Spiel des Verstecktwerdens und Beschützens eines Geschwisterpaares, dessen Mutter in unregelmäßigen Abständen ins Frauenhaus floh, zu dem Lebensgefährten zurückkehrte, wieder zu entkommen versuchte. Ein missbrauchter Junge, die Frage nach dem Herausholen aus der Familie, nach Fürsorgepflicht und Jugendamt.

Vernachlässigungen und Misshandlungen, damit lernst du niemals richtig umzugehen. Du beginnst die Handlungen zu vollziehen, die nötig sind, aber du kannst in deinem Kopf keine Erklärungen finden. Und du kannst es deinem Herzen nicht begreiflich machen, sagt sie mit einem traurigen Blick.

„Deshalb ist es mir so wichtig, dass die Schüler in meinem Klassenraum sicher sind. Dass sie Kind sein können, spielen, toben, sich ausprobieren. Sicher sind sie manchmal laut und anstrengend, aber wäre es nicht viel schlimmer, wenn sie so nicht sein könnten? Sie mögen kleine Monster sein, derart verblendet sie für Engel zu halten bin ich nicht, aber sie sind meine kleinen Monster.“

Sie trinkt einen Schluck Tee und sieht mich lange an. „Sie haben ihre Gründe, weißt du? Wir ja auch.“

Und dann erzählt sie mir von ihrem Zeitungsprojekt, von der Begeisterung der Schüler sich ein eigenes Thema zu suchen. Wie sie Beschreibungen geübt haben anhand der Berufe im Journalismusbereich, wobei die Vorstellungen, was ein „Retarktör“ so macht, sehr unterschiedlich waren.

Vorbereitend hat sie Grammatikübungen eingestreut, Stationsarbeit mit Klebereien und Bastelei, Partneraufgaben und Expertenrunden. Eine örtliche Tageszeitung hat sich bereiterklärt täglich einen Klassensatz an die Schule zu liefern, es sei schließlich eine Investition in die Zukunft. Zudem bekamen sie das Exklusivrecht über das Zeitungsprojekt der 4a zu berichten.

Der Schule hat die positive Berichterstattung gut getan, eine Kollegin hat es Vera schon nachgemacht. Sie sagt, der Erfolg wäre letztlich gewesen, dass die Schüler so toll zusammengearbeitet hätten – ihr Stolz, als die Zeitung endlich fertig war und gedruckt vor ihnen lag.

„Dann wirst du das Projekt sicher weiterführen, oder?“ erkundige ich mich bei ihr, doch sie wiegt den Kopf. „Erst mal nicht, vielleicht später wieder. Nach den Ferien werde ich erst einmal die 3c, unsere i-Klasse übernehmen.“

Ich bin erstaunt, denn eigentlich sollte sie eine erste Klasse bekommen, darauf hatte sie sich schon gefreut. Dass sie jetzt eine der zwei Integrationsklassen übernehmen soll, wundert mich. Nicht, dass ich es ihr nicht zutrauen würde, doch sie macht schon so viel – ich frage mich, ob sie die Mehrbelastung nicht auslaugen wird. Zudem…

„Die Kollegin wollte sie abgeben. Sie hatte nach zwei Jahren genug. Sie könne nicht mehr und ziehe einen Schlussstrich, bevor es zu spät sei.“ berichtet mir mein Gegenüber nun.
Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll, mein Blick spricht jedoch Bände. Sie hätte es verdient, finde ich, dass es auch bei ihr schlichtweg einmal einfach ist. „Vera,“

Sie schüttelt lächelnd den Kopf. „Nicht. Es bleibt bei dem, was ich immer sage: Jede Klasse ist neu, jede Klasse ist anders. Und das ist auch gut so, wenn du mich fragst.“

Ich sehe sie an, wie sie vor mir sitzt, und ich glaube ihr jedes Wort. Sie sagt das nicht nur so, sondern meint es ernst. Schule ist für sie jeden Tag eine Herausforderung, und es kommt auf die Einstellung an, die man dazu hat. Es geht nicht darum alles ins Reine zu bringen, sondern bloß sein Möglichstes zu tun um es für alle besser zu machen.

Ihre Einstellung finde ich bewundernswert, die Ansicht richtig schön.
Vera.  Ich kann dir für diesen Tag gar nicht genug danken.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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17 Antworten zu Die Grundschullehrerin

  1. sunshinemuffin schreibt:

    Ich LIEBE solche Lehrer 🙂 Und hätte zu gerne in der Grundschule so jemanden gehabt und nicht den alten Knarzkopf, den ich bekam…

  2. Nadine schreibt:

    Ich wünschte, ich hätte Deine Vera in der Grundschule gehabt und nicht die Ziege, die ich hatte.

  3. Inch schreibt:

    Ein Glück für jedes Kind, wenn es an eine so engagierte Lehrerin gerät

  4. pueppi schreibt:

    Das erinnert mich sehr an meine Grundschullehrerin. Ein Herz von einem Mensch. Und dann kommt man gebauchpinselt, in rosa Wattebällchen gehüllt und mit soviel Liebe beschenkt worden in eine andere Schule – weil die Grundschulzeit einfach vorbei ist.
    Vergessen wird man solche Menschen aber nicht.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es immer sehr schön, wenn man auf solch eine wunderbare Zeit zurückblicken kann. Natürlich wird es später anders, und auch der Ablösungsprozess ist sehr schwierig, aber man ist im nachhinein doch dankbar.

  5. annettchen schreibt:

    Die Grundschullehrerinnen meiner Kinder waren ähnlich. Beide hatten eine sehr glückliche und behütete Grundschulzeit. Um so größer war dann die Ernüchterung auf dem Gymnasium…

  6. Effi schreibt:

    Wie Wie schön zu wissen, dass es solche Menschen/Lehrer tatsächlich noch gibt 🙂

  7. datmomolein schreibt:

    ich bin begeistert, dass es noch solche lehrer gibt, gerade in so jungen jahren ist es toll, eine lehrerin ohne vorurteile zu haben und eine, die die fantasie der kinder derart fördert.
    meine schwester hatte so eine, und ich glaube ohne sie, hätte es meine an rechtschreibschwäche leidenfe, aber dauerlesende kleine schwester nicht so weit gebracht. diese lehrerin hatsie nicht in eineschublade gesperrt, hat sie nicht dauerndmit mir verglichen ( ich hatte sie für ein jahr) und auch wenn meine kleine sis jetzt ihr studium abgeschlossen hat, weiss ich, wieviel anteil eben auch jene grundschullehrerin hatte. auch weil sie lust und laune beim lernen vermittelte. wie man etwas spassig macht, auch wenn es erstmal nicht so aussieht. überraschenderweise hat meine sis vieles auch noch später angewandt, zum beispiel beim stupiden altorientalischen „vokabeln“ lernen.

    ich hoffe sehr, dass deine freundin ihren elan nicht verliert und dass sie weiterhin so ein vorbild ist und noch viele ansteckt. vielleicht hilft es, wenn man mal liest, dass so ein früher, aber guter grundstein wirklich ein leben bestimmen und fördern kann. in meinem herzen hat jene frau ertel einen grossen platz, auch weil ich weiss, wie es anders hätte kommen können. und ich weiss, dass ich nicht die einzige bin, die dieser frau unglaublich dankbar sind, für ihre mühen.

    • Frau Falke schreibt:

      Es freut mich immer wieder, wenn ich solche Geschichten lesen kann. Man hört fast nur die negativen Berichte, da ist es gut ein Gegengewicht zu haben und noch zumindest ein bisschen an die Menschheit glauben zu können.
      Dass Vera ihre Begeisterung behält hoffe ich sehr, nur würde ich mir auch wünschen, sie hätte Schüler wie dich, die ihr irgendwann einmal sagen, was sie bei ihnen bewegt hat. Denn wir Gymnasiallehrer bekommen oft zum Abitur, manches Mal auch danach Rückmeldung, bei Grundschullehrern verhält sich dies leider anders.

      • Frau Weh schreibt:

        Das liegt vermutlich auch daran, dass die Erinnerungen an die Grundschulzeit spärlich werden. Denn es sind ja nur 4, maximal 6 Jahre relativ früher Kindheit. Aber es stimmt schon, wir freuen uns sehr über Rückmeldungen.

  8. Frau Weh schreibt:

    Ach ja, wir selbstlosen Engel von Grundschullehrerinnen 😉

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