Kartons

Eigentlich wäre es ja kein Problem gewesen, wenn man es mal ehrlich betrachtet. Denn der Zettel, der uns darauf aufmerksam macht, dass das Lehrerzimmer in den Ferien umgebaut wird und wir dafür unser Eigentum doch bitte wegschaffen sollen, ist so groß, wie wir nur kopieren können, und hängt dort schon seit geschlagenen zwei Wochen.

Trotzdem, es ist wie immer, keiner von uns hat es bislang geschafft sein Hab und Gut zusammenzusuchen, und da in den Pausen die Zeit selbst bei denen sehr begrenzt war, die mit ihren Schülern nicht ein Eis essen waren, wäre nach der vierten Stunde, dem offiziellen Ende,  der Stand wie gehabt gewesen.

Gäbe es da nicht Frau Prosch, Conny, die in ihrer angenehmen, stark passiv-aggressiven Art die gesamte Fensterseite des Lehrerzimmers sowie die Tische und Stühle mit Kartons zugestellt hat und uns nun den Kopf wäscht, was sie beeindruckend enden lässt.

„Verwünscht von mir aus die Tatsache, nicht ordentlicher gewesen zu sein, aber räumt, um Himmels Willen, endlich auf. Na los!“

Wer sich daran erinnert, wie ich damals die Chaosbeobachtungen angestellt habe, kann sich so ungefähr vorstellen, wie es im alten Lehrerzimmer aussieht. Alle anderen stellen sich einfach mal vor, wie es in ihrer geheimsten Ecke aussieht, der Schublade, dem Schrank oder sonst etwas, wo niemals jemand hineinsehen darf, weil man seit gut eineinhalb Jahren dort eigentlich noch aufräumen wollte, es jedoch aus mehreren Gründen bislang nicht geschafft hat. Und multiplizieren das mit der Anzahl der Lehrkräfte, also ungefähr mit 75.

Eines muss ich ja zugeben, heute ist das Lehrerzimmer das erste Mal, seit ich an dieser Schule bin, das, was es sein sollte, nämlich ein interaktiver Kommunikationsraum zwischen den Kollegen. Jeder sucht was, will etwas loswerden oder tauschen, den Dreck gemacht hat eigentlich niemand und wegräumen werden sie eh nur das, wofür sie auch verantwortlich sind.

Ich mache innerlich drei Kreuze, denn es ist ein großes Glück, dass ich schon vor einiger Zeit nach oben umgezogen bin. Abgesehen von der Tatsache, dass ich deshalb nicht auch noch meinen Tisch räumen muss (Ich habe ja gar keinen mehr! Ha!), hat diese Aktion nämlich einen entscheidenden Vorteil: Ich weiß wohin mit meinen Sachen, habe einen Platz, an dem ich sie abstellen kann ohne Gefahr zu laufen sie zu verlieren.

Im Gegensatz zu denen, die im Lehrerzimmer geblieben waren, habe ich also nur zwei Aufgaben, das allgemeine Aufräumen und das In-Ordnung-Bringen meines Faches.

Das Kommunikationsfach ist schnell ausgeräumt, dieses halte ich schließlich sauber, und zu meiner Freude hat mir ein Schüler sogar einen Feriengruß hereingelegt. Ich konzentriere mich demnach auf das Fach, welches in der Regalwand aus irgendeinem überflüssigen Grund meinen Namen auf dem Schild trägt.

„In dem Fach sind Zettel, die man wirklich mal hätte lesen müssen. Aber auch soviel Ramsch, das ist nicht auszuhalten.“ beschwert sich Stefan und wirft einen Stapel Papier in den Mülleimer.

„Auf dem Zettel stehen Kürzel, von denen ich noch nie was gehört habe.“ befindet auch Felizitas. „Und die Hälfte der Lehrer, die hier ein Fach haben, sind vor einem Vierteljahrhundert pensioniert worden.“

Leslie holt den Mülleimer, sie leert ihn in einen großen Karton, der aus der Kunstsammlung kam. „Ich weiß gar nicht, was ihr euch beschwert, immerhin habt ihr Fächer.“

„Ihr nicht?“ erkundigt sich Sarah, die blind die Zettel aus ihrem Fach entsorgt.

Megan lacht auf. „Du sprichst mit einer Referendarin, fragst du das wirklich?“

Feli zieht einen Zettel aus dem Nicht-Behalten-Stapel, aber da eigentlich alles aus ihrem Fach auf diesem Stapel liegt, ist das eigentlich wieder witzlos. „Bürokratie auf der Administrationsebene, wie kommt denn das hier hin?“

Wir brauchen knapp zwei Stunden, bis jeder Kollege seine tausenden Fächer geleert hat, und die Tische sehen noch immer aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Zumindest aber kommt mittlerweile wieder Licht durch die ehemals zugebauten Fenster, das ist auch schon mal ein Anfang.

Diejenigen, die wie ich ihre Tische nicht von dem ganzen Kram befreien mussten beziehungsweise eben das schon getan haben, bekommen die Aufgabe zugeteilt, alles zu sortieren, was der Gemeinschaft diente.

Frau Crande, Frau Rondell und Frau Peters sitzen in der Küche und umwickeln die Maschinen, das Geschirr und das Porzellan, das ihnen Herr Helfrich reicht. Sie packen es in Kisten, die wiederum von Bernhard und Frau Hedwig in die Physiksammlung getragen werden. Keine Ahnung, wer beschlossen hat, die ganzen Sachen überall im Schulgebäude zu verteilen, aber wahrscheinlich ist es schlau, da wir nicht wissen, wie lange die Umbauarbeiten dauern.

Herr Wallert, Herr Krüger und Herr Vladeck stehen ganz unter dem Kommando von Frau Tarsmus, die ihnen genau sagt, was aus dem Schrank wo hin soll. Und die Männer, man höre und staune, packen bereitwillig Ordner und Hefter in die Kartons für die Biosammlung, die Pokale und den Kleinkram in die Kartons für die Musiksammlung, die Kerzen, Klebepistolen, Scheren und ähnliches in die Kartons für die Kunstsammlung, und bringen sogar die ganzen Bücher in die Lehrerbibliothek, wo Frau Jäger mit Herrn Polwin-Kaulwitz die Grobsortierung vornimmt.

Herr Tarsmus hat sich, wohl ahnend, dass seine Frau das Zepter in die Hand nehmen würde, bereiterklärt die Pfandflaschen zusammenzusammeln und die Dosen an Daina abzutreten, welche sie für irgendwelche Experimente braucht. Den Vorschlag Herrn Abels, der den Restmüll zusammensucht, doch auch die Schimmelzüchtungen mitzunehmen, hat sie abgelehnt, deshalb muss er sie leider selbst wegschmeißen.

Man kann froh sein, dass die Noten eingetragen sind, denn außer privater Kleinigkeiten wandern auch alle Aufzeichnungen und Notizen, deren Besitzer nicht innerhalb von Sekunden festgestellt werden können, in unseren neuen Riesenmülleimer. Diesen Part übernehmen Anja, Brianna, Daniela und Matthias, die sich offensichtlich wundervoll verstehen, und immer mal wieder etwas hochhalten. „Hier ist ein Magazin über Neue Strickmuster, gehört das jemandem? Und hier ist Erziehung im Wandel der Zeit? Interesse, irgendwer?“

Frau Seeger, Frau Necker und Frau Springer verteilen die aussortierten Privatsachen auf die Kartons der Kollegen, während Jonathan und Alexis zusammensuchen und verstauen, was an Modellen und sonstigem seinen Weg ins Lehrerzimmer gefunden hatte, nicht aber jenen zurück.

Herr Seifert und Herr Krombalk, ebenso Herr Leverkusen und Stefan sind damit beschäftigt, Kartons herum zu tragen, sie werden von Sammlung zu Sammlung geschickt, weil niemand für dieses und jenes zuständig ist.

„Das könnt ihr den Musikern geben, sowas brauchen wir hier nicht.“ oder „Stellt das lieber in den Computerraum oder zu den Erdkundlern, die brauchen eh nicht so viel Platz.“

Ich wurde von Conny abkommandiert, ebenso meine Mädels, wozu ich auch Daina zähle, Frau Lindmahd, die wenig begeistert ist, und Leslie. Wir dürfen nun annehmen, was die Oberstufenleiterin von den Informationswänden I-VII, den Stellwänden und Säulen abhängt.

Wir sortieren die Zettel erst einmal aus, dann in die Hefter, die Frau Prosch schon vorbereitet hat. Schulleitung informiert, An das Kollegium, Termine, Fortbildungen und Vorträge, Informationen der Eltern, Qualitätsentwicklung und -sicherung, Von Kollege zu Kollege, Beschwerden und Verbesserungsvorschläge, Bitte dran denken.

Mich beschleicht das Gefühl, dass sie das schon länger vorhatte.

Hätten wir nicht Sommer, wäre es sicher dunkel geworden, bis wir endlich fertig sind, das Lehrerzimmer ausgeräumt blitzt und alles überall verteilt ist, wo es theoretisch nicht hingehört.

Ich stehe noch im Flur und warte darauf, dass Felizitas kommt, die in der Garderobe irgendeinen Schmuck sucht, da taucht Conny neben mir auf und reißt den Zettel von der Tür, den sie dann zufrieden zerknüllt. „Das war doch ein durchweg gelungener Tag, da können Sie sagen, was Sie wollen, Frau Falke.“

Ich drehe mich zu ihr um und sehe sie an. „Sie wussten genau, dass wir nicht aufräumen würden, oder?“

Sie lächelt. „Kann sein.“

„Warum dann aber die Ansprache? Wenn Ihnen eh klar war, dass wir freiwillig keinen Karton packen würden?“ wundere ich mich.

„Sie müssen noch viel lernen.“ antwortet sie mir mit einem schelmischen Blitzen in den Augen.

„Was glauben Sie, wie lange das liebe Kollegium sonst gebraucht hätte?“

Es grüßt ganz lieb,

Frau Falke

P.S.: Ich werde diese Nacht bestimmt von Kartons träumen. Hilfe!

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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23 Antworten zu Kartons

  1. frl_wunder schreibt:

    klingt nach einer großen Aktion 😀

    Und wenn Sie bei Ihnen fertig sind – bei uns gibts auch noch Unordung, da kann man gleich weitermachen. Sie haben ja jetzt schon Übung 😀

  2. Nicole schreibt:

    Das klingt doch schön, Ordnung in meinem Umfeld zu schaffen sorgt bei mir auch immer für Ordnung in meinem Inneren 🙂
    Ich muss ja sagen, dass ich gedacht habe dass sie bestimmt auch auf viele Erinnerungen von Sandra stoßen und das die ganze Aktion eher bedrückend und unangenehm ist, aber so ist es natürlich viel „besser“, wenn auch vielleicht etwas „komisch“. Irgendwie fehlen mir da gerade die richtigen Worte.

    ganz liebe Grüße:-)
    und schööööne Ferien!

    • Frau Falke schreibt:

      Daniela hat Sandras Sachen zusammengepackt, soweit ich das mitbekommen habe. Aber wir haben es nicht thematisiert, was wohl auch gut so war.
      Und danke schön. 🙂

  3. Nadine schreibt:

    Hm, willst in meinem Keller weitermachen??? Da wär auch noch Bedarf… *hust*

  4. Nele Abels schreibt:

    Ich möchte nur darauf hinweisen, dass ich NICHT an dieser Schule arbeite und mich auch NICHT für Schimmelpilzkollektionen interessiere! 🙂

  5. Inch schreibt:

    Wir ziehen bald in die neuen Büros um. DAVOR gruselt es mich

  6. pausenkaffee schreibt:

    An einigen Stellen hab ich mich sehr gut an mein eigenes Lehrerzimmer erinnert gefühlt 😀 Vielleicht sind wir ja doch an einer Schule 😉 Ich finde ja, dass so ein Wirbelsturm, der den Faustschen Urväterhausrat mal wegfegt seeeehr gut. Irgendwie merkt man erst bei solchen Gelegenheiten, was wichtig ist und was schon längst weg gekonnt hätte 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Oh ja, das stimmt allerdings. Allein die Tatsache, dass so viele Kollegen Fächer haben, die gar nicht mehr bei uns sind… Aussagekräftig. 🙂

      • pausenkaffee schreibt:

        Genau 😉 Ich hatte, als ich in meiner alten Schule ausgezogen bin, auch ein Fach. Das einzige darin, was wirklich gut war, war meine Methodenkiste, mit Moderationskarten, Stiften, Klebepunkten, Kreide etc pp. Der Rest war… Müll!

        • Frau Falke schreibt:

          Wir haben mehrere Fächer, ein Kommunikationsfach draußen, ein Kommunikationsfach drinnen, ein großes Fach… Da sammelt sich dann überall etwas an. 🙂

          • pausenkaffee schreibt:

            Hui. Reden die miteinander oder warum heißen die so? Kann man da was reinlegen und wie von Geisterhand ist es dann plötzlich im anderen Fach? So quantenverschränkte Fächer? Coooool! 😀

  7. rotezora. schreibt:

    Oha, ja, das steht mir auch noch bevor, meine diversen Fächer, Kruschelecken usw. aufzulösen, bevor ich den Ruhestand antrete. Das werde ich wohl erst in der zweiten Ferienwoche schaffen. Ich habe heute schon mit den Siebtklässlern die Klassenschränke und Schülerfächer weitgehend entleert. Heiliges Chaos!
    Das schlimmste in dieser Hinsicht war allerdings vor etlichen Jahren die Auslagerung der gesamten Schule in Container wegen Asbestsanierung. Und zwei Jahre später das ganze zurück. Bei der Gelegenheit haben wir auch mehrere große Container mit Abfall gefüllt. Was sich in den Fachbereichen da so alles ansammelt…!
    Schön auch immer wieder die Schimmelpilzkulturen im Lehrerzimmerkühlschrank, gezüchtet auf den Überresten der diversen Zeugnistagklassenfrühstücken, Zustand nach sechs Wochen Sommerferien. Bäääähhhh!!!!
    Schöne Ferien allerseits wünscht die
    rotezora

    • Frau Falke schreibt:

      Die Fachräume haben wir mal wissend warum liegen gelassen, das kommt in den Ferien dann auch noch. Aber wie das klappen soll, weiß ich noch nicht, immerhin haben wir alle Kartons jetzt in die Fachschaftsräume ausgelagert. 😀
      Oh, ich hoffe nur, bei uns dauert es nicht zwei Jahre, bis wir wieder zurückziehen können. Denn uns jetzt einzurichten und danach wieder umzuziehen, das halten unsere Nerven nicht aus, glaube ich. 😉
      Vielen Dank für die Wünsche, ich freue mich über die Ferien. Ich hoffe das dauert auch bei euch nicht mehr zu lange?

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