Mathe ist…

 

 

Im Gegensatz zu mir, die heute ein kreatives Tief hat, sind die Kollegen unfassbar gut drauf, und so jagt eine interessante Einsicht die andere.

 

 

Das Neulehrerzimmer ist voller als sonst, weil sie unten wie verrückt am Messen sind, da mittlerweile auch der Schulleitung aufgefallen ist, dass das Lehrerzimmer für uns keinerlei Attraktivität beherbergt. Dementsprechend sollen wir nun nicht nur ein neues Mobiliar bekommen, sondern auch gleich noch einen Anbau. Denn ein für vierzig Menschen ausgelegter Raum ist für über siebzig Menschen einfach zu klein… Eine Einsicht, die spät kommt, aber immerhin endlich da ist.

Nun sind die Kollegen alle bei uns oben, was ein wenig merkwürdig ist, aber auch überaus spannend.

Die Kollegin Alexis zum Beispiel schüttelt schon beim Betreten des Neulehrerzimmers den Kopf, lässt sich auf die Couch fallen und sieht sich Aufmerksamkeit suchend auf. „Französisch ist eine Schlampe.“

Irritiert schüttelt Emily den Kopf. „Wie bitte?“

„Französisch ist eine Schlampe, zumindest, wenn man dem neusten Shirt meines Schüler glauben darf.“ Alexis kramt aus ihrer Tasche eine Brotdose, die sie vorsichtig öffnet. Während sie sich ein Stück Mango in den Mund schiebt, macht sie eine hilflose Geste.

„Da frage ich mich doch, was derjenige, der so ein Shirt trägt, mir damit mitteilen will. Und dann macht er mich auch noch extra auf den Spruch aufmerksam. Was will er denn da von mir? Wie soll ich denn darauf reagieren?“

 

„Ich finde das prima.“ erklärt Herr Helfrich, was die Französischlehrerin sichtlich verwirrt.

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch, doch,“ versichert der Kollege und beginnt zu grinsen. „dann sind wir Mathelehrer wenigstens nicht mehr die einzigen, die sich über „Mathe ist ein Arschloch“ ärgern müssen.“

Herr Polwin-Kaulwitz nickt. „Und die sich über Schüler ärgern müssen, die dann auch noch glauben, die ersten zu sein, die uns das erzählen.“

„Als würde es das besser machen, wenn jetzt Mathe und Französisch runtergemacht werden.“ bemerkt Alexis spitz.

„Was ich bräuchte, das wäre ein Tipp, wie ich damit umgehe.“

 

Sarah zuckt mit den Schultern. „Nehmen Sie es nicht so persönlich und zeigen Sie Ihren Schülern, dass Ihr Fach toll ist.“

„Und was nicht ist?“ amüsiert sich Herr Helfrich weiter, weshalb Sarah die Augen verdreht.

„Muss ich das jetzt wirklich sagen?“

Herr Helfrich grinst noch breiter. „Was ist das Fach denn, Frau Kollegin?“

„Keine Schlampe.“ antwortet Sarah resignierend und wirft ihm einen Blick zu, den sie sonst den Kleinen gegenüber hat. Nur das leichte Lächeln um ihre Lippen verrät sie.

 

Anja kommt ins Lehrerzimmer, stellt ihre Tasche ab und setzt sich auf die Lehne der Couch, weil sonst nichts mehr frei ist.

Seufzend streicht sie sich das Haar aus dem Gesicht und wirft mir einen Blick zu, während sie in einem nicht tatsächlich belustigtem Tonfall verkündet: „Geschichte ist kein Englisch.“

Wir tauschen wenig überraschte Blicke, denn wenn Französisch jetzt mit Mathe gleichzieht, können Englisch und Geschichte von uns aus auch verschieden sein.

„Ich meine, die…Schüler. Schüler eben.“ beendet sie ihren Satz wenig aussagekräftig und klaut sich ein Stück Melone von Alexis.

„Was haben sie denn jetzt wieder gemacht?“ erkundigt sich Herr Wallert ruhig, der als einer der wenigen der Lehrerschaft die Geduld hat zu warten, bis sich die jeweiligen Kollegen beruhigt haben. Zumindest meistens. Nicht immer.

„Was sie gemacht haben? Nichts, nichts haben sie gemacht, das ist ja das Problem.“ plustert sich Anja auf, und ich kann  mir den Gedanken nicht verwehren, dass sie immer besser hier reinpasst.

Ob das wiederum allzu positiv ist, ist eine andere Frage.

 

„Ich habe mit meiner Neunten einen Geschichtstest geschrieben, Jahreszahlen, so um die fünfzig Stück, und wisst ihr, was ich dem einen Schüler geben musste?“

„Null Punkte?“ erkundigt sich Leslie, die hin und wieder die Sache mit den Punkten und der Oberstufe auch auf die jüngeren Schüler überträgt.

„Eine Sechs, richtig. Und wenn man es genau nimmt, hätte es eine Sechs Minus sein müssen, denn er hat auch noch völlig falsche Jahreszahlen hingeschrieben.“

„Weißt du denn warum? Ich meine, hatte er einen schlechten Tag oder nicht gelernt oder…?“ erkundige ich mich, weil manchmal doch etwas dahinter steckt, wenn Schüler derart daneben liegen.

Sie wirft mir einen erschöpften Blick zu. „Das ist ja das Beste an der Sache. Er hat gelernt, aber leider ein wenig zu kurzfristig. Gestern Abend hat er angefangen die zweiundfünfzig Jahreszahlen zu pauken. Gestern Abend um halb Zehn.“

„Das ist allerdings ein wenig knapp.“ stimmt ihr Herr Wallert zu.

Sie nickt bestätigend und nimmt ein weiteres Stück Melone, das ihr von Alexis angeboten wird. „Und dann hättet ihr euch noch seine Begründung anhören müssen. Er meinte wirklich, er lerne Vokabeln auch immer so und die könne er sich dann ja auch merken.“

Ich muss lächeln. „Aber Geschichte ist kein Englisch.“

Anja deutet auf mich. „Eben.“

Leslie lächelt ebenfalls. „Geschichte ist ein Miststück.“

 

Herr Helfrich beginnt zu lachen, auch die anderen stimmen mit ein. Nur Anja versteht die Welt nicht mehr. „Geschichte ist was bitte?“

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Deutsch ist Deutsch. Punkt.
P.P.S.: Das ist ziemlich philosophisch, was?

 

 

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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23 Antworten zu Mathe ist…

  1. Theni schreibt:

    50 Jahreszahlen? WTF? O.o das ist nicht dein Ernst?

  2. gotsassaufeinemast schreibt:

    Mathe ist nicht nur ein Arschloch, sondern es ist auch noch die lesbische Cousine von Physik. Damit ich auch mal eine Weisheit zum Besten geben kann. 😀

  3. Nadine schreibt:

    Mathe ist… nicht meins
    Französisch ist… komisch, aber das vor Allem, weil ich kein Wort verstehe
    Englisch ist… praktisch
    Deutsch ist… mein Lieblingshauptfach gewesen

  4. michael schreibt:

    >Leslie lächelt ebenfalls. „Geschichte ist ein Miststück.“

    Zumindest das Lernen von Jahreszahlen! Wann war der erste punische Krieg, und so ? Mit wieviel Schiffen hat Dschingis Kahn Japan angegriffen? Was aß Karl der Große zum Früstück ?

  5. Inch schreibt:

    Da hat der Schüler aber Pech. Ich habe Geschichtszahlen genauso gelernt. Hatte immer eine 1 im Fach. Das könnte allerdings ein Hinweis darauf sein, dass ich ein gewisses Gedächtnis für Zahlen hatte. Gewisses deshalb, weil das in Mathe NIE geklappt hat, egal wann ich gelernt habe.
    Geschichte ist eben kein Mathe 😉

  6. Nele Abels schreibt:

    Ach du gute Güte, fünfzig Geschichtszahlen lernen und dann einen Test darüber? Was soll das denn? Ich bin Historiker und kein Telefonbuch…

    • Frau Falke schreibt:

      Für mich wäre beides gleichschwer zu lernen, befürchte ich. 😉

    • michael schreibt:

      Anderseits kann man ja einfach eine Zahl (z.b 777) eingeben, und findet über wiki dann sowas:

      Anno tertio regni piissimi regis Caroli mense Octobris VIII idus Octobris reddita est vestitura traditionis prædicti regis in Hamalunburg Sturmioni abbati per Nidhardum et Heimonem comites et Finnoldum at que Gunthramnum vasallos dominicos coram his testibus:
      Hruodmunt Fastolf Uuesant …
      …..
      de capite Staranbah in Scuntra, de Scuntra in Nendichenveld, deinde in thie teofûn gruoba, inde in Ennesfirst then uuestaron, inde in Perenfirst, inde in orientale caput Lûtibah, inde in Lutibrunnon, inde in obanentîg Uuînessol, inde in obanentîg Uuînestal, inde in then burguueg, inde in Otitales houbit, deinde in thie michilun buochun, inde in Blenchibrunnon, inde ubar Sala in thaz marchóug,….

      Das kann man sicher den bösen Schülern zum Übersetzen vorwerfen.

  7. Nele Abels schreibt:

    „Ziemlich philosophisch“?
    P.P.P.S Nein, nur tautologisch. 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Haha, nein, ich bezog mich mit dem P.P.S. auf die gesamte Diskussion. 😀
      „Deutsch ist Deutsch.“ wäre natürlich eine Tautologie, das stimmt.

  8. Anne schreibt:

    Mathe ist wirklich schrecklich, ich bin echt froh, wenn der Wahnsinn mal vorbei ist.

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