Anja

Das bedauernswerte blonde Ding von schätzungsweise dreißig Jahren, das uns unsicher lächelnd und ein wenig eingeschüchtert gegenüber steht, heißt Anja Bornholm. Der Direktor hat sie angeschleppt um der Armen ihr neues Arbeitsumfeld zu zeigen und sie versucht verzweifelt einen ersten Überblick über das Kollegium zu gewinnen.
Ein paar haben sie „die Neue“ genannt, als wir heute Morgen über sie sprachen, einer „den frischen Wind“, ein anderer „Ihr-wisst-schon-wen“, jemand „Frau X“, manche bloß „die neue Kollegin“. Denn niemand will aussprechen, was die Lehrerin, die nun an unserer Schule unterrichten soll, für die Kollegen tatsächlich ist. Der Ersatz für Sandra Vertido.
Denn sie wird ihre Klasse übernehmen, wenn alles gut geht, sie wird ihren Unterricht weiterführen und sich auf ihren Platz setzen, sie wird ihre Fächer und Regale bekommen, wird an ihrer Stelle auf Klassenfahrten fahren…

Es ist blöd, sicher. Aber wir haben Sandras Tod noch immer nicht überwunden, und wir wollen nicht damit abschließen, wir wollen nicht, dass ihr Fehlen durch jemand anderen ersetzt wird.

Vielleicht ist es verständlich, wenn auch nicht gut, dass wir sie sehr kritisch beäugen, die neue Kollegin, die natürlich nichts dafür kann, dass sie gerade jetzt an unsere Schule kommt. Sie hat es sich nicht ausgesucht in solche Fußstapfen treten zu müssen, in die sie natürlich rein rational nicht treten muss, von der wir dies auch gar nicht erwarten können.
Aber die junge Frau ist eben nur aus dem Grund da, dass Frau Vertido nicht mehr da ist, das ist schwer für uns zu vergessen. Sie hätte anders zu uns stoßen sollen, denn ihr unbefangen entgegenzutreten ist echt nicht leicht, wenn wir all diese falschen Gedanken im Hinterkopf haben.

Die Blonde wird gerade bei Frau Prosch und Anhang vorgestellt, da kann sie natürlich auch nicht viel positives Entgegenkommen erwarten.
Die meisten der Älteren sind sowieso nicht gut zu sprechen auf „die Aushilfe“, denn Frau Vertido war eine jener wenigen ausgewählten Junglehrerinnen, die an ihrem Tisch sitzen durfte. Sie saß zwar meistens bei uns, hatte aber dort auch einen Platz.

Dann geht die Tür auf und die Sekretärin tippt den Direktor an, ein wenig verhalten wegen der neuen Kollegin. „Herr Jochender? Da ist jemand am Telefon für Sie.“
„Muss das jetzt sein? Sie sehen doch, dass ich,“

„Es ist wichtig.“ versetzt die Sekretärin, sodass sich der Direktor geschlagen geben muss.
Entschuldigend zuckt der Mann die Schultern und wirft Frau Bornholm einen Blick zu. „Sie verzeihen.“
Damit verlässt er das Lehrerzimmer und lässt die Blonde stehen, die wie bestellt und nicht abgeholt wirkt und nicht so richtig etwas mit sich anfangen zu wissen scheint.
Sie schleicht um die Tische, ist sich nicht so sicher, was sie nun sagen soll.

Frau Rondell kommt herein, setzt sich auf den Stuhl, vor dem die Neue steht, und sieht sie ausdruckslos an.
„Anja.“ stellt sich die Frau vor und streckt die Hand aus, woraufhin die Kollegin ihr die Hand reicht.
„Rondell.“
Die Lehrerin lacht auf, ein wenig hilflos. „Nein, nein, Anja ist mein Vorname.“
Frau Rondell legt abweisend die Stirn in Falten. „Darüber bin ich mir durchaus bewusst.“

Ich ärgere mich. Ich missbillige unser Verhalten, unsere Einstellung, unsere Verbohrtheit.

Würde ich uns heute kennenlernen, wollte ich nicht bei uns unterrichten.
Ich stelle mir vor wie Anja heute nach Hause kommt, erschöpft und enttäuscht von diesem ersten Tag, an dem sie sich eigentlich nur mal umsehen wollte, und während dem sie auf soviel Ablehnung gestoßen ist ohne etwas dafür zu können. Wie ihr Freund sie in den Arm nimmt und sagt: „Nimm es nicht so schwer, Schatz, du weißt, es ist eine schwierige Situation für das Kollegium.“

Aber vielleicht hat sie ihr niemand davon erzählt oder sie nicht ihrem Freund und vielleicht hat sie ja auch keinen Freund oder nicht einmal eine Katze, die ihr Trost spenden kann, dann sitzt sie da und ist allein mit ihren Zweifeln.

Und irgendwie ist es auch unfair, wir wissen doch alle, wie schwer es ist neu an einer Schule zu sein, wenn man das Gebäude und die Schüler nicht kennt und im Kollegium noch keinen Platz hat.
Wenn man nicht weiß, ob man über einen Witz lachen soll oder nicht, zu wem und zu was man etwas sagen kann, weil ständig dieser Gedanke da ist es sich mit den neuen Kollegen zu verscherzen.

Ich erinnere mich nicht gern an meinen ersten Tag an unserer Schule. Und ich bin damals überaus freundlich aufgenommen worden.

Ich lasse die Tests also Tests sein, es wäre sowieso gelogen zu behaupten ich hätte auch nur einen Gedanken an sie vergeudet, stehe auf und gehe auf die Neue zu.
„Kommen Sie mal mit, Anja, ich mache Sie mit unser aller bestem Freund bekannt: Der Kaffeemaschine.“
Sie lächelt mich an, das erste Mal wirkt sie ehrlich froh, seit sie das Lehrerzimmer betreten hat, und folgt mir in die Küche.

Mit einem Kopfnicken nach draußen deute ich zu meinen Kollegen. „Nehmen Sie es nicht persönlich, die ganze Situation ist für sie eben…nicht gerade leicht, wie Sie sich denken können. Die Damen an dem Tisch eben sind auch mir gegenüber anfangs ziemlich reserviert gewesen, das legt sich mit der Zeit aber bei den meisten.“
Sie sieht mich erleichtert an, die Anspannung ist aus den Zügen um die Mundpartie gewichen.

„Und die Kollegin, die Sie gerade kennen lernen durften, Frau Rondell, steht sowieso auf Kriegsfuß mit allen Referendaren und Junglehrern, das eben war also recht blöd, hatte aber ganz sicher nichts mit Ihnen zu tun.“ schließe ich meinen Gedankengang zu der Situation eben ab und frage mich dabei, warum ich eigentlich nicht meine eigene Fernsehserie habe, da könnten meine Gedanken nämlich gleich nebenher als Off-Kommentar laufen.
Würde auch keinen stören, wo ich sie ja eh immer ausspreche.

Anjas braune Augen erfassen mich mit einem vertrauenden Blick. „Danke, dass Sie das gemacht haben, Frau-“
„Falke.“ sage ich, lächle und ergänze augenzwinkernd: „Und Sie sollten Frau Bornholm sein, zumindest bis Sie wissen, zu welcher Gruppe Sie sich zuordnen.“

„In meiner alten Schule haben wir uns alle beim Vornamen genannt.“ erzählt Anja verwundert über unsere verhaltene Art was das angeht und ich muss denken, dass das sicher noch interessant wird mit ihr.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Ich weiß gar nicht, warum ich mich mit manchen Kollegen duze und mit anderen sieze, obwohl mein Verhältnis zu letzteren eigentlich besser ist als das zu ersteren.
Aber wie sagte Emily auf mein Sinnieren schulterzuckend? Hat sich halt so ergeben.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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15 Antworten zu Anja

  1. Nele schreibt:

    *mal heimlich reinschleich*

    Und wieder kümmert sich Frau Falke um andere …
    Blödes Helfersyndrom …

    *wieder rausschleich*

    • Frau Falke schreibt:

      *aufhalte*
      *hilflos die Arme hebe*
      Was soll ich anderes machen? Wir SIND nicht fair, so viel steht fest. Frau Bornholm tat mir Leid. Und ich hoffe die anderen erkennen, dass es falsch ist. 😦

      • frl_wunder schreibt:

        blödes Helfersyndrom oder Glück für Frau Bornholm würd ich da mal sagen…
        Die will ich in dieser Situation nämlich garantiert nicht sein…

        • Frau Falke schreibt:

          Wer würde das schon wollen? Ich denke, wenn sich die anderen Kollegen mal darüber Gedanken machen, merken sie selbst, was sie da anrichten. Ich hoffe, es wird anders. Dass es nur das erste Mal war. Dass es unglücklich war, dass Jochender gerade in dem Moment weg musste. Dass es ein dummer Zufall war, dass Anja an Frau Rondell geriet. Dass… alles.

    • michael schreibt:

      > Und wieder kümmert sich Frau Falke um andere …

      Hä. Sie ist die einzige, die sich halbwegs anständig gegenüber einen neuen Kollegin verhalten hat.

      • Frau Falke schreibt:

        An sich war es selbstverständlich etwas zu tun, vielleicht sogar zu wenig. Wäre Jochender nicht weggerufen und sie bei uns am Tisch vorgestellt worden, wären die Reaktionen auch besser gewesen als am Nicht-Neulehrer-Tisch, zumindest hoffe ich das. Letztlich war das Ganze aber ein riesiges Ärgernis. Und diejenige, die uns sonst immer zur Vernunft ruft, selbst eine der Unvernünftigen.
        Ich werde mal sehen, wie das jetzt läuft. Mit Emily, Sarah, Felizitas und Stefan habe ich auch schon gesprochen. Wir werden sie auf jeden Fall bei uns aufnehmen. Die Frage ist, wie wir die anderen dazu bekommen mitzuziehen. Sonst ist das kein Zustand.

      • Nele schreibt:

        Ich hätte an Frau Falkes Stelle nicht anders gehandelt. Aber ich weiß einfach (und Frau Falke inzwischen auch) … man muss auch manchmal an sich denken und nicht immer alle „Hilfesuchenden“ an sich reißen. Irgendwann reichen nämlich die eigenen Kräfte nicht mal mehr, um sich selbst zu helfen und man bricht zusammen.

        Dass der Kollegin geholfen werden musste, steht überhaupt nicht zur Frage, wie gesagt, ich hätte genauso gehandelt …

  2. schrecklassnach schreibt:

    Die Arme neue Kollegin! Bei allem Verständnis für Trauerarbeit, aber das Verhalten an dem Morgen grenzt an Mobbing. Man sollte doch meinen, dass sich im Lehrerzimmer erwachsene Menschen aufhalten. Was wäre Ihrer Meinung nach denn besser gewesen? Dass die Stelle nicht neu besetzt wird? Vielleicht sollten Sie vorschlagen, dass der Unterricht der verstorbenen Kollegin auf die anderen Lehrer verteilt wird. Unentgeltlich natürlich.

    • Frau Falke schreibt:

      Verzeihen Sie die klaren Worte, aber ich fühle mich in diesem Kommentar zu Unrecht angegriffen. Ich glaubte deutlich gemacht zu haben, wie sehr ich das Verhalten des Kollegiums ablehne, mehrmals habe ich es betont, mehrmals geschrieben. Und auch die erste Zeilen will ich nicht ironisch gelesen wissen.
      Dass die Neubesetzung der Stelle nötig ist und eben kein (!) Ersatz, sollte jedem klar sein. Auch die Kollegen wissen das meiner Meinung nach. Der Vorschlag ist keine richtige Spitze – manche würden das in falsch verstandener Treue vielleicht in Betracht ziehen. Dass hier eigentlich ein Aufarbeiten nötig wäre, versteht sich von selbst.

      • schrecklassnach schreibt:

        Ich wollte nicht Sie persönlich angreifen, aber mir ist das Verhalten Ihrer Kollegen nicht verständlich. Ich selbst war einmal in der Situation, dass ich eine Stelle einer Mitarbeiterin übernommen hatte, welche entlassen wurde. Für mich war diese Arbeit vom ersten Tag an ein Spießrutenlauf erster Güte. Ich bin dann von mir aus in der Probezeit gegangen, sonst wäre ich krank geworden. Wenn ich also solche Geschichten höre, reagiere ich recht dünnhäutig. Frieden?

        Ich lese ansonsten Ihren Blogg sehr gerne!

  3. Nadine schreibt:

    Arme Anja! Sie tut mir echt leid! Ich hab auch vor 2 Wochen neue Kollegen bekommen – das war das absolute Gegenprogramm! Ich möcht mir gar nicht vorstellen, wie es mir gegangen wäre, wenn ich so wie Anja empfangen worden wäre.

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