Chemiezeit

Ich habe einen Zettel bekommen, der uns auf Änderungen aufmerksam macht, welche die künftige Bewertung unserer G8-Schüler betreffen. Aber auch nach dem dritten Mal lesen bin ich nicht schlauer aus dem hochgestelzten Kauderwelsch geworden, stehe kurz davor aufzugeben und sehe in diesem Augenblick Conny durch das Neulehrerzimmer huschen. Wenn sie nicht Bescheid weiß, dann niemand.

„Frau Porsch? Kann ich Sie kurz etwas zu der neuen Anordnung fragen?“ erkundige ich mich, unsicher, ob sie sich mit mir beschäftigen kann, denn sie sortiert gerade in beeindruckendem Tempo Bücher aus dem Regal und in das Regal.
„Kurz, Frau Falke, oder doch eher länger?“ harkt sie nach, stapelt einige Bücher aufeinander und hat schon die nächsten wieder in dem richtigen Teil des Regales eingeordnet.
Verunsichert streiche ich mir eine Strähne aus dem Gesicht und folge ihr zu einem der Regale an der gegenüberstehenden Wand. „Naja, das kommt wahrscheinlich darauf an, wie Sie „kurz“ definieren.“
Die Kollegin mustert mich mit einem Seitenblick, nimmt ihre Bücherstapel und Taschen und deutet mit einem Kopfnicken zur Tür. „Dann kommen Sie mit, ich muss noch etwas vorbereiten.“

Irritiert folge ich ihr, bekomme noch von Felizitas  meine eigene Tasche gereicht, die ich sonst wahrscheinlich vergessen hätte, und bin kaum drei Sekunden später schon auf der Treppe auf dem Weg nach unten. „Sie legen aber ein Tempo vor.“
„Zeit ist kostbar.“ erklärt mir Frau Porsch, reißt im Vorübergehen einen Zettel von der Infowand, läuft nochmal quer durchs untere Lehrerzimmer, wirft den Zettel weg, nimmt ihre schon fertigen Kopien, hängt beim Durcheilen des Kopierraums noch einen anderen Zettel auf, holt einen Stapel Ordner aus ihrem Fach und biegt kaum einen Atemzug später in den Gang ein, der zu den Chemieräumen führt. Sie bleibt stehen, schließt die Tür zur Sammlung auf und ich muss mich beeilen, dass ich noch durch die Tür komme, bevor sie diese schon wieder zugezogen hat.

„Sie sind ja wahnsinnig schnell und ich… stehe in der Chemiesammlung.“ Mein Gehirn scheint sich nicht halb so beeilt haben meiner Kollegin zu folgen wie der Rest meines Körpers.
Frau Porsch lächelt, als denke sie sich ihren Teil, und beginnt herumzuwirbeln, ohne, dass es aussieht, als wäre sie hektisch oder ähnliches.
Sie ist in ihrem Element, diese Sammlung ist ihr zweites Zuhause, hier kennt sie jeden Topf und jedes Tiegelchen, jedes Reagenzglas und jeden Spachtel. Sie weiß, welche Bücher in den Regalen stehen, was in welchem ihrer Kapitel steht und könnte wahrscheinlich seitenweise aus ihnen zitieren. Sie ist mit jedem der nicht mehr ganz so weißen Kittel per Du, weiß die Mengen der Chemikalien ebenso wie die Form, in der die Schule über diese verfügt, und hat ihren Rolltisch in einer solchen Geschwindigkeit mit Materialien beladen, als habe man die Fast-Motion-Taste bei seinem DVD-Spieler gedrückt.

Im nächsten Moment hat sie den Tisch rüber in den Raum gefahren, den Bunsenbrenner mit einer einzigen Handbewegung angezündet und irgendwas Glitzerndes mit einer Pipette in ein Becherglas gefüllt. Das Glas steht jetzt auf einem Stativ (Wow, ich weiß die ganzen Begriffe noch! Dabei ist meine Schulzeit ja auch schon etwas her…) über der Flamme und Frau Porsch zwei Meter weiter am Abwiegen. Sie verteilt allerlei pulverförmige Chemikalien auf die runden Papierdinger (Soviel zu meinem Vokabular.) und legt diese dann auf ihrem Pult zu ordentlichen Reihen.
Sie holt den Kasten mit Brillen von hinten aus einem der Schränke, kommt zurück, kontrolliert, was auch immer sie gerade am Erhitzen ist, und packt die Bücher von vorhin aus, ihre vielen verschiedenen Ordner, zwei  Stapel Zettel, einer von diesen ist der, welcher auf wundersame Weise schon kopiert war, und eine einzelne Folie, die wirkt, als würde sie schon seit einem guten Jahrhundert in unserer Schule benutzt. Dann fährt sie den Overheadprojektor vor, öffnet die Tafel und schreibt schon das Thema des heutigen Unterrichtes an, da habe ich noch gar nicht mitbekommen, dass sie die Tafel abgewischt hat.

In der Sekunde, in welcher sie die Kreide neben ihren Ordner auf den Tisch legt, klingelt es zum Pausenende, als hätte ein unsichtbarer Regisseur die Szenerie verfolgt und nur auf den richtigen Augenblick gewartet.
Frau Porsch lächelt mich an und deutet auf einen der Stapel. „Die Zehner schreiben gleich erst einmal eine Leistungskontrolle über den Stoff der letzten vier Stunden, bis die soweit sind ist mein Vorführexperiment dann auch so weit und der Schülerversuch kommt gleich hintendran.“
„Zeit ist kostbar.“ antworte ich und sehe zur Tür, die schon aufgeht und fröhlich in den Raum strömende Schüler herein lässt. Denen wird das Lachen aber sicher gleich vergehen.
„Zeit ist kostbar.“ stimmt Frau Porsch mir zu und bevor ich aus der Tür schlüpfe höre ich sie noch sagen:
„Und Chemiezeit ist ganz besonders kostbar.“

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Ich habe sie gar nicht gefragt was ich fragen wollte. Was wollte ich noch gleich wissen?

P.P.S.: Die runden Papierdinger heißen Filterpapiere. Hah!

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Einfach nur schön abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

25 Antworten zu Chemiezeit

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Mit Filterpapier hat meine kleine Schwester am Tag der offenen Tür an ihrer Schule schöne Experimente mit Viertklässlern gemacht. Leider ist kein einziges meiner Fotos davon geworden :(.
    Ich hoffe, am Ende konnten Sie ihre Frage noch stellen und erhielten Hilfe :).

  2. Mit Filterpapier, Kitteln und Brillen haben wir heute auch im Chemieunterricht gearbeitet. Wir haben unsere eigenen Seifen hergestellt 😀
    Und Frau Porsch erinnert mich ziemlich an Frau Einstein zumindest was die Chemiesammlung und Zeit ist kostbar angeht.^^
    Liebe Grüße,
    Das Monsterchen

  3. Nadine schreibt:

    Liebes Fälkchen, sooft wie Du harkst statt hakst, könnte man meinen, Du wärst Gärtnerin!
    *klugscheißermodus aus*

    • Frau Falke schreibt:

      Ich genug Menschen dazu bekomme es mir gleichzutun wird es als Sprachwandel anerkannt und in den Duden übernommen. Ich bin also gar nicht unverbesserlich, sondern arbeite an meinem Weltherrschaftsplan…

  4. pausenkaffee schreibt:

    Genau so eine Person braucht jede Fachschaft. An meiner alten Schule hatte ich einen Physikkollegen, der ganz ähnlich war. Immer unter Strom, ständig auf Achse und immer am Herumwuseln. Auf seinem Tisch waren die abenteuerlichsten Aufbauten, die ich je gesehen habe! Ein mal fragte ich, was das sei und er antwortete, dass er mit seinem Grundkurs einen Ionen-Antrieb baue. Kurz darauf stellte sich heraus, dass es nicht nur die Wahrheit war, sondern sogar funktionierte. Respekt vor solchen Leuten!

  5. Jürgen schreibt:

    Dieses Outing ist nett. Stimmt nun das eine oder das andere?

  6. Pingback: Chemiehierarchie | sovielzumthemaschule

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s