Pubertär

In der Acht b ist heute das große Gekreische los. Das liegt vor allem an den Jungs, oder besser, an ihrem neusten Geniestreich. Der Kollege, der zuvor in der Klasse war, versteht gar nicht, was los ist, aber er warnt mich , dass etwas die Mädchen dazu bringt diese nervigen, hochfrequentierten Quietsch-Geräusche zu machen.
Ich bin also streng genommen gewarnt, als ich an diesem Morgen den Klassenraum betrete, was leider nicht bedeutet, dass ich weiß, worauf ich mich einlasse.

Die ersten fünf Minuten geht auch noch alles gut, ich begrüße die Schüler noch von der Tür aus, stelle meine Tasche auf dem Pult ab und – stutze. Sie haben Werbekarten für Safer Sex auf dem Tisch verteilt.

Jetzt kann ich als Lehrerin ja auf die verschiedensten Weisen reagieren, mit Kopfschütteln, einem klärenden Gespräch, mit gespielter Entrüstung oder einem einfachen Lachen. Was davon pädagogisch wertvoll ist und was nicht steht hier wohl außer Frage, aber irgendwie läuft es bei solchen Angelegenheiten immer mehr auf mein Naturell heraus als auf die Vernunft oder irgendwelche blöden Regeln.
„Oh, wie ich sehe wird in dieser Klasse auf sichere Verhütung Wert gelegt. Das ist ja mal sehr löblich. Ich hoffe, dass ihr an eure Hausaufgaben ebenso gewissenhaft gedacht habt.“

Die Schüler grinsen, ich kann die Karten zusammenraffen und sie in der Schublade versenken. Jede Wette, beim nächsten Kollegen haben sie die wieder auf dem Pult liegen.

 

Wir vergleichen die Hausaufgaben und alles ist soweit ruhig, doch als ich mich zur Tafel drehe geht das Gekicher wieder los. Als ich die Tafel dann auch noch aufklappe, können sie sich kaum noch halten.
Sie haben die Tafel vollgekritzelt mit, nun, wenn ich ehrlich bin, könnte ich jetzt sagen es waren Augen. Aber ich denke wir wissen alle, dass es Brüste waren.
„Okay, der Aufklärungsunterricht scheint bei euch ja toll anzuschlagen. Gibt es noch andere Überraschungen, auf die ich mich einstellen muss oder war es das erst mal?“

Das finden sie dann nicht mehr ganz so lustig, demnach kann ich die Tafelanschrift ohne weitere Störungen von meinem Zettel übertragen. Als wir das Ganze dann besprochen haben und sie es abschreiben sollen, gibt es dann jedoch wieder Unruhe.

Ich versuche die Schüler zu ignorieren, weil mir noch nicht ganz klar ist was sie nun wieder am anstellen sind, da sehe ich, dass ein Radiergummi durch die Klasse fliegt. Den Werfer sehe ich mit hochgehobener Augenbraue an, er guckt schnell weg. Die Mädchen neben ihm reichen etwas rum, ich wüsste gern was.

 

Als das nächste Radiergummi fliegt, reicht es mir. „Okay, Leute, was ist los? Was gibt es denn da so Interessantes zu bestaunen?“

Ich nähere mich dem Tisch Janines, die augenblicklich rot wird.

„Frau Falke…“

„Ja, meine Liebe?“

„Das ist peinlich.“

„Dann solltest du es nicht herumreichen. Also, was ist es?“

 

Mir wird ein Radiergummi ausgehändigt, das auf allen sechs Seiten mit Bleistiftskizzen von Penissen verziert ist.
„Das ist jetzt aber nicht euer Ernst, oder? Ihr seid heute echt kindisch.“

„Wir sind doch nicht kindisch.“ weist Jonas diesen Vorwurf von sich.

„Ach, nicht? Und wie willst das dann nennen, was ihr seid?“

„Pubertär.“

 

 

Stimmt, wie konnte mir nur ein solcher Fehler unterlaufen?

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Die Karten lagen beim nächsten Kollegen auf dem Pult. Und beim Übernächsten. Und bei dem danach.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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27 Antworten zu Pubertär

  1. theni schreibt:

    Och deren Probleme möcht ich haben xD
    Wunderbar… 😀

  2. Nadine schreibt:

    Finde, Du hast cool reagiert – da bist bestimmt mal wieder Gespräch im Bus als coolste Lehrerin der Schule!

  3. grundschulkletterei schreibt:

    Ach schön Phase, die hat doch jeder wunderbar gemeistert, naja fast alle.
    So lange sich das nicht über Wochen erstreckt.

  4. Interessant was deine Schüler so machen, erinnert mich an das was Mr. Suit uns heute erzählt hat, von wegen wir wären verklemmt und könnten nur mit Gekicher und Rotwerden über sexuelle Themen sprechen.^^
    Und zu kindisch, ist doch schön kindisch zu sein. Ich als Jüngste in der Klasse genieße jeden Augenblick, wenn ich auch mal kindischen Mist machen kann (auch wenn meine Mitschüler das dann gerne nenervt belächeln und ich dann nur erwiedere dass ich das darf weil ich eben teilweise 5 Jahre jünger bin als die). Ok, solche Dinger dreh ich nun nicht, aber kindisch sind meine Ideen manchmal auf jeden Fall. 🙂
    LG
    Das Monsterchen 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke in deinem Fall ist es etwas anderes, zudem habe ich ja nicht verurteilt, dass sie kindisch sind. In der Jugendphase ist es nur normal sich derart zu verhalten, die Identitätsfindung ist nur durch Ausprobieren möglich und das rein biologische Erwachsensein heißt nicht allzu viel… 🙂

  5. Nicole schreibt:

    Penis *hihihi*

    😀 Absolut pubertär!

  6. pausenkaffee schreibt:

    Kommentar einer siebten Klasse in der Hälfte des Schuljahres „Sie haben eine schwere Zeit mit uns vor sich“ – „Warum das denn?“ – „Wir sind in der Pubertät, da sind wir nun mal schwierig“ 😉 Fand ich süß.

  7. sofieseesstars schreibt:

    bei uns war das auch nicht besser, aber die lehrer haben lange nicht so cool reagiert 🙂

  8. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Meine Klasse hat sowas „damals“ noch nicht gewagt – aber meine damalige beste Freundin hat mit zwölf mal den Rand ihrer Klassenarbeit mit Gliedern „verziert“. Außerdem mit Totenköpfen. Da war die Lehrerin doch etwas sehr erstaunt *g*.

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