Am Pult

Die Klassenfahrt ist vorbei, die Kollegen haben sich zusammengerauft und meinen Schlafentzug habe ich am Montagabend nachgeholt. Mittlerweile ist es die zweite Stunde und die Schüler sollen eigentlich ihre Aufgaben erledigen, weshalb ich mich auf der Heizung niedergelassen habe, welche die Kälte, die mir seit heute Morgen in den Knochen steckt, auch nicht recht vertreiben kann.

Da unterbricht Tim die herrschende Arbeitsruhe. „Frau Falke, dürfen wir Sie mal was fragen?“

Sofort sind alle Augenpaare aufmerksam auf mich gerichtet, die Klasse wartet gespannt, was ich erwidere. Entweder wollen Sie also über mich oder über einen meiner Kollegen reden.
„Ja, sicher.“

„Was haben Sie gegen Ihr Pult?“

Irritiert sehe ich den Jungen an. „Gegen das Pult? Was soll ich gegen das Pult haben?“

„Naja, es ist halt so,“ setzt Nicole zur Erklärung an. „Normalerweise kommen die Lehrer rein und setzen sich ans Pult. Aufstehen tun sie eigentlich nur, wenn sie was an die Tafel schreiben oder den Overheadprojektor brauchen.“

 

Das leuchtet mir ein. Nur warum soll ich dann mein Pult hassen?
„Und wo ist dann das Problem?“

„Sie machen das nie.“

„Ich mache das nie?“

„Nein, schauen Sie mal.“ sagt Lea-Sophie und im nächsten Moment sind sie und ihre beste Freundin Julia auch schon aufgestanden und zur Tafel gestöckelt.
Julia diktiert, während Lea-Sophie schreibt und ich freue mich, dass ich auf der Heizung sitze, von dort aus komme ich mir nämlich ein wenig wie ein Zuschauer in einem Theater vor. Da kann ich mir einbilden, dass die Mädels jetzt nicht meinen Unterricht torpedieren.

Oh, der Hausmeister sperrt draußen den Weg ab, sicher kümmert er sich um die Frühjahrsbepflanzung. Wie lange es wohl dauert, bis er die Beete rundherum um die Schule fertig hat?

 

„So, Frau Falke, jetzt sehen Sie mal her. Träumen in Ihrem eigenen Unterricht, also echt.“ Julia schüttelt den Kopf und deutet auf das Angeschriebene.
„Wir haben uns das Ganze nämlich mal genauer angeguckt.“

„Sie haben im letzten Monat zweimal auf der Fensterbank gesessen, viermal im Türrahmen gestanden und dreimal auf der Heizung gesessen.“ zählt Lea-Sophie auf.

„Auf dem Pult haben Sie fünfmal gesessen, auf einem unserer Tische dreimal und an der Tafel immer mal wieder gestanden, aber eines, Frau Falke, haben Sie nie gemacht. Wie alle anderen Lehrer ganz einfach nur am Pult gesessen.“ schließt Julia         grinsend.

Ich stehe auf und komme auf die Schülerinnen zu. „Und die Zahlen sind wirklich richtig so? Ich  meine, die habt ihr euch nicht ausgedacht oder so?“

„Nein, auf die ist hundertprozentig Verlass.“ erklärt Ben schnell.

 

Mit schiefgelegtem Kopf betrachte ich mir die Zahlen an der Tafel. „Bin ich wirklich so am Wandern? Ich meine, habe ich tatsächlich nicht ein einziges Mal am Pult gesessen?“

„Sieht so aus.“ tönt es von den Schülern zurück.

Ich schüttelte den Kopf und lasse mich auf dem freien Tisch nieder. „Wer hätte das gedacht.“

 

„Frau Falke?“

„Ja?“

„Sie machen es schon wieder.“

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Ich hoffe, dass sie aus den letzten Stunden mehr mitgenommen haben als das Wissen, wo ich mich befand. 🙂

 

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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53 Antworten zu Am Pult

  1. theomix schreibt:

    Wer Werte vertritt, kann nicht einfach so vom Pult der Zeit abhängig sein. :mrgreen:

  2. Ich finde das viel besser wenn Lehrer nicht die ganze Zeit am Pult hocken, (sorry hab grad kein besseres Wort dafür) sondern durch die Klasse wandern und mal hier oder mal da stehen/ sitzen. Das lockert die Atmosphäre ein bischen auf 🙂

    Lieben Gruß,
    Das Monsterchen 🙂

  3. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Um ehrlich zu sein habe ich noch nie einen Lehrer gesehen, der permanent dort sitzt. Noch nie!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hatte damals welche… Damals. 😉

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Und die saßen auch dann am Pult, wenn sie nicht gerade etwas schrieben oder korrigierten? Ich kann mir das so schwer vorstellen, alle Lehrer die ich hatte sind immer durch die Klasse getigert und haben uns damit heidennervös gemacht.
        Wobei okay, mich nicht, ich saß ganz hinten, bis zu mir kamen sie selten. Aber dennoch… muss gruselig sein, wenn sie nur dasitzen und die Klasse anstarren *brrr*

        • Frau Falke schreibt:

          Der Erdkundelehrer hat damals den Klassenraum betreten, sich ans Pult gesetzt und die Zettel austeilen lassen. Am Ende der Stunde stand er auf und ging. Keine Tafelanschriften, kein Herumtigern. Aber er wird wohl eine Ausnahme gewesen sein.
          Für mich wäre es jedenfalls nichts. 😀

          • Evanesca Feuerblut schreibt:

            Das ist möglich – oder die Lehrer früher waren ruhiger, wer weiß.
            Heutzutage wird einem auch im Lehramtsstudium beigebracht, man solle omnipräsent sein und immer in der Stillarbeitsphase dne Kontakt mit den Schülern suchen. Und eben herumlaufen, damit es keine toten Winkel gibt, in denen Schüler machen können was sie wollen *g*.
            Für mich wäre Stillsitzen auch nichts :).

  4. michael schreibt:

    Da haben die Kinder doch eine richtig schöne Statistik gemacht. Sie hättten nur noch die Verweildauer von Frau Falke an den jeweiligen Orten messen sollen. Die mittlere Verweildauer wäre dann Frau Falkes persönlicher Hippelfaktor.

  5. christiandierks schreibt:

    Wirklich herzallerliebst! ❤

  6. PMK74 schreibt:

    Na dann willkommen zurück. Die spontane Klassenfahrt gut überstanden?

    Ich vermute, das mit dem Pult liegt daran, dass dort
    a) keine Heizung ist
    b) die Steh-/Sitzhöhe nicht auf Ihre Körpermaße abgestimmt sind
    c) Ihr persönlicher Lehrerwohlfühlfaktor am Pult aufgrund der Distanz zur Klasse schlechter ist, als an anderen Positionen im Klassenraum.
    😉

    Ich habe in meiner Schulzeit aber auch nur wenige Lehrer erlebt, die nur am Pult saßen. Oft waren sie im Klassenraum unterwegs, um Spickzettel zu finden oder unterrichtsfremde Tätigkeiten der Schüler zu unterbinden. ^^

    • Frau Falke schreibt:

      Die Klassenfahrt war richtig gut und ich habe mich wahrscheinlich mehr erholt, als ich es in einer Schulwoche gekonnt hätte.

      Zu a) Oh ja. Das ist ein Manko ohne Ende.
      b) Stimmt auf jeden Fall. Ich wirke am Pult soooooooo klein, gerade wie eine Schülerin. Da bringen meine hohen Schuhe nämlich auch nichts.
      c) Ja. ❤

  7. pausenkaffee schreibt:

    Ich bin ja der Meinung, dass es irgendwie ein Steckenpferd von uns Junglehrern ist. Ich hab in meiner ganzen Zeit vor der Klasse auch noch nie auf dem Lehrerstuhl gesessen. Schon einige Male in den Reihen der Schüler, wenn ein Vortrag oder eine Präsentation an der Tagesordnung war, aber nie auf dem Stuhl des Lehrers 😉 Auf dem Pult öfter, auf der Fensterbank genauso. Aber ich habe auch beobachtet, dass vor allem ältere Kollegen lieber hinter dem Pult sitzen, als vor dem Pult zu stehen, wenn sie was erklären. Hat vielleicht was mit Autorität zu tun?

    • Frau Falke schreibt:

      Im Teamteaching wären wir beide sicher amüsant anzusehen – ständig am wandern, uns gegenseitig umrennend und nicht mal für eine Sekunde an dem für uns vorgesehenen Platz.
      Das Pult an sich bietet natürlich Sicherheit, aber ob es uns wirklich weniger autoritär macht, wenn wir nicht auf dem Lehrerstuhl sitzen, wage ich zu bezweifeln… 😉

      • pausenkaffee schreibt:

        Denke ich auch nicht 😀 ich bin gern unterwegs, kann so auf Schüler nicht nur kognitiv, sondern auch räumlilch auf sie zugehen und ich find es einfach entspannter, als der Pult, der zwischen uns Lehrern auf der einen Seite und den Lernenden auf der anderen Seite steht.

    • Theni schreibt:

      Ich glaube, das mit den älteren Lehrern hängt weniger an deren Autorität, sondern eher an ihrer Faulheit. Wenn ich da so an meinen etwas puddingartigen Deutschlehrer denke, der sich nur seltenst von seinem Stuhl erhebt… (gut. Der Physiklehrer sitzt nicht am Pult, sondern auf dem Fensterbrett. Aber auch nur, weil im Physikraum die Pulte keine Stühle haben… 😉 Und der steht in den 1 1/2 Stunden Unterricht wirklich NIE auf.)

      Aber einen Junglehrer am Pult… Das ist wirklich eine Rarität… 😀 (zum Glück. wär ja auch langweilig sonst…)

  8. Theni schreibt:

    Deine Schüler sind wirklich sehr… 😀 (okey. Ich versuche mal nicht daran zu denken, dass wir mal ausgerechnet hatten, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmter Lehrer welchen Pullover/… anhat…)
    Und Lehrer, die nur am Pult sitzen sind von Natur aus die langweiligsten, kein Wunder, dass du das nicht machst… 😛

  9. Effi schreibt:

    Sie scheinen der Klasse ja sehr wichtig zu sein, wenn sie Verhaltensstudien an Ihnen durchführen 😉
    Ich fand immer, dass wenn ein Lehrer hinter dem Pult sitzt gleich viel mehr Abstand zu den Schülern bestand. Steht der Lehrer im Raum, hat er nicht so eine „Mauer“ vor sich (die das Pult darstellt).
    LG

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde auch, dass es von dem Abstand einiges nimmt. Wobei ich auch einige Klassen habe, in denen die Pulte nur Schülertische sind und ebenso in die Aufstellung eingegliedert wie alle anderen Tische auch. 🙂

  10. ullli23 schreibt:

    Jeden Tag aufs Neue platzieren die Schülerlein Reißzwecken und Schwämme auf dem Sitz am Pult… und Du willst Dich einfach nicht setzen! 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Oh, das war mir nicht bewusst… Dann mache ich das natürlich in der nächsten Stunde sofort, wenn das so ist. Wobei – wenn es wehtut, fange ich an zu weinen, und die Kiddies jammern wieder. 😉

      • ullli23 schreibt:

        Du kannst ja vorher prüfen ob es der Schwamm oder die Reißzwecke ist. Der Schwamm tut nicht weh… 😉

        • Frau Falke schreibt:

          Guter Plan… Nur was mache ich bei Reißzwecken IM Schwamm? 😉

          • ullli23 schreibt:

            Reißzwecken im Schwamm wären unfair und sind nach den Genfer Konventionen nicht legal! Du kannst also beruhigt sein. Solltest Du den Schülern dennoch so viel kriminelle Energie zutrauen, empfehle ich Dir die Anschaffung eines kleinen, unauffälligen Metalldetektors… 😉

  11. grundschulkletterei schreibt:

    Hah, sehr nett geschrieben! So lange die Kinder kein Problem haben wenn es ums zuhören geht. Manchmal haben die Kinder irgendwie ein Problem damit wenn ich von woanders erkläre als von vorne.

  12. semiramis schreibt:

    Süss! 🙂
    Welche Klassenstufe unterrichten Sie/unterrichtest du (da kommt der Respekt vor Lehrern wieder durch,… :D) denn?

  13. Frau Weh schreibt:

    Boah, ich LIEBE meinen Stuhl am Pult! Der hat Rollen und – tadaaaa! – ist höhenverstellbar. Also, Frau Falke, da du ja aoffensichtlich ein Sitzzwerg bist, kann ich nur zu diesen Stühlen raten, das vergrößert den Radius in jede Richtung ungemein 😉
    http://www.vs-moebel.de/56.0.html?&L=0&FL=0

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn du wüsstest, was es für einen Terror gibt, wenn man bei uns mal einen Tafelstift haben möchte… Der Vorschlag solch einen Stuhl anzuschaffen würde wahrscheinlich darin enden, dass sie mir die Zurechnungsfähigkeit entziehen. 😉 Aber toll wäre es schon. 🙂

      • Frau Weh schreibt:

        Ich merke mehr und mehr, was wir bei uns für ein Glück mit der Ausstattung haben. Die Chefin mag sein wie sie eben ist, aber sie schafft es – trotz Nothaushalt und Sparzwang – immer irgendwoher Geld für solche Dinge zu beschaffen.

  14. Pingback: Zu welchen Typ Lehrer Frau Falke gehört und warum sie das nicht selbst bestimmen kann | sovielzumthemaschule

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