Ein Herz für Referendare

„Wissen Sie, was das Problem von Referendaren ist? Sie haben keinen Respekt vor uns.“ lautet meine Begrüßung von Seiten der Schüler, als ich heute irgendwann zwischen Mittag und spätem Nachmittag  den Klassenraum der 12b betrete.

Da ich ja mittlerweile stolze Mentorin bin, also meine eigene Referendarin unter den Fittichen habe, höre ich genauer hin. „Wie meint ihr denn das?“

„Na, die meinen immer, sie müssten ihre Autorität heraushängen lassen.“ klärt mich Ben auf.

„Genau,“ stimmt ihm Rebecca zu. „die spielen sich immer so auf. Schmeißen uns aus den Räumen und so. Ich meine -hallo?- wen glauben die bitte vor sich zu haben?“

Ich ziehe mir den Stuhl am Pult vorbei, das in dieser Klasse oft so dreckig ist, dass es mir nicht wie in anderen Klassen als Sitzplatz dienen kann, und nehme auf diesem Platz, wodurch ich mir plötzlich ziemlich klein vorkomme.

Mit schief gelegtem Kopf betrachte ich meine aufgebrachten Schüler und erkundige mich:

„Nun, wen haben sie denn eurer Meinung nach vor sich?“

„Eine Oberstufenklasse! Keine dämliche Mittelstufe.“ ereifert sich Tabea.

„Für was haben wir denn so gekämpft, wenn wir jetzt wieder wie die Kleinen behandelt werden?“ beschwert sich Lydia.

„Die sind es uns schuldig, uns mit Respekt zu behandeln.“ pflichtet ihr nun auch Niclas bei.

Ich weiß, dass gerade eigentlich „Pride and Prejudice“  dran wäre, aber das hier ist viel interessanter. „Sagt mal, Leute, wie kommt ihr auf die Idee, dass euch die Referendare Respekt entgegenbringen müssen?“

Die Schüler sehen mich erstaunt an.

„Nein, mal ganz ehrlich. Was habt ihr bislang erreicht, womit ihr euch ihren Respekt verdient habt?“ Mein Blick erfasst lauter unzufriedene Gesichter.

„Es ist nicht böse gemeint von mir, ich will euch nicht runterputzen oder so. Aber was habt ihr bisher für den von euch geforderten Respekt getan?“

„Wir sind jetzt Oberstufe.“ versucht es Tabea erneut.

„Das mag sein, Tabea, aber allein diese Tatsache ist noch kein Grund, warum man euch Respekt entgegenbringen sollte.“ lasse ich dieses Argument abblitzen.

„Denkt doch mal darüber nach: Ist es wirklich die Tatsache, dass ihr keine Mittelstüfler mehr seid, warum sich euer Verhältnis zu den Lehrern geändert hat? Oder ist es nicht viel mehr die Tatsache, dass ihr mehr Eigenverantwortung tragt?

Dass es eure Sache ist, inwieweit ihr in die Schule kommt, eure Hausaufgaben macht, schwänzt oder euch krankschreiben lasst und all das andere? Ist es nicht vielmehr das, was euch zu Schülern macht, die von ihren Lehrern als Erwachsene und nicht als Kinder respektiert werden? Und ist es nicht das, was ihr eigentlich wollt? Als Erwachsene behandelt werden?“

Da ist die Klasse ruhig. Solche Ansprachen sind sie von mir nicht gewohnt.

Ich hole gerade meine Unterrichtsvorbereitung heraus (die überarbeitete Fassung, nachdem es letztes Jahr ein paar Verständnisschwierigkeiten gab) und möchte anfangen, da meldet sich Svenja zu Wort.

„Aber es geht ja nicht nur um so was, Frau Falke. Zum Beispiel, wenn wir in einem der Räume sind, da kommen die Referendare, spielen sich auf und schmeißen uns raus.“

„Auch aus dem Kunstraum, dabei ist das laut Herrn Neuborn doch unser „zweites Zuhause“.“ erklärt Ben.

„In Bio ist das auch jedes Mal so, und in Musik. Da schmeißt uns immer diese Dürre raus, die braunhaarige.“ erläutert Ann-Kristin.

Frau Berit, denke ich, sage aber mal nichts, warum auch. Ich verlagere mich also wieder auf das Wesentliche und frage gespielt mitleidig (was ich bei den Großen ja auch gut machen kann, die verstehen das): „Ihr armen, kleinen Schülerlein habt also absolut keine Ahnung, warum die bösen Referendare euch aus den Räumen werfen?“

„Na, schon, weil wir in den Pausen nicht in den Fachräumen sein sollen.“ gibt der Erste zu.

„Und weil es verboten ist in den Fachräumen zu essen.“ fällt es dem Nächsten ein.

Ich ziehe mit dem Zeigefinger eine Spur in die dünne Kreidestaubschicht, die sicherlich irgendein Witzbold absichtlich hier verteilt hat. Wie gut, dass ich auf dem Stuhl sitze.

„Ihr meint aber nicht, dass ihr dann einfach in den Pausen aus den Räumen bleiben könntet oder wenigstens aufhören, in den Fachräumen zu  essen?“

„Warum sollten wir?“ Lydia verschränkt sauer die Arme.

Louis scheint mein penetrantes Ein-Herz-für Referendare-Gelaber langsam aber sicher ebenfalls auf den Geist zu gehen. „Echt mal, die anderen Lehrer erlauben uns das schließlich auch.“

Ich stütze meinen Kopf auf und höre auf einen weiteren Kreis auf die kreidestaubüberzogene Platte des Pultes zu malen. „Da sagst du es doch selbst. Die anderen Lehrer erlauben euch in den Räumen zu bleiben. Denn wenn man es genau nimmt, steht in den Schulregeln, dass ihr euch nicht in den Fachräumen aufhalten dürft.

Wenn euch einer der Kollegen also erlaubt, im Raum zu bleiben, dann geschieht dies auf seine Verantwortung. Wenn ihr etwas anstellt, wird er dafür zur Rechenschaft gezogen. Er muss eurer Klasse also vertrauen können.

Ein Referendar oder eine Referendarin, die eure Klasse entweder nicht im Unterricht hat oder erst seit Neustem kennt, die ist natürlich unsicher, inwieweit sie euch vertrauen kann. Und weil in dieser Zeit sehr vieles neu und ungewohnt für die Referendare ist, kann ich es sehr gut verstehen, wenn sie sich die Verantwortung für eine Zwölfte nicht auch noch aufhalsen wollen.“

Ich werfe einen Blick in die Runde.

„Ihr solltet den Referendaren beweisen, dass ihr verantwortungsbewusste Erwachsene seid, dann werden sie euch früher oder später auch vertrauen. Und vor allem aufhören euch darüber lustig zu machen, wenn sie euch rauswerfen wollen, denn ihre Autorität zu untergraben wird kein Weg sein, auf dem ihr zu einem Ergebnis kommt.

Versucht ihnen ein bisschen mehr Respekt entgegenzubringen, wenn sie etwas von euch verlangen, das wäre doch mal ein Anfang. Dann respektieren sie euch vielleicht auch so, wie ihr es euch wünscht.“

Es grüßt ganz lieb

Frau Falke

P.S.: Bitte Ellas, bevor ich den Klassenraum verließ: „Sagen Sie doch das nächste Mal Bescheid, wenn Sie wieder einen Ihrer Pro-Referendar-Tage haben. Nur damit wir Bescheid wissen.“ Aber gern.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu Ein Herz für Referendare

  1. Diese Szene kommt mir irgendwie sehr bekannt vor, also das Referendare uns irgendwo rausschmeißen. Nur bei uns sind es nicht die (Fach-)Räume, da lassen uns die Lehrer auch nicht drinbleiben etc., bei uns ist es meist der Flur oder die Treppe zum Dach bei den NaWi-Räumen. Offiziell dürfen wir Oberstufenschüler uns in den Pausen in unseren Räumen und „unserem Flur“ (also dem vor unseren Räumen) aufhalten, aber wir haben halt auch oft außerhalb des Oberstufentrakts Unterricht und dann sind da halt auch so Flure…
    Naja, inzwischen gibt es aber bis auf so ein paar Personalien keine Probleme mehr mit Lehrern und Referendare, auch weil sich die Referendare gerne unsere Oberstufenausweise zeigen lassen (die wir alle zum Jahresanfang bekommen haben) und wir dann eigentlich immer in Ruhe gelassen werden (zumindest der Großteil von uns, also die Chaoten ausgenommen 😉 )
    Und um das mal klarzustellen: die meisten Referendare, die ich am Anfang richtig schrecklich fand und über die ich mich sehr aufgeregt habe, sind richtig klasse Lehrer geworden!

    Gruß vom Monsterchen 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Oh, die Idee der Oberstufenausweise finde ich klasse! Es scheint mir eine für beide Seiten angenehme Lösung zu sein. 🙂
      Und es ist immer wieder nett zu lesen, dass es nicht nur an unserer Schule so ist… 😉

  2. frl_wunder schreibt:

    „Ein ♥ für Referendare!“
    da freuen sich die Referendare bestimmt, wenn jemand so hinter ihnen steht, haben´s ja sonst nicht leicht 😉

    Also bei uns sind eigentlich die alten Hasen in dieser Hinsicht schlimmer wie die Reffis 😀

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke nicht, dass die Schüler es ihnen erzählen werden. 😉
      Die älteren Kollegen sind bei uns diesbezüglich relativ entspannt, wahrscheinlich, weil sie sich mit den offiziellen Regeln schon arrangiert haben, die jungen jedoch noch „richtig“ handeln wollen.

  3. Wolfy schreibt:

    Och die armen Kleinen. Da haben sie sich Zuspruch gewünscht und dann so was. Böse Greifvogeldame!

    Aber das ist wohl eine Lektion, die jeder hart lernen muss: eben das Respekt eine gegenseitige Sache ist.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich weiß, böses Fälkchen, unterstützt nicht mal ihre lieben Schüler!
      Aber du sagst es ganz richtig: Respekt ist keine einseitige Sache.

      • PMK74 schreibt:

        Zum Thema Respekt fand ich die Aussage „Da schmeißt uns immer diese Dürre raus, die braunhaarige.“ bezeichnend. Sich für jemanden so wenig zu interessieren, dass man dessen Namen nicht weiß und dann Respekt von diesem einfordern, ist… nun ja… anspruchsvoll bzw. fordernd.

        • Frau Falke schreibt:

          Stimmt, das war mir in dem Moment gar nicht aufgefallen. Aber sehr bezeichnend ist es allemal.

        • frl_wunder schreibt:

          bezüglich Respekt haben Sie recht, aber für uns Schüler ist es auch nicht immer so einfach, bei über 100 Lehrern und Referendaren oder Praxissemester-Leuten, die kommen und gehen, die Namen parat zu haben – und bei der Beschreibung weiß wenigstens jeder, wer gemeint ist. Auch wenn´s nicht gerade freundlich ist und zur Forderung nach Respekt nicht passt.

          • Frau Falke schreibt:

            Ich empfinde persönlich eine große Diskrepanz zwischen „dürr“ und „dünn“, diesen Ausdruck finde ich sehr störend. Dass nicht alle Namen sitzen können, finde ich natürlich verständlich, geht uns ja auch oft so. 🙂

  4. apanat schreibt:

    Einerseits wünsche ich Ihnen/dir recht viele Pro-Referendare-Tage. (vgl. http://fontanefan.blogspot.de/2012/04/referendariat-als-gesellschaftlich.html)
    Andererseits kennt man das Problem. Schüler sind stolz darauf, wenn sie Lehrer dazu bringen können, etwas anderes als Unterricht zu machen. Dafür ist – fast – jedes Mittel recht.

    Da muss es doch Sache der Lehrkraft sein, wann sie ihre Pro-Referendare-Tage hat.

    Übrigens, mein Kompliment dafür, dass die Schülerin so reden kann. Das lernt sie nicht überall.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke, es wird von meinen Pro-Referendare-Tagen noch viele geben. Dass das Referendariat weiß Gott eine schwere Zeit ist, unterschreibe ich sofort.
      Dass es meinen Schülern darum ging, mich vom Unterrichten abzuhalten, glaube ich nicht. Sie wissen, dass ich mein Pensum habe und dieses erreiche, was bedeutet, dass sie notfalls mehr als Hausaufgabe aufbekommen. Sie haben einfach ein großes Mitteilungsbedürfnis- und ich kann es gut verstehen. 🙂
      Mit der Schülerin verwirrst du mich nun ein wenig? Sagst du mir, auf welche Aussage du dich beziehst? Denn mir ist jetzt nichts besonderes ins Auge gesprungen. Das wäre lieb. 😉

  5. apanat schreibt:

    @Frau Falke Ich meinte das PS: Bitte Ellas, bevor ich den Klassenraum verließ: „Sagen Sie doch das nächste Mal Bescheid, wenn Sie wieder einen Ihrer Pro-Referendar-Tage haben. Nur damit wir Bescheid wissen.“

  6. apanat schreibt:

    Vielleicht sollte ich noch genauer sagen, was ich an der Äußerung der Schülerin für beachtenswert halte:
    Sie bringt zum Ausdruck, dass sie die Position ihrer Lehrerin für irrational hält und der Meinung ist, bei ruhiger Überlegung werde sie ihre Position wieder zurücknehmen.
    Nicht jede Lehrerin lässt sich so etwas sagen, ohne dass die Schülerin deshalb mit Nachteilen rechnen muss. Das zeigt, dass die Schülerin ihrer Lehrerin vertraut (Das spricht für die Lehrerin).
    Aber diese Kritik, die man aus Schülermund als arrogant empfinden kann, ist so formuliert („Sie setzen sich für die Schwachen ein“), dass es auch gar nicht so leicht ist, darüber empört zu sein. (Das spricht für die Schülerin.)
    Wie ich vorher geschrieben habe, ist die Schülerin meiner Meinung nach im Unrecht.
    Ich habe es immer für eine besondere Leistung gehalten, etwas Falsches so zu sagen, dass es schwer fällt, dagegen zu argumentieren.

    • Vielen Dank, jetzt ist mir auch klar, um was es ging, das war es zuvor nicht. Manchmal ist es schwer die richtige Lesart für Kommentare zu finden. 😉

      Die Deutung der Aussage Ellas teile ich jedoch noch immer nicht. Ist es so abwegig in Betracht zu ziehen, dass die Schülerin lediglich ausgedrückt hat, dass sie weiß, dass es nichts bringt mit ihrer Lehrerin zu streiten, wenn diese von etwas überzeugt ist? Ich neige dazu es Ella gar nicht so schlimm auszulegen…

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