Gone

 

Als ich am Freitagnachmittag nach der Schule nach Hause komme, trägt Herr Falke gerade seinen Koffer aus dem Haus. Normaler Weise arbeitet er freitags lange, es ist nicht normal, dass er schon Zuhause ist. Ich laufe auf ihn zu, bleibe dann jedoch stehen.

 

Er packt den Koffer in den Wagen, der vollgestellt ist mit Taschen. Ich kann nicht glauben, was geschieht, nicht verstehen, was das soll. All diese Sachen, die er zusammengesammelt hat, nicht alles, aber genug um zu gehen. Er hat gepackt und jetzt- was?

Ich verschränke meine Arme, denn ich friere plötzlich. Mein Blick bleibt  an ihm hängen. Bemerkt er mich nicht? Und warum gerade jetzt? Will er gehen? Hat er auf mich gewartet? Habe ich…? Hat er…? Was geschieht hier nur?

Er sieht auf und erblickt mich, schüttelt den Kopf und lächelt leicht. „Sieh mich doch nicht so entsetzt an.“

Fassungslos beobachte ich ihn. Er schlägt die Klappe des Kofferraums zu und kommt zu mir, deutet auf meine Handtasche, die ich neben die Schultasche auf den Boden gestellt habe. „Ist das alles, was du brauchst?“

Ich verstehe gar nichts mehr.

Er streicht über meinen Rücken. „Nun lächle doch mal, du wirkst, als hättest du einen Geist gesehen. Es ist doch nichts los?“

Mit einem Schmunzeln nimmt er die Schulsachen und bringt sie ins Haus. Ich stehe noch immer wie vom Donner gerührt da.

Dann führt er mich zum Wagen, öffnet mir die Beifahrertür und wartet, bis ich mich gesetzt habe. Als er losgefahren ist, mustert er mich. „Hey, jetzt schau doch nicht so. Ich dachte, du freust dich, wenn wir ans Meer fahren?“

 

Den Rest höre ich nicht mehr. Irgendwas von wegen Strand, Entspannung, freies Wochenende.

Irgendwann ergreift er meine Hand. „War die Idee nicht gut, Liebling? Wir können auch wieder umkehren, wenn du möchtest…“

Ich schüttle den Kopf. Streiche mir über meine Wangen, blödsinnige Tränen. Wenn ich mich erschrecke, passiert das immer. Reiner Schutzmechanismus. „Nein, ich finde es toll. Wirklich.“

Wir fahren einige Minuten schweigend. Dann sehen wir uns an. „Die Paartherapie ist richtig, nicht?“
„Das habe ich eben auch gedacht.“

 

Und starten in ein wundervolles Wochenende.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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32 Antworten zu Gone

  1. Nobelix schreibt:

    Und da sag noch mal einer, es gäbe nur schlechte Überraschungen 🙂

  2. bambooos schreibt:

    Das klingt toll! Ich freu mich für dich/euch. Alles wird gut! 🙂

  3. Theni schreibt:

    Sag mal, MUSST du mich so erschrecken? 😉

  4. gotsassaufeinemast schreibt:

    Wie schön 🙂 Alles Liebe euch beiden.

  5. Wolfy schreibt:

    Outsch. Den Schreckmoment kann ich mir lebhaft vorstellen! 😡
    Hattest du die Reise nur vergessen oder war das spontan von ihm?

  6. mathefee schreibt:

    Nach einem kurzen Schrecken machte sich die Erleichterung bei mir breit. Alles Gute für Sie beide!

  7. Nadine schreibt:

    Oh Schock, den Schreck kann ich mir lebhaft vorstellen!

  8. Benni schreibt:

    Als ich anfing zu lesen habe ich mir echt Sorgen gemacht und als ich fertig war mich sehr für euch beide gefreut. Ich hoffe es war/ist ein schöner Urlaub. Das klingt doch mal nach einem sehr guten Ansatz 😉

  9. B wird Lehrerin schreibt:

    Paartherapie im Hause Falke? Hab ich da was verpasst? Find ich gut! Würd mich interessieren, mehr von zu erfahren 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Vielleicht kommt es noch, dass ich berichte, wer weiß. Momentan funktioniert es sehr gut, und ich bin froh, dass wir beide bereit sind an uns zu arbeiten. Vor allem, weil es um das Thema Schule geht, seine Einschätzungen dessen, was ich tagtäglich tue, und meiner Bereitschaft mich diesbezüglich wieder zu öffnen.

  10. ullli23 schreibt:

    Alleine mit der Überschrift hast Du den Schrecken geschickt an uns weitergeleitet! 😉

  11. Nicole schreibt:

    Jetzt sind wir wieder alle wach 😉 Böse!
    Wenn man mal von dem Schrecken absieht ist es doch wirklich schön! Ich finde es toll, das Sie noch nicht aufgeben sondern kämpfen! Das kommt heute viel zu selten vor.

    • Frau Falke schreibt:

      Guten Morgen! 😉
      Ich denke auch, dass es echt schön ist, auch wenn es deutlich gezeigt hat, dass wir einiges haben, das zwischen uns nicht klar ist. Daran zu arbeiten war der einzige Weg- weitermachen ohne Veränderung ging nicht, und wenn man erst einmal einen Menschen gefunden hat, der einem so viel gibt, wäre es fatal ihn sogleich fallen zu lassen, wenn es schwierig wird.

  12. freudefinder schreibt:

    was für eine tolle Geschichte – ich denke das Glück war so deutlich größer als wenn es eine angekündigte Reise gewesen wäre – dann wäre auch der eigene Stress mit dem Packen und der Planung dazu gekommen – so war es nach der Erlösung nur Freude ……. toll

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