Eine unerwartete Wendung

Als ich das Café betrete fühle ich mich ein wenig unsicher, denn die SMS von Daina ist doch sehr kryptisch gewesen. Sie erbat sich eine Nachbesprechung und wollte mich dafür treffen, und als ich mich an ihrem Tisch niederlasse wirke sie auch ein wenig durch den Wind.

Nachdem wir bestellt haben und ich den ersten Schluck meines Latte Macchiatos getrunken, sehe ich sie fragend an. Sie hat alle Ringe, die sie trug, ausgezogen und vor sich auf dem Tisch aufgereiht.

„Meine Deutschstunde vorhin war richtig … Ich weiß nicht. Schlimm? Schön? Ich kann es dir nicht einmal sagen.“ beginnt sie unvermittelt, ihr steigen Tränen in die Augen, sie schüttelt den Kopf.
Ich sage erst einmal nichts, warte, was sie preisgeben will. Meine Gedanken springen. Hoffentlich haben die Schüler es nicht noch schlimmer gemacht. Wenn Daina jetzt auch an sich zu zweifeln beginnt, kann ich nicht sagen, wie das enden wird. Hoffentlich hat sie keinen Fehler gemacht. Wenn sie den Schülern jetzt auch noch wegbricht, wird das diesen nicht gut bekommen.
Doch Daina lächelt mich an. „Ich kann sie sogar verstehen.“

Die Stimmung in der Klasse war mehr als nur bedrückt, als Daina die Klasse betrat. Die Schüler waren ungewohnt still, saßen auf ihren Plätzen und blickten auf die Tische, den Boden, ihre Hände. Die Lehrerin versuchte sich ihre Verwunderung nicht anmerken zu lassen, sie setzte sich ans Pult und schwieg erst einmal eine längere Zeit.

Irgendwann räusperte sich eine Schülerin. „Entschuldigung, Frau Miller? Dürfen wir… Sprechen Sie noch mit uns?“
Daina hob ihr Kinn und blickte in die Runde. „Ich weiß es nicht. Sollte ich das denn?“
Die Kinder wurden unruhig, es entstand Gemurmel, sie verstand nicht, was das sollte. Sie habe überlegt, ob sie fragen sollte, was sie falsch gemacht hatte. Aber sie wollte abwarten, die Situation war so ungreifbar, dass wohl noch einiges passieren würde.

Und dann haben die Schüler es ihr erzählt, ihr erklärt, warum sie nicht gekommen sind, was sie abgehalten hat zu Faust zu gehen, jenem Theaterstück, das wir schon so lange geplant hatten zu besuchen.

Ich weiß, ich rede zu oft von ihr, aber Sandra Vertido war eine wunderbare Kollegin und eine tolle Frau. Sie war die Deutschlehrerin und Klassenlehrerin der Zwölften und hatte mit den Schülern ein recht gutes Verhältnis. Ihr Tod kam überraschend, die Schüler haben es verständlicher Weise nicht gerade gut weggesteckt.

„Gestern dann, als es um das Stück ging, hat jemand von den Schülern daran erinnert, wie begeistert Frau Vertido zu Beginn Unterrichtskorridors von dem Theater erzählt hatte. Wie sie schwärmte und versuchte sie damit zu ködern. Sie meinte, es würde sich lohnen das Buch zu bearbeiten, denn die Aufführung wäre eine Erfahrung, an die man noch lange denkt.“ Daina läuft eine Träne über die Wange, doch sie tupft sie mit einem Taschentuch weg.
„Es wäre ihr Lieblingsstück gewesen, ob ich das gewusst hätte?“

Ich sehe sie an. Mehr nicht. Was soll ich darauf auch antworten können? Das Gefühl, dass mich alles wieder einholt, überkommt mich.

Daina lächelt. „Sie hätten es einfach nicht geschafft hinzugehen, weil es sich falsch angefühlt hätte. Sie wollten mit Frau Vertido dorthin, so wie sie es gesagt hatte, und das war nicht mehr möglich.“

Die Schüler berichteten, dass sie überlegten dennoch zu gehen, sie sich jedoch nicht überwinden konnten. Statt zum Theater wollten sie auf den Friedhof gehen, aber das war ihnen wohl ebenfalls zu viel geworden. Sie trafen sich dann in kleinerer Runde in einer Kneipe und haben den gesamten Abend zusammen gesessen. Sich erinnert. Von ihr gesprochen. Den Moment bewahrt.

Daina schüttelt wieder den Kopf. Dann zieht sie langsam Ring um Ring wieder auf ihre Finger. „Danach haben sie sich entschuldigt, mir nicht Bescheid gesagt zu haben. Es wäre besser gewesen, es tue ihnen Leid.“
Ihr intensiver Blick erfasst mich. „Ich habe abgewinkt. Es war bedeutungslos geworden.“

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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8 Antworten zu Eine unerwartete Wendung

  1. Nicole schreibt:

    Da werden aus den „unzuverlässigen Kindern“ doch ganz schnell „erwachsen werdende Jugendliche“. Ich kann ihre Reaktion da aber total verstehen, das ist ja auch für die Schüler keine leichte Situation. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube dass diese Ehrlichkeit den Deutschkurs näher zusammen bringen wird.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke es war auf jeden Fall nötig, dass die Klasse es zumindest im Nachhinein erklärt hat. Wir können wohl alle nachvollziehen, wieso die Schüler so gehandelt haben, aber es ist ebenso verständlich, dass wir als Lehrer im ersten Moment vollkommen anderes erwarteten.
      Den Deutschkurs hat es sicher näher zusammen gebracht, und auch Daina nimmt durch diese Offenbarung eine andere Stellung zu den Schülern ein.

  2. Pfiffika schreibt:

    Ach verdammt…. Und wieder eine Lektion für uns alle, dass manchmal nichts so ist, wie es scheint.
    Ja, sie hätten Bescheid sagen können.
    Aber auf der anderen Seite ist Trauerarbeit und Umgang mit dem Tod ein so diffiziler Vorgang, der so einzigartig für jeden ist, dass man einfach verstummt, keine Worte findet.
    Gut, dass Klasse und Lehrerin doch wieder zueinander gefunden haben, gut dass Daina erstmal abgewartet hat.

    • Frau Falke schreibt:

      Natürlich wäre es besser gewesen Bescheid zu sagen, ich denke sowohl unsere Reaktion als auch die Tatsache, dass die Schüler in dem Moment nicht offen darüber sprechen wollten, ist verständlich.
      Dass der Tod nicht einfach mit den Trauergesprächen und der Feier abgeschlossen war, ist klar. Man merkt es ja allein daran, wie oft ich sie erwähne. Für uns ist das alles noch lange nicht abgeschlossen.
      Daina hat genau richtig gehandelt, denke ich. Es war gut abzuwarten und ebenso zu verzeihen.

  3. Nadine schreibt:

    Ich finde es gut, dass Daina den Schülern verziehen hat. Schließlich haben diese nicht aus Spaß an der Freud geschwänzt, sondern konnten einfach nicht kommen. Dies wird Daina ihrer Klasse näher bringen, und auch ein neues, intensiveres Vertrauensverhältnis aufbauen. Denke-hoffe-glaube ich.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es auch gut, denn es ist letztlich eine Entscheidung, die ich für richtig halte. Die Gründe der Schüler sind durchaus verständlich, selbst wenn das Handeln (fehlende Abmeldung) und somit das Resultat zu kritisieren sind.
      Zudem gebe ich dir recht, das Verhältnis hat es sicher verbessert, dass die Schüler ihr all dies erzählt haben. Denn wenn man ehrlich ist, hätten sie genauso gut weiter darüber schweigen können.

  4. onlinenoergler schreibt:

    Ich finde es absolut rückratlos, die Bedenken, die im Kurs bestanden haben, nicht im Vorfeld zu kommunizieren. Auf der einen Seite wollen die 12er schon erwachsen behandelt werden – und dazu gehört nun auch mal etwas unangenehmes zu sagen – aber auf der anderen Seite lassen sie die Lehrerin ins offene Messer laufen.
    Im nachinein konnten sie auch sagen was Sache ist und an dem Abend war ein zusammensitzen in ner Kneipe auch kein Problem. Ich denke, wenn die Nicht-Teilnahme DUETLICH vorher angekündigt worden wäre, hätte niemand was dagegen gesagt. Aber so würde ich mir das nicht gefallen lassen und das mit nem Abwinken auf sich Beruhen lassen! Nicht überall nur die Rosinen rauspicken…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke der Punkt ist einfach, dass es für die Kollegin in dem Moment nicht mehr darum ging, dass sie sich das hat gefallen lassen. Sie hat das Gewicht darauf gelegt, dass unsere Betreuung der Schüler nach dem überraschenden Sterbefall der Kollegin Vertido nicht ausreichend gewesen zu sein scheint.
      Die Frage ist nur, was mit der Strafe erreicht werden soll. Denn dass die Klasse einen Fehler gemacht hat, ist den Schülern bewusst geworden. Und so wie sie sich der Lehrerin gegenüber verhalten haben, als wieder Unterricht war, zweifle ich nicht daran, dass es ihnen wirklich Leid tat. Mich würde interessieren: Wie würden Sie das Vergehen des Nicht-Erscheinens ahnden?

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