„Die Schule brennt.“

Seit geraumer Zeit legt Felizitas ein so verändertes Verhalten an den Tag, dass wir sie kaum wiedererkennen. Sie ist irgendwie wie ausgewechselt, spricht nicht mehr über ihren Alltag mit uns, erzählt keine ihrer kleinen Geschichten mehr, lästert nicht mehr über die verschiedenen Outfits unserer Kollegen.
Sie hat kein Gehör für die Probleme Megans, kein Interesse an Emilys begeisterten Berichten, kein müdes Lächeln für Stefans schlechte Witze, kein Auge für Sarahs in Sorge gelegte Stirn. Leslie ist ihr egal, auch Kerstin, Frederik, ebenso Daina, Kelly und ich. Wir alle.

Felizitas ist schlecht gelaunt, unfreundlich, verstimmt. Und sie wirkt wie ein angeschossenes Tier, das sich in die Ecke gedrängt fühlt- sie beißt um sich. Ihre Kommentare werden immer bösartiger, ihr Blick auf die Dinge zynischer, ich kann mit dieser neuentdeckten Ader meiner Freundin nichts anfangen.
Ständig gibt es zwischen uns Streit, keinen lauten, sondern tieferen, Streit zwischen den Zeilen, sozusagen. Gemeine Schlagabtausche, wütendes,  jedoch verschleiertes kujonieren, erboste Spitzen, die in Blicken, Bewegungen, vor allem aber in Worten mitschwingen.

Die Wetten standen 4:1, dass ich diejenige sein würde, die es trifft. Die Explosion, meine ich, die wir alle schon kommen sahen. Denn niemand ändert sein Verhalten und hat keinen Grund dazu, und niemand, der einen Grund hat sein Verhalten zu verändern, sehnt sich nicht danach, dass er sich wenigstens einer Person erklären kann.
Da sie das nicht konnte, die ganze Zeit über nicht, weil niemand verstand, was mit ihr los war, fraß sie den Frust darüber in sich herein, und so war es abzusehen, dass es passieren musste, dass es aus ihr herausbrechen würde. Und unserer Erfahrung nach war es nun mal leichter, über Dinge zu sprechen, die man sich nicht laut auszusprechen getraute, wenn es in Rage geschah, denn Wut löst bekanntermaßen jede Zunge.

Meine Kollegen dachten also, dass ich es sein würde, eher ich als Stefan, mit dem wir anderen schon immer mehr zu tun hatten als Felizitas, und auch nicht Sarah, liebe, gute Sarah, mit der sich sowieso nie jemand streiten konnte. Blieben aus dem inneren Freundeskreis also noch Emily und ich, wobei Emily sich wahrscheinlich einfach umgedreht hätte und gegangen wäre, wenn Felizitas explodiert wäre.
Doch Felizitas blieb ruhig. Sie sagte nichts, sie ließ sich nichts anmerken, dass es dieses Wochenende passieren würde. Und dann schrieb sie an uns alle eine SMS. Eine SMS, deren Inhalt so alt ist wie unsere Freundschaft. „Die Schule brennt.“

 

 

Diese Aussage geht auf Emilys Mentoren zurück, der ihr gesagt hatte, sie dürfe ihn unter keinen Umständen am Wochenende oder in den Ferien anrufen –ein Lehrer brauche nun mal auch seine freie Zeit- es sei denn, die Schule brenne.
Seit sie uns davon erzählt hat, ist es wie ein Code, und wenn jemand dies schreibt, wissen wir, dass wir alles stehen und liegen zu lassen haben und zur Hilfe kommen müssen. Egal welche Tages- und Nachtzeit. Natürlich haben wir diesen Code bislang nicht allzu oft gebraucht. Nur als Lena durch die Prüfung gefallen ist, damals, und als Emilys Mutter ins Krankenhaus kam.

Dementsprechend aufgeschreckt sind wir, als wir diese SMS lesen, und je nachdem, wie schnell wir es schaffen, finden wir uns bei Felizitas ein.
Vor ihrer Haustür treffen wir uns, hören ihr Klavierspiel, das gedämpft zu uns dringt. Ein berauschender Klang, umwoben von einer Unberührbarkeit, einer Verletzlichkeit, die schmerzt. Sie singt kaum greifbar. Mir wird mulmig, Emily neben mir schluckt. Sarah, die mit angehaltenem Atem dastand, klingelt.
Felizitas öffnet uns nach wenigen Minuten, ein kurzes Lächeln auf den Lippen, spricht nachdem sie sich abgewendet hat. „Ihr seid da. Ich hätte nicht länger warten können.“

Wir lösen uns aus der Starre und  folgen ihr und setzen uns ins Wohnzimmer. Emily sieht sie sorgenvoll an. Sie trägt noch das schwarze Kleid. Muttertag. „Was ist passiert?“
Kaum haben wir uns gesetzt, laufen die ersten Tränen, Feli verbirgt ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzt.
„Maus.“ entfährt es mir, suche mit Sarah den Blickkontakt, Emily fährt ihr nun beruhigend mit der Hand über den Rücken. Stefan steht hilflos neben mir. „Felizitas, was…?“

Sie offenbart uns das Geheimnis, das sie die letzten Wochen so einsam hat werden lassen. Der Grund für ihr verändertes Verhalten, für ihr ganzes Benehmen.
„Ich bin schwanger.“

„Oh.“
Wir sehen sie an, als könne uns das eine Antwort geben auf die Frage, wie wir darauf reagieren sollen. Emily beginnt wieder ihr über den Rücken zu streichen, was sie aus Überraschung ausgesetzt hatte. Sarah berührt vorsichtig ihre Hand. „Ist das denn so schlimm?“

Ich merke die plötzliche Unsicherheit, weil wir darüber nie gesprochen haben. Wie das mit der Familienplanung aussieht, meine ich. Wer wie viele Kinder haben möchte. Auch wenn wir in dem richtigen Alter sein mögen, bislang war das einfach nie Thema.
Felizitas hebt ihr Kinn hoch, schließt die Lider und atmet tief durch. „An sich ist eine Schwangerschaft wunderschön…“
Dann öffnet sie die Augen, unter denen der Kajal verlaufen ist und an deren Wimpern Tränen glitzern, blickt uns an mit einer Intensität, mit einer Wut, einer Trauer, die ich nicht ertragen kann.
„Nur: Er will das Baby nicht.“

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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13 Antworten zu „Die Schule brennt.“

  1. Jürgen schreibt:

    Oh Gott.
    Aber als Lehrerin hat man es ja besser als andere Frauen, ein Kind zu bekommen und allein
    groß zu ziehen.
    Vor allem, wenn man gute Freundinnen hat.

    • Frau Falke schreibt:

      Sicherlich ist es leichter für uns als für andere. Die Frage, ob sie das Kind bekommt und behält, wird sie dennoch allein entscheiden müssen. Auch wenn wir ihr versichert haben, so sehr für sie dazusein, wie wir können.
      Ich würde nur gern sicherer zusagen können, ich weiß nicht, ob das verständlich ist. Momentan fühlt es sich ein bisschen an, als wäre meine Versicherung alles in meiner Macht stehende zu tun nicht gerade viel wert.

    • frl_wunder schreibt:

      stimmt schon, aber selbst wenn´s berufsmäßig einfacher ist- die seelische Belastung ist halt doch sehr hoch, wenn´s daheim nicht stimmt. was hier ja der Fall ist. Da nützt einem der Lehrerberuf dann weniger…
      bei dem Punkt gute Freundinnen stimm ich aber zu 🙂

  2. Nicole schreibt:

    Oh je.. was für eine absolut blöde Situation.
    Ich hoffe, dass die beiden eine Lösung finden und nicht alles daran kaputt geht :((
    Ich finde als Lehrerin hat man es da nicht unbedingt einfacher, denn jeder weiß dass Mami nicht um 17h nach Hause kommt und dann in Ruhe zu Hause mit dem Kind spielen kann.
    Hmpf. Doof.

    • Frau Falke schreibt:

      Die Situation ist wirklich nicht schön, nein.
      Ein Kind aufzuziehen ist nie einfach. Aber ich denke, es könnte schlimmer sein als in einem Job, in dem es immer die Möglichkeit gibt die Stundenanzahl zu vermindern.

  3. gotsassaufeinemast schreibt:

    Also ich als Frau im gebährfähigen Alter würde sagen…weg mit dem Kerl, aber das ist natürlich eine Entscheidung, die niemand außer ihr treffen kann. Ich hoffe sie findet einen, für sich, richtigen Weg.

    • Frau Falke schreibt:

      Wäre auch mein Impuls- aber das ist es eben. Man steckt nicht drin, weder in der Beziehung noch in dem Verhältnis der beiden sonst. 😦
      Ich hoffe ebenso, dass sie ihren Weg findet.

  4. antagonistin schreibt:

    Ich teile das Gefühl „weg mit dem Kerl“. Nicht nur weil er das Baby nicht will, sondern Felizitas sich hundelend zu fühlen scheint und er als Partner darauf offenbar keinen Einfluss zu nehmen gedenkt.

    Manchmal frage ich mich, ob Paare eigentlich nicht vorher mal über den Fall X gesprochen haben. Ich meine, wer Sex hat, kann doch auch mal besprechen, was sein wird, wenn das Verhütungsmittel der Wahl nicht greift. Ich finde es ziemlich traurig, dass so viel Leid dabei rauskommt.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es auch sehr krass, sie dabei so allein zu lassen. Wenn ich bedenke, wie ich mich fühle, und bei mir geht es nur um das Thema Schule. Nicht um so etwas Grundliegendes, Lebenveränderndes. Sie hat aber auch ehrlich gesagt wenig darüber erzählt, wie er reagiert hat, nur, dass er absolut dagegen ist.
      Ob Paare nicht darüber sprechen, weiß ich nicht, ich verstehe es selbst nicht. Vielleicht bin ich auch zu naiv, was das angeht, denn eine Schwangerschaft ist für mich ein besonderes Geschenk. Wenn man Paare kennt, die jahrelang versuchen Kinder zu bekommen und es nicht hinkriegen, wenn man Kinder kennt, wenn… Alles subjektiv. Und alles so emotional beladen…

  5. Nadine schreibt:

    Auch ich als „Frau im gebärfähigen Alter“ teile das Gefühl „Weg mit dem Kerl!“.
    Was mich aber auch wundert, dass dies wohl in wenigen Beziehungen angesprochen wird, was passiert, wenn das Verhütungsmittel nicht greift. Ich hab das durchaus angesprochen.

  6. Pingback: Zu welchen Typ Lehrer Frau Falke gehört und warum sie das nicht selbst bestimmen kann | sovielzumthemaschule

  7. Pingback: Models, Scheitern und Schwangerschaft | sovielzumthemaschule

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