Verbessern kann gefährlich sein

 

Frau Necker kommt ins Lehrerzimmer, schon auf Hundertachtzig. „Ganz ehrlich, ich habe so die Schnauze voll.“

Interessiert schauen ein paar Kollegen auf, aber nur wenige, da die meisten es schon gewohnt sind, dass mit solchen Aussagen durch die Tür getreten wird.
Nur der Kollege Wallert nimmt sich der erbosten Frau an.
„Was ist denn los?“

„Marissa.“ presst sie zwischen den Zähnen durch, genervt.
„Echt Leute, wenn ich könnte wie ich wollte- ich hätte die schon längst so wie sie ist gepackt und gegen die Wand geworfen.“

„Sag nicht, sie hat dich dauernd verbessert.“ meint Frau Peters, woraufhin Herr Helfrich aufhört die Zettel vor ihm zu sortieren.
„Ach, dich auch?“

Die Kollegen tauschen einen wissenden Blick, dann beginnt Frau Necker zu erzählen. „Eben in Wirtschaftspolitik, da dachte ich, ich krieg die Krise mit ihr. „Frau Necker, da fehlt das „l“.“, „Frau Necker, soll das in die linke oder rechte Spalte?“, „Frau Necker, warum haben Sie das dahin geschrieben?“. Boah, als müsste ich für jeden einzelnen Kreidestrich Zeugnis ablegen.“

„In Mathe ging es mir vorhin ähnlich. „Herr Helfrich, der Vektor endet erst zwei Zentimeter weiter auf der Seite, auf der x-Achse ist es doch verkürzt.“. Als wüsste ich das nicht! Aber nein, ich meine, ich bin so durchs Studium gekommen, ohne zu wissen, wie ein Koordinatensystem aufgebaut ist.“ Herr Helfrich rafft seine Zettel zusammen.

Herr Wallert lacht bitter auf. „Besser als bei mir, ehrlich. „Herr Wallert, „Unterschied“ schreibt man aber groß. Oh, und Herr Wallert: Miteinander schreibt man nicht getrennt.“.“

„Die ist so pingelig, das nervt dermaßen.“ Frau Necker setzt sich erst jetzt auf ihren Platz, vorher hatte sie hinter ihrem Stuhl gestanden.

„Ja, vor allem denkt sie auch noch, dass sie uns damit irgendwas beweisen würde.“ regt sich Herr Wallert auf. „Dass es während eines langen Schultages mal zu Flüchtigkeitsfehlern seitens der Lehrkraft kommen kann, ist ihr neu.“

Nur Herr Helfrich bleibt ruhig, er grinst nun breit. „Wisst ihr, was wir machen sollten? Sie bei jedem noch so kleinen Fehler verbessern, den sie macht. Damit sie mal sieht, wie nervig so etwas ist.“

„Na ich weiß nicht,“ wirft Frau Peters ein. „damit wären wir dann nicht besser als Marissa. Ob das wirklich erwachsen ist?“

„Ob das erwachsen ist oder nicht, ist mir völlig schnuppe.“ erklärt Frau Necker und auch Herr Wallert nickt zustimmend.
„Genau. Hauptsache ist doch, die kriegt den Schuss mit, bevor einer von uns ihr den Tafelstift quer in den Hals rammt.“

„Den Tafelstift quer in den Hals? Das wäre zwar nicht besonders erwachsen,“ sinniert Frau Peters mit schiefgelegtem Kopf, etwas, das fast die Ähnlichkeit mit einem Lächeln hat, umspielt ihre Lippen.
„aber durchaus eine Überlegung wert.“

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu Verbessern kann gefährlich sein

  1. TickleMeNot schreibt:

    Da muss ich fragen, Marissa ist eine Schülerin oder eine Praktikantin/Referendarin?

    • Frau Falke schreibt:

      Als Refi wäre das nicht so gelaufen, auch als Praktikantin nicht. Da wird von Anfang an klar gemacht, dass Kritik, die geübt werden soll, ihren Platz nach dem Unterricht und nie vor den Schülern hat.

  2. Inch schreibt:

    Hm, das pingelige Kind könnte mein kleines sein. Ehrlich! War mir besonders, als sie klein war peinlich, aber inzwischen hab ich mich dran gewöhnt…

    • Frau Falke schreibt:

      Da wäre es jetzt interessant zu wissen, wie alt sie ist. Ich war in der Grundschule auch so, aber in der Fünften hatte sich das dann schnell wieder erledigt. 😉

      • Inch schreibt:

        19 und macht grad Abitur. Und sie verhält sich heute unterschiedlich. Entweder sie findet den/die Lehrerin einfach nur doof und schweigt, weil es keinen Sinn hat oder weil sie den/die Lehrerin sympatisch findet. Oder sie verbessert unnachgiebig weil sie den/die Lehrerin doof findet und nicht leiden kann. Manche Lehrerinnen haben sie aber tatsächlich nach vorn gebeten und sie den Stoff erklären lassen, so in der 11. und 12.
        In der Grundschule musste sie oft Lernpatenschaften übernehmen. In der Grundschule wurde sie von manchen auch gemobbt. Richtig glücklich war sie dann erst an ihrem Mathegymnasium. Aber dort waren ja alle Mitschüler wie sie und die Lehrer/innen wussten, womit sie es zu tun haben 😉

        • Frau Falke schreibt:

          Das klingt doch, als habe sie ihren Platz gefunden. Das ist schön.
          Ach, ich denke ehrlich gesagt, dass es auch nicht schlimm ist, wenn Schüler mal etwas verbessern. Ob man dann wirklich auf ein Komma aufmerksam machen muss, das an der Tafel vergessen wurde, oder einen i-Punkt, der verrutscht ist, muss dann jeder selbst wissen. Manchmal ist man als Lehrkraft ja auch dankbar, wenn man auf einen Fehler aufmerksam gemacht wird, an der Tafel ist es meist etwas anderes, da dir einfach die Übersicht fehlt, die du auf einem so beschränkten Platz wie einem DIN-A4.Blatt hast.
          Ich würde, wenn es mir total auf die Nerven fallen würde, sicher auch darum bitten nach vorne zu gehen und die Anschrift zu übernehmen. Das machen die Kiddies dann nur einmal. 😀
          Aber in meinem Unterricht passiert das eigentlich nie. Darauf achten schon die anderen. „Du hast sie traurig gemacht.“ lautet dann der Vorwurf, wenn ich gesagt bekomme, ich müsse etwas verbessern, und das wollen sie nicht. Auch wenn ich durchaus damit umgehen kann und nicht jedes Mal traurig bin. 😉

  3. ullli23 schreibt:

    *meldmeldmeld* Den Tafelstift quer in den Hals rammen geht doch gar nicht… 😉

  4. Nadine schreibt:

    Ich glaub, Marissa wird bald gemobbt werden…

  5. Nele Abels schreibt:

    Einerseits arbeite ich immer damit, dass ich prinzipiell positiv verstärke, wenn meine Schüler darauf aufpassen, ob ich alles richtig mache, und mich bei Fehlern auch verbessern; Flüchtigkeitsfehler passieren und wenn die Lerngruppe aktiv und sichtbar nachvollzieht, wenn vielleicht Unklarheiten vorliegen. Positiver Nebeneffekt – es wird durch tätiges Vorbild deutlich, dass Fehler prinzipiell nichts sind, wofür man sich schämen muss.

    Dies scheint allerdings ein pädagogisch anders zu beurteilender Sonderfall zu sein; wie genau der aussieht, kann man per Ferndiagnose natürlich nicht beurteilen. Vielleicht trifft folgendes die Sache am Rand: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schüler Vertrauen in die Fachkompetenz ihrer Lehrer brauchen. Lernen ohne das Vertrauen in die Kompetenz des Lehrers ist niemals möglich – wenn ich als Lerner glaube, dass mein Lehrer nur zwei Seiten weiter im Lehrbuch ist, dann ist die ganze Sache ohnehin vergebens. Deshalb greife ich als Lehrer im Halbjahr das eine oder andere Mal immer zur Gelegenheit, meine Fachkompetenz mal RICHTIG auf den Tisch zu legen. Nicht nur, um zu zeigen, dass ich in einem Maße über das Fach Bescheid weiß, die in der Schule nicht einmal ansatzweise zu erreichen ist, sondern auch – das ist vielleicht pädagogisch sogar noch viel wichtiger – damit die Schüler einmal sehen, dass ich eine wirkliche und tiefe Begeisterung für die Inhalte meines Faches empfinde. Nichts steht nämlich mehr im Weg des Lernens als wenn Schüler die gähnende Langeweile des Lehrers an seinen Unterrichtsfächern spürt.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich stecke nicht genug drin um es beurteilen zu können, aber ist es nicht merkwürdig, dass diese Klasse dann scheinbar nur unqualifizierte Lehrer abbekommen hätte? 😉

  6. malvar schreibt:

    Hihi, das erinnert mich an ein Erlebnis, dass ich damals in der 5. Klasse hatte. Klugscheißerisch, wie ich noch immer bin, hielt ich es für eine glänzende Idee, mein Wissen zur Schau zu stellen, indem ich meine damalige Deutschlehrerin auf einen Schreibfehler ihrerseits hinwies.
    Die gute Frau antwortete damals nur „[Mein Name], weißt du, was ein Korinthenkacker ist?“ und die ganze Klasse amüsierte sich königlich. Danach habe ich mir solche Kommentare verkniffen… 😉

    War vielleicht nicht die netteste Art, das Problem (also mich) anzugehen, aber es hat auf jeden Fall funktioniert!

    • Frau Falke schreibt:

      Schön, dass du darüber lachen kannst – und vor allem konntest. Gerade in der fünften Klasse, wenn die Schüler gerade von der Grundschule kommen, kann man sie mit solchen Aktionen ja sehr verschrecken. Aber vielleicht war ihr auch klar, dass du ihr den Scherz nicht krummnehmen wirst. 🙂

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